Kritik am Chef äußern - so geht's

Viele würden ihren Vorgesetzten gern mal so richtig die Meinung sagen. Solltet ihr auch. Aber wie äußere ich Kritik am Chef, ohne danach unten durch zu sein?

Chef, wir müssen reden!

"Das muss jetzt raus!", beschloss ich vor ein paar Jahren. Ich hatte einen neuen Vorgesetzten, der alles anders machte als seine Vorgängerin. Mir und einigen Kollegen passte das überhaupt nicht. Doch während die anderen nur hinter verschlossener Bürotür klagten, sammelte ich meinen Mut, klopfte an die Glastür des Chefbüros, fragte "Hast du kurz Zeit?" und legte los: "Weißt du, ich fühle mich schlecht, wenn ...", "Die eine Situation, als du das sagtest, war schwierig für mich, weil ...", "Ich kann nicht gut arbeiten, wenn ..."

Endlich konnte ich einmal loswerden, was sich in mir aufgestaut hatte. Und mein Chef, so schien es mir, hörte aufmerksam zu! Am Ende sagte er "Danke", und ich ging erleichtert zurück an meinen Schreibtisch. Am nächsten Tag erfuhr ich allerdings über den Flurfunk, dass er sich über mich beschwert hatte. Auch sonst war sein Verhalten mir gegenüber auffallend unterkühlt: Er grüßte mich nicht und bog schnell in den nächsten Gang ab, als wir uns auf dem Flur begegneten. Inzwischen ist mir klar: Das war kein Wunder. Kein Chef, keine Chefin ist nun mal besonders darauf erpicht, von den eigenen Mitarbeitern runtergebügelt zu werden. Sechs von zehn Vorgesetzten scheuen das Urteil ihrer Mitarbeiter, hat die Unternehmensberatung Rochus Mummert 2013 in einer Studie ermittelt.

Für Kritik erhält man selten ein ,Danke', gewinnt aber langfristig Anerkennung und ein Profil

Das solle aber nicht heißen, dass man stets den Mund halten müsse, betont Regine Heiland, langjährige Trainerin und Führungskräfte-Coach. Wenn sie mal wieder einen Klienten vor sich sitzen hat, der sich über seinen Vorgesetzten beklagt, fragt sie gern als Erstes: "Hat Ihr Chef irgendeine Chance, von Ihrem Ärger zu wissen? Falls nicht, sollten Sie es ihm nicht ankreiden." Schließlich sind Mitarbeiter, die nicht jede Weisung von oben unwidersprochen schlucken, auch für Unternehmen gold wert. Kritikfreudigere Samsung-Angestellte etwa hätten vor einigen Jahren das reihenweise Explodieren von Handy-Akkus der Firma durchaus verhindern können, sind Ökonomen überzeugt. Doch die Ingenieure hätten sich schlichtweg nicht getraut, den Vorgesetzten ihres streng hierarchischen Konzerns mitzuteilen, dass der straffe Zeitplan nicht einzuhalten sei.

Vorgesetzte zu kritisieren, muss der Karriere also nicht schaden. Im Gegenteil - es kann einen beruflich sogar weiterbringen. Wer Führungskräfte zum Grübeln anrege, sagt die Psychologin und Organisationsberaterin Bettina Tausendfreund, der denke schließlich mit. "Für Kritik am Chef, erhält man selten sofort ein ‚Danke‘. Aber langfristig verdient man sich im Job so Anerkennung und ein Profil."

Man sollte beide Seiten betrachten

Doch es kommt eben auf das "Wie" der Kritik an. Am besten bringe man sein Anliegen in einem Gespräch unter vier Augen vor, also im Dialog, rät Regine Heiland. "Bloß nicht schriftlich, da besteht immer die Gefahr, Dinge falsch zu verstehen." Heikel sei es, Vor­gesetzte im Beisein anderer zu kritisie­ren. Eine Führungskraft, die im Meeting vor versammelter Mannschaft negatives Feedback bekommt, fürchtet häufig, Autorität einzubüßen. Und für so eine gefühlte Niederlage verantwortlich zu sein, könnte sich später rächen. Manchmal sogar vor Gericht, wie der Fall jenes Mitarbeiters zeigt, bei dem die Wut auf den Chef so überschäumte, dass er eine Mail an die gesamte Belegschaft verfasste. Der Vorgesetzte würde die Beschäftigten "wie Zitronen auspressen", ältere, kranke und "verschlissene" Mitarbeiter würden gegeneinander aus­gespielt. Eine solche Tirade müsse sich eine Führungskraft nicht gefallen lassen, entschied im Mai 2018 das Bundesver­fassungsgericht, nachdem das Bundesarbeitsgericht und das Landesarbeits­gericht Baden­ Württemberg dem Mitarbeiter zuvor recht gegeben hatten. Der Chef dürfe dem Mann kündigen, Meinungsfreiheit hin oder her.

