Rückkehr nach Krankheit: So funktioniert die Wiedereingliederung

Nach einer langen Krankheit in den alten Job zurückzukehren ist aufregend. Und macht Angst. Kann ich das alles noch? Bin ich belastbar genug? Und was ist, wenn die Kollegen in mir nur "die Kranke" sehen?

Ein ganzes Jahr hatte der Brustkrebs das Leben von Meike Brücke bestimmt. Nach einer Operation, sechs Monaten Chemo und zig Behandlungen war der Albtraum vorbei. Die 50-jährige Assistentin der Geschäftsführung einer Kanzlei war geheilt und konnte es kaum erwarten, wieder in ihren Job einzusteigen. "Ich wollte unbedingt Normalität haben", sagt die Hamburgerin. Aber je näher der Tag rückte, umso mehr graute es ihr davor.

Die Hoffnung auf Normalität

In Deutschland sind allein bei der Barmer, einer der größten Krankenkassen bundesweit, jährlich rund 18 500 Versicherte wegen einer Krebsdiagnose krankgeschrieben. Hinzu kommen weitere 32 000 Menschen mit Depressionen. Die meisten sind drei Monate oder länger nicht im Büro. Und wer dann vor der Rückkehr ins Arbeitsleben steht, hat aufreibende Monate hinter sich. Die bisherige Existenz ist ins Wanken geraten. Untersuchungen, Medikamente und angsterfüllte Warterei auf Laborergebnisse haben das Leben diktiert. Wieder zur Arbeit zu gehen, gewohnte Wege einzuschlagen, die alte Kaffeemaschine, die Gespräche mit den Kollegen - all das verspricht Normalität, einen anderen Fokus. Endlich. Andererseits löst es auch Zweifel aus. Bin ich belastbar genug? Kann ich fachlich mithalten? Wie wird der Umgang im Team sein?

Auch kann es in der Zwischenzeit Veränderungen gegeben haben - im Team, in den Verantwortlichkeiten oder bei den Menschen selbst. Die Erwartungen an die Leistung dagegen sind oft gleich geblieben - oder sogar gestiegen. Für alle Betroffenen gleich die wichtigste Regel zuerst: Ein Start von null auf "normal" ist kaum möglich. Das muss sowohl der Chefin als auch der Mitarbeiterin selbst klar sein. Vielmehr ist der Wiedereinstieg ein Prozess und besteht aus drei Phasen: erstens der Vorbereitung, zweitens den ersten Tagen am Platz und drittens den ersten Monaten. Dabei beginnt die Vorbereitung schon während der Therapiezeit, etwa acht Wochen vor dem Tag X. Spätestens jetzt ist es Zeit für eine innere Bestandsaufnahme. Wo stehe ich? Wo will ich hin? Will ich so weitermachen wie bisher, die Aufgaben, die Verantwortlichkeiten, die Wochenstundenzahl?

Sich komplett zurück zu ziehen ist der falsche Weg

Wie sie arbeiten wollen würde, das besprach Meike Brücke schon vier Monate vor der geplanten Rückkehr. Bevor sie krank wurde, arbeitete sie Vollzeit, wünschte sich jetzt aber eine 32-Stunden-Woche, verteilt auf vier Tage. Grundsätzlich kann jeder in Teilzeit gehen, der in einem größeren Betrieb arbeitet. Seit Januar 2019 hat man auch das Recht, nach einer gewissen Zeit wieder auf Vollzeit zurückzugehen. "Ich habe mir überlegt, wie ich die Abläufe optimieren und einzelne Aufgaben abgeben kann", sagt Brücke heute. Die Teilzeit ihrem Chef beizubringen lag ihr im Magen. Er aber war sofort einverstanden. Vielleicht auch, weil die Hamburgerin intuitiv richtig gemacht hatte, was Fachleute empfehlen: Während ihrer Abwesenheit meldete sie sich alle paar Monate im Büro. Denn natürlich machen sich auch Vorgesetzte Gedanken. Kommt die Kollegin demnächst wieder? Muss ich eine Aushilfe suchen und wenn ja, für wie lange?

Auch wenn die eigene Gesundheit selbstverständlich immer an erster Stelle steht, empfehlen Experten, schon während der Therapie ein klares Signal zu senden, dass man nach der Genesung wieder arbeiten möchte. Psychologin und Management-Coach Johanna M. Steinke aus Hamburg sagt: "Ein integrer Vorgesetzter wird dann schon im Vorfeld im Team kommunizieren, dass die Rückkehrerin willkommen ist und alle auf die Machbarkeit des Pensums achten sollen." Zugleich darf die Mitarbeiterin nicht wie ein rohes Ei behandelt werden oder bei aufwendigen, aber spannenden Projekten aussetzen müssen, "nur" weil sie länger krank war.

Am ersten Tag graute es mir davor, dass mich die Kollegen einfach fragen: Wie geht es dir?

