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Chef sein Ist das was für mich?

Chef sein: Eine Frau sitzt lässig an einem Schreibtisch. Sie trägt Jeans und T-Shirt und hat die Beine überschlagen.
© GaudiLab / Shutterstock
Klar – das ist ein Top-Job. Aber meistens schon besetzt. Oder in Wahrheit gar nicht so attraktiv. Zum Glück gibt es in vielen Firmen inzwischen spannende andere Wege, Karriere zu machen.

Am Ende brauchte sie all ihren Mut. Schließlich war sie stolz auf das, was sie in mehr als 15 Berufsjahren erreicht hatte: Teamleiterin in einer Berliner Digitalagentur. Trotzdem gab Eva-Maria Blank 2019 ihre Führungsposition auf. Aus freien Stücken. Ihrer Karriere geschadet hat das nicht. Im Gegenteil: Sie ist gerade befördert worden.

Die neue Bedeutung der Expert:innen

Noch vor einer Weile wäre das, nicht nur in Blanks Agentur, undenkbar gewesen. Wer im Job vorwärtskommen, sich weiterentwickeln wollte, musste Führungswillen zeigen und andere leiten. So lautete das ewige Karriere-Mantra. Doch nicht immer passen Person und Posten gut zusammen. Es ist ein Dilemma, denn die kreativste Designerin oder die findigste Ingenieurin ist nicht automatisch zugleich die beste Führungskraft. Ein Glück also, dass die althergebrachten Karriereregeln aufweichen. Auch wer sich nicht zur Chefin berufen fühlt, hat heute gute Chancen, im Job aufzusteigen. Denn neben den typischen Führungskräften werden in vielen Unternehmen Expert:innen immer wichtiger. Statt einer klassischen Management-Karriere können sie eine Fachlaufbahn einschlagen – inklusive Beförderungsstufen und mehr Gehalt. Der wichtigste Unterschied: Sie haben keine Personalverantwortung im herkömmlichen Sinn. Stattdessen vertiefen sie sich in Themen, bauen Wissen auf und geben es weiter, vernetzen Menschen. Gute Nachrichten also für alle, die ohnehin lieber Konferenzen besuchen oder Papers schreiben als Mitarbeitergespräche zu führen.

Für die neue Bedeutung der Expert:innen gibt es mehrere Gründe: Zum einen erkennen Unternehmen, dass sie ihren Fachkräften im Wettbewerb um die besten Talente Entwicklungsmöglichkeiten bieten müssen – und zwar auch denen, die nicht von der Führungsetage träumen. Zum anderen führen gesellschaftliche Umwälzungen wie Digitalisierung und technologischer Wandel dazu, dass wir heute anders zusammenarbeiten. Viele Firmen setzen auf agile Strukturen und schaffen formale Hierarchien ab. So werden weniger klassische Führungskräfte gebraucht. Umso gefragter sind in der Wissens-Gesellschaft Spezialist:innen für Zukunftsthemen wie Robotik oder neue Formen der Mobilität.

"Was Karriere bedeutet, muss ganz neu gedacht werden", sagt Professorin Désirée Ladwig von der Technischen Hochschule Lübeck. Die Wirtschaftswissenschaftlerin beobachtet nicht nur in den Unternehmen, sondern auch bei ihren Studierenden neue Vorstellungen von Karriere: "Es geht heute weniger um den reinen Aufstieg." Stattdessen stünden persönliche Entwicklungswege und intrinsische Motivation im Vordergrund. Die klassische Management-Karriere hat nicht ausgedient. Aber mit der Expert:innen-Laufbahn gibt es nun eine echte Alternative.

Spezielle Karrierepfade

Neu sind diese Ideen nicht. Der Technologiekonzern Bosch etwa setzt bereits seit fast 50 Jahren auf spezielle Karrierepfade für hochqualifizierte Expert:innen, weil man schon damals merkte: Fachleute brauchen eigene Entwicklungswege. In der Agentur Aperto, bei der Eva-Maria Blank angestellt ist, gibt es diese Form der Karriere seit Ende 2018.

An einem kühlen, sonnigen Donnerstagmorgen sitzt die 45-Jährige im zweiten Hinterhof einer alten Pianofabrik zwischen Backsteinwänden. Sie ist studierte Historikerin, 2016 kam sie als Texterin zu Aperto. Schnell stieg sie zur Teamleiterin auf, führte mit einer Kollegin das achtköpfige Redaktionsteam. Der Job machte ihr Spaß. Doch nach einer Weile regten sich Zweifel. Blank kam es so vor, als würde sie alles nur halb und nichts richtig machen. "Ich hatte das Gefühl, das Fachliche bleibt so ein bisschen auf der Strecke, ich kratze überall nur an der Oberfläche", erzählt sie. Viel Zeit ging damals für Organisatorisches drauf und lenkte sie ab von den Themen, mit denen sie sich eigentlich beschäftigen wollte. Eva-Maria Blank haderte und wusste: Sie musste etwas ändern. Nur was?

