Digitale Abstinenz nach Feierabend

Die Dauererreichbarkeit auch nach Feierabend kann krank machen. Immer mehr Firmen verordnen ihren Mitarbeitern deshalb digitale Abstinenz.

Es waren nur zwei Stunden in ihrem Leben, aber sie durchlitt dabei Gefühle, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Es war der Abend, an dem Claudia Reiter ihr Handy im Büro vergaß. Kein Wunder, sie war aus der Firma gestürzt, weil ihre Kinder warteten - dabei musste sie von unterwegs noch eine wichtige Mail an ihren Chef schicken. Als sie in der S-Bahn in die Tasche fasste, griff sie ins Leere. "Ich hatte kalte Schweißausbrüche ", erinnert sich Reiter, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, aus Angst, sich vor Kollegen zu outen. Kein vernünftiges Gespräch brachte sie zu Hause zustande, ständig kreisten ihre Gedanken ums Handy: Was ist, wenn der Chef anruft? Nach zwei Stunden fuhr sie zurück ins Büro, um das Smartphone zu holen.

Muss das sein?

Digitale Kommunikation kann ein Segen sein - aber auch ein Fluch. Nämlich dann, wenn die permanente Erreichbarkeit zur (gefühlten) Pflicht wird. 17 Prozent der Vorgesetzten geben in Studien an, von ihren Mitarbeitern zu erwarten, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Weit mehr dieser Mitarbeiter, nämlich 60 Prozent, sagen, dass sie tatsächlich auch nach Feierabend beruflich erreichbar sind. Eine Befragung der kassenärztlichen Initiative für Arbeit und Gesundheit ergab, dass fast jeder zweite seine Dienst-Mails auch im Urlaub, an Feiertagen und am Wochenende bearbeitet.

Forscher warnen vor den Folgen der Dauerverfügbarkeit, egal ob im Job oder privat. "Menschen, die sich intensiv dem Chatten, Mailen und den Social-Media-Aktivitäten hingeben, fühlen sich nach eigenen Aussagen stärker gestresst", sagt Leonard Reinecke, Medienprofessor an der Universität Mainz. "Eine Reihe von Studien zeigt zudem, dass es Menschen krank macht, wenn Bürokommunikation ins Privatleben einsickert. Das schränkt das Erholungspotenzial ein." Die Folgen: Unruhe, Schlafstörungen, im schlimmsten Fall Depressionen und Zusammenbrüche.

Auf eine gute Balance kommt es an

Das schreckt inzwischen auch immer mehr Unternehmen auf. Personalabteilungen basteln an Strategien zur digitalen Entlastung. Daimler etwa löscht automatisch im Urlaub eingehende Mails, damit die Mitarbeiter sich wirklich erholen. Bei Volkswagen schaltet nach Dienstschluss der Server für Smartphones auf Stand-by. Bosch entwickelt ein internes Kommunikationssystem, damit keiner nachts auf Anrufe aus Amerika antworten muss. Die IG Metall fordert sogar, Mails, SMS und Anrufe nach Feierabend ganz zu verbieten.

Von solchen technischen Zwangsmaßnahmen hält Experte Reinecke wenig. "Die Firmen müssen in den Köpfen der Mitarbeiter ansetzen und sie aufs Abschalten polen", fordert er. "Das muss als Teil guter Führung propagiert werden." Digitale Achtsamkeit lautet das Stichwort, die Fähigkeit also, eine gesunde Balance zwischen realem und virtuellem Leben zu finden.

Für Claudia Reiter war ihr Erlebnis mit dem vergessenen Handy ein klares Zeichen, dass dieses Gleichgewicht bei ihr nicht mehr existierte. Nicht mehr sie bestimmte über ihre digitalen Geräte, die Geräte bestimmten über sie. Reiter machte deshalb etwas, was Tech-Konzerne wie Google oder Facebook ihren Mitarbeitern schon seit einigen Jahren regelmäßig verordnen und was auch in deutschen Unternehmen immer mehr Anhänger findet: Sie buchte ein "Digital Detox"-Coaching, um ihre berufliche und private Handynutzung zu analysieren und bewusst einzuschränken.

Jeder kennt das Problem

Bei solchen Trainings - vor denen Handys und Tablets selbstverständlich abgegeben werden, manchmal sogar für die Dauer eines ganzen Wochenendes - lernt man auf den ersten Blick Banales: dass man sich in Gesprächsrunden auch in die Augen schauen kann statt auf den Smartphone-Bildschirm zum Beispiel. Dass man den anderen ein "Bitte nicht stören"-Schild zeigen darf, wenn man mal konzentriert an etwas arbeiten möchte. Oder dass man bei Waldspaziergängen die Blätter rauschen hört, wenn man nicht ständig damit beschäftigt ist, Selfies zu schießen und zu posten. Genau diese Dinge sind es, die Dauer-Display-Gucker oft vergessen haben. Manche finden es schon ungewohnt, mit Fragen zu Kollegen ins Büro zu gehen oder einfach etwas auf morgen zu vertagen, statt sofort unpersönliche Arbeitsanweisungen zu mailen.

Claudia Reiter hält es nach ihrem Coaching im Büro und zu Hause zumindest wieder stundenweise ohne Handy aus. Sie hat ein Zeitmanagement-Training bekommen, damit sie keine Abendschichten mehr im Homeoffice einlegen muss, sondern die Arbeit im Büro schafft. Und ihre Familie hat nun klare Regeln, denn auch ihr Mann und ihre Kinder klebten oft stundenlang an den Displays: Mindestens einmal pro Woche treffen sich alle offline in der Küche, die Handys werden in dieser Zeit weggeschlossen, damit niemand heimlich damit aufs Klo verschwindet. Eine Stunde vorm Insbettgehen ist kein digitales Gerät mehr erlaubt, der Familienrouter wird zwischen 21 Uhr und acht Uhr morgens komplett abgestellt.

Entschleunigung heißt das Motto

Das klingt nach ziemlich konsequenten Methoden, doch, so betont Reiters Coachin Ulrike Stöckle: Es gehe nicht darum, Handys zu verteufeln. Man solle sie nur bewusster nutzen. Und mehr darüber reden, wann und wie man es tue. "Ein Inseldasein bringt nämlich gar nichts, also wenn nur Sie selbst sich abklemmen, die anderen aber munter weitermachen." Schließlich treibt die Angst, etwas zu verpassen, viele erst recht in den "Always-On"-Modus.

Entschleunigung sei deshalb das Gebot der Stunde, raten Stöckle und ihre Kollegen. Weil es guttut, zwischendrin einfach mal abzuschalten - nicht nur das Handy, sondern auch die eigene Betriebsamkeit.

Brigitte 17/2018

Wer hier schreibt:

Nadine Oberhuber
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