Altersvorsorge: "Wenn unsere Ehe scheitert, sieht es finanziell finster aus"

Die Beziehung ist super, aber wird das so bleiben? Frauen sollten sich darauf besser nicht verlassen – das gilt auch für die Altersvorsorge. Unsere Autorin Hannah Conradt über ein Gespräch, das sie dringend mit ihrem Mann führen muss, auch wenn‘s unangenehm wird

Seit ich vor den Augen und mit der Unterstützung des Mannes, den ich liebe, unter Flüchen, Blutstürzen und Urzeitlauten zwei Kinder auf die Welt gebracht habe, war ich mir ziemlich sicher, dass es zwischen uns keine peinlichen Themen mehr geben kann. Als Eltern macht man sich so oft körperlich und emotional nackt voreinander, was kann da schon zu unangenehm sein, um abends, wenn die Brut endlich schläft, ein Erwachsenengespräch dar­über zu führen? Und doch gibt es dieses eine Thema, von dem ich jedes Jahr aufs Neue denke: Da müssten wir dringend mal drüber sprechen. Was wir dann doch nicht tun. Es ist der Tag, an dem unsere Rentenbescheide in der Post liegen. Seiner: satt vierstellig. Meiner im mittleren dreistelligen Bereich.

Das ist gut für uns als Familie, aber nicht für meine Altersvorsorge, private Vorsorge hin oder her

Der Grund dafür ist klar: Ich bin schwanger geworden, habe Elternzeit genommen, meine Festanstellung gekündigt und mich selbstständig gemacht. Das hat niemand von mir verlangt, ich wollte es genau so und bereue es nicht. Aber es nagt an mir, wenn die finanziellen Konsequenzen dieser Entscheidung so klar und deutlich vor mir liegen. Denn ich habe zwar jede Menge Flexibilität gewonnen, dafür aber regelmäßige Gehaltserhöhungen und eine zusätzliche Betriebsrente verloren. Das ist gut für uns als Familie, aber nicht für meine Alters­vorsorge, private Vorsorge hin oder her. Wenn wir später unsere Renten zusammenschmeißen, dann reicht es für ein einigermaßen komfortables Leben. Aber wenn unsere Ehe scheitert, dann sieht es fins­ter aus – und zwar für mich.

"Sie wird nicht scheitern!", sage ich mir, wenn mich diese Gedanken heimsuchen. Und selbst wenn: Würde dieser bezaubernde, großzügige Mann die Mutter seiner Kinder in die Altersarmut abgleiten lassen? Wir rechnen doch auch sonst nicht auf, wir streiten nicht um Geld, im Alltag hat sich ohne großes Verhandeln eine faire Lösung dafür gefun­den, wer welchen Teil der regelmäßig anfallenden Familienkosten trägt. Bislang mussten wir ja auch nicht wegen jedem potenziellen Konflikt einen Ver­trag aufsetzen. Warum also wegen so was? Und während ich mir diese Gedanken mache, dämmert mir natürlich selbst, wie naiv sie sind. Denn es gibt nun mal statistische Wahrscheinlichkeiten, was die Haltbarkeit von Großstadtehen betrifft. Und ich kenne jede Menge Gruselgeschich­ten von Frauen, die sich auch niemals hätten vor­stellen können, derart hängen gelassen zu werden.

Wenn der Mann ein Doppelleben führt ...

Da ist Charlotte, die einen charmanten Arbeits­kollegen heiratet. Mit ihrem Ersparten hilft sie ihm, alte Schulden zu begleichen, er macht sich mit einer Firma selbstständig, die beiden bekommen ein Kind, Charlotte nimmt Elternzeit, will aber bald wieder anfangen zu arbeiten. Doch das Kind hat das Asperger­-Syndrom, lässt sich in keine Kita einge­wöhnen, Charlotte bleibt länger zu Hause, wird wieder schwanger, bekommt ein zweites Kind. Und entdeckt nach sechs Jahren Ehe, von denen sie fünf in Elternzeit verbracht hat, dass der Mann, den sie zu kennen glaubte wie sich selbst, ein Doppelleben führt, sie hintergeht und heimlich eine Neigung auslebt, die sie nicht akzeptieren kann. Nach der Trennung hört er auf zu arbeiten, lebt von Hartz IV, verzögert die Scheidung, zahlt keinen Unterhalt, während Charlotte versucht, mit einer 20­-Stunden­-Stelle sich und die Kinder zu ernähren. Als es schließlich zur Scheidung kommt, ist es Charlotte, die ihrem Exmann Renten­punkte abtreten muss, denn der hatte in den Jahren seiner Selbstständigkeit nichts in die Rentenkasse eingezahlt.

