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Berufswechsel Ich erfinde mich neu

Berufswechsel: Frau sitzt mit Handy am Ohr am Laptop
© Dean Drobot / Shutterstock
Sie lassen sich zu Lokführerinnen umschulen, lernen programmieren oder unterrichten – immer mehr Frauen wagen mitten im Berufsleben noch mal etwas ganz anderes. Der Zeitpunkt dafür ist gerade perfekt.

Bei Silvia Sonnenberg war es die Abenteuerlust, die sie in ihr neues Leben schubste: 19 Jahre hatte sie als IT-Expertin in einem Rechenzentrum gearbeitet, sicherer Job, gut bezahlt, aber, so empfand es Sonnenberg, manchmal auch ziemlich eintönig. Heute lenkt die 38-Jährige als Lokführerin der Deutschen Bahn auf immer wieder neuen Strecken S-Bahnen durch den Großraum Frankfurt. Ihren alten Büroplatz mit dem ewig gleichen Fensterblick habe sie noch nie vermisst, sagt sie.

Belen Paya Fernandez trieb die Sehnsucht nach mehr Sinn. "Das kann noch nicht alles gewesen sein", dachte sich die Controllerin jahrelang bei ihrer Arbeit. Mit 39 wagte sie den Sprung ins Unbekannte – und ist heute als Lehrerin an einem Berufskolleg glücklich: "Wenn die Schüler selbst merken, was sie können, ist das so schön!"

Dass Freya Rall ihren Job wechselte, war dagegen vor allem eine strategische Entscheidung. "Bevor mich die IT meinen Job kostet", beschloss die freie Übersetzerin vor vier Jahren, "gehe ich lieber selbst in die IT." Sie machte einen Crashkurs als Programmiererin, heuerte als Junior Software Engineer beim Tech-Dienstleister New Work SE an – und stellte erfreut fest, wie ungeahnt kreativ ihre neue Aufgabe ist: "Ich liebe, was ich jetzt tue."

Raus aus dem alten Trott, ran an die neuen Chancen – noch nie war die Lust vieler Menschen auf einen Jobwechsel so groß. In den USA ist die Zahl der Kündigungen derzeit so hoch wie noch nie. Und auch in Deutschland spielt mehr als jede:r dritte Beschäftigte laut einer Forsa-Studie mit dem Gedanken, sich nach etwas Neuem umzusehen oder ist schon mitten in der Jobsuche. Vor allem der Wechselwille der Frauen ist gestiegen: Statt 32 Prozent wie noch im Vorjahr sind heute 38 Prozent auf dem Absprung. Ein wichtiger Grund, sagen Fachleute, sei die Pandemie. In der Krise seien viele ins Grübeln gekommen, wie gut ihr Job noch zu ihnen passe. "Covid-Klarheit" heißt dieses Phänomen.

Trau dich - jetzt!

Tatsächlich ist der Arbeitsmarkt für Wechselwillige derzeit spannend wie nie. Digitalisierung und Strukturwandel lassen zwar viele Berufe verschwinden, aber eben auch viele neue entstehen. Wo wiederum dringend Arbeitskräfte gesucht werden, verlieren formale Abschlüsse an Bedeutung, auch Branchenneulinge haben somit gute Chancen. Konzerne wie die Deutsche Bahn bieten schon seit einigen Jahren spezielle Programme für den Quereinstieg an. Andere wie die ING Bank schulen computeraffine Mitarbeitende in internen Weiterbildungen zu IT-Profis um. Die Diakonie bietet Interessierten aus anderen Branchen Jobs in Pflege oder Erziehung. Und viele Bundesländer, wie Nordrhein-Westfalen oder Berlin, ermöglichen auch ohne Lehramtsstudium den Einstieg an Schulen.

Zugleich verbessern sich die Fördermöglichkeiten. So kündigte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil jüngst die Einführung eines Weiterbildungsjahres an. Wer eine Auszeit vom Job nimmt, um sich weiterzubilden, soll demnach in Zukunft staatliche Unterstützung in Höhe des Arbeitslosengeldes (also 60 Prozent des Einkommens beziehungsweise 67 Prozent für Familien) erhalten. Als Bildungsteilzeit kann die Förderung auf zwei Jahre gestreckt werden. Gelten soll das neue Angebot voraussichtlich ab 2023.

