Finanz-Start-ups: Was steckt wirklich dahinter?

Finanz-Start-ups wie N26, Smava oder Scalable wollen Geldgeschäfte günstiger und einfacher machen. Was ist dran an diesem Versprechen?

Wer derzeit auf Bahnhöfen unterwegs ist, hat gute Chancen, überdimensionale Plakate zu sehen: "Bankfilialen sind soooo 90er" steht darauf. Und wer durch das abendliche Fernsehprogramm zappt, landet früher oder später bei einem Werbespot, in dem junge Paare von ihrem neuen Kreditvermittler schwärmen. N26 und Smava heißen die Start-ups, die dahinterstecken. Sie sind längst nicht die einzigen neuen Finanz-Firmen, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Eine ganze Reihe von Unternehmen hat sich vorgenommen, Geldgeschäfte mit digitalen Lösungen zu vereinfachen. Manche versprechen neue Bezahlverfahren oder eine bessere Geldanlage, andere - wie N26 - wollen klassische Banken gleich ganz ersetzen. Vor zehn Jahren gab es erst eine Handvoll dieser Fintechs, heute sind es laut einer comdirect-Studie rund 700. Investoren haben die Finanz-Start-ups allein im vergangenen Jahr mit über einer Milliarde Wagniskapital ausgestattet. Sie sehen also enormes Potenzial.

Was ist tatsächlich dran an den Versprechen der Fintechs?

Fragt man Christine Kiefer, woher der Hype kommt, verweist sie auf die frühen 2000er-Jahre. Die ehemalige Investmentbankerin hat das Netzwerk Fintechladies gegründet, das Frauen in der jungen Branche vernetzen will, auch selbst ist sie am Aufbau mehrere Finanz-Startups beteiligt. Auslöser für die neuen Geschäftsmodelle sei das Online-Shopping gewesen, sagt sie. "Es brauchte Wege, um im Internet bezahlen zu können." So entstanden zunächst die ersten Online-Banken wie die comdirect. Nach und nach entdeckten findige Gründer dann immer mehr Möglichkeiten, Geldgeschäfte digital und vor allem auch mobil auf dem Smartphone abzuwickeln - vom Kreditabschluss bis hin zur Vermögensverwaltung. Für Kunden hat das grundsätzlich Vorteile. Anders als klassische Banken mit festen Geschäftszeiten sind die digitalen Anbieter immer zu erreichen. Zudem sind sie oft günstiger, weil sie in der Regel kein teures Filialnetz unterhalten und vieles statt von Menschen von Algorithmen erledigen lassen. Das Verhältnis zwischen Start-ups und Banken ist dabei ganz unterschiedlich. Viele junge Anbieter haben bisher keine eigene Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und dürfen daher Kundengelder nicht selbst verwalten. Für sie sind klassische Banken Partner statt Rivalen: Sie nutzen deren Infrastruktur, um ihre Dienstleistungen anzubieten, und helfen im Gegenzug der Bank, technologisches Wissen zu erlangen und neue Geschäftsfelder zu erobern. Laut der Unternehmensberatung EY haben schon knapp 90 Prozent aller Banken derartige Kooperationen.

Digital bedeutet nicht automatisch besser oder billiger

Allerdings: Immer mehr Start-ups schaffen es, eigene BaFin-Lizenzen zu bekommen - und werden so unabhängiger. Um ihr Geld müssen sich die Kunden dabei in der Regel nicht sorgen. Für deutsche Start-ups mit Banklizenz gilt wie für normale Banken die gesetzliche Einlagensicherung: Sparguthaben von bis zu 100000 Euro pro Anleger sind geschützt, falls etwa ein Start-up insolvent geht. Die Innovationen in der Branche seien daher grundsätzlich zu begrüßen, sagt Stephanie Heise von der Verbraucherzentrale NRW. Doch die Kunden sollten genau prüfen, welchen Mehrwert die digitalen Angebote für sie hätten: "Nur weil eine Dienstleistung digital ist, ist sie nicht automatisch besser oder billiger. Und ein digitales Vergleichsportal ist nicht unbedingt unabhängig." Wer die persönliche Beratung schätze, sei etwa bei klassischen Filialbanken meist besser aufgehoben.

