Helma Sick: "Die beste Investition meines Lebens war die Therapie"

Helma Sick gilt als die Grande Dame der Finanzberatung, ist Feministin, BRIGITTE-Kolumnistin und gefragte Rednerin. Aber der Weg dorthin war lang und schmerzhaft.

Sie haben Ihr Leben lang für die Rechte und die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen gekämpft. Als ich in Ihrer Autobiografie gelesen habe, wie Ihre Kindheit war, dachte ich: kein Wunder.

HELMA SICK: Mit Sicherheit hat mein Lebensweg viel mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin in einer kleinen Stadt im Bayerischen Wald aufgewachsen. Bis ich fünf oder sechs war, lebten wir in einem dunklen, feuchten Haus, in dem mehr Mäuse als Menschen wohnten. Wir waren nicht wirklich arm, mussten aber immer sparen, weil mein Vater keine Krankenversicherung hatte. Er hatte Muskelschwund, und wir mussten alle Behandlungen selbst bezahlen.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Meine Mutter hat mich gehasst. Sie sagte Sätze zu mir wie: "Du kommst noch einmal ins Gefängnis." Oder: "Wenn ich dich doch gleich nach der Geburt ertränkt hatte." Ich hatte immer das Gefühl, die Mutter ist ganz böse, der Vater ist ganz lieb. Für meinen Vater war ich seine Prinzessin. Aber seine Liebe ging weit über die eines Vaters hinaus. Ich habe erst sehr viel später und nach einer langen Analyse herausgefunden, dass er mich missbraucht hat.

Und Ihre Mutter wusste das?

Sie muss das gewusst haben, hat aber nie etwas dagegen getan. Stattdessen hat sie mich dafür verantwortlich gemacht. Einmal schlug sie mich mit einer Hundeleine, bis ich am Boden lag. In der geöffneten Tür sah ich meinem Vater im Lehnstuhl sitzen, der immer rief: "Hör auf, hör auf!" Aber sie drosch weiter auf mich ein. Heute weiß ich: Sie wollte im Grunde ihn schlagen. Dazu kam eine weitere Ungerechtigkeit: Mein Bruder durfte alles, ich durfte nichts.


Als Ihr Vater starb, wurden Sie auch 
noch um Ihr Erbe betrogen.


Ich war 17 und hatte von nichts eine Ahnung. Sie haben mich zum Notar geschleppt. Mein Bruder hat das Geschäft meines Vaters übernommen, hat unser Elternhaus bekommen und das große Grundstück. Und ich bekam als Abfindung ein Wohnrecht in diesem Haus. Meine Mutter hat mir also wieder etwas verweigert, was mir eigentlich zustand: erst Liebe und Anerkennung, dann Geld. Ich habe das später auch oft bei meinen Kundinnen gesehen: Es geht beim Erbe nie nur um Geld, es geht auch um Gefühle und Zuwendung.


Und was hat das alles in Ihnen ausgelöst?

Einer meiner stärksten Antriebe war Wut, dass ich von meiner Mutter so schlecht behandelt wurde. Sie sagte: "Du kannst nichts, du bist hässlich, was soll nur aus dir werden." Ihr wollte ich es zeigen. Ich wollte was werden.

Aber Sie mussten nach der Mittleren Reife von der Schule gehen.

Es hieß: "Mehr brauchst du nicht, du gehst in ein Büro, bis du heiratest. Dann bist du sowieso versorgt." Nun hatte 
ich die Ehe meiner Eltern nicht gerade als wahnsinnig toll empfunden, das erschien mir kein erstrebenswerter Zustand. Natürlich wollte ich einen netten Mann und ein Kind. Aber ich wollte immer selbst für mich sorgen können. Auch weil ich erlebt habe, dass ich mich auf niemanden verlassen konnte. Meine Mutter ging sonntags in die Kirche, aber dass sie als Katholikin ihre Tochter schwer misshandelte, dass sie zusah, was in dieser Familie passierte, aber mich nicht schützte; und dass der angesehene Geschäftsmann bei mir, seinem Kind, sexuell übergriffig war - das ahnte niemand. Dieses Familienleben war nur Fassade.

