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Henrike von Platen erklärt: Es sind so viele Faktoren Schuld am Gender Pay Gap!

Equal Pay Day: Henrike von Platen
© Oliver Betke
Teil 15 unserer Serie #dubiststark: Henrike von Platen. Die Fair Pay-Expertin kämpft seit Jahren beruflich und privat gegen den Gender Pay Gap. Wie sie den Lohnunterschied von 21 Prozent zwischen Frauen und Männern schließen will, verrät sie uns im Interview – und in einer Podcast-Sonderfolge!

77 Tage lang arbeiten wir Frauen in Deutschland im Jahr 2020, ohne dafür Gehalt zu beziehen. „Ausgehend vom 1. Januar, lande ich so beim 17. März – das ist der Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden,“ sagt Henrike von Platen. Was die Fair-Pay-Expertin hier vorrechnet, ist der Gender Pay Gap: die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Um darauf aufmerksam zu machen, gibt es am 17. März den Equal Pay Day.

Ihre Mission: Gleichen Lohn für gleiche Arbeit in Deutschland selbstverständlich machen.
Henrike von Platen ist Wirtschaftsinformatikerin, Unternehmensberaterin und ehemalige Präsidentin des Frauennetzwerks "Business and Professional Women" (BPW). Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter wurde ihr schon früh vorgelebt, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit für Frauen ist. 

„Die Forderung nach gleichem Lohn ist echt alt und steht schon in Papieren von vor 60 Jahren. Das Dilemma ist nur, dass alles, was bisher getan wurde, um den gerechten Lohn umzusetzen, nicht ausgereicht hat,“ sagt die 49-Jährige. Sie war lange Schirmherrin des deutschen Equal Pay Days und weil sie sich noch aktiver engagieren wollte, gründete sie 2017 das "Fair Pay Innovation Lab". Jetzt können Unternehmer und Firmen einfach zu ihr und ihrem Team ins Lab kommen und sich beraten lassen, was sie gegen Lohnungerechtigkeit tun können.

"Wenn wir unser Auto eine Stunde pflegen lassen, ist uns das mehr Wert, als wenn wir unsere Oma eine Stunde pflegen lassen“.
Im Jahr 2018 verdienten Männer im Schnitt 21,60 Euro pro Stunde und Frauen 17,09 Euro. Das sind 5 Euro weniger in der Stunde. Wenn man überlegt, was aus diesem Stundenlohn-Unterschied wird, wenn dieser auf ein Monatsgehalt, Jahresgehalt oder Lebensgehalt hochgerechnet wird, stockt einem der Atem. Deutschland steht damit im europäischen Verhältnis am hinteren Ende der Liste, hinter Estland und Tschechien. Wie kann das sein? Henrike von Platen erklärt: „Es gibt drei große Bereiche, die als Ursachen benannt werden: horizontale und vertikale Segregation und das große Thema Teilzeit und Rollenstereotype dazu." 

Selber Schuld? Sucht euch doch einen besser bezahlten Job – oder arbeitet in einer anderen Branche!
Für ihr gerade erschienenes Buch "Über Geld spricht man – Der schnelle Weg zur Gleichstellung" (Nicolai Verlag, 168 Seiten, 18 Euro) befasste sich Henrike von Platen noch einmal intensiv mit den drei Ursachen-Bereichen der Lohnungerechtigkeit: „Der horizontale Bereich ist total spannend, weil es hier um den Wert von Arbeit geht. Wenn jemand sagt, dass Frauen eben nicht Krankenschwester, sondern Wissenschaftlerin werden sollen, um besser zu verdienen, frage ich zurück: Und wer pflegt dann übermorgen deine Oma? Es ist niemandem geholfen, wenn wir Frauen jetzt die schlecht bezahlten Berufe boykottieren,“ sagt die Fair Pay-Beraterin. Denn gesellschaftlich betrachtet, haben wir diese Jobs über Jahrzehnte einfach unterbewertet und so die geringen Löhne gerechtfertigt.  

Die vertikale Segregation ist der Grund für die Forderungen nach der Frauen-Quote: Es gibt immer noch zu viele Frauen in den unteren Hierarchieebenen und zu wenige in den besser bezahlten Chef-Etagen. „Diese Quote gilt ja erst für wenige Unternehmen, ist aber dafür sehr öffentlichkeitswirksam und spielt damit in die dritte große Ursache rein: Inzwischen ist es sichtbar, dass Frauen Vorständin, CEO, Geschäftsführerin oder auch Bundeskanzlerin sein können," so Henrike von Platen. Die Rollenstereotype werden langsam aufgebrochen. 