Grundsätzlich, sagt Heiland, sollte man den anderen fragen, ob eine Rück­meldung erwünscht sei. Im Job gilt zudem: Die Vorgesetzte muss die Mitar­beiterin nicht unbedingt fragen, ob sie Feedback will, die Mitarbeiterin die Vorgesetzte allerdings schon. Insofern solle man bei seiner Führungskraft also lieber erst mal vorfühlen: "Ich habe etwas auf dem Herzen, weiß aber gar nicht, ob Sie das interessiert." Oder: "Mir geht das Meeting heute nicht aus dem Kopf, möchten Sie meine Meinung dazu hören?" Die Chefin kann und darf dann immer noch Nein sagen. Schließ­lich kann sie dafür ja auch gute Gründe haben. Vielleicht ist gerade viel zu tun. Oder es geht ihr an diesem Tag nicht gut. "Man sollte deshalb nach einer ablehnenden Reaktion nicht resignie­ren", sagt Heiland. "Geben Sie sich und Ihrem Vorgesetzten eine zweite Chance, etwa im Sinne von: ,Wenn Sie’s sich doch mal anhören wollen, ich bin da!‘"

Was in meinem Chef vorging, als ich sein Büro stürmte, wusste ich damals nicht. War er gesundheitlich angeschla­gen? Musste er sich an dem Tag schon Kritik vom eigenen Vorgesetzten anhören? Nachzufragen hätte das Gespräch sicher deutlich angenehmer gemacht.

Es ist wichtig, die richtigen Worte zu finden

Immerhin achtete ich als jemand, der sich beruflich mit dem Thema Kommu­nikation beschäftigt, auf meine Wort­wahl: Ich­- statt Du -Botschaften, wie in einem guten Streit, nach der Formel "Was habe ich beobachtet, das mich in meiner Arbeit betrifft, und wie wirkt das auf mich?". Aus "Sie halten sich nie an unsere Absprachen" wird dann im besten Fall "Ich hatte unsere Absprache anders in Erinnerung. Habe ich das falsch verstanden?" In der Kommunika­tion mit Vorgesetzten gehe es ganz besonders darum, den anderen nicht kleinzumachen, sagt Regine Heiland. Auch wenn das die eine oder der andere vielleicht ab und zu gern tun würde. Genauso wichtig wie die richtige Wort­wahl sei es deshalb, die Gestik und Mimik des Gegenübers im Blick zu haben und anzusprechen, was passiert: Die Chefin wird wütend? "Ich habe das Gefühl, was ich sage, ärgert Sie. War das nicht okay?" Oder in meinem Fall: "Du sagst ja gar nichts. Wie siehst du das denn? Und darf ich überhaupt so offen sprechen?" Psychologin Bettina Tau­sendfreund empfiehlt zudem, nicht gleich mit allem, was einen stört, ins Haus zu fallen, sondern die Kritik in kleinen Dosen zu üben. "Wenn ich merke, jemand hält das gut aus und nimmt mir meine Äußerungen nicht übel, kann ich beim nächsten Mal deutlicher und umfangreicher Kritik üben." Am besten direkt nach der Situation, in der das Verhalten des Chefs einen besonders stört. Allerdings auch nicht nach jeder, sagt Regine Heiland. "Einmal klar und deutlich ist mutig und kon­struktiv, 17 ­mal hintereinander eher nörglerisch und übergriffig."

Am Ende ist es doch alles nur halb so wild

Dass Chefkritik geübt werden will, ist mir inzwischen klar. Doch selbst ein komplett ver­geigtes Gespräch kann zum Anfang eines Prozesses werden. Wenn man es denn schafft, sich nach dem Kommuni­kations­-GAU einander wieder anzunähern. Mein Chef war damals zum Glück souverän genug dafür. Am übernächsten Tag rief er mich in sein Büro und gestand mir, dass er sich von mir in die Ecke gedrängt gefühlt habe. Ich konnte wiederum sagen, dass es mir leid tue, wenn ich ihn überrumpelt hätte. Beide riskierten wir etwas mit unserer Offen­heit. Aber wir hatten den Konflikt gemeistert. Und das schweißte zusam­men. Wir redeten von da an häufiger miteinander, auch über unangenehme Themen. Und plötzlich war ich dann doch ganz zufrieden mit meinem Chef.

Brigitte 26/2018
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