Ein Phänomen, das Sie später noch oft erlebt haben, oder?

O ja. Das war der rote Faden in meinem Leben. Ich habe immer gern Leute beobachtet und schon damals gesehen, wie Frauen leben. Dass viele von ihnen unglücklich waren, aber nicht gehen konnten, weil sie kein Geld, keinen Beruf hatten. Das hat mir schon sehr früh zu denken gegeben.

Meine Mutter
hat mir alles verweigert: Liebe, Anerkennung - und mein Erbe

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Mit 17 ging ich nach München und suchte mir eine Stelle in einem Büro; aber ich war überfordert vom Leben in der Großstadt. Mir machte das Angst. Ich bin zurückgegangen mit dem Gefühl, ich bin gescheitert. Als hätte sich die Prophezeiung meiner Mutter erfüllt: Du bist nichts, kannst nichts. Dann bekam ich eine Anstellung als Sekretärin und später als Chefsekretärin der Regentalbahn. Aber ich hatte trotzdem Schulden.

Warum das?

Ich hatte einen Fiat 500, der war ständig kaputt und musste repariert werden, und das riss mich in die Miesen. Also überlegte ich: Womit kann ich zusätzlich Geld verdienen. Ich war perfekt im Zehnfingersystem. Und so kam ich auf die Idee, in den Wirtshäusern der Umgebung für junge Bäuerinnen und Bauern Schreibmaschinenkurse anzubieten. Das habe ich zwei Winter lang gemacht, im Sommer mussten die ja auf dem Feld arbeiten. So wurde ich meine Schulden los! Und dann kam eines Tages in der Firma, in der ich arbeitete, der Chef des Aufsichtsrats zu mir und sagte: "Ich will Sie nächstes Jahr hier nicht mehr sehen. Sie können doch viel mehr. Trauen Sie sich, machen Sie sich auf den Weg." So etwas hatte noch nie ein Mensch zu mir gesagt.

Trotz Ihrer schlimmen Erfahrungen haben Sie eine unglaubliche Kraft entwickelt.


Meine Haltung war immer: Wenn es einem schlecht geht, muss man etwas dagegen tun. Jammern stabilisiert nur das System und geht allen auf die Nerven. Ich bin davon überzeugt, dass die Therapie mich gerettet hat. Das war 
die beste Investition meines Lebens. Ich hatte wahnsinnige Ängste und Albträume, ich habe manche Nächte mit dem Messer auf dem Nachttisch geschlafen. Ich habe, als ich dann wieder in München lebte, erst eine Psychoanalyse gemacht und später dann eine analytische Gesprächstherapie.

Wie lange?

Über zehn Jahre, jede Woche. Ja, das ist lang. Aber das Leid vorher war länger. Man kann nicht etwas, was 30 Jahre das Leben bestimmt hat, in zwei, drei Jahren verarbeiten. Dieses Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten war genau richtig für mich. Es gab Phasen, in denen ich nicht geredet habe, nichts sagen konnte und dachte, gleich schmeißt mich die Therapeutin raus. Aber ich erlebte Güte, Verständnis und Förderung. So konnte ich etwas aus meinem Leben machen. Erst das hat mir ermöglicht zu heiraten und später ein Kind zu adoptieren, was gefühlsmäßig für mich ein Wahnsinnsschritt war.

Bis zur Adoption Ihres Sohns waren Sie fünf Jahre lang Geschäftsführerin des ersten Frauenhauses in München. Klingt nach einem Job wie für Sie gemacht.

