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Passives Einkommen Reich ohne Arbeit?

Passives Einkommen: Frau hält Geldscheine vor der Brust
© Stanislav71 / Shutterstock
Klingt verlockend, passives Einkommen soll die finanzielle Freiheit möglich machen – mittels Immobilien, Aktien, cleverer Geschäftsmodelle... BRIGITTE-Redakteurin Laura Heyer hat mit Menschen gesprochen, denen das gelungen ist.

"Für Geld arbeiten nur die Armen und der Mittelstand. Reiche lassen Geld für sich arbeiten”: Als ich vor einiger Zeit diese Sätze im Buch “Rich Dad. Poor Dad” von Robert T. T. Kiyosaki las, machten sie mich sofort wütend. In seinem Bestseller erzählt der hawaiianische Geschäftsmann, wie er es geschafft hat, auch ohne Erbe oder Startkapital ein Vermögen anzuhäufen. Klingt verlockend, klar. Aber geht das wirklich?

Das Prinzip

Passives Einkommen heißt diese Art der finanziellen Freiheit. Zahllose Blogs und Finanzseiten preisen es als Königsweg zu sprudelndem Reichtum. Dahinter steckt folgendes Prinzip: Anders als das sogenannte aktive Einkommen, für das man Zeit gegen Geld tauscht, etwa als Freiberuflerin, die Kurse gibt, oder als Angestellte, die ein festes Gehalt bezieht, wird das passive Einkommen eher langfristig und ohne unmittelbaren Aufwand erzeugt. Man arbeitet also nicht für Geld – sondern lässt das Geld mehr Geld machen. Etwa mittels Mieteinnahmen, Zinsen oder Kapitalerträgen aus ETFs. So kann man unabhängig von einer Berufstätigkeit Einnahmen und vor allem Vermögen generieren.

Das klingt logisch. Aber wer hat schon genug Kapital, um mal eben eine Immobilie zu kaufen? Oder ist in der Lage, so viel zu investieren, dass sich mit den Erträgen der Lebensunterhalt bestreiten lässt? Alles kein Problem – behaupten Blogs mit Namen wie “The Rich Girl Club” und “Generation Finanzen”. Sie versprechen Formeln für die finanzielle Freiheit. Auch wenn ich kein zinsbasiertes Einkommen hätte (also aus Dividenden, Zinsen oder Miete), bliebe mir immer noch die Möglichkeit, über ein cleveres Geschäftssystem sogenanntes systembasiertes Einkommen zu generieren. Etwa per Content Creation, also die Erstellung von kostenpflichtigen Inhalten (das können Onlinekurse zu einem speziellen Thema sein oder E-Books; siehe auch Kasten nächste Seite); per Affiliate (also Marketing über Links zu Kauf angeboten, wie man es etwa auf Blogs findet; dazu später mehr) oder Drop shipping (Onlinehandel ohne Zwischenlager).

Der Dreh bei diesem Modell: Der Umsatz wächst, ohne dass man kontinuierlich in Produktion, Infrastruktur und Fixkosten investieren muss. Doch verdient man damit wirklich so viel, dass man nebenbei reich wird? Ich bin angefixt. Am Wochenende fangen ein Freund und ich an rumzuspinnen: Wie wäre es, ein Dropshipping Geschäft mit isländischem Lakritz zu starten? In einem schnell hochgezogenen Onlineshop könnten wir die Süßigkeiten direkt zu den Kaufinteressierten bringen. Kein Raumbedarf, keine Kosten. Doch die Realität holt uns schnell ein, denn auch ein Onlineshop bedarf zumindest eines gewissen Einsatzes von Kapital und Zeit – selbst wenn dubiose Anbieter:innen im Netz Riesengewinne bei wenig Aufwand versprechen. Und die stellen sich natürlich auch nur ein, wenn der Markt riesig ist. Daran haben wir, trotz unserer Leidenschaft für Lakritz, dann doch Zweifel.

Affiliate-Programme

Ich rufe Elisa Brunke an. Über zu geringe Nachfrage kann sich die 34-jährige ehemalige Onlineredakteurin nicht beklagen: Vor zwei Jahren hat sie in ihrer Freizeit ein Blog zu veganer Ernährung gestartet (elisabrunke.de). Ihr erstes PDF-Dokument mit Rezepten, das sie dort zum kostenlosen Download anbot, wurde mehr als 1000-mal heruntergeladen. Als ein Verlag auf sie zukam, baute sie ihre Rezepte zu einem Kochbuch aus. Nebenbei verkauft sie weiterhin selbst produzierte E-Books über ihre Homepage und macht in Kooperation mit Unternehmen Affiliate Marketing.

