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Bezahlen mit Bargeld Völlig aus der Mode?

Bezahlen mit Bargeld: eine Frau legt ihr Handy auf ein Kartenlesegerät um zu bezahlen.
© Rido / Shutterstock
Seit Corona haben wir uns angewöhnt, viel öfter mit Karte zu zahlen. Aber Schweden ist schon viel weiter: Da gibt es Kinder, die noch nie Münzen oder Scheine gesehen haben. Brigitte-Redakteurin Laura Heyer erlebte in ihrem Urlaub die Zukunft des Bezahlens.

Viele Zimtschnecken essen, guten Kaffee trinken, wundervolle Landschaften erkunden und die Familie meines Freundes kennenlernen – so hatte ich mir meinen ersten Besuch im Land von Astrid Lindgren und Ikea vorgestellt. Was ich außerdem erleben werde, ist die Zukunft des Bezahlens. Schon kurz nachdem wir in Göteborg von der Fähre gerollt sind, sehe ich in der Filiale einer Kaffeekette den ersten Hinweis: "Dieses Restaurant ist bargeldlos" steht auf einem Schild. Wie oft habe ich in Berlin, Hamburg oder München in ähnlichen Lokalen den Satz "Wir nehmen nur Bargeld" gehört? In Schweden ist das anders.

Bargeldloses Bezahlen ist in vielen Ländern nichts Neues mehr

Mit Karte bezahlen ist hier und in vielen nordeuropäischen Ländern schon lange Alltag. Die meisten großen Supermarktketten bieten sogar autonomes Bezahlen an: An einer riesigen Wand vor dem Eingang hängen Hunderte Scanner, die man über eine App freischalten kann. Die rechteckigen Geräte haben einen Handgriff und einen großen Touchscreen – ein wenig wie ein übergroßes Smartphone. In einer Halterung am Einkaufswagen wird der Scanner einfach eingehängt. Wer durch die große Automatiktür tritt und von der Klimaanlage quasi hineingesogen wird in die riesigen schwedischen Einkaufsmalls, ist jetzt Käufer:in und Kassierer:in zugleich. Nudelpackung aus dem Regal nehmen, Barcode scannen, Nudeln in den Wagen legen, weiter geht’s. Zwar muss man noch an der Kasse vorbei, aber die Waren bleiben im Einkaufswagen, bezahlt wird in der App.

Für mich ist das faszinierend und unvorstellbar zugleich. In Deutschland nutze ich schon ungern die Selbstscanner-Kassen, wenn ich ehrlich bin. Irgendwie komme ich mir immer ein bisschen albern vor, in zwei von drei Fällen steht trotzdem jemand aus dem Laden daneben und die Teile funktionieren nicht, oder man muss Kleingeld einwerfen. Da wir aber in Schweden nicht die entsprechende App haben, schnappen wir uns einen Einkaufswagen und zahlen ganz klassisch an der Kasse – mit Karte natürlich.

"Es gibt bei uns Kinder, die haben noch nie eine Krone gesehen", erzählt mir die Nichte meines Freundes. Auch ich werde nach drei Wochen in Schweden weder Scheine noch Münzen in der Hand gehalten haben. Stattdessen stelle ich Parkscheiben in einer App, anstatt Parktickets zu ziehen, und bezahle auf jeder noch so einsamen Raststätten-Toilette mit Karte. Und immer wieder höre ich die Frage: "Warum nutzt ihr überhaupt noch Bargeld?"

Weniger Bargeld ist günstiger

"Der Umgang mit Geld ist immer auch eine Sache der Gewohnheit", sagt mir Dr. Heike Winter von der Bundesbank, die ich nach meiner Reise anrufe. Die unterschiedlichen Entwicklungen in Deutschland und Schweden sieht sie vor allem in sozioökonomischen Faktoren begründet: "Schweden ist ein Flächenland. Die Banken haben früh entschieden, dass die Verteilung von Cash und das Betreiben von Filialen zu teuer ist", sagt die Expertin, die im Bereich Digitalisierung im Zahlungsverkehr arbeitet. Also weniger Automaten – und auch weniger Bargeld. Und das, obwohl Schweden als erstes Land in Europa 1661 Banknoten als Zahlungsmittel herausgab. Der Grund war auch hier pragmatisch: Kupfergeld war unhandlich, die größte Münze im 17. Jahrhundert wog fast 20 Kilo.

Die schwedische Notenbank hat ausgerechnet, dass der Bargeldverkehr die Gesellschaft jährlich mit einigen Milliarden Euro belastet – die allabendliche Abrechnung in den Geschäften, das Überfallrisiko, Schwarzgeldtransaktionen … So akzeptieren die großen Banken wie Swedbank oder SEB in 80 Prozent ihrer Filialen weder die Bargeld-Einzahlung noch das Abheben von Guthaben. "Ich war sicher seit drei Jahren in keiner Bank mehr", erzählte mir die Tante meines Freundes.