Die Themen, mit denen ich dort täglich zu tun hatte, waren mir sehr vertraut: Gewalt in der Familie, und auch die Probleme von Frauen, die abhängig von ihren Männern waren. Aber für die Adoption war es Voraussetzung, dass ein Elternteil vorübergehend aus dem Beruf ausstieg; und klassischerweise stieg ich aus, mein Mann verdiente als Diplom-­Chemiker deutlich mehr als ich. Aber ich habe die Elternzeit genutzt: Ich habe ein Abendstudium gemacht und damit einen "Makel" in meinem Leben beseitigt, nämlich keine abgeschlossene Berufsausbildung zu haben. Jetzt war ich Betriebswirtin. Das hat mir später sehr geholfen, als ich anfing, als Finanzberaterin für Frauen zu arbeiten.


Und es war ein Artikel in der BRIGITTE, der Sie auf diese Idee gebracht hat.

Ja, ist das nicht toll? Das war 1986. Ich las das, und ich wusste sofort: Das könnte ich machen. Ich kannte mich mit Geld aus, ich wollte etwas mit und für Frauen machen, und ich wollte selbst­ ständig sein.

Damals waren Frauen in der Finanzbranche noch Exotinnen, oder?

Bei den Fortbildungen, die ich machte, war ich meistens die einzige Frau und erntete von den Männern Hohn und Spott. Das waren Profis, die waren nicht unseriös. Aber sie dachten, wie ein Finanzberater aus Frankfurt damals zu mir sagte: "Wie kann man sich nur Frauen als Kundschaft aussuchen. Die haben doch keine Ahnung und brauchen ewig, bis sie mal etwas abschließen. Vergessen Sie’s." Es interessierte sie überhaupt nicht, dass Frauen eine andere Ansprache brauchen. Frauen sind über Jahrhunderte unterdrückt worden, indem man ihnen den Zugang zu Geld vorenthielt. Wie sollten sie also Erfahrungen mit Geld machen? Das war fast schon ein genetischer Defekt. Sie mussten sich das erst mühsam erarbeiten.

Kollegen sagten: Sie wollen 
Frauen beraten? Vergessen Sie’s!

Und wie lief Ihre Firma am Anfang?

Das brauchte schon seine Zeit. Erst hatte ich ein winziges Büro mit einer Kollegin, Svea Kuschel; dann mietete ich einen Laden mit Schaufenster in Schwabing, in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert, sehr renovierungsbedürftig, aber mit viel Charme. Es kamen einige Frauen, das reichte, um die Miete zu bezahlen. Und meine Geschäftsidee sprach sich bald herum. Aber ich war ja immer schon von meiner Mission beseelt. Deshalb fing ich bald an, Vorträge zu halten über Frauen und Geld und finanzielle Unabhängigkeit. Zu einem meiner ersten Vorträge lud mich ein Hausfrauenbund ein. Im Publikum saßen fünf Frauen, davon drei über 80, und eine schlief die ganze Zeit.


Das ist heute anders ...


Natürlich. Vor Kurzem sprach ich im Maximilianeum zu 300 Leuten. Die Frauen wissen inzwischen, dass das ein wichtiges Thema ist. Wobei, auch heute noch gibt es in jedem Publikum eine Supermutter. Die dann sagt, sie könne dem nicht zustimmen, dass eine Frau arbeiten solle, wenn sie Kinder hat, schließlich gebe es ja auch noch die Mutterliebe. Das Schlimme aber ist, dass wir heute noch über die gleichen Themen diskutieren wie schon in den 70er-Jahren. Zum Beispiel, dass das Ehegattensplitting abgeschafft werden müsste, weil es die Frau daran hindert, berufstätig zu sein.

Es wurde noch nicht abgeschafft.

Das regt mich auf! Diese Überhöhung der Familie betreiben alle konservativen Parteien, die CSU genauso wie die AfD. Nach der Teilung Deutschlands war es unter der Adenauer-Regierung im Westen der feste politische Wille, das traditionelle Familienbild zu stärken - in Abgrenzung zum Sozialismus, wo die Frauen alle gut ausgebildet wurden und ein Jahr nach der Geburt ihrer Kinder wieder arbeiten gingen. Und wo es flächendeckende Kinderbetreuung gab.

