Frauen in Familienunternehmen - immer mehr Nachfolgerinnen

Immer mehr Familienunternehmen werden von Frauen geführt. Die nutzen die Chance und räumen auf - mit Strukturen und altem Denken

Es ist noch nicht lange her, da stieß Eva Vollmer in der Zeitung auf einen Bericht über rheinhessische Jungwinzerinnen. Sie kam nicht vor. Erst erschrak sie. Schließlich hat die 36-Jährige aus dem Bauernhof ihrer Eltern ein hochgelobtes Weingut gemacht, ihre Weine sind weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt. Doch dann, sagt Eva Vollmer, gefiel ihr der Gedanke eigentlich ganz gut, nicht mehr die Vorzeigewinzerin zu sein. "Ich bin lange darauf reduziert worden." Nun ist sie einfach eine Frau, die in zweiter Generation ein sehr erfolgreiches Familienunternehmen führt.

Achtung, die Töchter kommen!

"Töchter an der Spitze eines Familienunternehmens sind heute ganz selbstverständlich!", sagt die Soziologin Daniela Jäkel-Wurzer, die sich auf die Beratung von Unternehmerfamilien spezialisiert hat und seit Jahren zur weiblichen Nachfolge forscht. Wie viele Firmen schon in Tochterhand sind, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Werte variieren - je nach Studie - zwischen 20 und 40 Prozent. Doch sicher ist: Es werden mehr.

Dabei war über Generationen die Nachfolge des erstgeborenen Sohnes quasi Naturgesetz. Dass vermehrt die Töchter zum Zug kommen, hat mehrere Gründe. Zum einen werden sie schlicht gebraucht. Tausende Familienunternehmen suchen dringend Nachfolger. Nach Angaben der Kreditanstalt für Wiederaufbau planen bis Jahresende 100 000 Mittelständler eine Unternehmensnachfolge - ohne diese jedoch geregelt zu haben. Dazu kommt der gesellschaftliche Wandel, alte Rollenmuster lösen sich auf. Und mancher männliche Spross einer Unternehmerfamilie hegt ganz eigene Pläne. "Viele Söhne gründen lieber ein Start-up, als den Pumpenhersteller im Schwäbischen zu übernehmen", sagt Jäkel-Wurzer. Die Töchter indes, oft hervorragend ausgebildet, stießen in der freien Wirtschaft nach wie vor oft gegen die gläserne Decke. "Das Familienunternehmen bietet dann die Chance, die Strukturen nach den eigenen Vorstellungen familienfreundlich zu gestalten." 

Genau das machte Dagmar Fritz-Kramer. Seit 2004 führt die 47-Jährige die Allgäuer Ökofertighaus-Firma Baufritz, obwohl sie als Mädchen eigentlich von einem eigenen Einrichtungsladen träumte und sich deshalb zur Dekorateurin ausbilden ließ. Doch als sie 17 war, starb ihre Mutter. Die Tochter erbte deren Anteile, nahm an den Bilanzbesprechungen der Firma teil und merkte schnell: Mir gefällt das, ich will mitgestalten. Für Expertin Jäkel-Wurzer ist das eine sehr töchtertypische Motivation. "Viele Nachfolgerinnen spüren für das Familienunternehmen und die Mitarbeiter eine besondere Verantwortung", sagt sie. Fritz-Kramer holte also ihr Fachabitur nach, studierte Innenarchitektur und Wirtschaftsingenieurwesen. 1999 stieg sie in die Firma ein, die Übergabe erfolgte schrittweise bis zum 65. Geburtstag des Vaters. Mit einer großen Party verabschiedete er sich an diesem Tag - komplett. Das schaffen die wenigsten Patriarchen, auch Dagmar Fritz-Kramer und ihr Vater hatten erbitterte Diskussionen geführt. Doch als sie ihm während eines solchen Wortgefechts einmal gedroht hatte zu gehen, wenn er sie nicht entscheiden ließe, kippte das Machtverhältnis.

Auf dem Land müssen wir den Mitarbeitern etwas bieten

Mit derselben Konsequenz machte sie ihre Firma zu einem Vorreiter in Sachen Vereinbarkeit. Schon 2006 gab es bei Baufritz als erstem bayerischen Unternehmen eine Betriebskita. Als die Chefin im selben Jahr ihr erstes Kind bekam, wechselte sie in Teilzeit; bis heute, ihre Kinder sind mittlerweile neun und zwölf Jahre alt, geht sie montags und dienstags mittags nach Hause. Die anderen Nachmittage übernimmt ihr Mann, ein Krankenpfleger. Ihrem Vorbild sind bei Baufritz viele gefolgt. Fast 30 Prozent der Führungskräfte arbeiten heute in Teilzeit. Es gibt 240 verschiedene, individuell angepasste, flexible Arbeitszeitmodelle. Für ältere Kinder wird eine Ferienbetreuung angeboten. Fritz-Kramer geht es dabei nicht nur um persönliche Überzeugung, auch unternehmerischer Pragmatismus spielt eine Rolle. "Wir sind hier auf dem platten Land", sagt sie. "Um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, müssen wir unseren Mitarbeitern etwas bieten." Wie sie sind viele Nachfolgerinnen keine selbst erklärten Vorkämpferinnen des gesellschaftlichen Wandels, Priorität hat stets das Unternehmen. Auch das mag ein Grund sein, weshalb sich viele dieser Töchter mit ihren neuen Ideen gut durchsetzen können.