Fintechs werden uns in Zukunft häufiger begegnen - man sollte also wissen, womit man es zutun hat

Beachten sollte man auch, wie Start-ups Kundendaten nutzen. So zeigt eine Studie im Auftrag des Bundesforschungsministeriums, dass jedes vierte Fintech keine Datenschutzerklärung abgibt. Bei vielen anderen Anbietern blieb zudem unklar, welche Daten genau verarbeitet und weitergegeben werden. "Wer sichergehen will, was mit seinen Daten passiert, sollte vor Vertragsabschluss in die AGBs der Start-ups schauen oder direkt beim Anbieter nachfragen", rät Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Fest steht auf jeden Fall: Fintechs werden uns künftig häufiger begegnen.

Wir stellen einige der neuen Anbieter vor:

N26

Die Geschäftsidee: Eine Bank auf dem Smartphone - das ist die Vision des Berliner Start-ups N26. Alle Prozesse wurden so gestaltet, dass man sie möglichst bequem mobil nutzen kann. Unter anderem soll man in wenigen Minuten ein Konto per Video-Verfahren eröffnen können. Dann lassen sich in der App verschiedene Unterkonten erstellen - etwa für Essen oder Kleidung. Das soll für einen besseren Überblick über die Ausgaben sorgen. Auch ein digitales Haushaltsbuch, in dem alle Ausgaben auf einen Blick angezeigt werden, lässt sich so erstellen. Girokonten sind bei N26 kostenlos; Auslandsüberweisungen sollen angeblich bis zu sechs Mal günstiger sein als bei Wettbewerbern. Geld verdient das Fintech unter anderem über Premiumkonten und bestimmte Transaktionsgebühren.

Neu daran: ... ist weniger das Geschäftsmodell als die Umsetzung. N26 wirbt damit, dass Kunden Geldgeschäfte quasi nebenbei erledigen können. Zugutekommt dem Start-up dabei, dass es seine IT-Struktur komplett auf mobile Geschäfte ausrichten kann - und nicht wie herkömmliche Anbieter eine bestehende Infrastruktur mühevoll umbauen muss. Das macht Prozesse oft schlanker und übersichtlicher.

Interessant für: Kunden, die Bankgeschäfte am liebsten unterwegs erledigen und auf Bankfilialen verzichten können. Nutzer sollten sich aber die Vertragsbedingungen vorab genau anschauen, denn nicht in jeder Hinsicht ist N26 günstiger. So können Kunden hier zum Beispiel nur drei bis fünf Mal pro Monat kostenlos Bargeld abheben.

Friendsurance

Die Geschäftsidee: Geld zurückbekommen von der Versicherung, wenn kein Schaden entstanden ist - so lautet das Versprechen des Berliner Unternehmens Friendsurance. Das funktioniert so: Das Start-up stellt je zehn Versicherte zu einer Gruppe zusammen. Die Mitglieder müssen nicht alle beim selben Anbieter versichert sein, doch ihre Versicherungsart muss übereinstimmen. Beispielsweise müssen alle eine Hausratversicherung haben.

Dann wird bei jedem Versicherten seine im Vertrag festgelegte Selbstbeteiligung erhöht und der Versicherungsbeitrag gesenkt. Das so "gesparte" Geld zahlen die Versicherten in einen Topf ein. Letztendlich zahlt also jeder genauso viel wie vorher, nur eben nicht mehr alles an den Versicherer, sondern einen Teil in die Gemeinschaftskasse. Passiert einem aus der Gruppe ein Malheur, wird der Schaden zuerst aus diesem Topf bezahlt. Erst wenn dieses Geld nicht ausreicht, springt die Versicherung ein. Ist dagegen am Jahresende Geld in der Kasse übrig, bekommen die Gruppenmitglieder das zurück.

Neu daran: Das Verfahren wirkt erst mal kompliziert, hat für Versicherte aber Vorteile. Schließlich zahlt man nicht mehr als vorher, und im besten Fall gibt es Geld zurück. Wer will, kann sich direkt mit Freunden oder Verwandten als Gruppe anmelden - daher der Name "Friendsurance". Die Dienstleistung des Start-ups ist kostenlos; Geld verdient das Unternehmen über Provisionen von Versicherungsanbietern.