Ab auf die Schienen

Tatsächlich ins Unbekannte zu springen, ist aber manchmal gar nicht so einfach. Silvia Sonnenberg trug den Gedanken schon länger mit sich herum. Erst als ihr Freund, ebenfalls unzufrieden mit seinem Bürojob, sich zum Lokführer umschulen ließ und dabei aufblühte, beschloss sie: Das mache ich auch.

Im Frühjahr 2020 begann sie mit dem Quereinsteigerprogramm bei der Deutschen Bahn. Die ersten Monate paukte sie Theorie: Betriebsvorschriften, Signale, Technik. Dann folgte das Fahrtraining. Es war anspruchsvoller als gedacht: die technische Vorbereitung der Züge, das Bremsen auf abschüssiger, vereister Strecke … "Aber ich mag Herausforderungen", sagt Sonnenberg, "das war für mich also eine positive Überraschung." Die erste Bahnfahrt, die sie ganz allein bewältigte, führte vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Kronberg im Taunus. Das Gefühl, die Verantwortung für mehrere Hundert Menschen zu tragen, sei "großartig und beängstigend" zugleich gewesen, sagt sie.

Wenn ich im Sonnenaufgang auf die Frankfurter Skyline zufahren, dann entschädigt diese Aussicht alles.

Nicht alles ist rosig im neuen Job. Sonnenberg musste sich erst daran gewöhnen, im Führerstand mit sich und ihren Gedanken allein zu sein. Mit der Arbeit im Schichtdienst und dem frühen Aufstehen kämpft sie. Und nachts, bei eisigen Temperaturen am zugigen Bahnhof, fragte sie sich schon mal: Was mache ich hier eigentlich? "Aber wenn ich im Sonnenaufgang auf die Frankfurter Skyline zufahre, dann entschädigt diese Aussicht für alles." Ihr Gehalt ist nicht höher als früher. Aber das passt schon, findet Sonnenberg. Die Bezahlung war für sie nicht der Grund, die alte Stelle aufzugeben. Das verbindet sie mit den meisten Menschen, die den Job wechseln. Nur 19 Prozent kündigen, weil sie mit ihrem Gehalt unzufrieden sind. Viel wichtiger sind laut Forsa-Studie die Führungskultur in der Firma, die Work-Life-Balance, die Art der Tätigkeit. Und jede:r Zweite erhofft sich vom neuen Job persönliche Sinnerfüllung.

Die Anstrengung lohnt sich

Wie Belen Paya Fernandez. Die 41-Jährige ist offen und kontaktfreudig, hat gern mit Menschen zu tun. Bei ihren Jobs als Controllerin kam ihr das oft zu kurz. Als eine befreundete Lehrerin ihr vor drei Jahren von einer offenen Stelle an ihrer Schule erzählte, fackelte sie nicht lang. Im Juni 2019 hatte sie ihr Vorstellungsgespräch, im September stand sie zum ersten Mal vor einer Klasse. Die vom Land Nordrhein-Westfalen finanzierte zweijährige Seiteneinsteiger-Ausbildung mit Unterrichtsstunden und Didaktik-Seminaren sei "das Anstrengendste" gewesen, "was ich je gemacht habe", sagt sie. Doch schon in dieser Zeit bekam sie ihr volles Lehrerinnengehalt, es war ähnlich hoch wie ihr Gehalt im Controlling. Anders hätte der Berufswechsel für sie nicht funktioniert. Belen Paya Fernandez hat zwei Kinder, drei und zwölf Jahre alt, und muss ein Haus abbezahlen.

Ihre Vergangenheit als Controllerin betrachtet sie als Vorteil. Sie kann ihren Schüler*innen nicht nur Wissen, sondern auch Berufs- und Lebenserfahrung vermitteln. Einige hätten "schwierige Biografien", sagt sie. Viele gingen nicht den klassischen Bildungsweg. Auch Paya Fernandez stammt nicht aus einem typischen Bildungsbürgerhaushalt. Die Familien ihrer Eltern kamen im Zuge des "Gastarbeiter"-Anwerbeabkommens aus Spanien nach Deutschland. Sie ist die erste in ihrer Familie, die studiert hat. Auch deshalb bedeutet es ihr viel, Jugendliche mit ähnlichem Hintergrund auf ihrem Weg zu begleiten und zum Beispiel zu erleben, wie ein Mädchen, das erst den Hauptschulabschluss angepeilt hat, jetzt auf dem Weg zum Abitur ist.

