„Man muss an sich selbst glauben, um vor anderen zu beweisen, was man kann.“

Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes setzt sich seit Jahren gegen Gender-Klischees und für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit ein. Bei unserem BRIGITTE Academy Work-Life-Retreat auf Mallorca ist sie Keynote-Speakerin und wird mit den Teilnehmerinnen über die Herausforderungen von Frauen in der Medienbranche, Gender-Klischees und Role-Models diskutieren.

Liebe Collien, helfen Rolemodels, Frauen mehr Selbstvertrauen zu geben?
Ich finde, man braucht gar nicht nur ein einziges Rolemodel, das man über sein gesamtes Leben stülpen kann und dem man alles nachmacht. Grundsätzlich ist es ja so, dass wir uns alle gegenseitig beeinflussen und dadurch so etwas wie Zeitgeist entsteht. Daher finde ich es wichtig, dass wir in unseren Medien auch Frauenfiguren zeigen, die sich nicht nur durch schönes Aussehen auszeichnen und als dekoratives Element verstanden werden. Das Frauenbild im TV könnte ruhig etwas vielfältiger sein 

Hast du erlebt, dass du in solche veraltete Rollenklischees gesteckt werden solltest?
Ja, oft. Mir wurde mal ein TV-Format angeboten und auf meine Frage, wann ich denn die Moderationstexte einreichen soll, bekam ich die Antwort, dass ich meine Texte nicht selbst schreiben bräuchte. Es werde nur eine gut aussehende Frau gesucht, die – und das wurde tatsächlich genau so gesagt – gut in die Deko passe. Ich habe natürlich sofort abgelehnt. Dabei ist es doch viel toller, wenn Moderatorinnen sich auch durch inhaltliche Wiedererkennbarkeit auszeichnen und nicht nur dadurch, dass sie ganz süß in der Deko aussehen und schöne Klamotten tragen. Bei Co-Moderationen beispielsweise wurde ich öfter gebeten, nicht so viele Witze zu reißen, weil dem männlichen Kollegen der witzige Part zugedacht wurde. Das würde ja auch viel besser zu einem Mann passen.

Vor ein paar Wochen ist deine zweiteilige Doku im ZDF zu dem Thema „Helikoptereltern“ erschienen. Darin zeigt ihr durch Experimente und in Gesprächen mit Experten, wie schmal der Grat zwischen liebevoller Fürsorge und beengender Bevormundung ist.
Ich freue mich, dass ich mich für das ZDF solch spannenden und relevanten Themen widmen darf. Ich habe in meinem engen Umfeld sehr viel mit diesem Phänomen "Helikoptereltern" zu tun und als wir das Thema mit der Produktionsfirma besprachen, haben es alle am Konferenztisch genau so gesehen. Es ist ein Phänomen, das wir für sehr aktuell und sogar zunehmend halten. Ob das aber tatsächlich der Fall ist oder nur eine gefühlte Realität, wollten wir mit Experten und Expertinnen abklopfen.  

Was hast du während den Dreharbeiten gelernt?
Das Tolle an solchen Formaten ist, dass man sich auf eine Reise begibt und am Ende immer mit einem großen Erkenntnisgewinn raus geht. So, wie es die Zuschauerinnen erleben, wenn sie die Dokus anschauen, so ergeht es mir auch. Ich habe einiges mitgenommen, was ich auch mit meinem Kind anders machen möchte. 

Hast du ein Beispiel aus deinem Familienleben?
Bei uns ist es das Thema Schulweg, das ja auch in der Doku hinreichend behandelt wird. Früher sind rund 90 Prozent der Grundschulkinder gelaufen, heute werden deutlich mehr Kinder via Eltern-Taxi chauffiert. Unsere Tochter geht in einer anderen Stadt zur Schule, weswegen sie von uns gebracht wird, und da dachte ich immer, bei uns geht es ja gar nicht anders. Das war immer unsere Ausrede. Aber einer unserer Experten, der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sagte dazu, dass man sein Kind ja zumindest an einer Ecke, vielleicht ein paar hundert Meter vor der Schule aus dem Auto rauslassen kann. So dass es noch selbstständig einen Teil der Strecke zurücklegen kann. Und er hat recht! Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Seit den Doku-Drehaufnehmen läuft unsere Tochter einen Teil des Schulweges alleine und ist ganz stolz. 

Hast du schon anderes Feedback zu deiner Doku bekommen?  Interessanterweise haben ich viele Rückmeldungen von Erwachsenen bekommen, die als Kinder Helikopter-Eltern hatten. Sie sind als Kinder teilweise richtig verzweifelt, weil ihre Eltern sie nichts selbstständig haben machen lassen und ihnen nichts zugetraut wurde. Das hat bei ihnen, so schreiben sie, wahnsinnig viel mit ihrem Selbstbewusstsein gemacht. Dabei ist es total wichtig, dass Kinder auch Dinge ausprobieren dürfen, Dinge von denen sie vielleicht auch selbst denken, dass sie das niemals alleine schaffen werden. Und sollte es tatsächlich nicht auf Anhieb klappen, ist auch das wichtig für ihre Entwicklung, weil dadurch Lernprozesse angestoßen werden, sie lernen, woran sie gescheitert sind und was sie das nächste Mal besser machen können. 

Wir erziehen also heute die selbstbewussten Frauen von morgen, die keine Angst haben, zu scheitern? 
Unser Experte, der Gehirnforscher Dr. Ralph Dawirs, sagt in der Doku, wie wichtig es für Kinder ist, ausprobieren, hinfallen, wieder aufstehen und wiederholen zu dürfen. Ich finde, das ist ein ganz starkes Statement, das es auf den Punkt trifft, weil man eben durch die Fehler und die Wiederholung lernt.

Selbstwirksamkeit und Selbsterfahrung sind eben ganz wichtig für das eigene Selbstvertrauen …
Auf jeden Fall. Im Schauspiel-Business muss man ja permanent auf Castings rennen. Bei Massencastings, bei denen 300 Leute für die gleich Rolle vorsprechen, ist man dann natürlich total entsprechend aufgeregt und muss deshalb erst einmal auf sich selbst vertrauen. Man muss an sich selbst glauben können, um vor anderen zu beweisen, was man kann. Natürlich klappt es nicht immer. Aber auch das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass man lernt, dass auch Niederlagen dazu gehören. Deswegen müssen Kinder lernen, dass eine Niederlage nicht das Ende der Welt bedeutet, sondern dass auch Scheitern Teil des Lebens ist und es trotzdem weitergeht. Wenn Eltern ihren Kindern aber sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen, sie vor jedem Scheitern bewahren, werden die Kinder genau dieser wichtigen Erfahrung beraubt.

Danke für das Gespräch, Collien. 

Trefft Collien beim BRIGITTE Academy Work-Life-Retreat:


 

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