Interessant für: insbesondere Gruppen, die sich umsichtig verhalten und nur selten von ihrer Versicherung Gebrauch machen. In Internetforen loben Nutzer den einfachen Vertragsabschluss, beklagen aber, dass der Kundenservice bei Fragen schwer erreichbar sei.

Fairr

Die Geschäftsidee: Fairr will die Altersvorsorge transparenter machen. Dazu gibt es auf der Website drei verschiedene Vorsorgearten: Riester- oder Rürup-Rente sowie ungeförderte ETF-Sparpläne. Arbeitgeber können zudem eine betriebliche Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter abschließen. Bei allen Angeboten wird das Geld der Sparer zu 100 Prozent in ETFs angelegt, also in Fonds, die automatisch die Wertentwicklung von Aktienindizes wie dem DAX nachzeichnen. Entwickelt und verkauft werden die Vorsorgeprodukte von den drei Fairr-Gründern. Mit dem Geld ihrer Kunden aber kommen sie nicht in Berührung: Verwaltet werden die Vorsorgevermögen von der Hamburger Sutor Bank.

Neu daran: Vor allem die Übersichtlichkeit. Auf der Internetseite des Start-ups kann man immer einsehen, wie viel man angespart hat und welche Rente man ausgezahlt bekommt. Ändern sich Jahreseinkommen oder Kinderzahl, können Riester-Sparer das direkt online anpassen. Besonders ist auch das Gebührenmodell: So zahlt man bei Fairr keine Provision für den Abschluss eines Vertrags. Und die Höhe der Verwaltungsgebühren hängt davon ab, wie sich das angesparte Vermögen eines Kunden entwickelt.

Interessant für: Alle, die fürs Alter vorsorgen wollen. Man sollte aber wissen, wie ETFs funktionieren, und Sparformen wie die Rürup- oder Riester-Rente verstehen. Bei Riester etwa werden Ersparnisse von bis zu 2100 Euro jährlich vom Staat gefördert. Bei ungeförderten ETF-Sparplänen hat man mehr Freiheiten bei der Auszahlung des Geldes.

Scalable

Die Geschäftsidee: Scalable ist ein digitaler Vermögensverwalter, ein sogenannter Robo-Advisor. Das Wort setzt sich zusammen aus "Roboter" und "Advisor" (Berater). Das Unternehmen erstellt für seine Kunden einen individuellen Mix aus verschiedenen Anlageklassen, etwa Aktien, Staatsanleihen, Rohstoffen und Immobilien. Ein Portfolio erstellen, nennt man das im Fachjargon. Wie genau die Anlageklassen dabei gewichtet werden, hängt davon ab, wie viel Risiko man jeweils in Kauf nehmen will. Das wird vorab in einem Online-Fragebogen erfragt und das Depot dann automatisch bei der Baader Bank oder der ING Bank eröffnet. Sobald man Geld auf dieses Depot überwiesen hat, verteilt Scalable es auf die verschiedenen Anlageklassen.

Neu daran: Das Anlageportfolio wird nicht von Menschen, sondern von einem Algorithmus zusammengestellt. Dieser überprüft auch anschließend kontinuierlich, ob es verbessert werden kann. Die Stärke des Algorithmus sei, dass er unemotional entscheide, sagt Mitgründerin Manuela Rabener. "Selbst Anlageprofis neigen nämlich zu Panikverkäufen bei Aktien, etwa wenn die Kurse über längere Zeit fallen." Scalable investiert das Geld seiner Kunden zudem nur in ETFs, für die es keinen Fondsmanager braucht. All das macht die Vermögensverwaltung günstig. Um zu beurteilen, ob diese automatisierte Geldanlage im Schnitt zu mehr Gewinnen führt, ist die Branche aber noch zu jung.

