Familienarbeit: "Wie wir es geschafft haben, sie fairer zu verteilen"

Viele Eltern wollen die Familienarbeit fair untereinander aufteilen. Und dann erledigen doch wieder die Frauen das meiste. Warum? BRIGITTE-Redakteurin Kristina Maroldt und ihr Mann haben ein Experiment gemacht - und dabei einiges gewonnen.

Montag, 6.15 Uhr, der Wecker klingelt, ich habe noch nicht geduscht – und stehe schon knietief im Dispo. Aus der Küche höre ich die Stimmen meines Mannes und meiner Kinder. Seit sechs sitzen sie am Frühstückstisch, den mein Mann zuvor gedeckt hat.

Alles also wie immer, doch eins ist heute anders: Bevor ich gleich zu ihnen gehe, werde ich in die Tabelle, die ich gestern vorbereitet habe, zwei Striche malen. In der linken Spalte steht mein Name, sie bleibt noch leer, rechts der Name meines Mannes, da kommen die Striche hin. Denn heute ist der erste Tag eines Experiments: Eine Woche werde ich unsere Familienarbeit tracken. Für jede Viertelstunde, die mein Mann oder ich uns um unsere Kinder, fünf und sieben, kümmern oder kochen, putzen etc., gibt’s einen Strich. Am Sonntag wird gezählt: Wer hat mehr?

Frauen leisten doppelt so viel unbezahlte Care-Arbeit wie Männer

"So ein Blödsinn!", stöhnte mein Mann, als ich davon erzählte. "Wir haben eh so viel Stress." Stimmt. Aber ich will endlich wissen, wo wir stehen.

Eigentlich ist unser Ziel das der meisten jungen Eltern: Wir wollen beide gleich viel machen - weil wir beide ja auch beides wollen: Job und Familie. Wer wie viel tut, ist trotzdem unser häufigstes Streitthema, "Ich mach doch sowieso immer alles!" unser beider Standardargument. Glaubt man der Wäschekorbladung an Studien zum Thema, ist klar, wer recht hat: Erst kürzlich errechnete das DIW Berlin, dass Frauen in Paarhaushalten im Schnitt doppelt so viel unbezahlte Care-Arbeit leisten wie Männer; selbst bei Frauen mit Vollzeit-Job ist die Kluft groß. Und besonders groß ist sie bei jungen Familien, also bei uns.

Dass das hochpolitisch ist, begreift, wer überlegt, was die Frauen in dieser Zeit sonst noch alles tun könnten. Etwa sich fortbilden, Karriere machen, Geld verdienen - wie es ihre Partner meist machen. Der Gender Care Gap, also die Differenz zwischen der Care-Arbeit von Frauen und Männern, ist ein wichtiger Grund für Lohn- und Rentenlücken. Wie er sich schließen ließe, wird deshalb intensiv diskutiert. Es gibt Bücher und Blogs zum 50/50- Modell, Facebook-Gruppen, die Tracking-Challenges veranstalten. Und es gibt ab heute: meinen Mann, mich und die Strichliste. Wie gerecht geht es bei uns zu? Was könnten wir besser machen?

Wir fanden uns ja schon einigermaßen fortschrittlich

Während ich dusche (dritter Strich für ihn), lasse ich unsere Historie Revue passieren: Unser Start war ambitioniert. Die Elternzeiten teilten wir im Verhältnis zwei (ich) zu eins (er) - von 50/50 war das zwar weit entfernt, im Vergleich zum deutschen Standard (sie bleibt zwölf Monate zu Hause, er zwei, wenn überhaupt) fühlten wir uns trotzdem sehr fortschrittlich.

Doch kaum fingen wir wieder an zu arbeiten, rutschten wir ins 08/15-Modell junger Familien: Als freie Journalistin hatte ich trotz Vollzeit-Job flexiblere Arbeitszeiten als er, also übernahm ich das tägliche Abholen aus der Krippe, kaufte danach ein, wusch Wäsche, machte Abendbrot, räumte auf ... Erbrachte die Kinder zur Kita und erledigte, was ich nicht geschafft hatte.

Statt 50/50 entsprach das bald bestenfalls 70/30, zu seinen Gunsten. Es gab melodramatische Diskussionen, knallende Türen, wechselnde Babysitter - bis wir uns auf den Grenzverlauf einigten, an den wir uns bis heute halten, auch wenn ich jetzt nur noch 30 Stunden arbeite (er 36): Ich habe bei Kindern und Wäsche den Hut auf. Er bei allem anderen. "Hut auf" heißt: Wir behalten bei unseren Bereichen alle Termine im Blick, delegieren zwar auch Aufgaben an den Partner oder externe Helfer wie Putzfrau oder Babysitter, doch: Wir übernehmen die volle Verantwortung.

