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Rente berechnen So geht es

Rente berechnen: Wecker und Münzgeld
© TimeShops / Shutterstock
Weißt du, wie viel Geld du im Alter haben wirst? Glückwunsch! Vielen geht es eher wie BRIGITTE-Redakteurin Claudia Münster: keine Ahnung. Deshalb hat sie probiert, Licht ins Dunkel zu bringen. 

Irgendwann fing es an, dass sich das Wort "Rente" immer häufiger in unsere Unterhaltungen schlich. Mal mit heiterem Unterton von Vorfreude und Tatendrang: "Das mach ich alles, wenn ich in Rente bin!" (monatelang reisen, Wohnung streichen). Mal grüblerisch, mit kleinen Fragezeichen: "Manchmal überlege ich, ob ich früher in Rente gehe. Aber ob ich mir das leisten kann?" Und oft hilflos und mit sehr großen Fragezeichen: "Ganz ehrlich, ich habe null Ahnung, wie viel Rente ich mal bekomme. Du?" Regelmäßige Antwort: "Weiß ich auch nicht."

"Die Rente" ist längst nicht mehr nur "die Rente"

Dass junge Menschen das sagen, ist kaum verwunderlich. Wie soll man bitte eine Vorstellung von seinen Altersfinanzen in 30 oder 40 Jahren haben? Aber meine Freundinnen und ich gehen (schon!) in zehn bis 15 Jahren in Rente, und auch wir haben keinen Durchblick.

Warum ist das so? Zu doof, zu nachlässig? Nein, wir können alle nichts dafür. Es liegt vor allem daran, dass "die Rente" längst nicht mehr nur "die Rente" ist. Früher bekam man sein Geld von der Deutschen Rentenversicherung (bis 2005 hieß sie Bundesversicherungsanstalt für Angestellte), und das war’s, und das reichte meist auch. Aber früher finanzierten sechs Beitragszahlende eine*n Rentner*in, bald liegt das Verhältnis nur noch bei zwei zu eins. Deshalb kam vor 20 Jahren die Rentenreform der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder mit der Botschaft: Leute, ihr müsst euch auch selbst kümmern. Verlasst euch nicht mehr allein auf die gesetzliche Rente.

Heute haben mehr als 16 Millionen Deutsche einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Fast genauso viele Verträge gibt es für die betriebliche Altersvorsorge. Dazu kommen mehr als 80 Millionen private Lebens- und Rentenversicherungen. Viele haben Immobilien, die sie bis zum Renteneinstieg abbezahlt haben wollen. Und so viele Menschen wie nie legen regelmäßig Geld in Fondssparplänen an.

Rentendurchblick mit Hilfe des Internets?

Verrückt: Wir machen also schon ganz viel, um fürs Alter vorzusorgen – aber wie viel es dann insgesamt sein und ob es reichen wird, wissen wir trotzdem nicht. Laut einer aktuellen Umfrage des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) können mehr als 35 Prozent der Frauen nicht oder nur sehr vage abschätzen, wie hoch im Alter ihr Einkommen sein wird. "Dafür muss man mühselig diverse mehr oder weniger verständliche Standmitteilungen aus den Aktenordnern kramen. Dann sind die Zahlungen mal in monatlichen Raten, mal als Kapitalbetrag ausgewiesen. Mal als garantierte Zahlungen und mal als mögliche Zusatzbeträge. Das alles ist so kompliziert, dass selbst Leute, die Mathematik studiert haben, oft aufgeben", sagt der Finanzprofessor Andreas Hackethal von der Goethe-Universität Frankfurt, der sich seit Jahren intensiv mit dieser Problematik beschäftigt.

Und die Kompliziertheit geht ja noch weiter: Manche Zahlungen – etwa ältere Lebensversicherungen – müssen nicht versteuert werden, andere schon. Nicht nur auf die gesetzliche Rente fallen Kranken- und Pflegeversicherung an. Und die Inflation lässt die Kaufkraft Jahr für Jahr schrumpfen.

Rentendurchblick? Eher Blackbox. Also habe ich versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Einfach im Internet "Rentencheck" oder "Rentenlücke berechnen" eingeben, und schon ploppen Dutzende hilfsbereiter Tools, Onlinerechner und Apps auf. Von Versicherungen, Fondsgesellschaften, Onlinemagazinen, Banken, dem Deutschen Institut für Altersvorsorge, der Deutschen Rentenversicherung selbst. Ich probiere ein paar aus, gebe aber bald entnervt auf. Denn: Keines bildet alle Zutaten ab, aus denen Altersvorsorge heute besteht. Bei vielen Anbietern kann ich nur meine gesetzlichen Rentenansprüche eingeben – aber auf die allein sollen wir uns doch gar nicht mehr verlassen. Mal muss ich selbst schätzen, wie hoch die Inflation sein wird (wer weiß das schon?), mal erfahre ich nur die Brutto-Summen, aber nicht, was mir nach Steuern tatsächlich bleibt. Und ganz oft werden mir am Ende meiner Eingaben die Produkte der jeweiligen Anbieter präsentiert: Riester-Verträge, Rentenversicherungen, ETF-Sparpläne. Wirklich unabhängig ist dieser Service also nicht.