Ganz anders in Deutschland: Hier war der Besuch in der Bankfiliale lange Zeit eher ein Event. Meine Großeltern erzählten noch von der Lohntüte und ich habe bis vor wenigen Jahren noch eigenhändig Überweisungen am Schalter abgegeben. Eine Kreditkarte wie Visa oder Mastercard hingegen war für mich früher eher etwas Mystisches, etwas für Menschen mit viel Geld oder für Geschäftsfrauen und -männer. Und auch bei Händlern war sie ungern gesehen – denn der Umsatz mit ihr, genau wie mit der nur in Deutschland verbreiteten Girocard, kostete Gebühren. "Bis 2015 war es für Händler sehr teuer, Girocards zu akzeptieren. Auf jede Zahlung mussten acht Cent zusätzlich bezahlt werden. Wenn man beim Bäcker für 1,20 Euro Brötchen kauft, lohnt sich das für den Verkäufer natürlich überhaupt nicht", erklärt mir Dr. Heike Winter. Seit 2015 löst sich dieses System auf, die Gebühren dürfen nur noch maximal 0,2 Prozent des zu zahlenden Betrages hoch sein – auch Corona hat dazu geführt, dass bargeld- und kontaktloses Bezahlen deutlich mehr angeboten wird. 30 Prozent aller Käufe wurden laut einer Studie der Bundesbank im Jahr 2020 mit Karte getätigt. 2017 waren es noch 21 Prozent.

"Swishen" statt Barzahlen

In Schweden ist Cash schon deutlich länger kein King mehr – der neue King heißt Swish. Das Zahlungssystem wurde 2012 von sechs großen Banken in Zusammenarbeit mit der Zentralbank eingeführt; im April 2021 waren 7,9 Millionen der zehn Millionen Einwohner Schwedens registriert. Voraussetzung sind ein eigenes Konto und eine Handynummer. Eigentlich war das System dazu gedacht, kleine Geldsummen zwischen Personen zu transferieren – "person to person"-Transaktion genannt. Man kann der Freundin innerhalb von Sekunden Geld "swishen" für den Drink am Abend, wenn man seine Kreditkarte vergessen hatte. Doch die Anwendung setzte sich auch schnell im kommerziellen Bereich durch: Man "swisht" direkt der Kellnerin oder dem Kellner.

Das System gleicht dem Modell von Paypal: Eine verifizierte Verbindung zu einem Bankkonto ermöglicht das Überweisen von Geldbeträgen innerhalb von Sekunden. Während Paypal jedoch die E-Mail-Adresse des Gegenübers nutzt, beruht Swish auf der schwedischen Personal-ID und der Handynummer. Ob für das Fähren-Ticket oder die Park-App – es wird überall "geswisht". Selbst Obdachlose auf den Straßen Stockholms bekommen Geld per Swish gespendet.

Eine vergleichbares Modell gibt es in Deutschland noch nicht, bisher dominiert Paypal im Onlinehandel den Markt. Eine Alternative existierte in Ansätzen mit dem von Volksbanken und Sparkassen herausgegebenen KWITT. "Mit Giropay versuchen die deutschen Banken gerade aber einen neuen fusionierten Dienst aufzubauen", sagt Winter. Hinzu kommt natürlich die Frage des Datenschutzes. "Die Deutschen sind sehr skeptisch, was ihre Bankdaten angeht", so die Expertin. Ein System wie Swish, das mit der Personal-ID verknüpft und vom Staat gefördert ist, sei hier nur schwer vorstellbar. In Schweden hat Transparenz eine lange Tradition: Schon im 18. Jahrhundert beschlossen König und Reichstag, dass alle Verwaltungsakten öffentlich einsehbar sein sollten – um das Vertrauen in den Staat zu stärken. Auch heute kann jede Bürgerin und jeder Bürger das Gehalt von Nachbarinnen und Freunden online einsehen, aber auch Wohnort und Handynummer herausfinden.

Die Zukunft des Bezahlens?

Dass wir nicht "swishen" können, macht es auf unserer Schwedenreise manchmal etwas komplizierter – denn wir besitzen keine schwedische Handynummer und keine ID. Unglaublich gern hätte ich per Swish beim Besuch einer Kirche etwas gespendet. Doch bis auf diese eine Situation brauchen wir wirklich kein Bargeld. Unsere Währung sind unsere Daten: das Kennzeichen des Autos in der Park-App, Handynummer, Bewegungsprofile. Auch wenn mich das manchmal mit einem nachdenklichen Gefühl zurücklässt, überwiegen für mich doch die Vorteile im Alltag. Der Verband des schwedischen Einzelhandels rechnet damit, dass rund die Hälfte seiner Mitglieder schon ab 2025 kein Bargeld mehr in den Geschäften akzeptieren wird. Und bis 2026 plant der schwedische Staat die Einführung einer sogenannten E-Krone, die ähnlich wie eine Kryptowährung funktionieren soll.

Dr. Heike Winter sieht auch in Deutschland einen Wandel: "Bargeld wird an der Ladenkasse weniger eingesetzt. Aber solange Bürgerinnen und Bürger Bargeld nachfragen, wird die Bundesbank dieses in ausreichender Menge bereitstellen." Diese Realität holt mich auch nach der Ankunft in Deutschland schnell wieder ein: "Kartenzahlung erst ab fünf Euro", sagt mir der Verkäufer beim Bäcker um die Ecke.

Brigitte

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