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Freundschaft am Arbeitsplatz: Nur "Frollegin" oder mehr?

Freundschaft am Arbeitsplatz: Frollegin oder mehr?: Zwei Frauen
© fizkes / Shutterstock
Jeder hat sie: Die Kollegin, mit der man besonders dicke ist. Zumindest am Arbeitsplatz. Aber ist das Freundschaft – oder etwas ganz anderes?

Es ist ihr immer nochunendlich unangenehm. Obwohl es schon Monate her ist, flattert ihr Magen gleich wieder, als sie davon erzählt. "Lass uns doch zusammen feiern!", hatte Katrin ihrer Kollegin Yasmin beim Kaffee vorgeschlagen. Und Yasmin hatte erst mal geschwiegen, den Zucker in ihrem Becher verrührt und dann gesagt: "Weißt du, vielleicht feiere ich Silvester dieses Jahr einfach mal gar nicht."

Bäm. Das saß. "Die Quittung für eine totale Fehleinschätzung", sagt Katrin. Die beiden arbeiten im selben Unternehmen und gehen mittags gern zusammen in die Kantine oder draußen Kaffee trinken. Sie sind das, was man "Frolleginnen" nennt: eine Mischung aus Freundin und Kollegin. Bis Katrin in der Kaffeeküche vorschlug, sich privat zu treffen und gemeinsam zu feiern. Und schlagartig zu der deprimierenden Erkenntnis gelangte, dass Yasmin eben keine private Freundin ist.

Das Problem ist ein Zeichen unserer Zeit

Das Missverständnis hat viel mit Art zu tun, wie wir heute arbeiten, denn im Job verwischen die Grenzen zwischen privat und beruflich immer mehr. Der Berliner Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit freundschaftlichen Beziehungen. Er nennt das Phänomen "ein Zeichen unserer Zeit". Tatsächlich hört man, wenn man im Bekanntenkreis nachfragt, viele ähnliche Geschichten.

Judith erzählt, dass ihre Büronachbarin Anne, mit der sie mittags im Fischimbiss über Kindererziehung, Bücher und die Welt plaudert, jeden Abendvorschlag (Kino? Italiener?) im Sande verlaufen lässt: Stets hat sie andere Pläne. Sabine sagt, dass kaum eine ihrer Bürofreundschaften – ja, sie hielt sie für Freundschaften – ihren Jobwechsel überlebt hat. Alexandra ist verletzt, weil ihre Lieblingskolleginnen eine Vernissage besuchten, ohne zu fragen, ob sie mitkommen möchte: "Dabei wussten sie, dass ich die Künstlerin super finde." Sie hat sich danach zurückgezogen – eine normale Reaktion, findet Psychotherapeut Wolfgang Krüger:

Es ist bitter zu merken, dass man sich einem Menschen näher fühlt als dieser einem selbst.

Am Arbeitsplatz wirkt der Mere-Exposure-Effekt 

Klar, das gab es schon immer. Neu ist, dass diese Menschen heute oft aus dem Kolleg*innenkreis kommen. Tatsächlich greift im Job der sogenannte "Mere-Exposure-Effekt": Je häufiger wir einen uns zunächst flüchtig bekannten Menschen treffen, desto sympathischer wird er uns (sofern wir ihn nicht auf den ersten Blick ablehnen). Schon allein dadurch, dass wir so viel Zeit mit unseren Kolleginnen verbringen, entsteht also Nähe.

Diese gefühlte Nähe wird allerdings durch unsere moderne Arbeitswelt massiv verstärkt: Der Ton ist informell, wir duzen uns, Unternehmen locken in Stellenanzeigen sogar damit, dass man bei ihnen "unter Freunden, nicht unter Kollegen" arbeitet – obwohl das eigentlich gar keine gute Idee ist, wie die Psychologin Dr. Sabine Hommelhoff, die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu sozialen Beziehungen im Arbeitsleben forscht, in einer Studie zeigte: Stellenanzeigen mit Kumpel-Anklängen führen bei Bewerber*innen häufig zur Vermutung, dass in der Firma die Leistungsstandards niedriger sind.

Die Inflation des Persönlichen erzeugt Missverständnisse auf allen Ebenen. Etwa, wenn sich in der Physiotherapie-Praxis morgens alle mit Küsschen begrüßen und jeder Geburtstag im Büro mit Blumen, Girlanden und kleinen Geschenken gefeiert wird. "Der perfekte Nährboden, um firmeninterne Normen mit freundschaftlicher Nähe zu verwechseln", sagt Sabine Hommelhoff. Manchmal ist die Verwechslung ja sogar durchaus gewollt, allerdings nicht mit den besten Absichten: Eine frühere Vorgesetzte bot Sabine Hommelhoff das Du an, um sie dann direkt im Anschluss – natürlich ganz freundschaftlich – zu fragen, ob sie eigentlich Kinder möchte. 

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© Bikini Island & Mountain Hotel Mallorca / PR

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Wir sind nicht wirklich gut darin, unsere Beziehungen zu anderen einzuschätzen

Vorsicht ist auch bei lockeren After-Work-Events der Firma geboten. Die Betriebswirtin Jana Costas, Professorin an der Europa-Universität Viadrina, fand heraus, dass viele Unternehmen die Geselligkeit, etwa durch gemeinsame Pub-Abende, nicht aus Menschenliebe fördern, sondern weil sie eine effiziente Form der Kontrolle sind.

