Vollzeit-Job mit Kindern: "Warum bin ich die Ausnahme?"

BRIGITTE-Redakteurin Alexandra Zykunov hat zwei kleine Kinder, arbeitet Vollzeit - und fragt sich: Warum bin ich damit eigentlich eine Ausnahme?

"Na Alex, was macht die Arbeit?", fragt mich eine Kita-Mutter. "Gut. Nächsten Monat gehe ich auf Vollzeit." Sie schaut mich an, als hätte sie sich an Papier geschnitten: "Echt? Deine Kleine ist doch erst zwei. Das ist ja sportlich. Wow."

Sportlich, wow, ganz schön mutig - das klingt nach Kompliment, nach Empowerment, nach dem Armmuskel-Emoji - aber ich verstehe es meistens anders. Weil zwischen den Zeilen dieses "Bist du sicher?" mitschwingt. Oft auch direkt ausgesprochen als: "Siehst du deine Kinder überhaupt noch?" Oder: "Also, ich könnte das nicht."

Nur zehn Prozent aller Mütter mit Kleinkindern unter drei Jahren arbeiten Vollzeit

Natürlich liebe ich meine Kinder - und ich liebe meinen Job. Ich weigere mich zu glauben, dass nicht beides geht: Kleinkinder und Vollzeit, für beide Eltern, gleichzeitig. Das wird später sicher mal auf meinem Grabstein stehen. Schade nur, dass ich dafür jetzt schon gesteinigt werde.

Auch dieser Text wird anecken, bei Freundinnen, Kolleginnen, anderen Kita-Müttern. Sie werden sich angegriffen fühlen in ihrem Lebensentwurf durch diese eine Zahl: Laut Statistischem Bundesamt arbeiten nur zehn Prozent aller Mütter mit Kleinkindern unter drei Jahren Vollzeit. 90 Prozent arbeiten also in Teilzeit oder gar nicht, solange ihre Kinder im Krippenalter sind. Von den Vätern mit Kleinkindern marschieren dagegen 75 Prozent Vollzeit ins Büro.

Statistisch gesehen muss ich also mehr als zehn Mütter kennen, um überhaupt auf eine andere Vollzeitarbeitsmutter zu treffen. Von den Müttern mit Drei- bis Fünfjährigen arbeiten "immerhin" 16 Prozent voll. Gleichzeitig aber würde die Hälfte aller Elternpaare einer Allensbach-Studie zufolge die Arbeitszeit gern fairer aufteilen. Wie passt das bitte zusammen?

"Maternal Gatekeeping": Mütter denken oft, sie wüssten alles besser als der Vater

Soziologen sprechen von einem paradoxen Effekt der Frauenbewegung: Einerseits arbeiten heute so viele Frauen wie noch nie, andererseits erleben wir eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen. Diese Diskrepanz hängt mit einem unfassbar komplexen Frauenbild zusammen. Der Kabarettist Florian Schroeder brachte es mal in einer Talkshow auf den Punkt: "Eine Frau muss die richtige Zahl der richtigen Kinder mit dem richtigen Mann im richtigen Moment kriegen. Wenn sie die Kinder hat, muss sie arbeiten, sie muss Karriere machen. Wenn sie Karriere macht, muss sie zu Hause bleiben. Und wenn sie zu Hause bleibt, muss sie Karriere machen. Sie muss Hure, Liebhaberin, beste Freundin und Mutter sein und den Stress, den sie dabei hat, darf man NIEMALS spüren!"

Das einminütige Video wurde von einer Viertelmillion Menschen gefeiert. Weil der Mann natürlich recht hat. Was die Fans dieses Filmchens aber kaum wahrhaben wollen - und jetzt kommt der Part, der mich unbeliebt machen wird - ist, dass wir Frauen selbst an diesem Bild mitwirken.