Transparenter digitaler Rentenüberblick 

"Diese Rentenrechner haben zwei Seiten, das muss man sich bewusst machen", sagt Dorothea Mohn, Leiterin Finanzmarkt beim Verbraucherzentrale Bundesverband. "Auf der einen Seite, wenn es gut läuft, bekommt man eine angenäherte Schätzung dazu, was auf welchen Wegen im Alter an Geld zu erwarten ist. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass diese Instrumente genutzt werden, um Verbrauchern noch mehr Angst zu machen. Wir beobachten, dass die Rentenlücke bei diesen Berechnungen systematisch recht hoch ausfällt – das erzeugt Druck und drängt die Leute in Produkte, die möglicherweise gar nicht so gut auf die Altersvorsorge einzahlen, wie es erforderlich ist."

Eine unabhängige Übersicht wäre also super. Die Bundesregierung plant so etwas: Anfang des Jahres wurde ein Gesetz für einen transparenten digitalen Rentenüberblick verabschiedet. "Nur wer Bescheid weiß, kann gut vorsorgen", sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dazu. Die Ansprüche sollen einfach und auch für Laien nachvollziehbar in einem Onlineportal abzurufen sein. Ab Oktober 2023 sollen alle Anbieter – von Lebensversicherungen oder Betriebsrenten, Riester- oder Rürup-Renten – ihre Daten dafür bereitstellen.

Aber: Die Übersicht wird kein vollständiges Bild liefern. Es wird, sagt mir eine Sprecherin der Deutschen Rentenversicherung, einen Hinweis geben, ob Steuern und Sozialabgaben zu entrichten sind, aber nicht wie viel. Und wer neben gesetzlicher, Riester- und Betriebsrente und Versicherungen zum Beispiel auch noch mit Investmentfonds oder -sparplänen fürs Alter vorsorgt, wird diese Summen nicht in das Tool eingeben können. "Auch hier wird also die Rentenlücke größer dargestellt, als sie tatsächlich ist", kritisiert Dorothea Mohn. "Und Investmentfonds werden quasi schlechter gemacht, weil der Eindruck entsteht, sie seien nicht für die Altersvorsorge geeignet."

Digitales Rentencockpit 

Und so lande ich also bei Professor Hackethal von der Uni Frankfurt. Der ist seit fünf Jahren mit einem Team aus Wissenschaftler*innen und Programmier*innen dabei, "ein ganz schön dickes Brett zu bohren", wie er sagt: Sie haben ein digitales Rentencockpit entwickelt, in das alle, wirklich alle Möglichkeiten der Altersvorsorge einfließen, wo sie automatisiert zusammengefasst werden. In anderen Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden gibt es so etwas schon, "allerdings ist das System in Deutschland viel komplexer", sagt Hackethal. "So was wie Riester oder fünf Durchführungswege allein bei der betrieblichen Altersvorsorge – das sind deutsche Phänomene. In anderen Ländern sind Anbieter und Behörden auch schon viel stärker digitalisiert, dann ist die Zusammenführung solcher Daten natürlich wesentlich einfacher."

Hackethal schickt mir einen Testzugang. Die ersten Felder sind einfach auszufüllen: Aus dem Geburtsjahr – und damit aus dem regulären Jahr meines Renteneintritts – ergibt sich, wie viel ich von meiner Rente versteuern muss. Bei allen, die ab 2040 in Rente gehen, sind es die vollen 100 Prozent.

Mein Ziel-Einkommen, also wie viel Geld ich im Alter brauche: Mindestens 70, besser 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens solle man rechnen, sagen die Fachleute. Ein Rat, den ich nie verstanden habe. Woher sollen Menschen, die noch 30 und mehr Jahre arbeiten, wissen, wie viel sie dann verdienen werden? Ich setze lieber eine Summe ein, die sich gut anfühlt, wenn ich mir meinen Lebensabend in bunten Farben ausmale. Das Portal hilft mir mit ein paar Fragen, meinen Bedarf zu schätzen, etwa: Will ich später auf dem Land oder in der Stadt leben? Zur Miete oder in eigenem Wohneigentum? Daraus errechnet es (basierend auf den durchschnittlichen, anonymisierten Ausgaben mehrerer Tausend Renter*innen) meinen individuellen Rentenbedarf – in heutigen und in künftigen Preisen, denn das Cockpit berechnet auch gleich 1,2 Prozent jährliche Inflation mit ein.

Alles eine Frage des Geldes

Auch mein Renteneintrittsalter kann ich flexibel eingeben. Ich gehöre zum ersten Jahrgang, der regulär bis 67 arbeiten muss. Aber das heißt ja nicht, dass ich es tatsächlich tue. Alles eine Frage des Geldes.

