Anne Kjaer Riechert macht Flüchtlinge zu IT-Experten

Pragmatisch: Riechert überwindet Grenzen, auch mithilfe der Technik

Es war reiner Zufall, dass Anne Kjaer Riechert im Flüchtlingsheim Berlin-Buch an einem Sommerabend vor zwei Jahren mit einem jungen Iraker ins Gespräch kam. Ein Sozialarbeiter hatte sie zu einer Feier in der Unterkunft eingeladen. Der Iraker, ein Softwareingenieur aus Bagdad, erzählte ihr, dass er gern in Deutschland als Programmierer arbeiten würde, aber keinen Laptop habe und deshalb fürchte, Entwicklungen in seiner Branche zu verpassen.

An der "ReDI School" können Flüchtlinge in Abendkursen das Programmieren erlernen

Fachkräfte werden von deutschen IT-Firmen dringend gesucht: 51 000 Stellen sind in der Branche derzeit nicht besetzt. Noch am selben Abend traf Riechert einen Freund, der sich mit Programmieren auskannte. Zu zweit überlegten sie, wie man dem Mann helfen könnte. Probleme zu lösen, ist Riecherts Job: Die 34-jährige Dänin ist Absolventin einer Business School, die sich auf das Training von künftigen Sozialunternehmern spezialisiert hat. Gleich nach ihrem Abschluss gründete sie ein Kunstprojekt, das Geld für benachteiligte Kinder sammelte. Für die amerikanische Stanford Universität baute sie in Berlin einen Think Tank auf, der an technischen Lösungen für soziale Probleme tüftelt. Nach der Feier im Flüchtlingsheim legte sie daher sofort los: Sie organisierte nicht nur einen Computer für den Iraker, sondern suchte auch Mitstreiter, Räume und Sponsoren für ein neues Start-up: die "ReDI School" (für Readiness , Einsatzbereitschaft, und Digital Integration ), die Flüchtlingen Programmieren beibringt, um ihnen so Jobs zu verschaffen. Im Februar 2016 fingen die ersten 40 Schüler an, unter ihnen auch der irakische Softwareingenieur. Mittlerweile nehmen etwa hundert Männer und Frauen an den Abendkursen zu Java-Software, App-Programmierung oder Robotics teil. Die meisten stammen aus Syrien, viele hatten bereits ein Studium begonnen oder in akademischen Berufen gearbeitet, als sie ihr Land verließen. Drei Monate dauert die Ausbildung, für die Riechert Räume in einem ehemaligen Postamt in Berlin-Mitte organisiert hat; die Lehrkräfte, im Hauptjob meist Programmierer, unterrichten ehrenamtlich. Wer an der Schule aufgenommen werden will, muss als Flüchtling anerkannt sein, die Unterrichtssprache Englisch beherrschen, Abitur haben und erkennbar motiviert sein. "Wir haben keine Plätze zu verschenken", sagt Riechert. Die Nachfrage sei weitaus höher als die Kapazität der Schule.

Viele der Studenten haben schon Arbeitsstellen gefunden - nun soll die Hemmschwelle auch für weibliche Flüchtlinge gesenkt werden

Brücken bauen wolle sie mit der Schule, sagt sie. "Das wollte ich schon als Kind." Die "ReDI School" leitete sie erst ehrenamtlich. Heute unterstützen Firmen wie der Stahlkonzern Klöckner oder Facebook das Projekt, sponsern Räume, Computer und Riecherts sowie rund ein halbes Dutzend weitere Vollzeitstellen. Sparsamkeit bleibt trotzdem erstes Gebot. Die Einrichtung der Schule, erzählt Riechert, habe man beim Umzug der Airbnb-Zentrale geerbt, die in dem Gebäude früher ihren Sitz hatte. Sie selbst habe vom Programmieren keine Ahnung. "Netzwerken kann ich aber ausgezeichnet. Und ich erkenne gute Ideen." Regelmäßig lädt sie daher Branchenexperten ein, denen die Studenten ihre Projekte vorführen. Viele hätten so schon Stellen oder bezahlte Praktika gefunden. Als Nächstes will sie mehr Frauen für das Studium gewinnen, deshalb sucht sie gerade verstärkt Kursleiterinnen, um die Hemmschwelle für weibliche Flüchtlinge zu senken. In der arabischen Welt sei der Anteil der Programmiererinnen viel höher als hier, jede zweite IT-Stelle sei dort von einer Frau besetzt: "Wir wären dumm, wenn wir dieses Potenzial nicht nutzten."

Zur Person

Die Dänin Anne Kjaer Riechert (r.), 34, spricht sieben Sprachen und diskutierte bereits als Teenager oft über Politik. In Berlin, wo sie mit ihrem Freund zusammenlebt, eröffnete sie 2016 die "ReDI School", in der Flüchtlinge Programmiertechniken lernen, auch Angela Merkel war schon zu Besuch. Was ihre Schüler entwickeln, macht Riechert stolz, etwa die App "Family Tinder", mit der Familien im Ausland Anschluss finden können.

BRIGITTE 19/2017

Wer hier schreibt:

Julia Meyer-Hermann
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