Achtsamkeit in Unternehmen

Achtsamkeit ist inzwischen auch in vielen großen Unternehmen angekommen. Nur ein schicker Trend oder der Beginn eines Wertewandels?

Günter Hudasch war früher selbst Führungskraft und ist heute Vorsitzender des Berufsverbands der MBSR- und MBCT-Lehrer. Die etwa 800 Achtsamkeitstrainer unterrichten achtwöchige Achtsamkeitskurse, die Stress reduzieren (MBSR) und Depressionen und Ängsten (MBCT) vorbeugen sollen. Hudasch berät außerdem Unternehmen zum Thema "Achtsam führen" und schult selbst Manager und Mitarbeiter.

Günter Hudasch, 63, hat viele Jahre als Führungskraft in der Berliner Verwaltung gearbeitet. Heute gibt er für Mitarbeiter und Manager Kurse zum Thema Achtsamkeit und ist Vorsitzender des MBSR- und MBCT- Verbandes (www.mbsr-verband.de sowie www.achtsam-arbeiten.de).

BRIGITTE: Herr Hudasch, warum entdecken Unternehmen Achtsamkeit gerade jetzt? GÜNTER HUDASCH: Weil das Leiden so groß ist. Besonders Manager kämpfen tagtäglich mit der Aufgabe, fokussiert zu bleiben. Sie arbeiten in einem Umfeld von Multitasking und Ablenkung - und haben dennoch die Aufgabe, den Überblick zu bewahren, gute Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen. Sie brauchen einen klaren, wohl sortierten Geist. Das ist allen klar. Aber es gelingt immer weniger. Weder Mitarbeitern noch Führungskräften. Und viele werden von all dem Stress sogar krank. Manchmal entsteht dann der Impuls, dass man neue Wege ausprobieren möchte. Und da kommt die Achtsamkeit ins Spiel. 

Wäre es nicht vielversprechender, wenn die Unternehmen den Druck rausnehmen würden? Sprich: auf Umstrukturierungen und Personalabbau verzichten? Natürlich können Unternehmen eine gute Führungskultur pflegen und mit ihren Beschäftigten fair umgehen und so bessere Bedingungen schaffen. Aber gerade das Tempo, die Globalisierung und die Reizüberflutung kann man vermutlich nicht abschaffen. Es ist ja so: Wir leben in einer entgrenzten Welt, alles ist immer verfügbar. Arbeit, Kommunikation, Veränderungen - all das wird immer schneller. Und das ist für einen untrainierten Geist sehr stressig. Wir können diese Welt kaum ändern, aber einen neuen Umgang damit finden. Und das macht Achtsamkeit möglich. Indem wir unseren Geist trainieren und lernen, nicht auf jeden Impuls aufzuspringen, entwickeln wir eine innere Ruhe und eine Kompetenz, anders mit den Dingen umzugehen.

Provokant könnte man es auch so sehen: Achtsamkeit als neue Methode, um die Mitarbeiter zu noch mehr Leistung anzutreiben? Einige Anbieter werben sogar mit diesem Versprechen, Führungskräfte und Mitarbeiter durch Achtsamkeitstrainings leistungsfähiger zu machen. Aber meiner Erfahrung nach machen die Leute die Übungen - die ja durchaus anstrengend sind -, weil sie leiden. Sie kommen mit dem Stress oder der Reizüberflutung nicht mehr klar und suchen nach Auswegen. Und sie merken schnell, wie Achtsamkeit ihnen dabei nützt. Dass man sich besser konzentrieren kann, ist tatsächlich ein Effekt - aber die Bewusstheit steigt auch. Ich höre im Anschluss an Kurse oft, dass die Leute weniger Überstunden machen - und dabei kein schlechtes Gewissen mehr haben, so wie früher. Sie sehen, was sie leisten. Und sie können akzeptieren, dass man in der modernen Arbeitswelt niemals alles schaffen kann, was man könnte oder sollte. Sie können Themen loslassen, die nichts bringen. Achtsamkeit steigert also tatsächlich die Leistungsfähigkeit - aber nicht in einem ausbeuterischen Sinn.


Gibt es Unternehmen, in denen Achtsamkeit bereits fester Teil der Kultur ist? In einigen Firmen, die ich berate, hat bereits die Hälfte der Führungskräfte Achtsamkeitskurse gemacht, das Thema gehört ganz normal zur Unternehmenskultur. Da ist es nicht unüblich, dass es vor einem Meeting eine Minute der Besinnung gibt. Oder Mitarbeiter mittags 15 Minuten meditieren. Aber "achtsames Unternehmen" würde ich das nicht nennen. Die Teilnahme an den Kursen ist ja freiwillig - und das ist auch richtig so.

