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Depot Endlich finanziell unabhängig?

Depot: Frau am Schreibtisch mit Laptop und Finanzen
© Foxy burrow / Shutterstock
Angst, Freude, Euphorie: Seit sie ein Depot hat, erlebt Claudia Münster ganz unterschiedliche Gefühle – auch solche, auf die sie wirklich nicht vorbereitet war.

Als ich vor ein paar Jahren mal im Freundeskreis beiläufig erwähnte, dass ich jetzt Aktien gekauft hatte, sagte einer: "Gehst jetzt unter die Zocker?" Ich runzelte die Stirn und sagte nur "Quatsch". Und ich weiß noch, dass ich mich ärgerte, weil ich den Impuls hatte, mich zu rechtfertigen. Als hätte ich etwas Peinliches oder Unverantwortliches getan.

Ich hätte ihm antworten können: "Was für ein Handy hast du, welcher Joghurt steht in deinem Kühlschrank, welches Auto fährst du?" Und dann fragen, worin der Unterschied besteht, ob man nun Produkte dieser Unternehmen kauft – oder sich mit Aktien an ihnen beteiligt. Ich habe mich damals auf keine Diskussion eingelassen, weil ich tatsächlich selbst noch unsicher war. Ein Depot eröffnen, den ersten Sparplan abschließen, in Aktien investieren – das war neues Terrain, in dem ich gerade erste Schritte machte. "Ich weiß, dass es schlau wäre, aber irgendwie ist mir das alles unheimlich", sagte eine Freundin, und mir ging es genauso. 5000 Euro auf dem Tagesgeldkonto: völlig normal als solide Sparerin. 5000 Euro im Depot? Oha! Ich hatte tatsächlich Herzklopfen, als ich per Mausklick die erste Order abschickte.

Von der Euphorie zum mulmigen Gefühl

Edda Vogt von der Börse Frankfurt zeigt in ihren Vorträgen für Börsenneulinge gern ein Schaubild einer Kurve mit Emojis und Sprechblasen. "Es verdeutlicht sehr schön, wie man sich fühlt in diesem Auf und Ab, das einfach zur Börse dazugehört", sagt sie.

So sieht es aus: Phase eins. Der Kurs deiner Aktie oder deines Fonds steigt – du bist voll aufgeregter Freude, fühlst Nervenkitzel, feierst dich, "Was bin ich toll!", Euphorie macht sich breit.

Phase zwei. Der Kurs hat seinen Zenit überschritten und sinkt – du bist beunruhigt, aber beschwichtigst dich selber, "alles Panikmache". Dann bekommst du’s doch mit der Angst zu tun und fragst dich, ob du nicht doch lieber retten sollst, was zu retten ist? Der Kurs geht immer weiter runter, du bist verzweifelt, machst dir Vorwürfe, "Wie konnte ich nur!", und Börse ist Mist.

Phase drei. Der Kurs hat seinen Tiefpunkt durchlaufen und steigt langsam wieder an – du bist immer noch deprimiert, grummelst "Der fällt sowieso bald wieder", aber dann schöpfst du doch ein bisschen Hoffnung, denn die Linie steigt weiter, du bist erleichtert, der Optimismus kehrt zurück – und da ist sie wieder, die aufgeregte Freude. Und alles geht von vorne los. Mit den Aktienkursen und mit den Gefühlen.

Das sagt Edda Vogt von der Börse Frankfurt

"Darüber müssen wir uns im Klaren sein", sagt Edda Vogt. "Wir Menschen sind so. Wir reden uns Sachen schön, wir schieben Informationen beiseite, die nicht in unser Bild passen, wir haben Angst, etwas zu verpassen. Aber man kann sich mit ein paar Regeln, an die man sich eisern hält, dagegenstemmen." Ich war darauf gefasst, dass die Kurse auch sinken können. Wenn es passierte, habe ich versucht, nicht hinzusehen und den Fehler zu vermeiden, den viele dann unter Stress machen: die Wertpapiere wieder zu verkaufen. Das ist mir im Großen und Ganzen gelungen. Zumal gerade am Anfang – mit ein paar Hundert Euro an Sparplanraten im Depot – die Verluste auch nicht so angsteinflößend sind.

Worauf ich aber so gar nicht gefasst war, waren meine Gefühle, als die Kurse abgingen wie eine Rakete: Scham und schlechtes Gewissen. Im vergangenen Jahr war es besonders schlimm – Corona, Lockdown. Brexit, Trump. Syrien, Jemen. An manchen Abenden wollte ich nicht mal Nachrichten schauen, weil mich alles so traurig und hilflos machte. Aber gleichzeitig war 2020 ein großartiges Börsenjahr. Nach dem Crash im März war mein Depot noch mit zehn Prozent im Minus – aber zu Silvester dann mehr als 30 Prozent im Plus.