Dabei verlinkt man Produkte, über die man auf seinem Blog berichtet; sobald jemand über den Link etwas kauft, bekommt man Provision. Wie viel – dazu gibt es kaum Zahlen. Amazon wirbt bei seinem Affiliate-Programm mit einer Provision von bis zu zwölf Prozent des Produktpreises. Laut einer Umfrage des Onlinemagazins “Projekter” lag 2017 ein Großteil des Verdienstes von Affiliates allerdings bei weniger als 200 Euro pro Monat.

“Reich wird man damit nicht”, sagt auch Elisa Brunke. Ihre Festanstellung hat sie trotzdem aufgegeben und sich als Content Creator selbstständig gemacht – ihr bringt die Arbeit und die damit verbundene Freiheit als Bloggerin einfach mehr Spaß. Ich bin dennoch etwas ernüchtert: Ich will ja gar nicht den Job wechseln, sondern nebenbei Geld verdienen. Geht das nicht einfacher?

Bücher veröffentlichen

Doch auch mein nächster Gesprächspartner warnt mich vor zu hohen Erwartungen: Matthias Matting ist Physiker und mit über 50 selbst veröffentlichten Büchern einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publisher. Seine Werke finden sich auf Bestsellerlisten, auf seinem Blog “Self-Publishing-Bibel” gibt er angehenden Autor:innen Tipps rund um Honorare und Marketing. Von den 75 000 Menschen, die seiner Schätzung nach auf Self-Publishing-Plattformen wie “Kindle Direct Publishing” und “Tolino Media” zugange sind, verdienten nur rund 2000 wirklich damit Geld, erklärt er mir. Dabei wirkt das Modell einfach: Man meldet sich an, lädt sein Dokument hoch, kann ein Cover designen, den Preis festlegen – und kurz danach ist das eigene Werk online erhältlich.

Nur: “So was nebenberuflich zu machen, ist schwierig”, sagt Matting. Schließlich sei das Schreiben nur ein Teil der Arbeit. Um sich ein breites Publikum aufzubauen, müsse man auch intensiv Marketing betreiben, also zum Beispiel auf Social-Media-Kanälen dafür werben oder andere Autor:innen auf das eigene Werk aufmerksam machen – in der Hoffnung, dass sie es ihren Fans empfehlen. Und: Man müsse ständig neue Bücher veröffentlichen. Passiv klingt anders.

In Immobilien investieren

Ich vereinbare ein Interview mit Christiane von Hardenberg. Die Volkswirtin und Journalistin hat schon vor Jahren eine eher konventionelle Strategie als passive Einkommensquelle für sich entdeckt: Sie investiert in Wohnungen und Häuser. Wie sie sich damit ein kleines Vermögen aufgebaut hat, darüber hat sie in ihrem Buch “Selbst investiert die Frau” geschrieben.

Ihr Startkapital habe sie vor 15 Jahren aus einem Erbe bekommen, erzählt sie mir. Doch auch ohne großes Finanzpolster sei es möglich, mit Immobilien nebenbei Einkommen zu erzielen. Ihre Idee für den Start: Die Immobilie sollte man überwiegend fremd finanzieren und nur rund 30 Prozent Eigenkapital einbringen. Den Kredit tilgt man in den folgenden Jahren über die Mieteinnahmen – die entsprechend hoch ausfallen müssen. So werde der Schuldenberg Monat für Monat kleiner, während das Vermögen wächst. Spätestens wenn der Kredit getilgt ist, habe man ein monatliches Zusatzeinkommen.

Christiane von Hardenberg hat sich auf diese Weise inzwischen ein ganzes Portfolio aus Wohnungen und Häusern zusammengekauft. Doch wie bei Elisa Brunke wurde auch bei ihr das Nebenbei-Engagement im Laufe der Jahre zum zeitintensiven Hauptberuf. Und auch sonst scheint mir das Immobiliengeschäft – zumindest für eher risikoscheue Menschen mit wenig Eigenkapital wie mich – nicht ganz das Richtige zu sein.

Mit Aktien handeln

Jetzt bin ich tatsächlich etwas ratlos. Egal, ob Dropshipping, Bloggen, Self Publishing oder Immobiliengeschäfte: Keiner der Wege, die ich bislang genauer unter die Lupe genommen habe, scheint mir so umsetzbar und sicher, dass ich ihn selbst gehen möchte. Ein Thema allerdings habe ich bisher völlig außer Acht gelassen – obwohl es trotz meiner begrenzten finanziellen Mittel schon längst Teil meines Alltags und eigentlich der absolute Klassiker ist: das Investieren in Aktien und ETFs. Schließlich spare ich so bereits jetzt fürs Alter. Und bin damit nicht allein: Laut Deutschem Aktieninstitut investierte 2020 jede:r Sechste an der Börse – das sind hierzulande so viele Menschen wie noch nie.

