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Weiterbildung Es ist nie zu spät, durchzustarten

Weiterbildung: Frau sitzt mit Notizblock am Laptop
© 13_Phunkod / Shutterstock
Weiterbildungen boomen – bei denen, die auf eigene Faust Neues lernen wollen, aber auch in Firmen. Gerade für Frauen ab 40 bietet das große Chancen.

Alles rief: "Katja, komm!" So erinnert sich Katja Arnold an den Moment, als sie Anfang 2019 auf eine Stellenausschreibung im Intranet der ING Deutschland stieß. Seit fast 20 Jahren war die damals 46-Jährige bei dem Kreditinstitut bereits angestellt. Zuletzt hatte sie sich als Referentin in der Finanzbuchhaltung um die Jahresabschlüsse gekümmert. Die Daten für diese Bilanzen lieferte die IT. Wie genau sie zustande kamen? Das wollte Katja Arnold schon länger wissen und hatte deshalb auf eigene Initiative eine Datenbanksprache gelernt.

Die Ausschreibung kam ihr wie gerufen: Für das Ausbildungsprogramm "Smart Movers" suchte die Bank "versteckte IT-Talente" – interne Quereinsteiger*innen, die Lust hatten, sich in die Welt der Informationstechnologie einzuarbeiten. Arnold bewarb sich, im Auswahlverfahren setzte sie sich gegen Dutzende durch. Heute ist sie Spezia­listin für Business Intelligence. Mit 48 Jahren.

Es ist nie zu spät, durchzustarten

Es ist ein Schritt, der noch vor einer Weile in den meisten Unternehmen undenkbar war. Wer auf die 50 zuging und keine Führungskraft war, konnte sich eher Gedanken über Altersteilzeit machen als über eine interne Weiter­qualifizierung. "Lange Zeit wurde Mitte 40 als entscheidende Grenze angesehen", sagt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. "In den letzten Jahren hat sich das aus mehreren Gründen geändert." Zum einen, weil das Durchschnitts­alter in den Unternehmen steigt: Die Firmen können es sich schlicht nicht leisten, einen großen Teil ihrer Beschäftigten links liegen zu lassen. Zum anderen habe sich die Grenze dessen, was wir als alt betrachten, verschoben, sagt Rump: "Wir fühlen uns jünger und sind gesünder als unsere Eltern früher im gleichen Alter."

Natürlich liegt es auch an der Digitalisierung, dass private und unternehmensinterne Weiterbildungsangebote derzeit boomen. Neue Technologien verändern Arbeitsprozesse und Berufs­bilder. Wer seine Beschäftigten da nicht mit Workshops zum agilen Arbeiten, Tech-Camps oder berufsbegleitenden Ausbildungsprogrammen auf dem neuesten Stand hält, verliert schnell den Anschluss.

Andersherum gilt in solchen Zeiten aber auch für die Angestellten: Wer bereit ist, Neues zu lernen, hat gute Karten, in der zweiten Hälfte seines Berufslebens eine begehrte Fachkraft zu bleiben, die nicht nur mit Erfahrung und Gelassenheit punktet, sondern zum Beispiel auch mit KI-Expertise oder dem souveränen Umgang mit den neuesten digitalen Tools.

Das "Arbeit-von-morgen-Gesetz"

Der "Adult Education Survey" zu­folge ist der Anteil der 50- bis 64- Jährigen in Deutschland denn auch kontinuierlich gestiegen, die an unternehmensinternen Kursen oder Programmen teilnehmen oder sich auf eigene Faust in Seminaren oder Studiengängen weiterbilden. 1991 betrug er erst 23 Prozent, 2018 schon 50 Prozent.

Und auch die Politik hat erkannt, wie wichtig lebenslanges Lernen ist. Das Qualifizierungschancengesetz von 2019 und das "Arbeit-von-morgen-Gesetz" von 2020 verbessern die Förder­mög­lichkeiten für Weiterbildungen deutlich und richten sich teilweise sogar gezielt an Ältere.

Schon klar, der Druck zur ständigen Veränderung kann anstrengend sein. Aber er eröffnet eben auch neue Chancen. Zum Beispiel die, mit fast 50 Jahren noch mal zur IT-Spezialistin zu werden wie Katja Arnold. Oder sogar die Möglichkeit, gleich mehrere Berufe in ein Leben zu packen.