Aufgaben abgeben heißt akzeptieren, dass dein Partner nicht alles so macht wie du

Damit haben wir erfreulicherweise intuitiv etwas richtig gemacht. Sagt zumindest die Familienbloggerin und 50/50-Coachin Patricia Cammarata, von der ich mir vor meinem Experiment Tipps holte. Denn das Alles-im-Blick-Haben - auch Mental Load genannt - ist oft zeitraubender als das eigentliche Machen, trotzdem übernehmen es meist ganz die Frauen.

Cammarata hält es daher für den "Knackpunkt" jeder fairen Aufteilung, auch aus eigener Erfahrung. "Mein Ex-Mann warf mir immer vor: 'Was regst du dich auf? Ich mach ja alles, was du mir sagst!' Doch genau das war unser Problem: Die Verantwortung lag stets bei mir. Wer Entlastung will, muss sie abgeben können. Das heißt aber auch: akzeptieren, wenn der Partner nicht alles macht wie du selbst."

Damit habe ich zum Glück kein Problem: Nachdem ich die Brotdosen der Kinder gefüllt habe (I), radele ich um 7.30 Uhr ins Büro. Die nächste Dreiviertelstunde, in der mein Mann die Küche aufräumt und die Kinder in Schule und Kita bringt (III), meistert er souverän, da bin ich gewiss. Andere nicht. Freundin M. etwa prüft stets den Sitz der Windeln, wenn ihr Mann das Baby gewickelt hat. Kollegin K. faltet Pullis, die ihr Freund in den Schrank räumt, immer neu. Und eine Professorin, die ich mal interviewte, gestand, dass sie jedes Mal nachsauge, wenn ihr Mann putze: "Er hat andere Sauberkeitsstandards."

Die Falle: Unbewusst wollen wir Geschlechternormen erfüllen

Mich macht das immer etwas ratlos: Merken diese Frauen nicht, dass sie sich damit selbst ins Bein schießen? So einfach sei es leider nicht, sagt die Frankfurter Soziologin Sarah Speck, die die Verhaltensmuster von Frauen und Männern erforscht: "Wir mögen aufgeklärt sein, unbewusst gibt es aber oft den Druck, bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit oder Männlichkeit zu erfüllen. Bei Männern ist es oft der Erfolg im Job. Bei Frauen die Idee, die Wohnung müsse picobello oder man selbst die perfekte Mutter sein. Dazu kommt: Viele Frauen gehen tatsächlich aufmerksamer durch die Wohnung - schlicht, weil sie schon als Mädchen mithelfen oder allein die Elternzeit meistern mussten.

Solche Muster aufzubrechen, ist schwer." Vielleicht würde es ja helfen, die Vätermonate beim Elterngeld auszuweiten? Schon Väter, die zwei Monate Elternzeit nehmen, ergab eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, machen danach eine halbe Stunde mehr im Haushalt als Väter, die weiterarbeiten. Das ließe sich doch ausbauen!

Und noch eine Erkenntnis ziehe ich aus Specks Worten: Mein Mann und ich schlagen aus der Art. Ich fühle mich umso wohler, je chaotischer unser Wohnzimmer aussieht. Er entspannt sich erst, wenn alles leer und sauber ist. Für unsere Tracking-Bilanz ist das vermutlich gut. Für unsere Beziehung nicht: Über meine hingepfefferte Tasche etwa streiten wir ständig - wenn auch im Vergleich zu anderen Paaren mit verkehrten Rollen. Stimmt vielleicht doch, was eine norwegische Studie nahelegt: Paare, die sich die Hausarbeit teilen, trennen sich eher als Paare mit traditioneller Aufteilung? Quatsch, findet Patricia Cammarata. "Die Paare trennen sich ja nicht wegen der Konflikte, sondern weil die Frauen beim 50/50-Modell oft finanziell weniger abhängig sind. Sehen Sie Ihren Konflikt doch als Chance: Gehen Sie aufeinander zu. Werden Sie ein echtes Team!

Ohne unser Experiment wäre die Familienarbeit kaum sichtbar

Na gut, dann räume ich meine Tasche in den nächsten Tagen halt mal weg. Ein Minischritt, doch die Stimmung bessert sich sofort. Zumindest bis Freitagabend. Da ziehe ich Zwischenbilanz - und denke erst, ich habe mich verrechnet: 17 Stunden bei mir, 10,5 bei ihm - von wegen 50/50! Was ist da los?