Wovon sie im Alter leben soll? Weiß sie nicht. In ihrer Firma kommt sie mit zwei Kindern, von denen eines intensive Betreuung und Fürsorge braucht, karrieremäßig nicht vom Fleck, mehr als eine Teilzeitstelle bekommt sie nicht. Und ihr Ex lebt weiter von Hartz IV, leistet sich aber trotzdem teure Urlaube und einen Anwalt, mit dessen Hilfe er seine Exfrau mit immer neuen juristischen Auseinandersetzungen traktiert.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Oder Melanie, die zehn Jahre lang unverheiratet mit ihrer großen Liebe zusammenlebt. Ja, man wollte heiraten, aber immer kam etwas dazwischen, erst der Hauskauf, dann das Kind, und es sollte doch ein großes Fest werden. Er hat eine Firma und braucht dringend Hilfe im Büro, Melanie kündigt ihren Job und steigt bei ihm mit ein, auf 450-Euro-Basis, um Kosten zu sparen. Natürlich habe er sie und das Kind finanziell abgesichert, behauptet er. Er lässt sich sogar Melanies privaten Rentensparvertrag aushändigen, um die monatlichen Beträge künftig von seinem Konto einzuzahlen. Und dass nur er im Grundbuch des gemeinsamen Hauses steht? Ein Missverständnis, das er gleich nächste Woche beim Notar klären will.

Als die Beziehung scheitert, schmeißt er Melanie und das gemeinsame Kind aus dem Haus, das auf dem Papier nur ihm allein gehört. Die finanzielle Absicherung für Mutter und Kind? Eine Lüge. Die Einzahlungen auf ihrem Sparvertrag? Hat er nie getätigt. Das gemeinsame Konto? Geplündert. Unterhalt für das Kind zahlt er so lange nicht, bis Melanie bei Gericht eine Zwangsvollstreckung erwirkt. Als Antwort klagt er jetzt auf das alleinige Sorgerecht.

Melanie fängt mit 38 Jahren noch mal bei null an und geht Vollzeit arbeiten, um sich und das Kind zu ernähren - und die Anwältin zu bezahlen, die sie braucht, um sich mit ihrem Ex auseinanderzusetzen. Von ihrer Rente wird sie niemals leben können. Was ihre eigene finanzielle Situation angeht, habe sie eben Pech gehabt, lässt ein Richter sie wissen. Selber schuld! Ja, schrecklich naiv sei sie gewesen, das weiß sie selber. Aber man war doch eine Familie. Man hat sich doch geliebt. Man war doch ein Team. Und welche Frau mag schon den Eindruck erwecken, auf Teufel komm raus geheiratet werden zu wollen? Oder sich misstrauisch Finanzunterlagen vorlegen lassen, von dem Mann, mit dem sie Haus und Bett teilt?

Lass uns reden, Schatz!

Warum fällt es mir so schwer, mit dem Mann, mit dem ich sonst alles besprechen kann, über unsere Rente zu reden? Und über die Frage, ob es nicht fair wäre, wenn er mir schon jetzt einen Ausgleich dafür zahlt, dass ich zum Wohl unserer Familie weniger und flexibler arbeite als er? Weil das Thema so viel weniger Sexappeal hat als die Frage, welche Netflix-Serie wir uns als Nächstes reinziehen. Weil ich kein Gespräch führen mag, in dem das Ende unserer Liebe als potenzielle Möglichkeit im Raum steht. Weil ich grundsätzlich ungern den Eindruck erwecke, es ginge mir ums Geld. Ich fühle mich sehr gut damit, finanziell von niemandem abhängig zu sein. Dass das aber nur gilt, solange ich gesund bin, arbeite und jeden Monat genug verdiene, ist ein Eingeständnis, das wehtut.

"Du, mein Rentenbescheid war heute in der Post, und ich glaube, wir müssen da mal ganz grundsätzlich drüber reden", sage ich zu meinem Mann. "Klar, gern, wann immer du willst", sagt er. Alles klar, reden wir! Morgen. Vielleicht.

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Wer hier schreibt:

Hannah Conradt
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