Wie wär's denn mit IT?

Silvia Sonnenberg und Belen Paya Fernandez haben ihre Weiterbildung praktischerweise gleich bei ihrer zukünftigen Arbeitgeberin gemacht, der neue Job wartete somit schon auf sie. Das gibt Sicherheit. Doch natürlich kann man sich auch auf eigene Faust weiterbilden und erst dann die Stellensuche starten; gerade, wer beruflich länger pausiert, etwa im Rahmen der Elternzeit, wählt oft diesen Weg. Am liebsten bilden sich Berufsrückkehrer:innen laut einer aktuellen Studie der IU Internationalen Hochschule dann in den Bereichen Gesundheit, Marketing und Kommunikation weiter. Für IT interessiert sich nur jede:r Fünfte. Schade, findet Alexandra Wuttig, Professorin für Innovation und Entrepreneurship, die die Studie koordiniert hat: "Gerade in der IT werden Quereinsteigerinnen dringend gesucht." Leider hafte der Branche noch immer das Nerd-Image an: Hier träfen sich meist männliche Freaks, die einsam über Codes brüten und selten das Tageslicht sehen.

Auch die freie Übersetzerin Freya Rall erwartete einen Männerüberschuss, als sie im Herbst 2018 das Coding-Bootcamp beim Weiterbildungsanbieter "neue fische" startete. In drei Monaten lernen dort Quereinsteiger:innen die Grundzüge des Programmierens. Doch zu ihrer Überraschung saßen im Kurs mehr Frauen. Und auch bei ihrer aktuellen Arbeitgeberin, der New Work SE, wo sie ihren ersten Job fand, sei die Atmosphäre "sehr frauendurchlässig". Die zweite Überraschung für sie: Die Arbeit als Webentwicklerin ist gar nicht eigenbrötlerisch, sondern wird oft im Team erledigt. Für Rall, die vorher zehn Jahre lang im stillen Kämmerlein Liebesromane aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hatte, war das eine neue Erfahrung – die ihr gut gefiel.

Aktuell ist Rall in Elternzeit. Sie plant, im Juli 2023 in ihren Job zurückzukehren. Dass sie sich schon jetzt darauf freut, ist für sie das beste Zeichen: Die Entscheidung, mit Mitte 30 noch einmal etwas ganz Neues zu wagen, war genau richtig.

Soll ich springen?

Diese acht Fragen können bei der Entscheidung helfen:

1. Was genau stört mich an der aktuellen Situation? Von was will ich weg? Und was möchte ich auf jeden Fall beibehalten?

2. Könnte ich mein aktuelles Arbeitsfeld auch so gestalten, dass die Störfaktoren wegfallen?

3. Was treibt mich an? Welche Bedürfnisse müssen für mich erfüllt sein, damit ich morgens freudig auf den Tag schaue?

4. Was bringe ich mit? (Fähigkeiten, Stärken, Erfahrungen, Talente, Kontakte …)

5. Welche Themenbereiche interessieren mich?

6. Welche wiederkehrenden Wünsche oder Träume warten darauf, erfüllt zu werden? Mal angenommen, ich wäre 85 Jahre alt und würde auf mein Leben zurückblicken: Welche Wünsche habe ich mir erfüllt und bei welchen ärgere ich mich, dass ich nicht wenigstens versucht habe, sie zu erfüllen?

7. Mal angenommen, wie durch ein Wunder würde ich täglich meinen Traumjob ausüben: Was genau wäre das Wunder und woran würde ich merken, dass das Wunder geschehen ist?

8. Gibt es Personen, die mich bei meiner beruflichen Veränderung bestärken können?

Zusammengestellt von Christiane Karsch, die Coachings zum Thema Neubeginn gibt (berufliche-neuorientierung.de)

Brigitte

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