Und dann war der erste Tag da. Wiedereinsteigerin Meike Brücke gehörte einem 14-köpfigen Team an. In Absprache mit Chef und Ärztin wollte sie mit vier Stunden pro Tag anfangen. Grundsätzlich haben alle Arbeitnehmer, die länger krank waren, ein Recht auf eine sogenannte stufenweise Wiedereingliederung, also eine Rückkehr in kleinen Schritten. Dabei sind die Modelle so verschieden wie die einzelnen Krankheitsverläufe und können wenige Wochen bis mehrere Monate dauern. Meike Brücke stockte nach zwei Wochen auf sechs Stunden auf und nach weiteren zwei Wochen auf die geplanten acht. Sorgen machte ihr etwas ganz anderes. "Am ersten Tag graute es mir davor, dass mich die Kollegen einfach fragen: Wie geht es dir?", erzählt sie. "Dass ich emotional reagieren würde und diese Krebserkrankung jetzt noch weitere 14-mal durchkauen müsste." Die zierliche Frau bezeichnet sich als Machertyp, der gern selbstbestimmt handelt. Ihr Lösungsweg der Wie-geht-es-dir-Frage: "Ich traf mich vor dem Wiedereinstieg mit einer Kollegin und bat sie, dass sie das Team in meinem Sinne impft."

Ihr erster Tag zurück in der Kanzlei verlief ideal – ein Blumenstrauß und kleine Aufmerksamkeiten auf dem Tisch, dazu von allen Seiten der tollste Satz, den man sich wünschen kann: "Schön, dass du wieder da bist!" Und wie reagiert man, wenn man auf die Erkrankung angesprochen wird, das aber nicht möchte? Johanna M. Steinke empfiehlt eine zukunftsgerichtete Haltung. "Konkret könnte man sagen: Die Krankheit ist Vergangenheit. Jetzt bin ich frei davon, ich bin da, ich bin gesund, wiederhergestellt und am Start. Lasst uns nach vorn gucken!"

Man sollte sich am Anfang nicht zu viel zumuten 

So rund wie für Meike Brücke läuft es nicht in jedem Unternehmen. Als größte Herausforderung speziell für zurückkehrende Führungskräfte sieht Johanna M. Steinke, dass während einer langen Abwesenheit Aufgaben und Plätze im Team neu verteilt wurden. "Der Wiedereinsteiger kommt also in ein laufendes System und wird vielleicht als Störfaktor empfunden. Gerade Führungskräfte müssen damit rechnen, dass ein anderer einen Teil ihrer Aufgaben übernommen hat - und den nicht wieder hergeben möchte." Was dann? "Freundlich auf den anderen zugehen und sich wieder Raum verschaffen. Etwa, indem man sagt: Das ist ja meine Aufgabe, und die nehme ich jetzt gern wieder zurück."

Eine extra Herausforderung müssen die Rückkehrer stemmen, die im Job ständig Druck ausgesetzt werden.

Johanna M. Steinke rät dann zu Sätzen wie "Im Moment übersteigt das meine Möglichkeiten, ich komme wieder auf Sie zu, wenn ich weitere Aufgaben bearbeiten kann". Wenn das nicht reicht: Hilfe organisieren, sei es beim Betriebsarzt, beim Betriebsrat oder einer externen Beratungsstelle wie einem regionalen Integrationsfachdienst.

Und: den Mut nicht schon im Vorfeld verlieren. Holprige Phasen, gerade am Anfang, sind nicht selten. Das hat auch Meike Brücke erfahren. Ein Klient wunderte sich mehrfach, dass "irgendwas mit Ihren Haaren" anders sei, und bohrte nach, dass sie doch sicher eine Chemo gehabt hätte. "Ich sagte dem Kunden: ,Sprechen Sie mich bitte nicht mehr auf meine Haare an.‘ Das saß. Dass ich meine Grenzen jetzt klar aufzeige, ist eine neue Seite an mir."

Die Wiedereingliederung ist ein monatelanger Prozess

Auch Experten raten, gleich vom ersten Tag in eine Art Selbstfürsorge-Modus zu schalten. Gerade Hochmotivierte müssen dabei eine neue Disziplin lernen: vernünftig ihre Kräfte einzuteilen. Auch wenn so eine Einstellung in unserer verdichteten Arbeitswelt heutzutage fast unmöglich scheint. Aber ja, man darf zu einer Aufgabe auch mal "Nein" sagen. Schließlich geht es nicht um Egoismus, sondern um Selbstfürsorge. Hilfreich ist es auch, anfangs wöchentlich, später monatlich das Gespräch mit der Chefetage zu suchen und zu überprüfen, ob die aktuellen Projekte von der Anforderung her passen oder doch noch mal nachjustiert werden müssen.

Und nein, die Rückkehrerin braucht sich dabei nicht wie die ehemals kranke Nervensäge vorzukommen. Denn ob man es will oder nicht: So eine Wiedereingliederung ist eine monatelange Suche nach der richtigen Balance zwischen Über- und Unterforderung. Vielleicht findet man etwas Trost in dem Gedanken, dass es fast allen Rückkehrern so geht. Eine letzte Sache noch: Die eigene Leistung bitte nicht gleich mit der vor der Erkrankung vergleichen - das demotiviert nur. Besser ist ein wohlwollender Blick darauf, wie es einem noch vor drei Wochen oder drei Monaten ging - und was man jetzt schon alles geschafft hat!

Für Meike Brücke war rückblickend eine der wichtigsten Maßnahmen, klare Linien zu ziehen - und gleich an Tag eins einen Neuanfang zu starten: "Alle E-Mails, die bei mir aufgelaufen und nicht von anderen Kollegen bearbeitet worden waren, wurden gelöscht. Seitdem schauen wir nach vorn, und das tut allen gut, auch dem Unternehmen."

*Name von der Redaktion geändert

Brigitte WOMAN 04/2019

Wer hier schreibt:

Doris Ehrhardt
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