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Dr. Babette Brinkmann So wichtig sind Frauennetzwerke - und so findest du sie

Dr. Babette Brinkmann: eine Gruppe von Frauen sitzt an einem langen Schreibtisch
© Seventyfour / Adobe Stock
Coachin und Professorin Babette Brinkmann, erklärt, warum Frauennetzwerke so wichtig sind und wie man diese Verbindungen knüpft, pflegt und ausbaut.

"Warum ist die Veranstaltung nur für Frauen? Was soll das bringen? In der Arbeit muss ich mich am Ende auch zwischen Männern behaupten." Oder: "Nur für Frauen finde ich komisch und nicht notwendig. Bei uns in der Firma ist es völlig egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist …" Bedenken dieser Art haben stets den ersten Tag der Führungskräftetrainings für Frauen begleitet, die ich viele Jahre für eine Stiftung geleitet habe. Und so gut wie immer endeten die Workshops mit der Erfahrung: "Großartig, was dieses Frauennetzwerk mir ermöglicht hat! Das wäre in einer gemischten Gruppe nicht erreichbar gewesen."

Brauchen wir wirklich Frauennetzwerke – oder nicht eher gemischte?

Diese Frage wird mir als Coachin immer wieder gestellt. Die Antwort lautet: ja und ja. Wir brauchen gemischte, aber auch Frauennetzwerke. Denn solche Verbindungen haben viele Funktionen in unserem Leben. Das eine Netzwerk für alle Lagen gibt es nicht.

Warum auch reine Frauennetzwerke so wichtig sind? Weil das Leben uns Frauen oft noch vor andere Herausforderungen stellt als Männer. Nur wenn Frauen miteinander reden, können sie systematische Diskriminierung erkennen, sich gegenseitig beraten und unterstützen und die Finger in die Wunden legen. Ohne die Kommunikation unter Frauen wüssten wir nichts vom Gender Pay Gap. Dann wäre es einfach nur ich, die ärgerlicherweise weniger verdient als der Kollege. Und wir wüssten nicht, dass Frauen in Vorstellungsgesprächen und Personalbeurteilungen systematisch nach anderen Kriterien beurteilt werden als Männer. Ich würde es vielleicht normal und höflich finden, nach meinen Kindern gefragt zu werden, und könnte die Rückmeldung, meine ruhige Art tue dem Team gut, als Anerkennung missverstehen – und nicht als die Sackgasse, die es ist.

Deshalb ist der Austausch unter Frauen so wichtig

Erst im Austausch mit anderen, die soziale Erfahrungen teilen, können wir das, was wir erleben, gesellschaftlich einordnen und feststellen: Ah, das passiert nicht nur mir, das passiert auch anderen Frauen, anderen Menschen über 50 in dieser Firma, anderen Menschen, die wie ich einen Migrationshintergrund haben, aus einer Arbeiterfamilie kommen … Es liegt gar nicht an mir persönlich! Und ich kann und muss es nicht ganz allein lösen.

Auch Männer brauchen Netzwerke, und sie haben auch Männernetzwerke. Die heißen nur nicht so. Jeder Manager, mit dem ich je gesprochen habe, bewegt sich selbstverständlich auf sozialen Events, in Gruppen und Gremien, in denen Männer unter sich sind. Etwa beim (Männer-)Fußball. Seit sich dort Geld und Macht konzentrieren, ist die Sportart zu einem gesellschaftlich relevanten Ereignis aufgestiegen. Firmen mieten in den Stadien teure VIP-Lounges, um dort Kunden einzuladen, zu essen und zu trinken und Geschäfte zu besprechen. Der Frauenanteil ist – vom Servicepersonal abgesehen – geringer als in den deutschen Vorstandsetagen.

Wo Männer solche Netzwerke haben oder Netzwerke, die "zufällig" nur aus Männer bestehen, wie etwa der eigene Führungskreis, ist es für Frauen oft eine konkrete Entscheidung, sich ein Frauennetzwerk zu suchen oder eines zu gründen. Und ich kann gar nicht genug dazu ermuntern. Das heißt nicht, dass wir zugleich nicht auch gemischte Bündnisse brauchen, die vor Unterschiedlichkeiten nur so strotzen, und auch diese bewusst knüpfen. Aber wir sollten uns ruhig ein paar starke Seilschaften unter Frauen gönnen. Denn die meisten Aufgaben, die uns das Leben stellt, sind mit Netzwerk nun mal besser zu bewältigen – es entlastet, informiert, bringt uns weiter und womöglich auf ganz neue Ideen.