Ich schaue genauer hin. Das Gros meiner Striche ist grün, steht also für den Bereich "Kinder". Logisch: Bis auf den Nachmittag, den mein Mann übernahm, wuppte ich das Abholen (IIII IIII II), sortierte während des Tanzkurses meiner Tochter mit meinem Sohn in der Umkleide Pokémon-Karten (IIII), war mit beiden beim Augenarzt (IIII III), kämpfte mich mit meinem Sohn dreimal durch "Rechnen bis 20" (III) und das Klavierstück "Kuckuck" (III), machte viermal Abendbrot, aß mit ihnen, räumte auf und machte per WhatsApp die nächsten Playdates für sie klar (IIII IIII IIII I), putzte viermal ihre Zähne (IIII), schimpfte ebenso oft ausführlich, weil alles so lang dauerte (II), las viermal "Pippi Langstrumpf" vor (IIII). Und setzte mich danach meist noch an den Rechner, um dringende Mails zu beantworten, die ich vor Verlassen des Büros um 15.15 Uhr nicht geschafft hatte. Danach war ich k.o. - doch das Resultat einer Arbeit kaum sichtbar. Anders als die prall gefüllten Taschen, die mein Mann vom Einkaufen mitbrachte.

Am Wochenende gibt es Krach

An diesem Abend trage ich alle Kinderaktivitäten in den digitalen Kalender ein, auf den wir beide Zugriff haben. Sichtbarkeit: check. Mental Load: reduziert. Und wenn sich die Bilanz bis Sonntag nicht ändert, können wir so gleich festlegen, was er mir abnimmt. Ich bin leicht versöhnt.

Doch dann ist Wochenende, und es beginnt, wie so oft, mit einem Riesenkrach über die Frage, wer zuerst joggen darf und wer in der Zeit Babysitter spielt. Klar: könnte man vorher klären. Doch genau das machen wir am Wochenende kaum, weil wir uns ans Ideal unserer Vorelternzeit klammern: Ab Samstag lässt man die Routinen des Alltags sausen. Was halt schwierig ist, wenn sich der Alltag, sprich: die Kinder und ihre Bedürfnisse, nicht ebenfalls in Luft auflösen.

Erfreulich dagegen: Mein Mann holt auf. Beharrlich arbeitet er seine Bereiche ab, kauft ein, kocht, bringt den Müll weg, geht mit den Kindern schwimmen. Seine Stundenzahl wächst - auf 20,5 am Sonntagabend, ich habe 22. Hurra, fast Gleichstand! Schatz, wir sind das Dream-Team!

Arbeitgeber gehen meist noch von der Alleinverdienerehe aus. Dass sich Eltern die Care-Arbeit teilen, scheint nicht vorgesehen.

Zwei Dinge stören jedoch: Ich habe fast nur grüne "Kinder"-Striche. Das heißt: Unsere Aufteilung ist zwar gerecht - aber sehr traditionell. Will ich wirklich, dass meine Kinder das als Norm speichern? Da müssen wir noch mal ran. Zudem ging unsere Zeit als Paar komplett unter. Sollten wir die wie das Joggen auch lieber im Voraus planen? Klingt unromantisch, hat aber vielleicht sehr romantische Effekte.

Ein Ergebnis des Experiments: Wir begegnen uns mit mehr Respekt

Wer 50/50 durchhalten wolle, müsse die Aufteilung sowieso ständig neu anpassen, sagt Stefanie Lohaus, die mit "Papa kann auch stillen" 2015 den ersten 50/50-Erfahrungsbericht veröffentlichte und das Modell bis heute durchzieht. Wichtiger als die Frage, wie man die Arbeit verteilt, findet sie daher, dass sich die Gesellschaft ändert: "Arbeitgeber gehen meist noch von der Alleinverdienerehe aus. Dass sich Eltern die Care-Arbeit teilen, scheint nicht vorgesehen. Das muss sich ändern. Die Familien brauchen mehr Zeit. Weil diese Arbeit wichtig ist."

Das finde ich auch. Umso dringender, dass man sie endlich sichtbar macht, und sei es per Strichliste. Bei meinem Mann und mir führte das Tracken dazu, dass wir uns mit mehr Respekt begegnen: zwei hart schuftende Care-Arbeiter, die zwar nicht "immer alles" machen, aber ziemlich viel - und wissen: der andere auch. Bei anderen rumpelt es vielleicht mehr, da die Bilanz nicht ganz so ausgewogen ist. Doch Bewegung ist ja nicht das Schlechteste für eine Beziehung. Also: Zählen Sie mal. Es lohnt sich.

Diskutiert mit!  Putzen, einkaufen, Kinderbetreuung – diese Arbeit wollen viele Elternpaare gerechter aufteilen und scheitern doch. Welche Erfahrungen macht ihr mit der Aufteilung der Care-Arbeit? Habt ihr gute Tipps für andere Eltern? Tauscht euch aus in der BRIGITTE-Community!

BRIGITTE 12/2019

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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