Was hat sich denn geändert in den
 30 Jahren, die Sie Frauen beraten?


Die Frauen kommen heute viel früher zu uns. Damals kamen sie mit Mitte 40, nach einem Schicksalsschlag, wenn der Mann sie verlassen hatte oder gestorben war. Jetzt sind sie Ende 20, Anfang 30; spätestens dann sollte man auch anfangen, sich mit der Altersvorsorge zu beschäftigen. Männer machen das meistens schon früher, die haben Bausparverträge, Lebensversicherungen, Riester- Sparpläne. Aber auch heute würde doch kaum ein Mann darüber nachdenken, mehrere Jahre wegen der Kinder aus dem Beruf auszusteigen. Ich sage den Frauen immer: Sie können alles machen, Sie müssen nur wissen, was das für Folgen hat. Ich möchte nicht, dass die Frauen immer die Rechnung zahlen müssen, weil ich das selbst leidvoll erlebt habe. Warum sind Frauen immer so bescheiden? Warum trauen sie sich so selten, etwas zu verlangen?

Ihr Buch heißt "Aufgeben kam nie in Frage". Es hätte auch "Es ist nie zu spät" heißen können: Als Sie studiert haben, waren Sie Anfang 40. Ihre Firma haben Sie mit 46 gegründet. Mit 55 wurden Sie Finanzkolumnistin bei BRIGITTE.


Das stimmt, ich habe immer wieder etwas Neues angefangen. Ich kenne viele Leute, die sagen: Das lohnt sich doch in meinem Alter nicht mehr. Natürlich wird vieles anstrengender. Aber es gibt einem umgekehrt auch wieder viel Energie.


Die brauchten Sie auch, als Sie geschieden wurden: "Mit 60 war ich wieder allein und hatte einen Buckel voller Schulden", schreiben Sie.


Zu Beginn unserer Beziehung hatte mein Mann mich immer gestärkt und ermutigt. Das hat sich gedreht, als ich immer erfolgreicher wurde. Er fing an, an mir herumzunörgeln, am Hintern, an den Haaren, an meinen Falten. Nach 28 Jahren Ehe reichte ich die Scheidung ein. Ich habe unser Haus in München übernommen, und ich musste ihm einen Anteil aus meiner Firma ausbezahlen. Aber ich lebe ja relativ bescheiden. Ich habe alles, was ich verdiente, in die Abtragung der Schulden gesteckt. Nach der Scheidung bin ich richtig aufgeblüht. Wenn ich heute alte Fotos von mir sehe, erkenne ich mich nicht wieder.

Also könnte der Buchtitel auch lauten: "Alles Schlimme hat auch sein Gutes".

Ich würde nie wieder jung sein wollen. Ich war ein unglückliches Kind und eine unsichere junge Frau. Aber ich habe das verarbeitet, ich leide nicht mehr. Mein Leben ist mit den Jahren immer besser geworden, je selbstbewusster und unabhängiger ich wurde, je weniger ich mir gefallen lassen musste. Heute kann ich sagen: Ich habe jetzt das schönste Leben, das ich je hatte.

Geldwert, Selbstwert "Aufgeben kam nie in Frage. Warum ich dafür kämpfe, dass Frauen ihr eigenes Geld haben" (256 S., 20 Euro, Kösel)

Nach oben gearbeitet

Helma Sick wurde 1941 im Bayerischen Wald geboren.
 Sie arbeitete unter anderem als Sekretärin, Schreibmaschinenlehrerin und Leiterin eines Frauenhauses. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre gründete sie 1987 ihr Unternehmen "frau & geld", dessen Inhaberin sie bis heute zusammen mit ihrer Nichte Renate Fritz ist. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Finanz-Kolumnistin der BRIGITTE. Helma Sick hat einen Sohn und lebt in München.

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Wer hier schreibt:

Claudia Münster
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