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Experteninterview Hast du Geld oder hat es dich?

Experteninterview: Eine Frauenhand gibt eine Münze in ein Sparschwein
© Farknot Architect / Adobe Stock
Unsere Beziehung zu Finanzen verrät erstaunlich viel über uns selbst. Psychologin Nadjeschda Taranczewski erklärt, wie wir dieser Beziehung auf die Schliche kommen – und warum das unser Leben enorm verändern kann.

BRIGITTE: Frau Taranczewski, Sie sagen: Sehr viel öfter, als wir denken, haben die Ängste und Probleme, die uns vielleicht schon seit Jahren begleiten, mit unserer Beziehung zu Geld zu tun. Was meinen Sie damit?

Nadjeschda Taranczewski: Geld steht in unserer Gesellschaft ja für sehr vieles, auch sehr Unterschiedliches: für Freiheit oder Sicherheit, aber auch für Gewalt oder Manipulation … Jede und jeder von uns setzt da vermutlich andere Schwerpunkte. Doch egal, was genau wir mit Geld verbinden: Unser Verhältnis dazu durchzieht unser Leben wie ein roter Faden. Es beeinflusst alles. Und ich finde, über diese Beziehung wissen wir noch viel zu wenig.

Was wäre denn das Wichtigste, was wir darüber wissen sollten?

Was auf jeden Fall hilft – auch um sich über das eigene Verhältnis zu Geld klarer zu werden –, ist, sich die unterschiedlichen Beziehungsarten vor Augen zu führen, die Menschen zu Geld pflegen. Ich unterscheide da gern drei Typen. Der erste verbindet vor allem Positives mit Geld: Freiheit, Unabhängigkeit, Sicherheit …und will entsprechend möglichst viel von dieser magischen Substanz in seinem Leben anhäufen. Doch es gibt ein kleines Problem.

Das wäre?

Geld ist ein bewegliches Ziel. Vielleicht denkt man: Hätte ich eine Million beisammen, wäre ich ein gemachter Mensch, wirklich frei, wirklich glücklich und könnte mich endlich sicher fühlen. Doch sobald ich 800 000 Euro zusammenhabe, ist der Schwellenwert, den ich meine, erreichen zu müssen, um frei, glücklich oder sicher zu sein, bereits gestiegen. Mein Referenzsystem, mein Umfeld hat sich verändert. Also kann es passieren, dass mein Ziel plötzlich nicht mehr heißt: eine Million, sondern fünf. Und so weiter. Das bedeutet: Wenn ich immaterielle Werte wie Sicherheit oder Freiheit auf Geld projiziere, renne ich dieser goldenen Möhre vermutlich mein Leben lang hinterher, ohne sie je zu erreichen.

Ich bin also gerade nicht frei.

Genau. Denn selbst wenn man schon richtig viel Geld hat, wird man sich Sorgen machen – vielleicht nicht darüber, wie man die nächste Miete bezahlt, aber um den Stand seiner Aktien.

Was zeichnet den zweiten Typ aus?

Bei dem ist es genau andersherum: Für ihn oder sie ist Geld eher schmutzig und manipulativ, man verbindet damit Korruption, vielleicht sogar Gewalt. Also will man damit nichts zu tun haben, schiebt es von sich weg – interessanterweise meist in die Hände des ersten Typs, der davon nicht genug haben kann.

Und der dritte Typ?

Der kommt sehr häufig vor. Er steht in der Mitte. In ihm findet etwas statt, das ich gern als "Waschmaschine" bezeichnet – ein ständiges Hin- und Hergerissensein zwischen eigentlich sehr gegensätzlichen Haltungen, im extremsten Fall Gier und Abscheu. Man sagt sich einerseits: Ein bisschen Geld muss ich schon ansammeln, ich brauche doch Sicherheit! Hat man es dann, fühlt man sich aber nicht wohl damit und hadert zum Beispiel damit, dass man nun mehr besitzt als andere. Sprich: Man kann das Geld, selbst wenn man es vielleicht mühsam verdient hat, gar nicht richtig genießen.

Das scheinen ja recht tief sitzende Muster zu sein. Wie und wann entstehen sie?

Viel hat mit unserer Familiengeschichte zu tun. Wenn ich zum Beispiel in einem System struktureller Ungleichheit aufgewachsen bin, in dem meine Familie seit Generationen ferngehalten wurde von Geld, dann ist Geld für mich wahrscheinlich immer auch verbunden mit Kampf und Schwierigkeiten. Also wird auch meine Beziehung zu Geld problematisch oder ambivalent sein. Wenn ich hingegen in einem reichen Haushalt aufwuchs, wurde vielleicht Liebe mit Geld oder Konsum kompensiert. Dann habe ich womöglich gelernt, dass Geld zwar kurzfristig dazu führt, dass ich mich gut fühle. Aber meine innere Leere bekomme ich nicht gefüllt. Fest steht auf jeden Fall, dass mich meine Familienerfahrungen prägen.

Geld ist also immer auch ein sehr emotionales Thema. Fällt uns deshalb das Reden darüber so schwer?

