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Altersvorsorge Extrarente: So können wir unsere finanzielle Zukunft planen

Altersvorsorge: Extrarente: So können wir unsere finanzielle Zukunft planen
© Africa Studio / Shutterstock
Schon seltsam: Wir wissen, dass wir privat mehr fürs Alter vorsorgen müssten, aber trotzdem kommen wir nicht so richtig in die Gänge. Warum funktioniert das in anderen Ländern besser? Und was können wir uns davon abgucken?

Manchmal im Leben ist es ja wirklich so, dass man zu seinem Glück gezwungen werden muss. Das geben wir natürlich nicht gern zu. Wir mögen es nicht, wenn über unseren Kopf hinweg entschieden wird. Aber hier und da stellt sich im Nachhinein heraus, dass das vielleicht doch nicht verkehrt gewesen wäre.

Diese Erkenntnis macht sich derzeit bei vielen Menschen breit, die sich mit unserer Altersvorsorge beschäftigen. Und mit dem "Gesetz zur Reform der gesetzlichen Rentenversicherung und zur Förderung eines kapitalgedeckten Altersvorsorgevermögens", besser bekannt unter dem Namen "Riester-Rente", das 2002 in Kraft trat. Eine Reform war nötig, denn schon damals war abzusehen, dass wir

1. alle immer älter werden, also auch länger Rente beziehen werden,

2. die Älteren immer mehr werden (in wenigen Jahren gehen auch die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente), während

3. viel weniger junge Menschen nachkommen, um mit ihren Beiträgen eben diese Renten der Älteren zu bezahlen.

Die Zukunft muss geplant werden

Dieses Umlageverfahren hat in den 60er-Jahren funktioniert, damals kamen sechs Beitragszahler*innen auf einen Menschen in Rente; mittlerweile liegt das Verhältnis fast bei zwei zu eins. Jahrelang wurde an dem Gesetz gerechnet, verhandelt und nachjustiert. Namensgeber Walter Riester, damals Arbeitsminister in der rot-grünen Koalition, hatte es sich eigentlich ganz anders vorgestellt: als eine Verpflichtung für alle Arbeitnehmer*innen, auch privat fürs Alter vorzusorgen. Aber das gab Schlagzeilen: "Auch das noch! Riester plant Zwangsrente" ("Bild"-Zeitung), und ganz schnell wurde die Verpflichtung aus dem Gesetzentwurf gestrichen. Es blieb bei einer freiwilligen Lösung, niemand sollte gezwungen werden.

Gefahr der Altersarmut

Und heute haben wir das Dilemma. Die Renditen bei der Riester-Rente sind zu niedrig, die Gebühren zu hoch, die Regeln verwirrend. Mehr als 16 Millionen Verträge wurden abgeschlossen, was eigentlich toll klingt. Aber: Nur die Hälfte der Berechtigten bekommt tatsächlich die volle Zulage, jeder fünfte Vertrag ruht. Die, die es eigentlich am dringendsten bräuchten, um nicht später in der Altersarmut zu landen, riestern am wenigsten: Fast jede*r Zweite mit einem Bruttoeinkommen bis zu 2500 Euro im Monat hat gar keinen Vertrag.

"Obwohl jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Euro an Steuergeldern für die staatlichen Riester-Zulagen gezahlt werden, bekommen viele Menschen trotzdem damit keine ausreichende ergänzende Rente", sagt Dorothea Mohn, Finanzexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbz).

Was läuft schief?

Was da alles schiefläuft, haben ihr Verband und die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung zusammengetragen: Bei den Riester-Rentenversicherungen – von denen es zehn Millionen Verträge gibt – liegen die laufenden Kosten manchmal bei drei Prozent, das frisst einen Großteil der Rendite auf.

Die Produkte der Versicherungen, Banken oder Bausparkassen sind so kompliziert, dass viele sich ohne Beratung gar nicht rantrauen. Aber die Berater sind oft Versicherungsvermittler, die natürlich Provisionen sehen wollen. Und die sind wiederum in die Verträge einkalkuliert, also nicht transparent. "An der Riester-Rente hat vor allem die Versicherungswirtschaft super verdient", so Mohn.

In anderen Ländern funktioniert es doch auch

Also, das hätten wir besser haben können. Wenn man uns sanft und geschickt zu unserem Glück gezwungen hätte. Die anderen machen’s doch auch: Andere Länder investieren einen Teil der Rentenbeiträge in Investmentfonds, staatlich organisiert und automatisiert, mit geringen Kosten und ohne Provisionen. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) hat in einer aktuellen Studie Beispiele zusammengestellt: Wenn zum Beispiel Ally in Australien in Rente geht ...

... dann erhält sie zum einen die staatliche Rente als Grundsicherung und dazu die betriebliche Altersvorsorge: Alle Unternehmen sind seit 1992 verpflichtet, für ihre Beschäftigten Beiträge (sie steigen bis 2025 langsam auf zwölf Prozent des Bruttoeinkommens) in Fonds einzuzahlen. Ally konnte dafür aus rund 200 sogenannten Superannuation Fonds auswählen. Für zusätzliche freiwillige Beiträge bekam sie staatliche Zuschläge. Nach Abzug von Gebühren und Steuern erzielen die australischen Super-Fonds durchschnittlich 5,9 Prozent Rendite pro Jahr.