Finanzexpert:innen empfehlen dabei gerade Börsen-Neulingen, breit zu streuen, möglichst risikoarm zu investieren und vor allem vom sogenannten Zinseszins-Effekt zu profitieren. In der Finanzsprache heißt das auch “thesaurierend”: Erzielte Gewinne werden nicht ausgezahlt, sondern in einen neuen Anteil reinvestiert. Und dafür braucht es tatsächlich kein großes Erbe oder Vermögen – schon 50 Euro im Monat reichen aus, wenn man langfristig sparen will.

Um im Schlaf reich zu werden, muss man sehr lange schlafen

Aber ich möchte ja nicht nur sparen, sondern ein passives Einkommen. Statt Gewinne zu reinvestieren, könnte ich mir dazu über Einzelaktien oder ETFs Dividenden auszahlen lassen, erklärt mir die Finanzjournalistin Jessica Schwarzer. Quasi wie ein kleines monatliches Einkommen. Für die meisten Menschen sei es unrealistisch, von Dividenden zu leben, so Schwarzer, dazu müssten sie bei einer durchschnittlichen Dividendenrendite von beispielsweise drei Prozent viel zu hohe Summen anlegen. Trotzdem findet die Expertin: “Dividenden sind ein super Einstieg in den Bereich passives Einkommen.” Anfänger:innen sollten am besten auf aktiv gemanagte Fonds setzen, bei denen seien für die Auswahl der Aktien Profis zuständig, die die Dividenden-Rendite genau im Blick haben.

Kann ich also doch nur dann in großem Stil passives Einkommen generieren, wenn ich sowieso schon richtig viel Geld habe? Es kommt vermutlich darauf an, was man sich zum Ziel gesetzt hat. Wer sich binnen weniger Monate eine Jacht leisten will, sollte für seine Investitionen oder Geschäftsideen schon einiges an Startkapital mitbringen – oder bereit sein, viel zu riskieren. Denn “reich werden im Schlaf” kann man mit passivem Einkommen nur, wenn man entweder sehr lange schläft, viel investiert – oder einen nicht ganz legalen Weg wählt.

Im wachen Zustand sollte man sich daher eher fragen, was man will, und wo die eigenen Schwerpunkte liegen. Elisa Brunke und Matthias Matting konnten ihre Hobbys zum Beruf machen, während Christiane von Hardenberg ihr Erbe nutzte, um eine Expertin im Bereich Immobilien zu werden. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich in Aktien und ETFs investiere. Und damit werde ich jetzt auch erst mal weitermachen.

Wer weiß: Vielleicht kann ich mir mit meinen Gewinnen irgendwann ja doch noch ein Dropshipping-Geschäft mit Lakritz aufbauen.

Passives Einkommen – Infos zum Hören

Wege, Chancen, und warum sich gerade Frauen mit diesem Thema beschäftigen sollten: Darüber spricht Host Anissa Brinkhoff in der aktuellen Folge des BRIGITTE Academy Podcast “What The Finance?” mit Redakteurin Laura Heyer – auf brigitte.de/whatthefinance? und überall, wo es Podcasts gibt. Dort finden Sie auch unsere anderen Folgen rund ums Geld – von Altersvorsorge über nachhaltige Anlageformen bis zum Ehevertrag.

15 Wege zu passivem Einkommen

Zinsbasiert

1.Immobilien

2. Vermieten (Auto, Zimmer, Geräte)

3. ETFs/Dividenden

4. Kryptowährungen (Digitalwährungen, in die man investieren kann)

Systembasiert

5. Digitaler Content (E-Books, Bücher, Onlinekurse)

6. Nischen-Blogs zu sehr speziellen Themen (Kooperationen mit Unternehmen, Expert:innenWissen anbieten)

7. Kreatives verkaufen (Bilder, bedruckte T-Shirts ...)

8. Cashback-Programme (Bonusprogramm mit Geld statt Bonuspunkten)

9. Affiliate Marketing (Provision für Links zu Produkten)

10. Influencer:in werden/ Youtube-Videos produzieren

11. Musik komponieren

12. Eine Software/App programmieren und die Lizenz verkaufen

13. Franchise (Vermarktung von Produkten nach vorgegebenen Standards, z. B. Ladenketten)

14. Dropshipping (Form des Onlinehandels, bei dem man Produkte nicht auf Lager hat)

15. Netzwerk- oder Multilevel-Marketing (Produkte über selbstständige Partner:innen verkaufen, z. B. Tupper-Partys)

Laura Heyer ist BRIGITTE-Academy-Redakteurin und stellte bei ihren Recherchen für diesen Text fest, dass Geschäftsideen oft aus Alltags-”Problemen” geboren werden – etwa der Frage “Wie komme ich schnell und einfach an isländischen Lakritz?”

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