Interessant für: Menschen, die eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. Denn Aktien bringen zwar Rendite, sind aber auch schwankungsanfällig. Sparer sollten daher auch nur langfristig bei Scalable anlegen. Rabener empfiehlt eine Laufzeit von mindestens zehn Jahren. Und: Anleger müssen mindestens 10 000 Euro investieren: "Unter einem gewissen Betrag weicht das Portfolio zu stark von der Empfehlung des Algorithmus ab."

Finanzguru

Die Geschäftsidee: Ein Haushaltsbuch zu führen ist arbeitsintensiv. Das Start-up Finanzguru hat dafür eine App entwickelt, die Nutzern einen besseren Überblick verschafft. Wer sie installiert, stimmt zu, dass sie mit seinem Bankkonto verknüpft werden darf. Die App verrechnet dann zum Beispiel automatisch alle Ein- und Ausgaben eines Monats, sodass man sieht, wie viel "freies" Einkommen einem noch bleibt. Außerdem hilft sie beim Verwalten von Verträgen: Man sieht, welche Ausgaben man regelmäßig hat, welche Kündigungsfristen es gibt, und bekommt Spartipps vorgeschlagen - etwa einen günstigeren Stromanbieter. Künftig sollen so auch Versicherungen gemanagt werden können. Die Services sind kostenlos; Geld verdient das Start-up durch Provisionen, wenn Nutzer Spartipps befolgen. Die Deutsche Bank hat investiert, Carsten Maschmeyer in "Die Höhle der Löwen" ebenfalls.

Neu daran: Wer oft mit Karte oder Handy zahlt, verliert schnell den Überblick, wann er wie viel ausgibt. Finanzguru nutzt diese Lücke und entwickelt auf Basis vorhandener Daten praktische Zusatzdienste. In Sachen Datenschutz kooperieren die Gründer mit der Deutschen Bank. Somit bleiben alle Daten auf deutschen Servern und sind gegenüber Dritten verschlüsselt.

Interessant für: Alle, die schnell vergessen, wo sie welche Verträge abgeschlossen haben, und die wieder den Überblick über ihre Ausgaben haben wollen, ohne viel Zeit zu investieren. Selbstständigen hilft die App weniger: Wenn man am Monatsanfang kein fixes Gehalt bekommt, sorgt die Berechnung des "frei verfügbaren Einkommens" eher für Verwirrung.

Smava

Die Geschäftsidee: Gestartet ist das Start-up 2007 mit der Idee, Ratenkredite zwischen Privatpersonen zu vermitteln. "Gerade Selbstständige und Rentner kommen bei Banken nur schwer an Kredite, weil sie nicht die verlangten Kriterien erfüllen“, erklärt Paul Peters von Smava. Über die Internetseite können sie sich nun von privaten Gläubigern Geld leihen. Darüber hinaus hat sich Smava inzwischen zu einer Plattform für Kreditvergleiche weiterentwickelt. Nutzer geben dazu auf dem Portal die Summe ein, die sie sich leihen wollen, und bekommen angezeigt, welche Bank ihnen die günstigsten Konditionen bietet. Schließt der Kunde dann einen Vertrag ab, erhält Smava eine Provision vom Anbieter. Das Kreditranking werde so aber nicht beeinflusst, sagt Peters: "Wir ranken die Kreditangebote nach dem effektiven Jahreszins."

Neu daran: Die Plattform spart Zeit. Denn man kann Kreditangebote mit einem Klick vergleichen. Smava verspricht, dass Kredite so auch günstiger werden können. Dabei sollten sich Nutzer aber nicht blenden lassen: Das Unternehmen wirbt zwar mit Negativzinsen für Ratenkredite - also die Tatsache, dass Kreditnehmer von ihrer Bank Geld geschenkt bekommen -, doch sie sind auch bei Smava nicht die Regel.

Interessant für: Alle, die einen Ratenkredit brauchen - etwa, wenn das Auto kaputtgeht und kein Geld für ein neues da ist. Dabei sollte man aber stets gut prüfen, ob ein Kredit wirklich nötig ist und auch abbezahlt werden kann. Bei Baufinanzierungen hilft Smava nicht.

BRIGITTE 08/2019

Wer hier schreibt:

Katja Scherer
Themen in diesem Artikel

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