Vom Kontakt zum Netzwerk

Und wie bekommt man so ein Netzwerk? Erstens: durch Netzwerken. Das ist mehr als beliebiges Kontakteknüpfen. Es geht darum, Verbindungen aufzubauen, bestehende zu pflegen und tatsächlich darauf zurückzugreifen, wenn man sie braucht. Zweitens – ist das nur die halbe Wahrheit. Denn Netzwerke sind auch Glück und damit ungerecht: Man kann sie erben, mit dem/der Partner:in heiraten, über Schulen erhalten, die man besucht hat. Doch kommt es darauf an, wie wir mit diesen ungleichen Startbedingungen umgehen. Jede kann sich bewusst dafür entscheiden, sich ein großes und buntes Netzwerk aufzubauen – und auch andere daran teilhaben zu lassen. Etwa über die Mentoring-Programme der Initiative "Netzwerk Chancen", die es ermöglichen, seine Verbindungen mit denen zu teilen, die mit weniger Kontakten gestartet sind. Oft überlege ich nach einem Gespräch auch, welchen Kontakt ich habe, der für eine Kollegin interessant sein kann. Schicke eine Nachricht mit Link zur jeweiligen Website oder dem LinkedIn-Profil. Und schreibe: "Schau dir mal XY an, könnte das interessant sein für das Thema, das dich beschäftigt? Sag, wenn ich euch verknüpfen oder ein Mittagessen organisieren soll."

Netzwerke bekommt man durch Netzwerken. Warum nicht gleich anfangen? Auf ein Blatt kommt eine Frage, die mich umtreibt. Drum herum alle Personen und Gruppen, die ich kenne und die mit der Frage zu tun haben. In einer anderen Farbe Leute, Gruppen, Professionen, die ich mir für mein Netzwerk wünsche. Jetzt überlege ich den ersten Schritt: Will ich das Netzwerk weiter aufbauen, pflegen oder nutzen? Starten Sie mit dem, was Ihnen am leichtesten fällt. Viel Erfolg!

Netzwerken: So klappt’s!

Wie baue ich ein Netzwerk auf?

1. Wichtigste Regel: Trauen Sie sich! Nichts ist anrüchig am Netzwerken.

2. Strategisch sein. Brauchen Sie bestimmte Kontakte? Wer könnte die vermitteln? Sie werden staunen, was möglich ist.

3. Netzwerken ist immer ein Sowohl-als-auch: Frauennetzwerke UND gemischte Netzwerke, Business-Netzwerke UND private Kreise, virtuell UND offline.

Wie pflege ich mein Netzwerk?

1. Folgen Sie Lust und Laune und Ihren Interessen. Verstellen Sie sich nicht.

2. Zeigen Sie sich, sagen Sie, was Sie tun.

3. Denken Sie Ihre Kontakte mit, wenn Sie hilfreich sein können, bieten Sie sich an.

Wie nutze ich mein Netzwerk?

1. Auch hier lautet die wichtigste Regel: sich trauen. Fragen Sie andere an, ist das für diese auch immer eine Anerkennung.

2. Sein Sie bereit, Ihr Netzwerk zu teilen. Machen Sie selbst Menschen miteinander bekannt, wenn Sie denken, dass das für sie interessant sein könnte.

3. Bieten Sie etwas an. Sehen Sie sich selbst als attraktive Partnerin im Spiel. Haben Sie ein Anliegen, überlegen Sie: Was hat die andere davon? Schlagen Sie etwas vor, das deren Interessen berücksichtigt.

Prof. Dr. Babette Brinkmann ist Coachin und Professorinfür Organisations- und Gruppenpsychologie an der TH Köln. Sie berät Frauen und Männer rund um Karriere, Kooperation und Führung und lebt in Paris und Köln.

Brigitte

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