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Job und Familie Gute Konter für unverschämte Fragen

Job und Familie: Frau mit Baby im Arm verdeutlicht Power und Stärke
© Nicoleta Ionescu / Shutterstock
Nicht nur Kanzlerkandidatinnen mit Kindern, auch im Job engagierte Mütter müssen sich oft entgeisterte Sprüche anhören. Höchste Zeit für schlaue Gegenstrategien, findet Professorin und Coachin Babette Brinkmann. 

Bevor das Coronavirus die Welt angehalten hat und ich noch innerhalb Europas flog, saß ich an einem Dienstag um 6.50 Uhr im ersten Flieger nach Köln. Neben mir ein Mann in meinem Alter, daneben eine alte Dame, die Mutter des Herrn, wie sich herausstellte. Ich war in Gedanken bei dem Tag vor mir, irgendwo zwischen Familie und Hörsaal, als die Dame sich zu mir beugte und sagte: "So, Sie sind also eine von Frau Merkels Quotenfrauen. Oder was macht eine Frau um diese Zeit in diesem Flieger?"

Ein Extraplatz in der Hölle für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen 

Manche Fragen sind wie eine kalte Dusche. Man weiß nicht, wie einem geschieht, und auf einen Schlag ist man hellwach. Es ist diese Art von Mikroaggression, die die ehemalige US-amerikanische Außenministerin Madeleine Albright zur Feststellung veranlasste, in der Hölle gebe es einen Extraplatz – für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen.

"Nein", antwortete ich damals. "Denn Frau Merkel ist gar nicht für die Quote." (Tatsächlich sprach sie sich ein paar Monate später dann doch dafür aus.) "Aber schauen Sie sich hier mal um: 60 Prozent dieser Männer sind Quotenmänner. Die sitzen auf Posten, für die sie in Betracht kamen, weil sie Männer sind." Der Mann zwischen uns schmunzelte. Na, immerhin.

Unverblümte, verklausulierte oder vermeintlich verständnisvolle Fingerzeige, die uns daran erinnern, dass wir gerade als Frauen unseren Job machen und dass dies doch äußerst ungewöhnlich und irgendwie nicht ganz geheuer ist, gibt es in den unterschiedlichsten Gewändern. Und stellen mich immer wieder vor die Frage, wie ich damit umgehen kann und will. Zum Beispiel in Szenen wie diesen: ein Führungskräfte-Training mit einem Kollegen. Er hatte drei Kinder, ich damals zwei. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, wurde ich zweimal gefragt, wie ich mich organisiere mit den Kindern, wer sich gerade um sie kümmere, wenn ich jetzt vier Tage hier im Hotel sei. Meinen Kollegen fragte niemand.

Warum wird eine Frau nicht auch zuerst mal nach ihrer Karriere gefragt, bevor es um die Frage nach ihrer Familie geht? 

Oder das Netzwerktreffen in Berlin. Ich blieb noch einen Tag länger, um mir eine Ausstellung anzusehen. Mit einem Kollegen – wir haben beide je drei Kinder – fuhr ich nach der Veranstaltung mit der U-Bahn Richtung Innenstadt. Man sah uns aufbrechen, eine gemeinsame Kollegin sprach beim nächsten Treffen ausschließlich mich darauf an: Ich sei beruflich doch ohnehin so viel unterwegs, ob ich da wirklich noch für eine Ausstellung einen Tag länger bleiben müsse?

Oder aber diese Szene: Eine Stiftung hatte mich eingeladen, auf einer Konferenz zum Thema "Karriere und Netzwerken" zu sprechen. Im Publikum saßen Vorstände, Stifter:innen und großartige Frauen aus dem oberen Management oder auf dem Weg dorthin. Die fünf Vortragenden wurden auf die Bühne gerufen, die Moderatorin stellte jedem und jeder eine Frage. Meinen Kollegen fragte sie, was aus seiner Sicht der größte Stolperstein in Change-Projekten sei – er erzählte von seinen größten Erfolgen. Als ich an die Reihe kam, wollte die Moderatorin von mir wissen: "Babette, du hast drei Kinder, lebst in München, arbeitest in Köln, dein Mann ist auch viel unterwegs ... wie machst du das eigentlich?"

War das ihr Ernst? Der Mann redet über seine Arbeit und ich soll über meine Familie sprechen? In meinem Kopf ratterte es: Wie komme ich hier raus? Am Ende antwortete ich: "Ich berate in erster Linie Frauen, allen voran Frauen, die als Entscheiderinnen sichtbar sind und selbst auf ähnlichen Bühnen stehen wie ich gerade. Und was würde ich denen raten, auf so eine Frage zu antworten? Ich würde raten: Egal, was du gefragt wirst, sprich über dein Vorhaben, nicht über die Familie. Richte dich in Ruhe auf, dann stell dir selbst eine kluge Frage und beantworte sie."

Die passende Reaktion fällt einem erst ein, wenn es zu spät ist

Egal, ob man nun diejenige ist, die sekundenschnell eine geistreiche Antwort finden muss, oder ob man das Ganze lediglich beobachtet – es ist immer wieder ärgerlich. Und leider ist man oftmals so perplex, dass einem die passende Reaktion erst Stunden später einfällt.

Zum Glück kann man sich auf solche Momente aber vorbereiten, auch wenn wir nie wissen, wann und in welcher Gestalt sie nächstes Mal um die Ecke kommen. Es gibt unzählige Strategien, souverän zu reagieren. Brav auf die Frage antworten und hoffen, dass frau danach schnell zum eigentlichen Thema wechseln kann, sollte frau auf jeden Fall nicht. Weil das fast nie klappt.

Ich bevorzuge inzwischen folgende Reaktionen:

  1. Die Frage überhören und über das sprechen, worüber man eigentlich sprechen will. Das ist die Strategie, für die ich mich damals auf der Konferenzbühne entschied.
  2. Die eigene Irritation offenlegen und das Gegenüber konfrontieren. Unter wohlmeinenden Gesprächspartner:innen kann das willkommen und sehr wirksam sein. Diese Strategie wählte ich, als ich auf die Gerhard-Richter-Ausstellung angesprochen wurde: "Warum fragst du das eigentlich mich und Michael nicht?"
  3. Rückfragen und (vielleicht sogar fröhlich lachend) kontern: "Haben Sie das schon mal einen Mann gefragt?" Das ist meine persönliche Lieblingsstrategie (Allerdings nicht auf der ganz großen Bühne, denn dort wollen Sie ja Ihre Inhalte positionieren!). Ich sage dann: "Fragen Sie dasselbe drei Männer, dann berichten Sie mir, was die geantwortet haben, und danach erzähle ich auch!" Im oben erwähnten Führungskräfte-Training hatte ich den Herren geantwortet: "Warum fragt ihr das mich und nicht ihn?" Die Folge: Die Männer diskutierten erst mal eine halbe Stunde untereinander ihre Familiensituation und -konflikte und ihr eigenen Ansprüche an sich als Väter.
  4. Ehrlich darauf antworten. Das mache ich aber nur, wenn mir junge Frauen, manchmal auch junge Männer, solche Fragen stellen, weil sie selbst nach Modellen und nach Austausch suchen. Zum Glück passiert mir das immer seltener. Ich hoffe: weil es mittlerweile sehr viele Vorbilder gibt, an denen man studieren kann, wie sich Job und Familie vereinbaren lassen.

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BRIGITTE 14/2021 Brigitte

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