Die Mitarbeiter fühlen sich gehört und wertgeschätzt

Wird sich "Mindful Leadership", also ein achtsamer Führungsstil, Flächendeckend durchsetzen?
 Ja, ich denke, dass Achtsamkeit eine neue Kulturtechnik ist. Die Wirtschaft steht an einem Punkt, an dem sichtbar wird, dass immer neue und höher gesteckte Ziele nicht dazu führen, dass Unternehmen besser laufen. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen entwickeln psychische Probleme. Manche Unternehmen rücken deshalb den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt und damit auch die Frage, wie der Mensch mit der modernen Welt gut zurechtkommen kann. Langfristig könnte sich daraus ein echter Wertewandel entwickeln. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass irgendwann alle Menschen Grundkenntnisse in Achtsamkeit haben - so wie heute fast alle Grundkenntnisse im Bedienen eines Computers haben. 

Führungskräfte sind ja nicht gerade bekannt dafür, dass sie gern still sitzen. Wie bekommen Sie die zum Meditieren? Ich erkläre ihnen zu Beginn, was Achtsamkeit im Kern ist: nämlich ein Training für den Geist. Ziel ist, dass er nicht getrieben ist durch unsere Wünsche, Ablenkungen, all die Unterhaltung, die uns umgibt, und unsere gewohnten Reaktionen darauf. Das finden Führungskräfte durchaus spannend.


Und dann lassen Sie alle als Erstes gemeinsam atmen? Genau. Und die meisten sind sehr erstaunt darüber, dass man als intelligenter Mensch nicht eine Minute bei seinem Atem bleiben kann, ohne an etwas anderes zu denken.

Wie viel Achtsamkeitstraining brauchen Führungskräfte, um daran etwas zu verändern?
 Achtsamkeit entsteht durch Üben. Ein MBSR-Kurs dauert acht Wochen - und nach ungefähr sechs Wochen spürt man, dass sich grundlegend etwas ändert.

Was denn? Viele erzählen, dass Mitarbeiter sie ansprechen, weil sie auffällig ruhiger seien und besser zuhören würden. Gelassenheit und besser zuhören können - das sind die ersten wichtigen Veränderungen. An diesen Faden können wir im Kurs weiter anknüpfen und immer mehr Achtsamkeit in den Arbeitsalltag übertragen.

Was verändert sich im Idealfall weiter? Wer Achtsamkeit übt, merkt beispielsweise, dass vieles von dem, was wir im Unternehmen als Impuls für Aktion wahrnehmen - wie E-Mails, Anrufe, plötzliche Planänderungen -, eigentlich sehr eng mit der Arbeitsweise unseres Gehirns zusammenhängt und objektiv gesehen gar nicht so antreibend sein müsste. Ein Anruf, ein aufgeregter Chef - all das könnte man auch erst einmal wahrnehmen und dann ruhig abwägen, welche Reaktion jetzt sinnvoll ist. Vielleicht ist es manchmal gerade gut, nichts zu tun. Zum Beispiel nach dem wichtigen Gespräch zurückzurufen, statt sich ständig unterbrechen zu lassen. Oder dem Chef einfach erst einmal zuzuhören, statt sofort mit Rechtfertigungen eine Gegenaktion durchzuführen. Viele stellen also fast automatisch den Zwang zu Hektik im Joballtag infrage. Manche ziehen daraus die Konsequenz, dass sie das Handy öfter ausschalten. Andere erkennen, dass sie für ihre Mitarbeiter störungsfreie Arbeitszeiten ermöglichen müssen. Wieder andere verbannen als Erstes Computer und Handys aus dem Meeting.

Das ist für einige bestimmt
 nicht einfach...
 Nein, aber wenn die typischen Denk- und Verhaltensmuster sichtbar werden, sieht man auch, ob sie hilfreich sind oder nicht. Und so manche traditionelle Überzeugung von Chefs ist nicht hilfreich. Zum Beispiel diese Fixierung auf Ziele. Führungskräfte sind oft extrem fokussiert auf Ziele - und jedes Problem gilt als unliebsame Störung. Doch diese enge Sicht blendet Möglichkeiten aus. Wenn sie diese Muster erkennen und loslassen können, haben sie plötzlich den Kopf frei, um dem Mitarbeiter wirklich zuzuhören und ihn ernst zu nehmen. Sie können Prioritäten setzen, die nicht angstgetrieben, sondern im Sinn aller Beteiligten klug sind. Die Mitarbeiter fühlen sich plötzlich gehört und wertgeschätzt. Das ist in unserer Arbeitswelt eigentlich das Wichtigste, um gut arbeiten zu können. Ein achtsamer Chef kann sehr viel verändern.


Brigitte 17/2018

Wer hier schreibt:

Carola Kleinschmidt
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