Selbstgespräche: Brainstorming mit mir selbst

BRIGITTE-Autorin Karina Lübke liebt Selbstgespräche bevorzugt beim Spazierengehen. Aber sollte sie jemand sehen, keine 
Sorge: Sie ist weder einsam noch verwirrt. 

Es wirkt völlig normal. Ich gehe um die Außenalster oder abends um den Block, trage dabei Im-Ohr-Kopfhörer mit Leitung zum iPhone in meiner Jackentasche und telefoniere - das meinen jedenfalls Leute, die mich dabei sehen. Den Trick habe ich mir ausgedacht, um schräge Blicke oder gar eine ungewollte ärztliche Inobhutnahme zu vermeiden. Denn in Wirklichkeit führe ich getarnte Selbstgespräche in der Öffentlichkeit: Ich höre, ob ein Satz ausgesprochen gut klingt, verbalisiere Gefühle, analysiere Probleme, formuliere Einwände - oder plötzlich im Livestream meiner Gedanken auftauchende Ideen - und rede sie mir gleich als Nachricht auf meinen eigenen WhatsApp-Account. So kann ich sofort alles wieder vergessen, später zu Hause abhören und aufschreiben.

Selbstgespräche sind nicht nur normal, sondern sogar hilfreich

Das Selbstgespräch ist quasi Brainstorming in kleinster Runde. Das spart Zeit, den Raum und jede Menge schlechten Kaffee. Und jetzt das Beste: Verrückterweise ist das völlig normal! US-Forschungen zufolge sprechen 96 Prozent aller Menschen laut aus, was ihnen durch den Kopf oder auf die Nerven geht; am liebsten im Auto oder Badezimmer, damit es die anderen bloß nicht mitbekommen. Denn völlig zu Unrecht hat das Selbstgespräch keinen guten Leumund. Allgemein werden damit einsame alte Menschen assoziiert, die sich mit ihrer Katze oder imaginären Freunden unterhalten, weil sie sonst niemanden haben. 

Mit sich selbst zu sprechen hilft, den Geist zu klären, Gefühle zu ordnen und kreative Lösungen zu finden

Doch hörbare Selbstgespräche deuten nicht auf einen wirren Geist hin. Im Gegenteil, sie helfen, ihn zu entwirren. Sie erleichtern, klären und ermöglichen Entscheidungen. Und bringen einen auf ausgesprochen kreative Ideen:"Es ist eines meiner größten Vergnügen, oft und lange Gespräche mit mir zu führen", sagte Dichter und Dandy Oscar Wilde. 

Schon kleine Kinder zwischen zwei und vier Jahre alt reden frei vor sich hin oder lassen beim Spielen ihre Puppen und Kuscheltiere für sich sprechen. Sie erzählen sich abends im Bett, wie der Tag war und worüber sie sich geärgert haben - so verarbeiten sie Eindrücke und Erlebnisse. Auch ein Abendgebet ist ein seelisch erleichterndes Gespräch mit dem Höheren Selbst. 

Warum wir nicht verstummen, sondern lieber laut denken sollten

Ab dem Grundschulalter verlagert sich die eigene Stimme dann immer mehr nach innen, wird unbewusster, verstummt. Und damit entgleitet einem ein jederzeit verfügbares und machtvolles psychologisches Werkzeug zum Self- Management: Das kommentierende Reden beim Denken ist ein Ventil, um Wut, Traurigkeit und Frustrationen zu entgiften. Da spart man glatt den Therapeuten, und auf die Couch legen kann man sich dabei auch. Wer laut überlegt, was man dem Liebsten oder Chef alles mal unzensiert sagen möchte, hat die beste Vorbereitung für eine produktive Aussprache. 