Mütter müssen Autonomie gewähren und den Partner einfach mal machen lassen, schreibt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in ihrem Buch "Neue Väter brauchen neue Mütter". Stattdessen könnten viele Frauen die immer noch tief verankerte Rolle der Familienhüterin nicht aufgeben. "Maternal Gatekeeping" nennt die Wissenschaft das: Mütter suchen unbewusst Gründe, warum nur sie die Geschenke einpacken können, warum nur sie am besten wissen, welcher Body der wärmste ist, und legen das Teil dem Vater am Vorabend raus. Und dass sie zwar finden, dass gleichberechtigtes Arbeiten total wichtig ist, "aber gerade bei uns zu Hause nicht funktioniert".

Frauen nehmen sich selbst die Chance, irgendwann mal mehr zu verdienen 

Meine Freundin K. erzählt mir, wie sehr es sie stresst, von einem Ende der Stadt (Job) zum zweiten Ende der Stadt (Kita) und dann mit zwei Kleinkindern im Feierabendverkehr zum dritten Ende (nach Hause) zu pendeln. Ob denn nicht ihr Mann die Kinder öfter abholen könnte, frage ich. "Er ist selbstständig, er kann nicht weniger arbeiten", ist ihre Antwort. Stattdessen hat sie ihre 30-Stunden-Stelle auf 25 Stunden heruntergeschraubt. Ich fürchte, wäre sie Freiberuflerin wie ihr Mann, hätte sie erst recht reduziert: selbstständig, kein Problem, das geht. Nur bei ihm eben nicht.

Meine Freundin N. arbeitet auch Teilzeit. Als ich mich in der Musikschule unserer Söhne darüber aufrege, dass da um 16 Uhr nur Mütter zum Abholen sind, rechtfertigt sie sich: "Die Rechnung ist ganz einfach: Mein Mann verdient mehr, also reduziere ich." Dabei ist die Rechnung so einfach eben nicht. Dass sich N. die Chance nimmt, irgendwann auch mal mehr zu verdienen, eben weil sie jahrelang aussetzt - daran denkt sie nicht.

"Es ist meine private Entscheidung" - das gilt als Argument nicht mehr

Und was ist mit der Altersvorsorge? Die BRIGITTE-Finanzexpertin Helma Sick warnt Frauen davor, "egal ob verheiratet oder nicht, den Job aufzugeben oder stark zu reduzieren und sich in der Altersvorsorge ganz und gar auf ihren Partner zu verlassen".

Ganz ehrlich: Jede zweite Ehe wird immer noch geschieden. "Wird uns schon nicht passieren", denkt man dann natürlich. Und wenn doch? "Nach ein paar Jahren stocke ich wieder auf", sagt meine Freundin N. dann.

Das Problem ist, dass das laut Studien nur 20 Prozent auch wirklich hinkriegen - nicht zuletzt, weil die meisten Arbeitgeber da bis heute nicht mitspielen. Bleibt abzuwarten, ob sich das dieses Jahr ändert. Seit dem 1. Januar gilt das Recht auf "Brückenteilzeit", also auf die Rückkehr zur Vollzeit nach einem bis fünf Jahren Reduzierung. Bisher nämlich bleibt die große Mehrheit der Mütter in Teilzeit, auch wenn die Kinder längst Teenager sind.

"Hallo, es fehlen Tausende Kitaplätze!", werden jetzt viele aufschreien, "und Ganztagsschulen, sodass man einfach nicht Vollzeit arbeiten kann!" Recht habt ihr, eine Betreuungskatastrophe ist das. Oder auch starre Arbeitszeiten, die Vollzeit mit Kind unmöglich machen. Trotzdem sollten wir uns hier fragen: Warum sind es auch in diesen Fällen meist die Mütter, die sofort reduzieren? "Das ist doch meine ganz persönliche Entscheidung", kriege ich dann immer zu hören. Ich frage mich nur, ob man das noch als persönliche Entscheidung bezeichnen kann, wenn sich dadurch eine ganze Generation von Frauen finanziell abhängig von einem Hauptverdiener macht.

