Radeln statt resignieren: Mit Fahrrädern gegen Arbeitslosigkeit und Abgase

Arbeitslosigkeit und Abgase machen der marokkanischen Stadt Marrakesch zu schaffen. Die Niederländerin Cantal Bakker will beide Probleme lösen – mit Fahrrädern

Eigentlich wollte Cantal Bakker vor drei Jahren nur Urlaub machen. Ein kurzer Trip, einfach mal raus aus dem wintergrauen Den Haag. Also besuchte sie eine Freundin in Marrakesch. Die Stadt gefiel ihr. Doch der erste Erkundungsgang durch die Altstadt war mühsam. Ständig sprachen sie fremde Männer an, wollten ihr etwas verkaufen, boten sich ihr als Guide an, ließen sich kaum abschütteln. Um sich sicherer zu fühlen, lieh sich die junge Niederländerin tags darauf von einem Nachbarn ihrer Freundin ein Fahrrad.

Das Rad hat den Blick der Menschen auf mich verändert

Damit sorgte sie erst recht für Aufsehen: Radfahren ist in der marokkanischen Mittelschicht kaum verbreitet, wer etwas auf sich hält, ist per Auto oder Motorroller unterwegs. Trotzdem gestaltete sich Bakkers Kontakt zu den Marrakeschis plötzlich angenehmer. Es gab keine blöden Sprüche mehr, stattdessen freundlich-überraschte Blicke, großes Interesse an dem ungewohnten Gefährt – und viel ernst gemeinte Hilfsbereitschaft. "Das Rad hat den Blick der Menschen auf mich verändert", ist Bakker heute überzeugt. "Sie nahmen mich nicht mehr als Touristin wahr, sondern als eine von ihnen."

Cantal Bakker liebt Fahrräder. Schon als Kind bekam man sie kaum aus dem Sattel, neben ihrem Job als Eventmanagerin jobbte sie in Den Haag als Fahrradlehrerin. Das Interesse, das sie auf ihrer Radtour durch Marrakesch erlebt hatte, brachte sie deshalb auf eine Idee: Könnte man mit Fahrrädern nicht gleich mehrere Probleme der marokkanischen Metropole auf einmal lösen? Wer Rad fährt, reduziert Stau und Abgase – von beidem, fand Bakker, gab es in Marrakesch eindeutig zu viel. Auf der anderen Seite brauchen Radler eine ganze Reihe von Dienstleistern, zum Beispiel Verleiher und Mechaniker.

In einem Land, in dem fast jeder vierte junge Erwachsene arbeitslos ist, stehen dazu Tausende Menschen bereit – vorausgesetzt natürlich, man bildet sie zuvor aus. Genau das war schon bald Bakkers Plan. Anfang 2016 flog die damals 25-Jährige nach Marrakesch zurück, ließ sich drei Hollandräder nachschicken und gründete "Pikala Bikes" (marokkanischer Slang für "Fahrrad") - einen Radverleih samt Werkstatt, Ausbildungsbetrieb und Verkehrsschule für Touristen und Einheimische. Binnen eines Jahres konnte sie knapp ein Dutzend internationale Partner für ihre Idee gewinnen, darunter die TUI Care Foundation.

Gleichberechtigung für alle - keine Selbstverständlichkeit

Heute ist "Pikala Bikes" ein Sozialunternehmen mit 300 Leihrädern und drei Dutzend Mitarbeitern, darunter acht Guides, die Touristen per Rad die Altstadt von Marrakesch zeigen. Die meisten im Team sind zwischen 17 und 24. Männer und Frauen arbeiten gleichberechtigt miteinander; in Marokko ist das nicht selbstverständlich, aber es funktioniert. Im Oktober vergangenen Jahres hat Bakker zudem eine Filiale in Taroudant eröffnet, einer Oasenstadt im Süden. In Rabat führt sie Gespräche mit den Behörden über eine weitere Zweigstelle. Mit marokkanischen Kunsthandwerkern denkt sie über Fahrrad-Accessoires nach, die man als Souvenirs verkaufen könnte. Und sie erwägt einen Zweirad-Lieferservice ähnlich den Fahrradboten in westlichen Großstädten. "Auch in Marokko bieten immer mehr Restaurants, Gemüsehändler und Apotheken einen Lieferservice an, Verwaltungen müssen Dokumente durch die Stadt schaffen", sagt sie. Viel potenzielle Kundschaft also. Vor allem aber viele potenzielle neue Jobs.

Brigitte 4/2018

Wer hier schreibt:

Margot Weber
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