Bachelor mit 56, Master mit 58, Promotion mit 62.

Wie Barbara Mayerhofer, Hochschulleiterin des Studiengangs Pflegemanagement an der Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen. Die heute 69-Jährige hatte eigentlich Krankenschwester gelernt und als solche auch mehrere Jahre im OP gearbeitet. Doch dann machte sie erst eine Weiterbildung zur Pflegepädagogin, leitete später eine Krankenpflegeschule, gründete einen Hospizverein – und fing mit 52 Jahren an, neben ihrem Job als Geschäftsleiterin eines Trägers in der Altenhilfe berufsbegleitend zu studieren: Bachelor mit 56, Master mit 58, Promotion mit 62. "Ich wollte einfach immer weiter lernen," sagt sie. Die Frage, ob sie mit ihren Abschlüssen nach der Rente überhaupt etwas anfangen könnte, sei für sie nebensächlich gewesen. "Viel wichtiger war mir, Hintergründe zu verstehen und Dinge zusammenführen zu können." Ein Einzelfall sei sie mit ihrem Werdegang nicht, sagt Mayerhofer. In der Pflege sei es durchaus üblich, dass gerade Frauen ab 40 nach der Familienphase noch mal richtig durchstarten und – meist nach einem berufsbegleitenden Studium – von der Kranken- oder Pflegestation ins Management wechseln.

Die "Silverpreneure"

Im Idealfall begleiten Unternehmen ihre Beschäftigten sogar über Jahrzehnte hinweg bei ihrer Weiterentwicklung, wie etwa der Pharmakonzern Johnson & Johnson. Neben verschiedenen Ange­boten für junge Talente gibt es dort ein Programm, das sich gezielt an Beschäftigte mit mehr als 25 Jahren Betriebs­zu­gehörigkeit richtet: die "Silverpreneure". Außer Seminaren zu Achtsamkeit absolvieren die Teilnehmenden dort Generationengespräche mit jungen Mitarbeiter*innen. In Gruppen arbeitet man zu Projekten, die für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens von Bedeutung sind.

So beschäftigte sich beispielsweise Antonie Wimmer, Senior Medical Managerin für die Psychiatrie, während ihrer Teilnahme mehrere Wochen lang mit Veränderungsprozessen. Die Ergebnisse präsentierten ihr Team und sie am Ende der Geschäftsleitung. "Das hat nicht nur mir als Person, sondern auch allen über 50-Jährigen in der Firma mehr Sichtbarkeit gegeben", sagt sie. Über die "Silverpreneure" hat sie sich im Unternehmen außerdem ein größeres Netzwerk aufgebaut. Den Austausch, auch mit Kolleg*innen, mit denen sie sonst nichts zu tun hätte, etwa aus dem Außendienst, fand sie besonders bereichernd.

Das Gefühl, unbedingt das nächste Karrierelevel erreichen zu müssen, habe sie mit 58 inzwischen nicht mehr, sagt sie. "Ich bin jetzt in einer Phase, in der ich denke: Ich bin angekommen, aber weiter offen für Neues. Jetzt kann ich von meinen Erfahrungen profitieren und diese auch an jüngere Kollegen weitergeben." So sei etwa ihr Interesse an Medizin im Laufe der Zeit immer größer geworden. "Je älter ich werde, desto faszinierender finde ich, was im Körper passiert."

Auf keinen Fall hat sie deshalb auch vor, nach ihrem 65. Geburtstag nur noch ihren Garten zu pflegen. Ideen hat sie viele: Veranstaltungen moderieren zum Beispiel. Oder weiterhin freiberuflich als Mediatorin arbeiten. Neben ihrem Job hat sie vor einigen Jahren privat eine entsprechende Ausbildung gemacht und diese auch selbst finanziert, von ihrem Arbeitgeber bekam sie dafür teilweise Bildungsurlaub. Vor allem aber will Antonie Wimmer andere an ihrem Wissen teilhaben lassen: Als Mentorin in einem Frauenförderprogramm der Uni Düsseldorf wird sie weiterhin jungen Frauen bei der Karriereplanung helfen.

Wo finde ich Kurse, die zu mir passen?