Absolut. Häufig ist Geld zum Beispiel mit Scham verknüpft. Männer schämen sich etwa, wenn sie nicht automatisch Lust oder Kapazitäten haben, Familienversorger zu sein. Viele Frauen fühlen sich unwohl, weil sie mit dem Thema fremdeln, sich darin so ungeübt fühlen. Scham ist aber ein Gefühl, das die meisten nur schwer aushalten können. Also machen sie die Kiste schnell wieder zu. Dabei ist das Sprechen über Geld so wichtig, um für uns selbst klarzumachen, wie wir eigentlich dazu stehen und wie sehr wir uns darüber definieren. Hast du Geld – oder hat es dich? Das ist die Frage, auf die es am Ende hinausläuft. Und um die es auch in meinem Onlineprogramm zu dem Thema geht.

Welche Antwort finden denn die meistenTeilnehmenden bei Ihnen?

Für die meisten ist Geld tatsächlich vor allem mit einem großen Glücksversprechen verbunden. Was kein Wunder ist. Denn der Kapitalismus baut auf einem Versprechen auf: Wenn ich mich genügend anstrenge, habe ich irgendwann genug Geld angehäuft, um das zu sein und zu tun, was ich will. Weil ich aber oft leide in dem Leben, das ich führe, kompensiere ich durch Konsum. Um wenigstens kurzfristige Glücksgefühle zu erleben, kaufe ich mir mit der Zeit immer mehr und immer teurere Dinge. Ich tue also einerseits nicht das, was mich wirklich erfüllen würde, und andererseits erhalte ich mit meinem Konsumverhalten das Hamsterrad am Laufen.

Klingt stressig.

Ist es auch. Und führt dazu, dass sich das Rad immer schneller dreht. Und zwar sowohl für die, deren Einkommen sehr klein sind – weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und sie immer mehr schuften müssen, um sich über Wasser zu halten. Aber auch für die, die eigentlich gut verdienen – weil sie mit ihrem Umfeld mithalten müssen oder Angst vor Abstieg haben. Und auch für den Planeten ist dieses Wettrennen fatal. Mit unserer Haltung von "Es muss immer mehr werden und alles muss wachsen" haben wir unsere Lebensgrundlage mittlerweile schon so sehr ausgebeutet, dass fast nichts mehr übrig ist.

Wie kommen wir da raus?

Als Erstes müssen wir uns bewusst werden, was wir auf Geld projizieren: Welche Gefühle verbinde ich mit diesem Thema, welche Ängste, welche Träume? Wie wichtig ist Geld für meinen Selbstwert? Wie reagiere ich, wenn jemand mehr verdient als ich? Was wir mit Geld assoziieren und welche Schlüsse wir daraus für unsere Identität ziehen, ist ja nicht gottgegeben. Wir können unser Verhältnis zu Geld ändern. Und uns zum Beispiel fragen, was Glück für uns wirklich bedeutet. An welchen Erlebnissen oder Umständen wir Glück festmachen. Und dann überlegen, inwieweit Geld uns wirklich hilft, den gewünschten Zustand zu erreichen. Oder ob es da auch eine Grenze gibt, ein Genug.

Das ist nicht unbedingt das, was man in konventionellen Finanzworkshops lernt. Da geht es eher um die Frage: Wie kann ich mein Geld vermehren?

Auch das kann sinnvoll sein. Aber wie wäre es, wenn wir gleichzeitig versuchen würden, die Welt damit ein wenig besser zu machen? Zum Beispiel, indem ich konsequent in Aktien sozial oder nachhaltig wirtschaftender Unternehmen investiere. Wir können keine bessere Welt fordern und unser Geld gleichzeitig in Rohöl stecken.

Was würden Sie denn tun, wenn Sie richtig viel Geld hätten?

An meinem Alltag würde ich vermutlich wenig ändern. Ich liebe meinen Beruf, habe ein reiches Sozialleben. Aber ich träume schon länger von einem Gemeinschaftsprojekt auf dem Land. Wo Menschen zusammenkommen, leben und arbeiten könnten, unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen. Wenn ich das Geld dafür jetzt einfach in bar hätte und den Traum umsetzen könnte – das wäre schon toll.

Das heißt: Auch für Sie schwingt beim Thema Geld durchaus etwas Positives mit?

Auf jeden Fall. Schon allein, weil ich glaube, dass es kein besseres Einstiegstor in die Erforschung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gibt. Wenn wir uns mit Geld beschäftigen, dann kommt alles hoch, was wir in uns noch nicht aufgelöst und sortiert haben: Neid, Ängste, Sehnsüchte. Es ist ein hervorragender Wegweiser zu mir selbst.

Nadjeschda Taranczewski ist Diplom-Psychologin und Coachin. Mit ihrer Beratungsfirma ConsciousU (conscious-u.com) hilft sie Menschen unter anderem, die eigene Beziehung zu Geld zu analysieren und ihre privaten und beruflichen Ziele so besser zu erreichen.

Sabrina Marggraf ist bei n-tv Börsenreporterin, beim Thema Geld tendiert sie zum Typ "Waschmaschine". Noch mehr ihrer Gespräche mit Finanzexpertinnen gibt es in ihrem Podcast "What the Finance?".

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