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Umgang mit Geld Geprägt durch die Kindheit

Umgang mit Geld: Kinder halten Münzen in den Händen
© A3pfamily / Shutterstock
Wie wir mit Geld umgehen, hat seine Wurzeln auch in unserer Kindheit. Birgit Happel entschlüsselt mit Frauen diese Geldbiografie – denn die kann uns ein Leben lang ausbremsen. Ein Gespräch über Prägungen und blinde Flecken.

Frau Dr. Happel, unter einer Biografie kann ich mir etwas vorstellen, aber was ist eine Geldbiografie?

DR. BIRGIT HAPPEL: Das Zusammenspiel unserer Lebensgeschichte und unseres Umgangs mit Geld. Unsere Lebensentscheidungen sind ja oft vom Geld beeinflusst. Umgekehrt ist unser Verhältnis zum Geld davon geprägt, wie wir aufgewachsen sind, welche Entscheidungen wir im Leben getroffen haben. Ich rekonstruiere diese Wechselwirkung.

Wie sieht Ihre eigene Geldbiografie aus?

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und bin eher sparsam sozialisiert. Meine Mutter war Vollzeit berufstätig in der Bekleidungsindustrie. Mein Vater Orthopädiemechaniker und hat nebenbei Gemüse angebaut und Tiere aufgezogen. Er konnte uns selbst versorgen und hat nicht viel Geld gebraucht. Lebensmittel wegzuwerfen, das kannte ich von zu Hause nicht. Ich bin noch eine Kriegsenkelin. Später bin ich für meine Bankausbildung vom Dorf bei Aschaffenburg nach Frankfurt gegangen. Da wurde das Leben spannender, aber natürlich auch teurer. Ich musste lernen, auch auszugeben, zum Beispiel für gute Kleidung, die einfach zum Beruf gehörte.

Wie beeinflussen uns unsere Herkunft, unsere Familie genau, wenn es ums Geld geht?

Es gibt in der Geldbiografie zwei grundsätzliche Typen: den Nachahmungs- und den Abgrenzungs-Typ. Niemand sagt: "Meine Eltern sind schlecht mit Geld umgegangen. Ich mach das jetzt genauso schlecht." Aber es gibt schon Muster. Eine Frau erzählt mir: "Bei uns stand früher immer der Gerichtsvollzieher vor der Tür." Die Frau selbst ist sehr sparsam. Da ist eine Vorsicht entstanden, eine Abgrenzung. Geldbiografien sind ein großer Schlüssel für den eigenen Umgang mit Geld. Aber auch für mögliche Veränderungen, wenn Geld ein problematisches Thema ist.

Gibt es da besonders prägende Momente in der weiblichen Biografie?

Die Hausfrauenehe zum Beispiel. Ich höre oft: "Meine Mutter wollte arbeiten, aber mein Vater hat es nicht unterstützt." Diese jahrzehntelange finanzielle Abhängigkeit hat ihre Spuren hinterlassen und sich auf Söhne wie Töchter ausgewirkt. Die Abhängigkeit wird entweder unreflektiert weitergelebt oder um jeden Preis vermieden.

Tun Frauen sich eigentlich wirklich schwerer mit dem Thema Finanzen als Männer, oder ist das ein Klischee?

Wenn es um Finanzen geht, begegnet uns in der Schule und in den Medien ja vor allem der "Homo oeconomicus", das Prinzip der Nutzenmaximierung. Das spricht Frauen per se weniger an. Aber bei Geld geht es eben nicht nur um abstrakte Zahlen, sondern um Werte: Wie wollen wir leben? Was ist uns wichtig? Es macht Spaß, sich damit zu beschäftigen. Ich habe mit einer Volkswirtin gearbeitet, die sehr gut mit ihren beruflichen Budgets umgeht. Aber sie schaffte es nie, sich ihr privates Geld einzuteilen. Das finde ich spannend. Da muss man genauer hinsehen, wo das herkommt und wie man Abhilfe schaffen kann.

