Liebe am Arbeitsplatz: Auf diese Regeln solltest du achten

Jede Dritte hat schon mal einen Kollegen oder eine Kollegin geküsst – der Arbeitsplatz ist mehr denn je auch eine Partnerbörse. Doch welche Regeln gelten heute für die Liebe im Job?

Wolke sieben im Büro

Sie waren zusammen essen, dann brachte Thomas*  Maria Peters* nach Hause. Vor ihrer Tür holte er tief Luft und sagt: "Ich könnte mir eine Beziehung mit dir vorstellen." Nicht gerade wild-romantisch, eher ein vorsichtiges Anklopfen. "Ich habe keine Enzyme dafür, wenn mich einer anbaggert", sagt Maria, 32, und lacht. "Ich dachte, wir sind einfach Kumpel!" Zwei Wochen überlegte sie, dann kam sie mit Thomas zusammen. Sie zöVgerte nicht, weil sie an ihren Gefühlen zweifelte. Sie zögerte, weil er ihr Chef war.

Studien zeigen, dass der Arbeitsplatz die drittgrößte, nach einigen sogar die zweitgrößte Partnerbörse der Deutschen ist. Eine repräsentative Studie des Gründerblogs Viking ergab im September, dass jeder Dritte schon mal einen Kollegen oder eine Kollegin geküsst hat. 65 Prozent hatten schon mal sexuelle Fantasien mit der Kollegin oder dem Kollegen. Und jeder Fünfte hat bereits eine dauerhafte Beziehung am Arbeitsplatz begonnen.

Die lieben Kollegen - so lieb wie nie zuvor? Tatsächlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Arbeit Partnerschaften entstehen, ist heute höher denn je, sagt Meike Müller, Karrierecoach und Autorin des Buchs "Rendezvous am Arbeitsplatz". Der Grund: "Zu keiner anderen Zeit waren so viele Frauen berufstätig, und das immer mehr auf Augenhöhe. Sie arbeiten gleichberechtigt mit den Männern an Projekten, präsentieren sich auf Kongressen und Konferenzen und sind einfach sichtbarer." Auch dass sich das Konzept von Arbeit gewandelt hat, trägt dazu bei, sagt sie: "Gerade in Berufsfeldern, die von den klassischen Arbeitszeiten abweichen, gibt es viele Möglichkeiten, sich privat abzuklopfen. Man erlebt die Kollegen in unterschiedlichen Situationen, verreist vielleicht gemeinsam und hat dann beim Abendessen die Gelegenheit, sich auch mal abseits von der Arbeit zu unterhalten." So ist auch die Beziehung von Maria Peters und Thomas entstanden: Sie arbeiteten an einem Projekt weit weg von der Zentrale ihres Unternehmens und waren neu in einer fremden Stadt. Es ergab sich wie von selbst, gemeinsam zu pendeln und auch abseits der Arbeit etwas miteinander zu unternehmen. Weder er noch sie sind verheiratet oder haben einen Partner, auch der Altersunterschied ist nicht bemerkenswert. Und doch halten sie ihre Beziehung geheim. "Es wäre nicht gut für das Team, wenn zwei da plötzlich einen Sonderstatus haben", sagt sie.

Die Angst vor den Vorurteilen ist groß

Und als junge, attraktive Frau hat sie noch eine andere Befürchtung: den Verlust des Ansehens, das sie in dem Unternehmen dank ihrer harten Arbeit und Disziplin genießt. "Du bist als Frau einfach immer die Blöde. Ich habe keine Lust, die zu sein, die sich ‚hochgeschlafen‘ hat", sagt Peters. Denn sie würde gerne aufsteigen, hat Ehrgeiz, große Ziele. Und Angst, dass das alles nichts mehr zählt, wenn die Runde machen sollte: Die Peters hat was mit ihrem Chef.

Neben Gerüchten entstehen häufig auch Loyalitätskonflikte: Weiß die Freundin des Chefs womöglich mehr als die anderen? Kann man sie für die eigenen Zwecke vor den Karren spannen? "Wenn man in eine solche Situation kommt und offen damit umgehen kann, ist es ganz wichtig zu betonen: Ich bin immer noch eure Kollegin, ich will weiter gut mit euch zusammenarbeiten", sagt Meike Müller.

Doch auch wenn zwei Mitarbeiter auf der gleichen Karrierestufe zusammenkommen, rät Müller dazu, die Beziehung zu Hause zu lassen: "Machen Sie Ihr Pärchen-Ding bloß nicht im Berufsalltag. Bei der Arbeit sind Sie Arbeitskollegen und verhalten sich bitte auch so. Wenn Sie in der Mittagspause am liebsten zu zweit zum Italiener gehen, schneiden Sie sich möglicherweise von wichtigen Informationen ab."

