Frauen überschulden sich

Immer mehr Frauen überschulden sich, schämen sich dafür und schweigen. Dabei liegt es oft gar nicht an ihnen

Zwei Jahre führte Lea Kramer* ein Doppelleben. Weder ihr Freundeskreis noch ihre damalige Fernbeziehung oder ihre Eltern wussten davon. Alle dachten, es gehe ihr gut. Denn die 38-Jährige hatte viel erreicht: Sie arbeitete als freischaffende Künstlerin, hatte ihr Fotografie-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, für ihre Projekte Stipendien bekommen. Trotzdem hatte sie Schulden: rund 50 000 Euro. Kramer tat alles, um aus den Miesen herauszukommen. Doch ihre Aufträge brachten nicht genug Geld. An manchen Abenden begann sie deshalb nach Sonnenuntergang einen zweiten Job: Flaschen sammeln. Stundenlang zog sie durch die Straßen. Und fischte morgens wieder Mahnungen aus ihrem Briefkasten. "Irgendwann war ich nur noch müde und antriebslos. Die Schulden wurden nicht weniger, egal, wie sehr ich kämpfte", sagt sie.

Schulden sind nicht mehr nur Männer Sachen

Schulden machen war lange vor allem Männersache. Laut Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform waren 2018 knapp 13 Prozent der Männer in Deutschland überschuldet, hatten also so hohe Schulden, dass sie sie trotz Sparmaßnahmen nicht zurückzahlen konnten. Doch seit der Jahrtausendwende geht es auch immer mehr Frauen so: Der Anteil der überschuldeten Verbraucherinnen wuchs von 6,09 (2004) auf 7,65 Prozent (2018) – ein Anstieg um 600 000 Frauen. Für Betroffene sei dabei nicht nur ihre finanzielle Not belastend, sagt Simone Weinke, Schuldnerberaterin bei der Verbraucherzentrale Münster. "Viele leiden psychisch enorm darunter, ihren Gläubigern etwas zu schulden." Das zeigt auch eine Klientenbefragung der Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein: Betroffene kämpfen häufig mit Depressionen, Schlafstörungen, sozialer Isolation, Angstzuständen. Und Scham. Viele redeten erst über ihre Schulden, wenn sie darunter zusammenbrächen, sagt Weinke.

So wie Lea Kramer. Erst nach zwei Jahren, als ihr damaliger Partner in Urlaub fahren wollte und sie aus Geldnot nicht mitreisen konnte, begann sie, über ihre Probleme zu sprechen. Angefangen habe alles im Studium, sagt sie. Weil ihre Eltern gerade noch genug verdienten, bekam sie kein BAföG. Erst versuchte sie, Miete und Essen mit Nebenjobs zu finanzieren. Als das nicht reichte, nahm sie einen Studienkredit auf: 36 000 Euro, abzuzahlen mit 160 Euro im Monat für 25 Jahre. Schon damals habe sie geahnt, dass das mal zur Bürde werden würde, aber nicht, "dass es so hart kommt."

Das betrifft zu viele, um ein Tabuthema zu sein.

"Es sind meist äußere Faktoren, die zur Überschuldung führen, nicht immer das eigene Fehlverhalten", sagt Expertin Weinke. Gerade Frauen sind gefährdet, da ihre Jobs oft schlechter bezahlt, in Teilzeit oder befristet sind. Kommt dann eine Trennung dazu, können sie einst gemeinsam aufgenommene Kredite nicht mehr abbezahlen und müssen plötzlich alle Fixkosten allein stemmen. Das erlebte Janina Gromes aus Bielefeld. Die gelernte Einzelhandelskauffrau in Elternzeit kümmert sich seit rund einem Jahr allein um ihre drei Kinder, zwei davon im Kleinkindalter. In ihrem Blog the-single-mom.de schreibt die 32-Jährige über ihre Schulden. "Das betrifft zu viele, um ein Tabuthema zu sein", sagt sie. Weil ihr Ex-Partner häufig den Job wechselte, sei Geld bei ihnen früher schon knapp gewesen. Als sie sich dann trennten und er auszog, saß Gromes allein auf den Kosten für Telefon, Auto und Möbelkredite. Aus 6000 Euro Schulden wurde schnell das Doppelte.

