Leben retten per Webcam

In vielen Regionen der Welt gibt es nicht genug ausgebildete Chirurgen. Die Ärztin Nadine Hachach-Haram bringt auf virtuellem Weg OP-Expertise dorthin, wo sie gebraucht wird

Der junge Mann im Operationssaal weinte vor Angst: Bei einem Bombenangriff im Gaza-Streifen war seine rechte Hand schwer verwundet worden. Die Verletzung war nicht irreparabel, aber der einzige Chirurg vor Ort war für den Eingriff nicht ausgebildet. Als die Chirurgin Nadine Hachach-Haram durch einen Kollegen aus einem internationalen Netzwerk von der Verletzung des Palästinensers erfuhr, hatte sie gerade mit Kollegen die Plattform "Proximie" entwickelt: Mit dieser Software können sich Ärzte über Tausende Kilometer hinweg durch verschiedene bildgebende Verfahren austauschen. Anders als in der schon länger etablierten Telemedizin gibt es bei der Vernetzung keine zeitliche Verzögerung, die Interaktion ist so direkt, als stünden die beiden Ärzte nebeneinander am OP-Tisch.

70 Prozent der Weltbevölkerung sind betroffen

Für den Verletzten in Gaza war das ein Segen: Hachach-Haram organisierte, dass ein Handchirurg im 300 Kilometer entfernten Beirut die OP seines Kollegen im Gaza-Streifen virtuell überwachte. Der operierende Arzt filmte mit einer Kamera, das Live-Video wurde nach Beirut übertragen. Dort markierte der Handchirurg auf dem Bildschirm, wo Schnitte gemacht werden mussten und welche Instrumente dazu nötig waren. "Der Arzt im Gaza-Streifen konnte das auf dem Bildschirm seines iPad sehen und in Realität ausführen", sagt Hachach-Haram. Die 36-Jährige arbeitet in London an mehreren staatlichen Krankenhäusern. Seit mehr als zehn Jahren ist sie außerdem ehrenamtlich tätig für die Wohltätigkeitsorganisation "Facing the World" und "Global Smile Foundation", die Kinder mit schweren Gesichtsdeformationen operieren.

Sie sei eigentlich überhaupt kein großer Technik-Freak, sagt sie. Doch die konkrete medizinische Hilfe, die durch die Übertragungstechnik möglich sei, begeistere sie. Bei der Entwicklung von Proximie konnte sie mit ihren Kollegen bestimmen, welche Anforderung die Technik erfüllen muss; die Umsetzung selbst übernahmen dann Ingenieure. Damit möglichst viele die Software nutzen können, wurde mit Hardware geplant, die quasi jedem zur Verfügung steht: Die Ärzte im OP verwenden Smartphones, Tablets und Webcams. Das Problem, das Hachach-Haram und ihre Mitstreiter mit Proximie lösen wollen, betrifft rund 5 Milliarden Menschen, also 70 Prozent der Weltbevölkerung. So viele können sich nicht in einem sicheren und bezahlbaren Umfeld operieren lassen. "In Sierra Leone, einem Land mit sechs Millionen Einwohnern, gibt es genau zehn ausgebildete Chirurgen", sagt Nadine Hachach-Haram. Doch wenn es keinen Mediziner vor Ort gibt, bleibt nur die Wahl, die erforderliche OP entweder zu verschieben, trotz Krankheit eine weite und teure Reise auf sich zu nehmen – oder sich gar nicht operieren zu lassen.

Ein System, das überall funktioniert

Was für Konsequenzen das hat, erfuhr die Chirurgin schon in ihrer Kindheit. Ihre Familie stammt aus dem Libanon, sie wurde in Kalifornien geboren, zog dann als Teenager nach Beirut. "Im Straßenalltag konnte ich sehen, wie das Leben von Menschen zerstört wurde, weil sie einen simplen Eingriff nicht vornehmen lassen konnten", sagt sie. Schon mit 14 beschloss sie, Ärztin zu werden. Nach ihrem College-Abschluss ging sie nach England zum Medizinstudium. Neben ihrer Arbeit für die Londoner Kliniken und als Geschäftsführerin von Proximie unterstützt Nadine Hachach-Haram heute im Schnitt selbst einmal pro Woche andere Mediziner virtuell. "Wir haben dabei auch berücksichtigt, dass unser System mit langsamen Internet funktionieren muss." Die Genauigkeit der übertragenen Bilder ist so gut, dass selbst Eingriffe wie eine Nieren-Transplantation möglich sind. Die Operationen mit der Proximie-Software gehören inzwischen zum Standard zwischen etlichen Kliniken in den USA oder England und Krankenhäusern im Mittleren Osten oder Indien. Auch dem jungen Mann aus dem Gaza-Streifen konnte Nadine Hachach-Haram mit ihrer Technologie helfen. Zwei Jahre ist es her, dass Alis Hand operiert wurde. Vor kurzem bekam sie eine Nachricht von ihm: Er hat jetzt sein Examen zum Krankenpfleger bestanden.

Brigitte 11/2018

Wer hier schreibt:

Julia Meyer-Hermann
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