"Damit können Sie jetzt herumspielen", sagt Professor Hackethal, und einen Moment bin ich irritiert, weil die Worte "spielen" und "Rente" in meinem Kopf doch sehr weit auseinanderliegen. Was er meint, ist: Das Rentencockpit rechnet mir in Sekunden aus, was sich ändert, wenn ich ein, zwei, drei, vier Jahre früher in Rente gehen möchte. Es zeigt mir den Bruttobetrag – und auch die Summe nach Abzug der Steuer. Ich sehe also, wie die Rentenlücke größer oder kleiner wird, je nachdem, wie früh ich aufhören möchte zu arbeiten. Für das Luxusleben, das ich mir ausmale, fehlen noch mehr als 2000 Euro. Ich schlucke. Aber bisher habe ich ja nur eine erste grobe Kalkulation vor mir.

In den nächsten Schritten kann ich die Standmitteilungen der gesetzlichen Rentenversicherung und aller anderen Verträge, wenn ich welche habe, eingeben – Lebensversicherung, Riester, Basisrente, Direktversicherungen … Entweder scannen oder abfotografieren und das PDF hochladen, oder die Daten manuell eintippen. "Die Software zur Erkennung der hochgeladenen Dokumente lernt täglich hinzu", sagt Hackethal, "das langfristige Ziel ist aber, dass all diese Informationen automatisiert direkt von den Anbietern in das Cockpit abgerufen werden können. Mit einer großen Versicherung haben wir das schon umgesetzt – ein Novum für Deutschland."

Annäherung zur Rentenlücke

Auch mit den Bankdaten von Depots und Sparkonten funktioniert das schon ziemlich gut: Denn auch die fließen in die Simulation mit ein. Das Rentencockpit rechnet für Spareinlagen, Aktien und Fonds jeweils hoch, wie viel sie bei meinem Renteneintritt wert sein werden – und wie viel mir das dann, umgewandelt in eine Leibrente, monatlich bringen wird. Genauso mein Haus. Ich gebe Adresse, Größe, Baujahr ein, und Sekunden später sehe ich Marktwert und potenzielle Mieteinnahmen. Wenn ich aber selbst darin wohnen möchte? Einmal klicken, schon taucht die Summe nicht mehr in der Kalkulation auf. Trotzdem spannend.

Als Hackethal und sein Team vor vier Jahren die Pilotstudie für das Cockpit machten, ließen sich mehr als 1000 Personen ausrechnen, wie viel sie im Alter haben würden. Bei 28 Prozent war die Summe geringer, als sie erwartet hatten, aber 23 Prozent waren positiv überrascht, sie hatten mit weniger gerechnet. Bei mir ist die Rentenlücke, nachdem ich alle Daten eingegeben habe, durchaus noch vorhanden, aber deutlich geschrumpft – und ich hatte mir ja auch eine üppige Summe vorgenommen.

Ohnehin ist das mit der "Rentenlücke" so eine Sache. "Man kann sie nicht exakt berechnen", sagt Verbraucherschützerin Mohn. "Man bekommt maximal eine Annäherung. Es gibt einfach zu viele Unsicherheiten. Alleine sind wir nicht in der Lage, die Inflation vorherzusagen, oder wie die Rentenanpassung von Jahr zu Jahr ausfallen wird, oder wie sich das eigene Einkommen weiterentwickelt." Natürlich solle man trotzdem so gut wie möglich fürs Alter vorsorgen, "aber normalerweise ist dabei doch eher die Frage, wie viel man tatsächlich sparen kann, und nicht, wie hoch die Rentenlücke ist."

Auch Hackethal sagt: "Die Rentenlücke ergibt sich nicht nur daraus, wie viel ich angespart habe oder wie hoch meine Rentenansprüche sind – sondern auch aus meinen eigenen Entscheidungen: Wie will ich im Alter leben? Wie lange will oder muss ich arbeiten?" Deshalb passt der Begriff "Cockpit" gut: Es gibt viele Regler, die variabel eingestellt werden können. Und je nach Ergebnis kann man entscheiden, was nun zu tun wäre.

Tatsächlich fühle ich mich jetzt, wo alle Informationen für meine Altersfinanzen an einer Stelle übersichtlich zusammengefasst und addiert sind, wirklich schlauer. Und motivierter. Der Kram ist sortiert, ich habe eine Idee, wie ich im Alter leben könnte. Und ein bisschen Zeit ist ja noch: Ein kleiner Sparplan zusätzlich ist bestimmt keine schlechte Idee.

Teste das Rentencockpit!

Hast du  Lust, an der Weiterentwicklung des Cockpits mitzuwirken? Das Team um Prof. Andreas Hackethal an der Goethe-Universität Frankfurt sucht Frauen in verschiedenen Altersgruppen, die das Tool ausprobieren und Input geben: Welche Wünsche hast du an das Rentencockpit, wie gehst du mit deinen persönlichen Ergebnissen um? Melde dein Interesse bis 15. August 2021 an auf rentencockpit-test.de.

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BRIGITTE 16/2021 Brigitte

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