Einerseits freut mich das natürlich unglaublich, ich sehe mich im Geiste im Rentenalter an der Côte d’Azur. Andererseits, wenn jemand mich fragt, "Was macht denn dein Depot?", dann druckse ich manchmal rum und sage nur "Och, läuft ganz gut". Auch wenn es lächerlich klingt, aus einem winzigen Eckchen meines Hirns funkt ab und zu die Frage: Darf man das überhaupt? 30 Prozent!!! Das ist doch nicht normal! Das gehört sich nicht! Als gäbe es eine unausgesprochene Grenze, bis zu welcher Höhe Gewinne "okay“ sind.

Die Gefühle haben Schweigepflicht

"Die Börse kennt keine Moral", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", "sie nimmt’s, wie es kommt." Das Leben geht weiter, die Wirtschaft auch. Und so argumentiere ich auch mir gegenüber, wenn ich ins Grübeln komme: Überall auf der Welt gehen Menschen arbeiten, gründen Firmen, stellen Dinge her. In manchen Branchen hatte die Krise schlimme Auswirkungen, deren Aktien fielen; andere profitierten massiv, deren Aktien stiegen. Und: "Der Wert des Depots ist immer nur eine Momentaufnahme", sagt Edda Vogt. "Mal ist es 30 Prozent im Plus, dann wieder 20 Prozent im Minus. Beides ist normal."

Ein spezielles Börsengefühl wird in letzter Zeit besonders sichtbar, es hat es bis in die "Tagesthemen“ gebracht: die Gier. Zehntausende Kleinanleger, die sich in sozialen Netzwerken austauschten, kauften im Januar gleichzeitig die Aktie von Gamestop, einer US-Handelskette für Videospiele. Flashmob an der Börse! Damit trieben sie den Kurs steil in die Höhe (zeitweise um mehr als 2000 Prozent) und verursachten bei einigen Hedgefonds Milliarden Dollar Schaden. Die hatten nämlich auf fallende Gamestop-Kurse gesetzt.

In Teilen war es eine politische Aktion ("Den bösen Hedgefonds zeigen wir’s"), da waren Machtrausch und Spieltrieb dabei, die Angst, etwas zu verpassen – und viel Hoffnung, hier ganz schnell ganz viel Geld machen zu können. Ich las die aufgeregten Kommentare im Netz, beobachtete den Kurs in seiner hektischen Zickzackbewegung und dachte nur: Wahnsinn. Allein vom Zuschauen wurde ich ganz nervös. Ein paar wenige Menschen wurden wahrscheinlich tatsächlich reich, aber sehr viele haben, auch in Deutschland, mit dieser Zockerei große Summen oder sogar ihre ganzen Ersparnisse verloren. Weil sie sich anstecken ließen und ihre Emotionen mit ihnen durchgingen. Ich habe mir fest vorgenommen, dass mir das nicht passiert.

Claudia Münster investiert in "nichts Besonderes"

Immer wenn ich sage, mein Depot stehe ganz gut da, kommt unweigerlich die nächste Frage: Was denn da drin sei? Dann muss ich die enttäuschende Antwort geben: nichts Besonderes. Ja, ein paar einzelne Aktien; Corona bescherte der Digitalbranche einen Boom, es gehörte keine große Expertise dazu, eine Apple- oder Microsoft-Aktie zu kaufen. Vor allem aber investiere ich mit Sparplänen in börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETFs, und zwar so, dass ich damit möglichst viele Länder und Branchen abdecke. Mit jeder monatlichen Rate kommen weitere winzige Bruchteile von Hunderten von Unternehmen in mein Depot. Da steckt kein Geheimtipp dahinter, kein Spezialwissen, es ist eine pragmatische Entscheidung fürs Mittelmaß, die trotzdem zum Erfolg führen wird, weil ich das über viele Jahre machen werde. Mit einem Gefühl, das ich als Anlegerin wirklich mag: vergnügte Langeweile.

Claudia Münster ist nicht abergläubisch. Aber seltsam: Immer wenn ihre zwei Geldbäume (auch als Pfennigbäume bekannt) schwächeln, sieht‘s auch auf ihrem Konto mau aus.

Erfolgsrezept: Wie angle ich mir ein Vermögen? Mit Geduld und Gelassenheit Balanceakt! Die Kurse gehen rauf und runter, die Emotionen auch – aushalten!

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