Bin ich zu lieb, um Karriere zu machen?

Besonders Frauen empfinden sich oft als "zu weich", "zu nett "oder "zu sensibel", um als Karrierekandidaten wahrgenommen zu werden. Doch gerade unsere sanften Persönlichkeitsmerkmale wie Freundlichkeit und Empathie können uns dabei helfen, unser Leben erfolgreich zu gestalten. Wie, das verrät hier die Hamburger Karriereberaterin Ragnhild Struss.

Karriere, so empfinden wir es oft, machen nur die harten Typen – Frauen und Männer, die sich im Job dominant behaupten, die lautstark für ihre Erfolge trommeln und eiskalt für ihre Ziele kämpfen. Sensible und zurückhaltende Menschen glauben hingegen häufig, dass sie nicht als mögliche Karrierekandidat*innen wahrgenommen werden. "Ich bin einfach zu lieb und kann mich nicht durchsetzen" ist einer dieser Gedanken, der vielen empfindsamen Menschen vertraut sein könnte. 

Doch tatsächlich können gerade unsere sanften Eigenschaften wie Sensibilität, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft uns dabei helfen, einen erfolgreichen und selbstbestimmten Lebensweg zu gestalten. Wie, das erklärt hier die Hamburger Karriereberaterin Ragnhild Struss.

Kein Mensch ist 'zu irgendwas' – jeder ist wunderbar, so wie er ist, und es gibt für jeden den richtigen Platz.

BRIGITTE.de: Liebe Frau Struss, gerade Frauen empfinden sich oft als zu weich, zu nett, zu sensibel, um im Job als Karrierekandidaten wahrgenommen zu werden – warum ist das so?

Ragnhild Struss: Das hat viel mit Erziehung und gesellschaftlichem Umfeld zu tun. Frauen sind in vergangenen Generationen eher dazu erzogen worden, brav und bescheiden zu sein und sich "nicht zu viel herauszunehmen". So werden in jungen Jahren Glaubenssätze geprägt wie "Eigenlob stinkt", "Hochmut kommt vor dem Fall" oder "Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein". Dann fällt es natürlich schwer, im Job selbstbewusst aufzutreten und zum Beispiel eine höhere Position, verantwortungsvollere Aufgaben oder mehr Gehalt einzufordern.

Ragnhild Struss ist Gründerin und Inhaberin von "Struss und Partner Karrierestrategien", einer Karriereberatung mit Sitz in Hamburg. Seit mehr als 15 Jahren berät sie Schüler, Studenten, Berufserfahrene und Führungskräfte und hilft Menschen dabei, eigene Potenziale zu erkennen, wertzuschätzen, weiterzuentwickeln und strategisch klug einzusetzen. 

Selbst in meinen Coachings mit weiblichen Führungskräften stelle ich häufig eine Angst vor der eigenen Größe fest, die – so absurd es klingen mag – auch häufig von der Frage "Was denken dann die anderen über mich?" genährt wird. Der Fokus liegt zu sehr auf dem Außen und dem vermeintlichen Feedback anderer, anstatt auf der inneren Stimme. Ich frage dann häufig: "Wer sagt, dass Sie 'zu irgendwas' sind? Und woran überhaupt wird das festgemacht?" Meistens sind das sehr alte Stimmen, die diesen selbstzerstörerischen inneren Dialog anführen. Denen auf den Grund zu gehen, ist eine der wichtigsten Aufgaben, um innere Freiheit und Mut zu erlangen.

Aber zunehmend ist auch eine Gegenbewegung festzustellen. Die anerzogenen Geschlechterunterschiede gleichen sich mehr und mehr aus und mir begegnen viele junge Frauen, die entweder alles andere als sanft und nachgiebig sind oder beides als eine Stärke anerkennen können. Denn darum geht es schließlich:

Beinahe jede Eigenschaft ist im passenden Umfeld und mit der entsprechenden Aufgabe eine Stärke. Es gilt: Der Job muss zur eigenen Persönlichkeit passen!