Allein ist sie mit diesem Wunsch nicht. Anja Kabakeris, Organisationsentwicklerin bei Aperto, erzählt, dass Führungskräfte in Personalgesprächen immer mal wieder erklärten, ihre Rolle übernommen zu haben, um weiterzukommen, eigentlich aber viel lieber das tun wollten, was sie am besten könnten – komplexe digitale Plattformen und Apps entwickeln zum Beispiel. "Nicht jeder und jede möchte Führungskraft sein, und uns war klar, dass wir etwas anbieten müssen, was Weiterentwicklung jenseits der Personalführung ermöglicht."

Kenntnis und Erfahrung stehen im Mittelpunkt

Als Aperto die Expert:innen-Laufbahn einführt, ist das für Eva-Maria Blank ein Volltreffer. Ihr gefällt, dass hier Kenntnis und Erfahrung im Mittelpunkt stehen und nicht, Chefin wie vieler Menschen sie ist. "Ich fand das gleich eine gute Alternative zur traditionellen Schornstein-Karriere, bei der es nur um höher, schneller, weiter geht", sagt sie. Ihre Personalverantwortung abzugeben, fiel ihr damals trotzdem schwer. Im Sommer 2019 wagte sie es. Heute steht sie zwar nach wie vor mit ihrer Kollegin als Tandem an der Spitze des Redaktionsteams. Aber den "People Lead", wie es im Agentur-Sprech heißt, hat komplett ihre Tandempartnerin übernommen. Blank ist zuständig für den "Expert Lead". Was heißt: Bei Personalgesprächen ist sie nicht mehr dabei. Dafür ist es jetzt zum Beispiel Teil ihres Jobs, Zukunftsfelder wie Chatbots und Podcasts genau im Blick zu haben. "Ich genieße es total, dass ich mich jetzt mehr auf das Fachliche konzentrieren und dort weiterentwickeln kann", sagt sie. Seitdem sie offiziell Expertin ist, werde sie auch in der Agentur verstärkt so wahrgenommen – und häufiger um ihre Einschätzung gebeten.

Auch Daniela Rittmeier beschäftigt sich mit Zukunftstechnologien. Die 40-Jährige hat beim Autobauer BMW das Zentrum für Künstliche Intelligenz (KI) aufgebaut und leitet es. Personalverantwortung im herkömmlichen Sinne trägt sie dabei nicht – und die würde sie auch von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken: Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenzubringen und KI-Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Sie ist Unternehmensexpertin, wie ihre Rolle bei BMW heißt, also: Netzwerkerin und Strategin. Daneben gibt es im Konzern noch Projekt- und Fachexpert:innen.

Die neuen Karrierewege kann man bei BMW seit zwei Jahren in allen Unternehmen weltweit beschreiten. Aus gutem Grund: Kaum eine Branche steht so unter Veränderungsdruck wie die Automobilindustrie. Alternative Antriebe, autonomes Fahren, KI – um den gewaltigen Herausforderungen zu begegnen, braucht es hoch spezialisierte Fachleute. Und Menschen wie Daniela Rittmeier, die Fäden zusammenhalten und Handlungen ableiten. Derzeit beschäftigt sie sich zum Beispiel viel mit der Regulatorik von KI-Algorithmen auf EU-Ebene.

Fach- oder Managementlaufbahn?

Dabei ist sie eigentlich mit ganz anderen Plänen ins Berufsleben gestartet. Rittmeier studierte Architektur, merkte jedoch schnell, dass die klassische Architektur nichts für sie war. Stattdessen setzte sie Krankenhaus-Großprojekte auf und leitete bis zu 60 Mitarbeitende. Ein Job, für den sie viel unterwegs war. Mehr, als sie es als Mutter von zwei kleinen Kindern dauerhaft sein wollte.

Als sie damals ihren Arbeitgeber wechselte, hatte sie auch Angebote für Jobs mit Personalverantwortung – schlug sie aber aus. "Ich habe mich bewusst für ein neues Technologie-Umfeld und gegen disziplinarische Führung entschieden, weil ich wusste, wie viel Verantwortung gute Personalführung bedeutet", sagt sie. Bei der BMW Group stieg sie 2012 ein und beschäftigte sich erst mit Immobilienentwicklung; über das autonome Fahren kam sie dann zur KI – ein komplett neues Thema für sie: "Ich mag den Sprung ins kalte Wasser."

Heute, ihre Kinder sind jetzt 13 und 10 Jahre alt, kann sie sich gut vorstellen, auch wieder eine Leitungsposition zu übernehmen. Bei BMW wäre das jederzeit denkbar. Der Wechsel zwischen Fach- und Managementlaufbahn ist hier, wie bei Aperto, problemlos möglich. Eine Einbahnstraße ist die Expert:innen-Karriere also nicht. Dafür im besten Fall der Weg zu mehr Erfüllung.

Brigitte

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