Anja Förster: Deshalb ist Querdenken so wichtig im Job

Der Kommentar eines Vorgesetzten brachte Anja Förster auf die Idee, sich selbstständig zu machen. Jetzt motiviert sie Führungskräfte und Mitarbeiter, Strukturen mutig und kreativ zu hinterfragen. 

Um das Jahr 2000 gehört die Unternehmensberaterin Anja Förster zu den High Potentials in ihrer Firma. Sie ist intelligent, schnell und leistungsstark. Doch als das Team den Abschluss einer erfolgreichen Beratung feiert, beugt sich einer, der bereits die Partnerebene erklommen hat, vertraulich zu ihr: "Du hast immer zu allem eine eigene Meinung. Überdenk das noch mal." Förster versteht die Botschaft: Wer Karriere machen will, muss lernen, als Rädchen im System zu funktionieren und sich nicht querzustellen. Das ist das Corporate-Spiel. Und sie spürt so klar wie nie zuvor: Das Spiel will ich nicht mitmachen – und verlässt das Unternehmen.

Förster wird professionelle Querdenkerin 

Ihren vermeintlichen Makel macht sie zum Kern ihres eigenen Geschäfts: Förster wird professionelle Querdenkerin, eine, die alle Weisheiten der Wirtschaft infrage stellt. Ihren Mann nimmt sie gleich mit ins Abenteuer Selbstständigkeit. "Peter lehrte an der Uni und leitete gerade eine Studie über Wirtschaftsdisruptoren", erinnert sich die heute 51-Jährige. Ihn beschäftigten die ersten Gründer und Gründerinnen, die Wirtschaftswahrheiten auf den Kopf stellten: Anita Roddick, die 1976 den ersten Body Shop mit ethisch korrekter Kosmetik ohne Tierversuche eröffnete – heute ein Weltkonzern. Oder Nicolas Hayek, der mit der erschwinglichen Swatch-Uhr den Schweizer Uhrenmarkt revolutionierte: "Ich war begeistert von diesen Typen, die sich nicht um Regeln scherten und dennoch oder gerade deshalb gute Sachen in die Welt brachten." Querdenker wie sie.

Dass Wirtschaft Sinn stiften UND erfolgreich sein kann, bezeichnet sie noch heute als den Wow-Effekt und Wendepunkt ihrer Laufbahn. Seitdem sucht sie systematisch nach solchen Unternehmerpersönlichkeiten, ergründet, was diese Leute ausmacht – und trägt dieses Wissen in Unternehmen, die selbst merken, dass man in der modernen Wirtschaft mit den alten Ideen nicht mehr weit kommt. Seit 2001 werden "Förster & Kreuz" als Autoren und Speaker immer bekannter. Ihre Nachricht: "Querdenker und Unangepasste, die in der ‚alten‘ Wirtschaft als Querulanten galten, sind heute unersetzlich."

BRIGITTE WOMAN: Frau Förster, warum sind Querdenker heute wichtiger als früher?

Anja Förster: Wir sind sehr gut im linearen Denken. Jedes Jahr zwei bis drei Prozent schneller, besser, effizienter, das war das Credo der alten Industriewelt. Das hat viele Jahrzehnte auch sehr gut funktioniert und uns unseren gegenwärtigen Wohlstand beschert. Aber dieses Erfolgsmuster stößt brutal an seine Grenzen. Ein Unternehmen wird seinen Erfolg langfristig nicht steigern, indem es Prozesse immer noch effizienter gestaltet. Vielmehr braucht es innovative Ideen, um auf die schnellen Veränderungen zu reagieren. Dazu muss man mutig experimentieren und benötigt Mitarbeiter, die selbst denken, kreativ und experimentierfreudig und mit voller Leidenschaft dabei sind – also Querdenker.

Dass man bei der Arbeit auch selbst denken soll, ist aber doch nicht neu.

Mitdenken soll man schon. Das stimmt. Beschäftigte sollen ihre Arbeit selbst organisieren und selbstständig nach Lösungen für Probleme suchen. Aber wirklich hinterfragen sollen sie die Strukturen oder Abläufe nicht. Das sorgt für viel Frust bei den Beschäftigten. Querdenken wird zwar verbal gefordert, aber belohnt werden viel zu häufig Anpassung und Mundhalten.

Ein Beispiel?