Warum sind es sofort die Mütter, die bei Betreuungsengpässen reduzieren?

"Weil es immer heißt: 'Bei uns funktioniert das nicht', wird die nach wie vor bestehende Ungleichheit als ein individuelles Problem verschleiert - und nicht mehr als gesamtgesellschaftliches Dilemma wahrgenommen", sagt Soziologin Sarah Speck vom Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt. Und das Schlimmste ist, dass sich dieses Denken von Generation zu Generation fortsetzt: In einer Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo geben 58 Prozent der befragten Mädchen an, dass sie nach einem Kind später maximal 20 Stunden die Woche arbeiten möchten. Nur 12 Prozent würden wieder in Vollzeit gehen. Bei den Jungs ist es natürlich umgekehrt. Es kann doch nicht sein, dass sich meine Tochter in 30 Jahren immer noch mit diesen Rollenbildern rumplagen muss!

Ich arbeite also Vollzeit in einer Redaktion. Meine Kinder sind fünf und zwei Jahre alt und gehen in eine Kita, die um 16 Uhr schließt. Als mein Sohn zwei Jahre alt war, war ich schon mal in Vollzeit angestellt. Mein Mann wollte nicht reduzieren, "weil sich das bei mir nicht lohnt". Ist klar: Obwohl seine Kolleginnen reduzierten, war es bei ihm als Mann natürlich etwas anderes. Die diesbezüglichen Konflikte (und es gab viele) brachten einen durchgetakteten Masterplan hervor, der noch immer als Siegespokal unserer gemeinsamen Beziehungsarbeit am Kühlschrank hängt: "Kita: Bring- und Abholzeiten". Dienstags holte die Babysitterin das Kind ab, die anderen Tage wechselten wir uns ab. Dafür musste ich bei meinen damaligen Chefinnen (beide ohne kleine Kinder) Gleitzeit aushandeln. Als Erste in meiner Abteilung überhaupt.

Ja, es war nervig, und ja, ich musste das unter der Hand machen. Aber es ging! An zwei Nachmittagen konnte ich meinen Sohn um 16 Uhr in die Arme schließen. An den anderen Tagen sah ich ihn morgens und abends, dazu das ganze Wochenende. Ich hatte nie das Gefühl, seine Kindheit zu verpassen. Und auch mein Kind war quietschvergnügt, wenn es als letztes in der Kita eine Eins-zu-eins-Betreuung bekam.

Wenn wir uns eine gerechtere Verteilung wünschen, worauf warten wir dann?

Mein Mann ist übrigens Lehrer. Doch bevor jetzt alle schreien "Der ist ja auch schon um 13 Uhr zu Hause!", entgegne ich: am Freitag, ja. Sonst kommt er nie vor 16 Uhr heim. Verlässt dafür aber schon um 7.15 Uhr das Haus. In jedem anderen Beruf nennt man das Gleitzeit. Und natürlich bricht auch unser System regelmäßig zusammen. Wenn jemand krank wird zum Beispiel. Erst letztens musste Opa aus Berlin anrücken, von 10 bis 16 Uhr den kranken Enkel hüten und am selben Tag zurückreisen. Wahnsinn? Na klar. Aber ist es das nicht immer?

Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, 36-Stunden-Wochen. Ehemänner und Partner, Chefs, Kitas, Politik - klar ist es nervig, sich Sachen ständig neu erstreiten und aushandeln zu müssen. Will ich das? Immer wieder in den Konflikt mit meinem Mann gehen? Mit Vorgesetzten, den Kolleginnen, den Schwiegermüttern, den Frauen um mich herum? Finde ich den Mut und die Kraft, da immer wieder gegenzusteuern, zu argumentieren, mir nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen? Ich finde: Wenn es wirklich so ist, dass die Hälfte aller Elternpaare sich eine gerechtere Verteilung wünscht - worauf, verdammt, warten wir dann noch?

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BRIGITTE 09/2019

Wer hier schreibt:

Alexandra Zykunov
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