Ich fand ihn von Anfang an nett

Andererseits zeigen Kollegen manchmal auch große Kuppel-Talente. Ohne sie wäre Karin Schäfers* Ehe womöglich nie zustande gekommen. Sie ist Hebamme in Frankfurt am Main und seit 14 Jahren glücklich mit ihrem Kollegen verheiratet, einem Anästhesiepfleger. Die beiden haben drei Kinder. "Ich fand ihn von Anfang an nett", sagt Schäfer. Sie war 24 Jahre alt, als sie in dem Krankenhaus anfing, in dem die beiden sich kennenlernten. Im Kreißsaal gab es immer mal wieder Gelegenheit, sich zu unterhalten. Das Problem: Wenn er von seinen Wochenendplänen erzählte, sprach er meistens von "wir". "Ich dachte: Die Netten sind eben immer schon belegt." Doch ihre Kolleginnen fanden heraus: Er sprach von sich und seinem Mitbewohner. Ihrem heutigen Mann war inzwischen auch schon gesteckt worden, dass sie Interesse hatte. "Das war schon etwas peinlich", sagt Schäfer und lacht. "Aber es war auch putzig, wie alle immer Stielaugen bekamen, wenn wir uns unterhielten." Nach einer Feier, bei der alle anderen auffällig-unauffällig den Raum verließen, in dem die Hebamme und der Anästhesiepfleger sich gerade unterhielten, war zwischen ihnen schnell alles klar - knappe zwei Jahre später waren sie verheiratet. Den Kollegen sei Dank.

Dass die zwei Partner und Kollegen zugleich sind, war nie ein Problem: "Wir leben so ziemlich den Optimalfall", glaubt Schäfer. "Wir sind zwar im gleichen Haus, aber in verschiedenen Abteilungen, die hin und wieder kleine Schnittmengen haben. Das heißt, wir kennen zwar die Kollegen des jeweils anderen und wissen deshalb immer, von wem die Rede ist, haben aber trotzdem beide unser eigenes Umfeld." Schäfer hat viele Kollegen, die sich bei der Arbeit verliebt und oft sogar geheiratet haben: "Ich glaube, gerade die Klinik ist ein Gefilde, wo man sich leicht findet, weil man dort Schicksale erlebt, die verbinden. Man tauscht sich darüber aus und führt tiefer greifende Gespräche als in Bürojobs ", sagt sie.

Jedes Unternehmen sieht es anders

Nicht immer reagieren Chefs und Mitarbeiter so wohlwollend auf Liebe im Job. Der US-Supermarkt Walmart ist berühmt geworden mit seinen Versuchen, Beziehungen zwischen Angestellten vertraglich zu verbieten. Viele US-Unternehmen untersagen auch explizit Beziehungen zwischen Vorgesetzten und ihren Angestellten - aus Angst vor teuren Prozessen wegen Machtmissbrauchs. Doch in den meisten Unternehmen in Deutschland gilt die Devise: Beziehungen zwischen Angestellten sind deren Privatsache. Und manche Unternehmenschefs begrüßen Eheschließungen im Unternehmen sogar explizit. Einer von ihnen ist Claus Hipp, der Babynahrungs-Magnat. "Wir leben ja davon, dass es Kinder gibt", scherzt er. Er sieht es so: Wenn ein Ehepaar für ihn arbeitet, "dann sind sie ja beide der Arbeit ihres Partners gegenüber positiv eingestellt." Kluge Unternehmenschefs könnten private Verbindungen zwischen ihren Mitarbeitern sogar positiv nutzen, glaubt Hipp: "Wenn ein Ehepaar beispielsweise in verschiedenen Abteilungen arbeitet, zwischen denen es Reibungen gibt, dann können sie diese Probleme unter Umständen lösen, weil sie vernünftig miteinander reden."

Auch für die Ehe kann es gut sein, im gleichen Haus zu arbeiten. "Wenn die Kollegen beide kennen, muss man zum Beispiel niemandem erklären, dass der Partner auch im Schichtdienst ist und wir uns da abstimmen müssen. Die Abteilungen wissen das", sagt Hebamme Karin Schäfer. Gleichzeitig hat ihr Mann dafür Verständnis, wenn sie mal später von der Arbeit kommt - und sie umgekehrt für ihn. "Wir wissen ja, wie’s manchmal läuft."

Die Liebe bei der Arbeit geheim zu halten, kostet enorm viel Energie

Für Maria Peters wird das Versteckspiel vor den Kollegen langsam anstrengend. "Je enger wir zusammenwachsen, desto schwieriger wird es, das abzuschalten, wenn wir die Wohnung verlassen und zum Beispiel darauf achten, uns nicht zu berühren." Manchmal vergisst sie, Thomas im Büro zu begrüßen - sie haben sich ja morgens schon gesehen. Sie kommen und gehen getrennt voneinander. Die gemeinsame Urlaubsplanung gleicht einer geheimdienstlichen Operation. "Die Liebe bei der Arbeit geheim zu halten, kostet enorm viel Energie", sagt Expertin Müller. Wenn nichts dagegen spricht, rät sie dazu, das Arbeitsumfeld einzuweihen, sobald es etwas Ernsteres ist - und dann, wenn möglich, die Situation auseinanderzuziehen: "Vielleicht kann sich einer in eine andere Abteilung versetzen lassen. Sorgen Sie dafür, dass Sie beruflich so wenig wie möglich miteinander zu tun haben." Das ist auch Maria Peters Plan: In ein bis zwei Jahren will sie in ein anderes Projekt im Unternehmen wechseln. Und dann - das ist dann hoffentlich die allerletzte Heimlichkeit - so tun, als würden sie und ihr heutiger Chef frisch zusammenkommen.

*Namen geändert

Brigitte 02/2019

Wer hier schreibt:

Margarethe Gallersdörfer
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