Dagmar König, Chefin des Autohauses König, zum Beispiel hat sich nie bewusst die Frage gestellt, ob sie Frauen fördern will. "Für mich ist das selbstverständlich", sagt die 46-Jährige. "Ich habe immer die Person ausgewählt, die meiner Meinung nach am besten geeignet für den Job war." Und in ihren Augen waren das eben besonders oft Frauen. Seit sie vor 18 Jahren in das Unternehmen ihrer Eltern einstieg, hat sich der Anteil der Mitarbeiterinnen in den 48 Filialen mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei 24 Prozent. Selbst in der Werkstatt und im Verkauf bröckelt die Männerdomäne. Als Dagmar König, eine stille, aber sehr durchsetzungsstarke Berlinerin, die erste Filiale übernahm, gab es - bis auf eine Ausnahme - Frauen nur in der Verwaltung. König musste sich durchboxen. Eine der ersten Amtshandlungen der damals 28-Jährigen: Sie entließ einen Mechaniker, der meinte, sich von einer Frau nichts sagen lassen zu müssen. Doch wirklich geklärt war die Sache erst, als sie bei einem Team-Ausflug im Gokart-Rennen als Schnellste ins Ziel raste. "Das hat mir sehr viel Akzeptanz eingebracht und zugleich mein Weltbild ins Wanken gebracht", sagt sie. "Ich dachte vorher wirklich, es gehe um die Leistung bei der Arbeit." Die kann sich trotzdem sehen lassen, aus dem kleinen, familiären Autohaus mit zwei Filialen wurde unter ihr - heute ist sie eines von vier Mitgliedern der Geschäftsführung - ein Großunternehmen mit 1100 Mitarbeitern. Durch die vielen Frauen hat sich die Unternehmenskultur verändert. "Blöde Sprüche wie noch zu meiner Anfangszeit höre ich hier heute gar nicht mehr", sagt sie.

Eine klassische Hierarchie funktioniert für uns nicht.

Auch bei der Outdoorfirma Vaude auf der Schwäbischen Alb ist eine neue Firmenkultur eingezogen, seit Antje von Dewitz, 46, das vom Vater gegründete Unternehmen leitet. "Eine klassisch-hierarchische Struktur funktioniert für uns nicht", sagt sie. Sie setzt auf eine Kultur der Augenhöhe und auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. "Die Töchter etablieren oft eine andere Art der Führung. Sie teilen Macht und Verantwortung", sagt Daniela Jäkel-Wurzer. Auch so veränderten die Nachfolgerinnen ihre Firmen.

Antje von Dewitz baut zudem konsequent auf Nachhaltigkeit - von der Bio-Kantine für die Mitarbeiter bis hin zur Produktion. Kleidung und Rucksäcke sind bei Vaude heute komplett frei von möglicherweise krebsauslösendem PFC. Fast die gesamte Bekleidungskollektion entspricht dem höchsten Umweltstandard im Textilbereich. Seit Kurzem sind die ersten Fleecejacken aus Holzfasern auf dem Markt. So soll Mikroplastik vermieden werden, das durch den Abrieb von Kunstfasern entsteht. "Antje von Dewitz hat die Marke mit Sinnstiftung und Nachhaltigkeit aufgeladen", sagt Beraterin Daniela Jäkel-Wurzer. Das sei die Motivation vieler Nachfolgerinnen: "Sie wollen sinnhaft führen und können sich damit im Familienunternehmen besonders gut verwirklichen."

Die Töchter führen das Unternehmen meist ganz anders

Das Familienunternehmen als Zukunftslabor für neue Arbeitsformen und -prinzipien – es scheint, als sei das gerade für die neue Chefinnen-Generation der Töchter eine attraktive Vorstellung. Eva Vollmer, die Winzerin aus Rheinhessen, die ihre Nichterwähnung im Zeitungsbericht über Jungwinzerinnen erst irritierte und dann freute, nahm das Labor-Motto sogar wörtlich: Als klar war, dass sie den Bauernhof ihres Vaters übernehmen würde, der außer Zuckerrüben und Getreide auch Wein anbaute, aber eben nicht kelterte, absolvierte sie erst ein Weinbau-Studium in Geisenheim, der Kaderschmiede deutscher Winzer - und wagte dann das Experiment. Im ehemaligen Kartoffelkeller ihrer Eltern kelterte sie ihre ersten 4500 Flaschen und stellte die Anbaumethoden der Familie völlig auf den Kopf: Von der Maschinenernte wechselte sie zur Handlese, statt chemische Mittel zu verwenden, entfernt sie Unkraut heute mechanisch und arbeitet mit ökologischem Pflanzenschutz wie Fenchel und Backpulver. Auf die Etiketten klebt sie dann konsequenterweise auch ihren eigenen Namen: Eva Vollmer. "Frauen haben auf den Weingütern ja schon immer mit rumgewurschtelt, nur ihr Name stand eben nie auf den Flaschen", sagt sie. "In Rheinhessen waren wir damit die Ersten." Schon der zweite Jahrgang landete als Entdeckung des Jahres im Gault & Millau. Auch heute loben die Weinkritiker ihre Kreationen. Die Eltern, von Anfang an begeistert vom Elan der Tochter, arbeiten Tag für Tag tatkräftig mit. Denn auch wenn nun sie an der Spitze steht: Das Weingut Eva Vollmer ist weiterhin ein Familienunternehmen.

Brigitte 03/2019

Wer hier schreibt:

Katja Michel
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