Zum Beispiel frage ich nach den fünf wichtigsten eigenen Werten. Viele Frauen haben darauf erst mal keine Antwort.

Wie finden Sie das heraus?

Meine erste Frage lautet meist: "Was bedeutet Ihnen Geld?" Da sagen die einen "Sicherheit" und die anderen "Unabhängigkeit" oder "Freiheit". Dahinter stehen soziale Muster. Wenn wir uns dann mit der jeweils anderen Sichtweise beschäftigen, wird uns der eigene Umgang mit dem Geld bewusster. Auch schauen wir konkret auf die Budgetplanung. Was kommt rein? Was gibt man aus und wofür? Dann geht es um Ziele und den Vermögensaufbau. Da sieht man schon, wo Vermeidungsstrategien auftauchen, Vorbehalte und Vorurteile. Die müssen aufgedröselt und entkräftet werden, um neue Wege aufzuzeigen. Zum Beispiel frage ich nach den fünf wichtigsten eigenen Werten. Viele Frauen haben darauf erst mal keine Antwort. Da werden blinde Flecken deutlich, eigene Baustellen, über die man reflektieren muss. Die sind ja ganz eng mit unserer Biografie verknüpft. Nicht nur mit dem Elternhaus, auch mit der aktuellen Lebenssituation.

Sie klären in Ihren Kursen über die finanziellen Fallen auf, die sich für Frauen im Laufe des Lebens auftun. Wer will das wissen?

Klassischerweise Multiplikatorinnen, Young Professionals oder auch Frauen, die zwei, drei Jahre Familienzeit hatten und dann schauen, wie sie wieder einsteigen oder vielleicht auch etwas Eigenes gründen können. Dabei spielt das Money-Mindset ja auch eine große Rolle: Ist das nur ein schönes Hobby oder bringt das Geld? Und es kommen geschiedene Frauen, die mit Mitte 40 eine lange Arbeitspause hatten und jetzt versuchen, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Sie stehen enorm unter Druck. Das gibt ihnen nicht gerade die Souveränität, sich gut zu verkaufen.

Was können die von Ihnen lernen?

Zum Beispiel, dass Sparsamkeit allein Selbstständige nicht weiterbringt. Man muss sich trauen zu investieren, schicke Fotos zu machen, Flyer und eine Website zu erstellen. Wer sich ein tragfähiges Geschäftsmodell aufbauen will, darf nicht knausern. Genauso wie Angestellte lernen können, selbstbewusst ihr Gehalt zu verhandeln. Die Einstellung zum Geld hat auch mit Selbstliebe und Selbstwertgefühl zu tun – dass man sich selbst und die eigene Leistung wertschätzt.

Verantwortung für den eigenen finanziellen Lebenslauf übernehmen – wie geht das?

Das hat viel mit Aushandeln zu tun. Eine junge Frau erzählte mir neulich: "Mein Partner und ich wollen zusammenziehen. Er sagt, wir machen halbe-halbe mit der Miete." Dabei verdient sie viel weniger als er. Da würde man rein rational sagen, wir machen das anteilig. Oder wenn die Freiberuflerin zu Hause arbeitet, wo sich die Kinder streiten, gekocht werden muss und Arzttermine anstehen – da muss ich auch meine Bedürfnisse zum Geldverdienen klarmachen und darf kein zu großes Harmoniebedürfnis haben. Das trägt man besser zeitig aus, bevor eine innere Kündigung der Beziehung stattfindet.

Sprechen Sie da auch aus Erfahrung?

Ich habe das tatsächlich am eigenen Leib erfahren. Wir sind eine Zeit lang in eine klassische Rollenverteilung gerutscht. Die Kinder waren klein und meine Mutter erkrankte an Demenz. Ich übernahm die Betreuung für sie, später auch die Pflegeverantwortung für meinen Vater. Mein Mann wollte seine Arbeitszeit nicht reduzieren, und meine beruflichen Nischen waren in Frankfurt, Bonn oder Berlin. Die Kinder wären jeden Abend bereits im Bett gewesen oder ich hätte sie unter der Woche gar nicht gesehen. Das war auch nicht meine Idee von Familie. Ich habe damals unterschätzt, wie schwer der Wiedereinstieg nach einer längeren Auszeit ist. Stattdessen habe ich dann promoviert und mich selbstständig gemacht.