Wer sich den Luxus einer eigenen Meinung gönnt und womöglich auch noch die Sinnhaftigkeit einer Entscheidung hinterfragt, gilt schnell als Verräter des herrschenden Systems. Doch dieses Konformitätsdenken ist brandgefährlich: Beschäftigte sitzen in Meetings und hören Vorgesetzten zu, deren Entscheidungen sie bescheuert finden – und sagen nichts. Aus dieser Angepasstheit entsteht eine Schwarmdummheit, die die Wurzel für schlimme Fehler ist. Man denke an den Abgasskandal.

Was empfehlen Sie?

Jeder Mitarbeiter hat nicht nur das Recht zum konstruktiven Widerspruch, sondern geradezu die Pflicht. Das erfordert zugegebenermaßen Mut. Aber wenn wir damit nicht anfangen, ändert sich nie etwas. Auch Führungskräfte müssen umdenken. Denn sie müssen akzeptieren – und ausdrücklich fördern –, dass ihnen Mitarbeiter widersprechen oder sie auf Fehler und Unsinnigkeiten hinweisen und Veränderungen einfordern. In so einer Firma gibt beispielsweise der Mitarbeiter dem Chef ganz selbstverständlich ein kritisches Feedback, wenn dieser beim Kundentermin völlig unvorbereitet abgelost hat. Und neue Ideen werden nicht sofort als Spinnerei abgetan, sondern sorgfältig geprüft.

Das klingt erst einmal nach einer guten Arbeitsatmosphäre. Aber ist das auch gut für den wirtschaftlichen Erfolg?

Inzwischen zeigen das immer mehr Beispiele von Unternehmen, die sich wirklich trauen, Wirtschaft neu zu denken, zum Beispiel Buurtzork aus den Niederlanden. Auch dort klagt die Pflegebranche ständig über Geldmangel und Zeitnot. Aber einer hat die Regeln gebrochen – und aus der Misere einen Erfolg gemacht. Buurtzork ist ein ambulanter Krankenpflegedienst, der wirklich alles auf den Kopf gestellt hat: Es gibt keine Chefs, die Beschäftigten entscheiden selbst, wie viel Zeit sie für die Versorgung eines Pflegebedürftigen benötigen, und neben der Pflege kümmern sie sich auch darum, ein Netzwerk von Helfern aufzubauen, die dem Pflegebedürftigen langfristig unterstützen, ohne sich zu überfordern. Innerhalb von zehn Jahren ist das Unternehmen zu einem der erfolgreichsten und beliebtesten Arbeitgeber mit 10 000 Beschäftigten geworden.

Was ist Ihre Rolle, wenn Sie in Unternehmen gehen?

Ich verstehe mich als Sparrings-Partnerin. Es gibt keine Patentrezepte mehr für den Erfolg. Aber ich kann die richtigen Fragen stellen. Eine meiner Lieblingsübungen: Ich fordere die Runde auf, sich zehn Minuten lang Gedanken zu machen, wie sich das eigene Unternehmen plattmachen ließe. So erfahre ich sehr schnell, was in dieser Firma Sprengkraft in sich trägt, und wir können im Workshop effektive Lehren daraus ziehen. Ein Kunde sagte einmal: Ihr Workshop war eine Massage zur geistigen Beweglichkeit. Ein tolles Kompliment. 

Wie kann ich mein Querdenkerpotenzial entfalten?

Routinen durchbrechen. Die Aussage "Habe ich schon immer so gemacht" aus dem Vokabular streichen. Es sich nicht in der eigenen Echokammer bequem machen. Ich nenne das provokative Kompetenz. Natürlich erfordert das Kraft und den Willen, sich selbst zu reflektieren. Deshalb haben wir ein neues Format entwickelt, die "Rebels at Work"-Meetings. Bei den Treffen können sich Beschäftigte ihre Portion Mut abholen, die sie brauchen, wenn sie als Vorreiter in den eigenen Reihen auftreten. Diese Veränderer sind weder Sonderfall noch lästige Störung, sondern vielmehr wichtige Geburtshelfer des Neuen. Denn das Neue kommt als Widerspruch zur Normalität zur Welt, und Widerspruch ist auch das Wesen der Innovation.

Mehr Infos auf foerster-kreuz.de

Zum Weiterlesen 

"Zündstoff für Andersdenker" von Anja Förster und Peter Kreuz, 172 Seiten, 24,90 Euro, Murmann Publishers GmbH.

BRIGITTE WOMAN 10/2019

Wer hier schreibt:

Carola Kleinschmidt
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