Ein sehr empfindsamer, zartbesaiteter Mensch, ob männlich oder weiblich, kann wahrscheinlich sehr gut Karriere in Berufen rund um beispielsweise Beratung, Pflege, Coaching, Therapie oder in künstlerischen Bereichen machen – eben Felder, in denen seine Potenziale zur Geltung kommen. 

Kann ein Mensch "zu lieb“ sein, um Karriere zu machen?

Es beginnt schon bei der Formulierung: Das "zu" ist eine negative Konnotation, gegen die ich innerlich rebelliere, weil sie eine Person als mangelhaft oder "nicht richtig" darstellt. Kein Mensch ist "zu irgendwas" – jeder ist wunderbar, so wie er ist, und es gibt für jeden den richtigen Platz. Sobald man das Gefühl hat, "zu irgendwas" zu sein, sollte man zunächst prüfen, ob man im richtigen Umfeld arbeitet, bevor man die Frage fälschlicherweise an sich selbst richtet. Deshalb sage ich ganz klar: Nein, ein Mensch kann nicht "zu lieb" sein, um Karriere zu machen.

Außerdem ist es ohnehin eine Frage der individuellen Definition, was "Karriere" und "Erfolg" überhaupt bedeuten. Während die eine die "corporate ladder" erklimmen möchte und Karriere als "höher, weiter, schneller, mehr" begreift, geht es einer anderen vor allem um unabhängiges Arbeiten – und eine Dritte sieht sich als erfolgreich, wenn sie Job, Familie und Hobbys unter einen Hut bringen kann oder einen Fußabdruck im sozialen Bereich hinterlässt.

So verschieden wie die persönlichen Vorstellungen von Karriere und die damit verbundenen Beschäftigungen, so unterschiedlich sind die Anforderungen an entsprechend notwendige Eigenschaften, Fähigkeiten und Stärken. Es gibt also nicht den einen Persönlichkeitstyp – stereotypisch eine dominante, knallharte Autoritätsperson –, der stellvertretend für Erfolg steht. Es ist auch deshalb so wichtig, sich sein eigenes Verständnis von Karriere bewusst zu machen, weil man sonst fremde bzw. falsche Maßstäbe an sich anlegt und ins Vergleichen gerät. Ohne eigene Richtlinien für Erfolg fallen wir den Definitionen anderer zum Opfer – das ist unauthentisch, führt uns zu einem Mangeldenken, macht unglücklich und verschwendet Energie.    

Wie ich mich selbst sehe, bestimmt meine Lebensgestaltung, denn ich fordere nur ein, was ich denke, verdient zu haben.

Sie gehen davon aus, dass viele Menschen sich selbst mit einem Selbstsabotage-Mechanismus das Leben schwer machen. Was meinen Sie damit?

Einer der größten Einflussfaktoren auf den beruflichen Erfolg ist das eigene Selbstverständnis. Das Leben ist das Ergebnis meiner bisher getroffenen Entscheidungen und die wiederum das Abbild meiner inneren Überzeugungen. Wie ich mich selbst sehe, bestimmt meine Lebensgestaltung, denn ich fordere nur ein, was ich denke, verdient zu haben. Und nun wird es schon deutlich:

Wenn ich schlecht über mich denke, begrenze ich mich in meinem Potenzial, ich sabotiere es.

Ein Beispiel für den selbstzerstörerischen inneren Dialog sind negative Glaubenssätze wie "Ich bin einfach zu lieb und kann mich nicht durchsetzen", "Aus einem Weichei wie mir wird nie etwas" oder "Am Ende sind die Lieben immer die Dummen". Mit einer solchen Einstellung wagt man sich an einige Karriere-Optionen gar nicht erst heran. Deshalb ist es so wichtig, sich die inneren "Mantren" bewusst zu machen und sie durch positive Überzeugungen zu ersetzen. Je mehr man sich auf seine Talente, Stärken und positive Erfahrungen fokussiert, desto zuversichtlicher wird man seine Möglichkeiten nutzen und desto wahrscheinlicher wird das eigene Empfinden von Erfolg und Zufriedenheit.