Das Selbstgespräch leistet auch Erste Hilfe, wenn das Gehirn vor einer wichtigen Aufgabe oder bei einer Krise in Schockstarre verfällt. Es ist die Taschenlampe, mit der man sich bei einem geistigen Blackout heimleuchten kann. Um ein Problem zu verbalisieren, muss man den Sachverhalt nämlich erst einmal klar und laut benennen. In einem psychologischen Versuch mussten Studenten unter Zeitdruck 60 Fragen lösen und wurden dabei auf Video aufgezeichnet. Am erfolgreichsten waren die, die sich die Aufgaben laut vorlasen und dann ebenso laut analysierten, wie sie weiter vorgehen sollten:"Also, ganz die Ruhe ... Wie kriege ich das dort festgemacht? Was habe ich dafür zur Verfügung?" Negative Auswirkungen dagegen hatten verzweifelte und pauschalisierende Selbstbeschimpfungen wie "Oh Mann, typisch, ich bin so blöd!" Es klingt irre, aber am besten wirken motivierende Selbstgespräche in der dritten Person. Statt also zu sagen "Ich hab solche Angst" und dieses Gefühl dadurch bis zur Panik zu steigern, ist eine psychologische Distanzierung effektiver: "Hey, (eigener Name), du fühlst dich jetzt nervös, bist aber gut vorbereitet und ziehst das konzentriert durch. Bleib ganz ruhig, morgen ist alles vorbei." 

Wenn man etwas laut ausspricht, hört man sofort, ob es gut oder bescheuert klingt 

Auch Sportler steigern so ihre Leistung. Und älteren Menschen raten Wissenschaftler zu regelmäßigen Selbstgesprächen, um ihr Kurzzeitgedächtnis zu stärken. Wer hatte noch nie eine brillante Idee, an die er sich bald darauf partout nicht mehr erinnern konnte? Gedanken und Ideen rauschen durch den Kopf und unterbewusst sofort wieder vorbei, weil das selbstgefällige Hirn denkt, es sei so schlau, schon selber zu wissen, was man meint.

Die eigene Stimme hilft, um sich besser an Dinge erinnern zu können

Doch der "Merkeffekt" ist viel besser, wenn man Dinge laut durchdenkt, statt sie in Gedanken zu wälzen, bestätigt auch Psychiater Dirk Wedekind von der Universität Göttingen. Der Navi im Kopf funktioniert besser, wenn beim Fahren die Wegbeschreibung laut mitgesprochen und dabei geistig eine Sicherheitskopie erstellt wird:"An der zweiten Ampel links, dann an der Tankstelle rechts rein, wo die große Linde steht ..." Deswegen erinnern sich Menschen noch nach Jahrzehnten an Texte von Liedern, die sie in ihrer Jugend laut mitgesungen haben - und zwar sämtliche Strophen. Beim Memory-Spielen ist es ein Gewinn, beim Auf- und Zudecken der Karten die Motive laut zu benennen. Und wer etwas aufbauen oder installieren will, sollte sich dabei die Bedienungsanleitung laut vorlesen: Gehörtes ist effektiver als Gedachtes. 

"Du solltest dir echt mal selber beim Reden zuhören!", sagt man fassungslos, wenn jemand selbstgerecht den größten Blödsinn vorträgt. Und genau das tut man beim Selbstgespräch: Wenn man etwas ausspricht, hört man sofort, ob das gut, bescheuert oder selbstzerstörerisch klingt. Morgens vor dem Spiegel automatisch "Ich bin so so fett und alt geworden!" zu denken, unterläuft den Achtsamkeitsradar. Sich solche gemeinen Selbstbeschimpfungen hingegen laut aussprechen zu hören, kann ein heilsamer Schock sein. 

An erster Stelle sollte man mit sich selbst zufrieden sein

Merke: Was man nicht über die Lippen bringt, sollte man auch weder denken noch schreiben. Das Selbstgespräch hat also mit Selbstliebe und Achtsamkeit mehr zu tun als mit Einsamkeit. Endlich mal in Ruhe ausreden können! Ach - und was die anderen von einem denken, ist völlig egal. Die einzige Person, mit der man bis ans Ende seines Lebens gut auskommen muss, ist man selber. Da sollte man sich lieber früh kennen und lieben lernen. Also dann: Erzähl doch mal, wie es mir geht! Na, selbstredend gut. 

Brigitte 17/2018

Wer hier schreibt:

Karina Lübke
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