Workshops, Seminare und Studiengänge werden von Kammern, Verbänden, privaten Trägern und Hochschulen angeboten. In Pandemiezeiten läuft vieles digital, was sonst vor Ort stattfindet. Ein Überblick über wichtige Anbieter und Suchmaschinen:

Angebote finden…

Die arbeitgebernahen Bildungswerke der Wirtschaft sind in jedem Bundesland vertreten und bieten eine breite Auswahl an Weiterbildungen und Coachings – vom Marketingseminar zur Krisenkommunikation bis zur Fortbildung in Bilanzbuchhaltung (adbw.org). Ähnlich umfangreich ist das Kurs-Portfolio des Berufsfortbildungswerks des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit seinen rund 200 Standorten (bfw.de).
Wer im Kursnet der Bundesagentur für Arbeit (kursnet.arbeitsagentur. de) sucht, kann seinen Ausgangsberuf angeben und bekommt Themenfelder vorgeschlagen. Fernlern- und Fernstudienangebote für verschiedenste Bereiche listet die Zentralstelle für Fernunterricht auf (zfu.de).

…und sich beraten lassen

Auf dem Weiterbildungs-Informations-System der IHKs (wis.ihk.de) finden sich neben einer großen Seminardatenbank Kontakte der IHK-Weiterbildungsberater*innen vor Ort. Sie helfen auch Privatpersonen weiter.
Passende Kurse lassen sich auch über die Suchmaschine des Deutschen Bildungsservers (iwwb.de) recherchieren. Oder beim Infotelefon zur Weiterbildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: 0800/2017909.

Total digital

Wer es gleich ganz digital angehen will, kann das zum Beispiel bei der privaten US-Online-Akademie Udacity (udacity.com) tun. Hier gibt es vor allem Weiterbildungen zu IT-Themen wie KI oder Blockchain. Um das Verständnis und die Gestaltung der digitalen Welt geht es bei den kostenlosen Angeboten von openHPI (open.hpi.de), der Lernplattform des Hasso- Plattner-Instituts. Squared Online (wearesquared.de) ist ein digitales Lernprogramm für Online-Marketing von Google.

Wir suchen die besten Unternehmen für Frauen!

Unkomplizierte Homeoffice- Regelungen, digitale Kinderbetreuung, Beförderung von Frauen auf Führungspositionen – gerade in turbulenten Zeiten können Firmen zeigen, wie ernst sie es mit Chancengleichheit meinen.

Wir wollen wissen, wer sich am meisten ins Zeug legt! 2021 zeichnen wir daher zum vierten Mal die "Besten Unternehmen für Frauen" aus. Mit den Personalmar­ketingexpert*innen von TERRITORY Embrace und einem hochkarätigen Beirat machen wir uns ab sofort auf die Suche nach Firmen, die ihre Mitarbeiterinnen engagiert fördern und unterstützen. Die Teilnahme an der Studie ist bis zum 30. April 2021 möglich und selbstverständlich kostenfrei. Die "Besten Unternehmen für Frauen" veröffentlichen wir am 29. September 2021 in BRIGITTE. Firmen, die sich in der Studie durch besonders gute Ideen hervor- tun, stellen wir am 2. Oktober auf dem Job-Symposium in Hamburg vor.

Sie möchten, dass Ihr Unternehmen an der Studie teilnimmt? Wenn Sie selbst im Personalbereich oder in der Unternehmensführung arbeiten, können Sie sich direkt zur Teilnahme anmelden und den Fragebogen ausfüllen (www. brigitte.de/besteunternehmen). Sie arbeiten nicht in der HR-Abteilung, möchten aber, dass Ihre Firma dabei ist? Dann lassen Sie Ihre Unternehmenskommunikation oder Personalabteilung von unserer Studie wissen!

Unser Beirat: Mit diesen Expertinnen haben wir den Fragebogen entwickelt

Janina Kugel Aufsichtsrätin, Senior Advisor und Speaker

Katharina Wrohlich Leiterin der Forschungs- gruppe Gender Economics am DIW

Henrike von Platen CEO und Gründerin der FPI Fair Pay Innovation Lab gGmbH

Ana Cristina Grohnert Vorstandsvorsitzende der Arbeitgeber- initiative Charta der Vielfalt

Susanne Hüsemann Geschäftsführerin Queb| Bundesverband für Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting e. V.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Rund um den Job-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

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BRIGITTE 07/2021

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