Wenn es selbst einer Finanzfrau so geht …

Ich sag mal so: Auf Instagram wird das alles rosig dargestellt mit dem Money-Mindset: nur den Schalter im Kopf umlegen für finanzielle Unabhängigkeit. Aber wenn dann das Leben an die Tür klopft, kommt es darauf an, wie man antwortet. Letztendlich musste auch ich das mit meinem Mann aushandeln, der sich dann sehr eingebracht hat in die Familie.

Passiert bei Frauen immer noch viel aus Liebe, aus Pflichtgefühl oder Unsicherheit?

Geld hat immer eine große emotionale Bedeutung. Dazu gehört auch unser Idealismus. Ich hatte neulich einen Finanz-Workshop mit Fachkräften aus der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Vor fünf Jahren wäre so eine Gruppe noch nicht zustande gekommen. Geld war in diesem Bereich eher negativ besetzt. Eine typische Vermeidungshaltung, die sich langsam auflöst. Bei immer mehr Frauen wächst die Erkenntnis: Ich kann nicht nur von Werten allein leben, ich möchte auch gerecht entlohnt werden.

Ihre eigene Geldbiografie zeigt dieses Abwägen zwischen Idealismus und finanziellem Fortkommen.

Mit Anfang 20 war ich eine der jüngsten Wertpapierberaterinnen Frankfurts. Ich hatte einen sehr guten Job und vermögende Kundinnen und Kunden. Aber auf dem Weg zur Arbeit täglich an der Armut des Frankfurter Bahnhofsviertels vorbeizulaufen, änderte meine Karrierepläne. Ich wollte einen Beitrag leisten, der darüber hinausgeht, wohlhabende Menschen noch wohlhabender zu machen. Darum das Studium: Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaft – das sind noch immer meine Themen, vor allem wirtschaftliche Unabhängigkeit und finanzielle Gleichstellung. In der Biografieforschung schauen wir auch auf das ungelebte Leben. Welche Potenziale schlummern da noch im Verborgenen? Es liegt viel Kraft für Veränderung in der Frage: "Ist das überhaupt das Leben, das ich leben möchte?" Es sind längere Prozesse, um sich das bewusst zu machen. Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten: zum Beispiel eine Frau, die mit 52 Jahren noch mal ein Bachelorstudium in Informatik aufnimmt. Nach 18 Jahren unbezahlter Sorgearbeit.

Noch mal zurück zur Geldanlage: Stehen sich Frauen mit ihrem Perfektionismus selbst im Weg?

Das kann passieren. Mir begegnen Frauen, die alles 150-fach verstehen wollen. Da muss man nachdenken, ob das keine Vermeidungsstrategie ist. Natürlich sollten Frauen so viel wie möglich über Finanzen lernen. Das Thema finanzielle Bildung wird in Deutschland ja immer noch vernachlässigt. Aktienfonds kaufen, dabei gut streuen – das geht auch mit kleinen Beträgen. Es geht vor allem darum, eine positive Sicht auf das Thema Geld zu gewinnen. Das wirkt sehr befreiend.

Die Spur des Geldes
Birgit Happel schrieb ihre Doktorarbeit zum Thema "Geld und Lebensgeschichte"; das ist auch der Titel ihres Buches (Campus).Seit zehn Jahren arbeitet sie als Trainerin und Referentin für Finanzbildung und Gleichstellung(www.geldbiografien.de). Sie ist Mitglied von UN Women Deutschland und engagiert sich im Vorstand des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz.

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Nadja Bossmann stand schon als Schülerin finanziell auf eigenen Beinen. Als freie Journalistin mit vier Kindern heißt ihr Money-Mindset: Ist das Ihr bestes Angebot?

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11/2021 Brigitte

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