Solche Schicksalsschläge lassen sich nicht vorhersehen. Es gibt aber Faktoren, die ein Abrutschen in die Schuldenfalle begünstigen: Das Gehalt ist zur Monatsmitte aufgebraucht, immer öfter müssen Überziehungskredite aushelfen. Spätestens wenn erste Mahnungen kommen oder die Bank den Dispo kündigt, sollte man eine Schuldnerberatung aufsuchen, empfiehlt Weinke. Lea Kramer hatte das verpasst und bereut es. Weil sie versuchte, den Studienkredit abzubezahlen, reichte es mal bei der Versicherung nicht, mal beim Strom. Hinzu kam ein weiterer Kredit, als sie ihren kaputten PC ersetzen musste. Gläubiger drohten jetzt häufiger mit Pfändungen und Klagen. "Ich dachte immer, es ist meine Schuld und ich muss das allein schaffen", sagt sie. "Hätte ich so weitergemacht, wäre ich auf der Straße gelandet."

Hilfe bekommt man auch bei der Schuldnerberatung

Auch Petra Koch säße ohne fremde Hilfe noch lange auf ihren Schulden. Die alleinerziehende Mutter führte jahrelang zwei Cafés in Osnabrück. Dann ließ eine Baustelle vor ihrer Tür die Umsätze einbrechen – der Anfang einer Schuldenspirale. Im Herbst 2013 hatte sie keine Kraft mehr: Ihre Schulden bei Vermieter*innen, Lieferant*innen, Freund*innen und der Bank waren so hoch, sie hätte sie bis zur Rente nicht zurückzahlen können. Koch hängte ein Schild ins Fenster: geschlossen. "Das war schrecklich", sagt die 52-Jährige. "Ich habe viel geweint." Zwei Wochen lang saß sie im verschlossenen Café, um Abschied zu nehmen. Dann ging sie zu einem Insolvenzanwalt.

Reicht das Einkommen auf Dauer, um die Forderungen zurückzuzahlen, kann eine Umschuldung helfen. So unterstützt einen zum Beispiel die Schuldnerberatung, alle Verpflichtungen in einen großen Ratenkredit bei der Bank umzuwandeln. Auf diese Weise gewinnt man den Überblick zurück, ob die regelmäßigen Einkünfte die monatlichen Raten überhaupt decken können. Das lohnt sich allerdings nur, wenn der neue Kredit geringer verzinst ist als die alten und kaum Extrakosten für den Vertragsabschluss entstehen.

Wenn Privatinsolvenz die letzte Lösung ist

Bei Petra Koch reichte es nicht. Ihr Anwalt versuchte sich mit den Gläubiger*innen zu einigen, die Forderungen gegen sie zu reduzieren oder die Raten zu senken – erfolglos. Koch musste Privatinsolvenz anmelden, das zuständige Gericht eröffnete ein Insolvenzverfahren. Dabei müssen Verschuldete über einige Jahre ihr Einkommen oberhalb einer gesetzlichen Pfändungsgrenze von mindestens 1180 Euro abgeben, je nach Verdienst und Anzahl der Kinder variiert der Freibetrag. Bei Koch waren es 1630 Euro, nachdem sie einen Teilzeitjob in der Flüchtlingshilfe fand. "Genug Geld zum Leben", sagt sie. "Durch den Sozialstaat aufgefangen zu werden, war eine große Hilfe." Allerdings durfte sie keine Kreditkarten mehr benutzen, und die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) vermerkte, dass sie Mahnungen nicht bezahlen konnte. Diese Information erreichte andere Firmen, etwa die Verkehrsbetriebe. Koch konnte ihrem Kind keine Monatskarte mehr kaufen, ihr wurde nicht mehr vertraut. Aber die Erleichterung überwog, sie wusste: Nach spätestens sechs Jahren ist sie schuldenfrei.

Lea Kramer entschied sich gegen eine Privatinsolvenz. Durch das Verfahren wäre sie als freischaffende Künstlerin nicht mehr vertragsfähig. Die Schuldnerhilfe konnte sich aber mit ihren meisten Gläubiger*innen auf einen Vergleich einigen: Als ihre Familie von den Schulden erfuhr, legten ihre Verwandten zusammen und boten 23 Prozent der Summe als Sofortzahlung an. Nur die Bank, die den Studienkredit gegeben hatte, lehnte ab. Diese Schulden werden Kramer bleiben. Dennoch geht es ihr deutlich besser: "Ich übernehme die Verantwortung für meine Schulden. Und weiß nun: Ich muss mich nicht schuldig fühlen."

*Der Name wurde von der Redaktion geändert

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BRIGITTE 16/2019

Wer hier schreibt:

Katja Scherer
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