Tatsächlich sind wir ziemlich schlecht darin, unsere Beziehungen zu anderen einzuschätzen. Vielleicht ahnen wir beim Pub-Talk mit der Chefin noch, dass es nicht wirklich um uns geht. Doch laut einer Studie des MIT und der Universität Tel Aviv sehen sich etwa die Hälfte der Menschen, die wir für unsere Freunde halten, selbst nicht als solche.
Katrin hätte vor dem Gespräch über Silvester Yasmin als Freundin bezeichnet, Yasmin Katrin als gute Kollegin. Zum Problem wird das erst jetzt, wenn eine mehr möchte.

Die Frollegen-Beziehung ist komplex

Denn Freundschaft ist heute als Wert wichtiger denn je. Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann spricht von der framily, einer Familie aus Freunden, die die Ursprungsfamilie ergänzt, manchmal ersetzt. Im Schnitt bezeichnen wir drei bis vier Kolleg*innen an unserem Arbeitsplatz als Freunde, ergab eine Studie der Psychologin Sabine Hommelhoff, und laut einer Gallup-Umfrage hat jede*r dritte Deutsche einen wirklich guten Freund oder Freundin innerhalb der Firma. Sind diese zwei wie Pech und Schwefel, sprechen Forscher*innen von work spouses, Arbeits-Ehepartnern.

Freundschaft braucht Intensität und eine gewisse Häufigkeit des Kontakts, und die Frolleginnen, die wir ohnehin jeden Tag sehen, schmiegen sich da wunderbar in unser pralles Leben. Wer abends im Kinderchaos versinkt, pflegt Kontakte eben in der Mittagspause.

Wolfgang Krüger, der Berliner Psychotherapeut, rät, die Ablehnung einer Kollegin nicht zu hoch zu hängen. Er sagt:

Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Gegenüber keine tiefere Bindung möchte, liegt bei 90 Prozent.

Für eine echte Freundschaft, Wolfgang Krüger nennt sie Herzensfreundschaft, müsse man erst mal etwa 20 bis 30 Menschen näher kennenlernen.

Doch wie geht man nun damit um, wenn man in die Frollegen-Beziehung mehr hineininterpretiert hat, als da war? Sollte man es ansprechen? "Bitte sehr vorsichtig", sagt Wolfgang Krüger. "Was wollen Sie denn auch sagen? Dass Sie enttäuscht sind, dass der andere keine tiefere Bindung möchte?" Davon fühlt das Gegenüber sich schnell bedrängt – im Job-Kontext extrem schwierig.

Zumal es gerade am Arbeitsplatz eben nicht immer nur um Sympathie geht. "Die breite Mehrheit der Arbeitsfreundschaften entsteht auf derselben hierarchischen Ebene", sagt Sabine Hommelhoff. Doch Kolleginnen sind nun mal häufig auch Konkurrentinnen, was sich meist erst bemerkbar macht, wenn eine von beiden aufsteigt. Ein Teilnehmer aus der Studie von Sabine Hommelhoff musste einen Freund entlassen. Eine andere Teilnehmerin lehnte eine Beförderung gleich ab, um nicht über ihren Freundinnen zu stehen – in Konfliktsituationen, das fand die Uni Auckland in einer Studie heraus, bewerten Kolleg*innen ihre Freundschaft höher als das Firmenwohl.

Auch lockere Bindungen haben ihren Wert!

"Tatsächlich kann eine bedingungslose emotionale Unterstützung im Job etwas sehr Schönes sein", sagt Sabine Hommelhoff. Man fühle sich besser und sicherer, traue sich mehr zu. "Einsamkeit und Unsicherheit sind unsere stärksten Angriffspunkte im Leben", sagt Wolfgang Krüger. Und Freundschaft verheißt das Gegenteil. "Wir wählen unsere Freunde nicht nur aus, weil sie toll sind, sondern auch weil sie uns das Gefühl geben, toll zu sein."

Die Kehrseite: Büro-Buddys können von der Arbeit ablenken und die eigene Leistung beeinträchtigen. Weil man den Fehler der Freundin ausbügelt, ihre Defizite vor der Chefin deckt, ihr Arbeit abnimmt, weil sie gerade in einer schwierigen Ehe-Phase steckt. Alles Gründe, aus denen es manche Menschen vorziehen, schon früh Grenzen zu ziehen.

Doch egal, wo die Ursachen liegen: "Es ist allein meine Enttäuschung", sagt Wolfgang Krüger. "Ich bin es, die sich mehr wünscht, als meine Frollegin mir geben möchte." In so einem Fall bleibt nur, seine Energie auf andere, vielversprechendere Kandidat*innen umzuleiten, um dann ungekränkt gemeinsam auf der kleineren Freundschaftsstufe stehen zu bleiben, die die Frollegin definiert. Man geht weiterhin mittags gemeinsam in die Kantine, geht ab und an auf einen Drink aus. Ohne mehr Privatheit zu erwarten oder zu fordern. Denn schließlich haben auch lockere Bindungen ihren Wert: Es heißt, dass wir ein Netz von etwa 20 losen Kontakten in unserem Leben brauchen, um uns aufgehoben zu fühlen. Und warum nicht am Arbeitsplatz damit anfangen?

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In ihrem Podcast "So bin ich eben! Stefanie Stahls Psychologie-Podcast für 'Normalgestörte'" beantwortet die Expertin jede Woche eine Hörerfrage zu den Themen Beziehung, Selbstliebe und wie wir uns aus alten Mustern befreien können. In Folge 5 geht es um das Thema: "Immer wenn es ernst wird, laufe ich weg. Bin ich beziehungsfähig?" Die ersten sechs Folgen erscheinen alle zwei Wochen bei Audio NOW, Apple Podcasts, Spotify und allen weiteren Podcast-Plattformen. Fragen könnt ihr an sobinicheben@randomhouse.de. schicken. 

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