Stand der Dinge: Die Probleme sind Komplex! 
Gehaltstransparenz, neue Gesetze, mehr Geld für soziale Berufe, mehr Frauen in MINT-Berufen, mehr Führungskräfte in Teilzeit, mehr Männer in Teilzeit, das ist die Kurzfassung der geforderten Maßnahmen von Aktionsbündnissen und Expertinnen. Aber auch hier weist Henrike von Platen darauf hin, dass wir ein Umdenken von Rollenklischees brauchen und fragt: „lassen wir Männer als Hebammen zu in unserer Gesellschaft?“ Erst wenn wir in allen Berufsbranchen eine Mischung hinbekämen, werden wir eine Gleichstellung erreichen, so die Einschätzung der Aktivistin.   

Das Lieblingsvorbild der Expertin: Island!
Es gibt Länder in Europa, die es bereits hinkriegen, Firmen mit geeigneten Maßnahmen unter Druck zu setzen und Unternehmer zum Umdenken zu bewegen. „In den nordischen Ländern hat sich das Bild von Vätern schon längst verändert und das wirkt sich auch auf die Gesellschaft und schlägt sich auf die Bezahlungen und Löhne aus,“ sagt Henrike von Platen. Ihr Lieblingsland diesbezüglich sei momentan aber Island, weil hier „Unternehmen dem Gesetzgeber anhand eines entwickelten Standards nachweisen müssen, dass sie fair bezahlen.“ Die Beweislast wird umgekehrt – nicht mehr die Betroffenen müssen ihre missliche Situation nachweisen, sondern der Verursacher muss sich rechtfertigen. So einfach, so genial. Und Deutschland? Die Bundesregierung hat das Ziel ausgerufen, den Gender Pay Gap auf 10 Prozent zu senken – bis 2030. Viel fällt einem dazu nicht mehr ein. 

Was können WIR selbst tun?
„Wir müssen mehr Power auf die Straße bringen,“ fordert Henrike von Platen. Viele Firmen und Unternehmer wollen ja gar nicht unfair bezahlen, das habe sich historisch entwickelt. Und unsere Aufgabe ist es, den Druck zu kreieren, dass alle Firmen sich ihre Gehaltsstrukturen genau anschauen, unfaire Bezahlungen glattziehen und Arbeit aufwerten, findet die Expertin. 

Auch unser Verhältnis zu Geld spielt eine Rolle, meint Henrike von Platen, denn „wir vergleichen jede Summe für etwas, das wir ausgeben. Aber welche Summe wir reinbekommen, vergleichen wir nicht.“ Zwei Ängste spielen hier eine Rolle „entweder man schämt sich, weil man denkt, man hat zu wenig. Oder man hat zu viel und deshalb Angst vor Neid.“

Und: Wir müssen mehr Fragen stellen! Das Entgeldtransparenzgesetz (was genau das ist, erklären wir hier) ermöglicht vielen von uns schon, das eigene Gehalt indirekt zu vergleichen. „Die viel spannendere Frage an den Arbeitgeber*In ist aber: Wie setzt sich mein Gehalt zusammen? Für welche meiner Tätigkeiten bekomme ich wieviel Geld?", findet von Platen. Diese Ausgangsfrage ermöglicht ein viel entspannteres Gespräch mit der Chefin und erfordert gleichzeitig konkrete Antworten – und die Möglichkeit, mehr Gehalt für die eigene Leistung einzufordern.

Gender Pay Gap: Seit 2002 fast konstant
Von einem Equal Pay Day im Januar sind wir noch unendlich weit entfernt. "Mich motiviert das Wissen, wie schnell das Ganze gehen könnte, wenn wir endlich aufhören zu diskutieren und einfach anfangen zu machen! Ich möchte unbedingt noch erleben, dass Frauen wirtschaftlich unabhängig sind," sagt Henrike von Platen mit Nachdruck und fragt: "Fair zu bezahlen, unabhängig davon, woher jemand kommt, wen er oder sie liebt, oder woran jemand glaubt, heißt auch, Chancengleichheit für alle Menschen zu schaffen. Das wäre doch mal was, oder?" Wir sind sehr beeindruckt von dieser Mentalität und finden: Es reicht. Wir schließen uns Henrike von Platens Forderungen an und machen uns zum Ziel: Im Jahr 2021 ist die Zahl der Tage, an denen wir ohne Bezahlung gearbeitet haben, endlich gesunken!

Die Podcast-Sonderfolge: Equal Pay Day 2020: Wieso fehlen uns Frauen 21 Prozent des Gehalts?
Henrike von Platen war zu Gast bei Redakteurin Anissa im BRIGITTE Academy-Podcast What The Finance? Dort erzählt sie noch ausführlicher, welche Maßnahmen gegen den Gender Pay Gap helfen können – und was wir alle tun können. Hier könnt ihr reinhören:

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Welche Maßnahmen in der Politik oder konkret in Unternehmen gegen Lohnungerechtigkeit funktionieren, was Promis zu dem Thema sagen und wie ein Experiment zeigte, dass Gender-Diskriminierung schon im Vorstellungsgespräch beginnt, könnt ihr hier auf unseren unserem großen Online-Special: www.brigitte.de/equalpay.

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