... oder Stina in Schweden ... Das schwedische Rentensystem wird von Experten oft als Vorbild gepriesen. Das Besondere: Sogar die gesetzliche Rentenversicherung setzt dort auf Aktien, 2,5 Prozent des Bruttoeinkommens wandern in Fonds. Stina konnte aus mehr als 800 auswählen. Sie hatte aber keine Lust, sich damit zu beschäftigen – und das gilt mittlerweile für die meisten Versicherten – , also werden ihre Beiträge automatisch im staatlichen Standardfonds AP7 Såfa angelegt. Den gibt es seit dem Jahr 2000, er besteht zu 92 Prozent aus Aktien und hatte von 2002 bis 2017 eine Rendite von neun Prozent jährlich.

... oder Gloria in Großbritannien Neben der gesetzlichen Rente hat Gloria einen betrieblichen Fondssparplan – wie 84 Prozent der Beschäftigten. Diese hohe Quote wurde mit dem sogenannten Optout erreicht. Das bedeutet: Man macht automatisch mit, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Und das tun die allerwenigsten. Die Bequemlichkeit der Menschen zu nutzen – auch das eine Art, sie zu ihrem Glück zu zwingen.

Am besten einfach selber machen

Mehr Altersvorsorge mit Aktien fordert nicht nur das DAI, sondern auch Verbraucherschützer und Politiker, von CDU bis zu den Grünen. Die Idee des Verbraucherzentrale Bundesverbands heißt "Extrarente": ein staatlich organisiertes Standardprodukt. Wer nicht per Opt-out widerspricht, zahlt automatisch über den Arbeitgeber in Fonds ein. Die Kosten sollen maximal 0,3 Prozent der Anlagegelder betragen. "Mit einer Anlage der Gelder direkt am Kapitalmarkt, ohne Profitinteressen einer Versicherung oder Bank, könnten viele Menschen eine gute Zusatzrente aufbauen", so Dorothea Mohn. 73 Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage des vzbv so ein Modell.

Nichts tun ist keine Option

Und nun? Nichts tun ist auch keine Option. Eine Lösung, die auch die Verbraucherschützerin unterschreiben würde, lautet: selber machen. Wir alle können mit einem Fondssparplan privat fürs Alter vorsorgen und uns dabei einiges von den Erfolgsmodellen der anderen Länder abgucken. Dafür eröffnen wir ein Depot (bei Online-Brokern wie onvista, DKB, comdirect oder Consorsbank gibt es das gebührenfrei). Hinein packen wir zum Beispiel ein "Pantoffel-Portfolio", wie es die Stiftung Warentest nennt. Es heißt so, weil man sich danach bequem zurücklehnen kann, und besteht aus Aktienfonds (Baustein für die Rendite) und Staatsanleihen (dem Sicherheitsbaustein).

Die geringsten Gebühren zahlen wir bei einem ETF (Exchange Traded Fund), also einem Fonds, der einfach nur einen Index nachbildet. Er sollte viele Unternehmen, Länder und Branchen umfassen, um das Risiko zu streuen. Beim MSCI World zum Beispiel sind es rund 1600 Aktien aus 23 Industrieländern. Nun noch einen Sparplan (das geht schon ab 25 Euro monatlich) auf diesen ETF abschließen, und: laufenlassen. Zehn Jahre, 20, 30, länger. Fertig ist die ganz private Extrarente. Fast wie in Australien.

ALTERSVORSORGE MIT AKTIEN: NUR MUT!

Erkenntnis 1

Aktien sind nur dann eine riskante Geldanlage, wenn ihr es eilig habt. Wenn ihr aber viele Jahre Zeit habt, wäre es eher riskant, NICHT in Aktien zu investieren. Deshalb setzen auch die Regierungen vieler Länder auf Aktienfonds, um ihren Bürger*innen eine gute Altersvorsorge zu ermöglichen.

Erkenntnis 2

Die Kosten sind das A und O. Je geringer die Gebühren (also auch: je weniger Beteiligte an dir verdienen wollen), desto höher ist dein Ertrag. Wenn du, wie bisher bei Riester, dein eingezahltes Kapital garantiert wieder ausbezahlt haben willst, senkt das deine Rendite. Die genannten Länder geben so eine Garantie nicht. Sie verlassen sich darauf, dass sich auf lange Sicht Kursschwankungen von selbst ausgleichen.

Erkenntnis 3

Es kann es sein, dass ausgerechnet zu Beginn deiner Rentenzeit die Aktienkurse im Keller sind. Das lässt sich verschmerzen, wenn du ein paar Jahre vorher schon umschichtest, also den Aktienanteil reduzieren; und wenn du dir immer nur den jeweiligen monatlichen Betrag ausbezahlen und den Rest des Geldes investiert lässt. Denn die Kurse werden wieder steigen.

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BRIGITTE 03/2020

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