Man kann in einem positiven Glaubenssatz den vermeintlichen Widerspruch auflösen, zum Beispiel: 'Ich bin ein feinfühliger Mensch, der super mit Menschen umgehen kann – und das macht mich erfolgreich in jedweder Art von Beziehungspflege, wie z. B. im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden.'.

Haben Sie weitere Beispiele dafür, wie ich vermeintlich "weiche" Eigenschaften meiner Persönlichkeit als karrierefördernd denken kann?  

Ein sensibler Mensch mit feinen Antennen verfügt meist über ein hervorragendes Gespür für das, was zwischen den Zeilen steht: für Menschen, deren Befinden oder Motive, für Ästhetik, Kunst, Musik, für drohende Risiken oder zukünftige Trends. Im richtigen Kontext handelt es sich dabei also um einen echten Wettbewerbsvorteil. Harmoniebedürfnis, Anpassungsfähigkeit und Empathie bringen einen hervorragender Teamplayer hervor, der bei Meinungsverschiedenheiten für Konsens sorgen und zwischen verschiedenen Interessensgruppen vermitteln kann. Und jemand, der am liebsten gibt, ist der geborene Dienstleister, Berater oder Pfleger.  

Und wenn all das positive Umdenken nichts hilft und ich trotzdem nicht befördert werde – was dann?

Es kann natürlich sein, dass das berufliche Umfeld einfach nicht zur eigenen Persönlichkeit passt und man dementsprechend immer wieder an die gleichen Grenzen stößt. Dem liegt häufig eine Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung zugrunde, die man sich – vielleicht mit Hilfe eines Coaches – mutig und in liebevollem Umgang mit sich selbst anschauen könnte. Weiterhin sollte man sich fragen, inwieweit die eigenen Fähigkeiten, Eigenschaften und Potenziale in der aktuellen Position gefragt sind.

Muss man ständig eher seine Schwächen ausgleichen, statt seine Stärken einbringen zu können? Dann ist es an der Zeit, sich nach einem neuen Job umzusehen.

Sehr "liebe" Menschen fühlen sich oft am wohlsten in Jobs für, mit oder am Menschen und in teamorientierten, wertschätzenden Arbeitsumfeldern ohne starke Wettbewerbsbetonung. Auch Berufe mit Ideal- und Sinnorientierung können feinfühlige Menschen beflügeln und ihnen das gute Gefühl geben, gebraucht zu werden, anderen zu helfen und einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

Sie arbeiten heute als Karriereberaterin. Haben Sie sich früher auch als "zu lieb" für eine Karriere empfunden?

Jede Persönlichkeit ist ein Mischprodukt aus Genetik und Sozialisation. Aus meinen Grundanlagen und meiner persönlichen Geschichte ergibt sich ein Charakter, der dieses Problem im Selbstempfinden nie hatte. Da habe ich einfach Glück, könnte man sagen. Meine Selbstwirksamkeitsüberzeugung war schon immer hoch, ich habe nie in Frage gestellt, meine Ziele erreichen zu können. Dass in mir eine Unternehmerin steckt, ich am liebsten unabhängig und als meine eigene Chefin arbeite und meiner inneren Stimme folgen will, war schon früh klar. Entsprechend hat sich der Weg in die Selbstständigkeit für mich natürlich und richtig angefühlt, ohne dass ich daran groß gezweifelt habe. Während man meine Persönlichkeit wahrscheinlich selten als "zu lieb" wahrnimmt, bewundere ich im Gegenzug Menschen, die ihre Emotionen offen ausdrücken können. Ich musste das erst lernen. Meine Arbeit ist viel besser geworden, seit ich meine weichen Seiten mehr integriere – nicht nur gegenüber Mitarbeitern, sondern auch gegenüber Kunden.  

Liebe Frau Struss, herzlichen Dank für dieses spannende Interview!

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