Nachhaltige Geldanlage: Was heißt das?

Radfahren, bio essen, spenden - es gibt viele Möglichkeiten, sich für eine bessere Welt zu engagieren. Aber wie habt ihr eigentlich euer Geld angelegt? Schon mal an eine nachhaltige Geldanlage gedacht? 

An den Spott kann sich Dr. Eike Wenzel, Gründer des ITZ - Institut für Trend- und Zukunftsforschung -, noch gut erinnern. Anfang der 2000er-Jahre präsentierte er seinem damaligen Chef ein Konzept zu den "Lohas": "Lifestyles of Health and Sustainability", also gesunde und nachhaltige Lebensstile, ein Trend aus den USA. "Was soll dieser Öko-Kram? Ich habe lange genug in Landkommunen gelebt!", sagte sein Chef; es war Matthias Horx, Deutschlands wohl bekanntester Zukunftsforscher.

Es gibt nicht Gutes, außer man tut es

Nachhaltigkeit als Zukunftskonzept? War in der damaligen neoliberalen Ära nicht gefragt. "Es ging um schneller, höher und weiter", erinnert sich Wenzel. Doch inzwischen sind viele Menschen nachdenklicher geworden. Plastikmüll treibt in den Meeren, in den Metropolen - nicht nur in China - wird die Luft zum Atmen knapp, Wetterextreme häufen sich, Hunger, Armut und Kriege zwingen Millionen Menschen zur Flucht. "Alles hängt mit allem zusammen", sagt Wenzel, der 2011 sein eigenes Forschungsinstitut gegründet hat. "Wenn wir ökologisch und sozial nicht die Kurve kriegen, dann fahren wir gegen die Wand."

Zeit also, sich als Bürger einzumischen und die Notbremse zu ziehen? Beim Einkauf im Supermarkt ist das längst selbstverständlich. Wer kein Fleisch aus Massentierhaltung auf dem Teller will, kauft Bio-Fleisch oder Tofu. Andere nehmen Produkte aus der Region, um lange Transportwege zu vermeiden. Bei der Geldanlage dagegen geben die meisten Menschen noch immer das Heft aus der Hand. Sie parken ihr Geld auf x-beliebigen Konten oder investieren es in x-beliebige Fonds und überlassen es der Bank, was damit passiert. So kann es sein, dass sie unbewusst in Unternehmen investieren, die ihr Geld mit Waffengeschäften machen, Arbeiter ausbeuten, die Umwelt verschmutzen, womöglich von Kinderarbeit profitieren. Dabei gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten, über Sparanlagen oder Investitionen positiven Einfluss zu nehmen. "Geld bewegt die Welt - und es ist nie neutral", sagt Claudia Tober, Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG). Als der Verein 2001 an den Start ging, war die nachhaltige Geldanlage noch ein Thema für Randgruppen. Nachhaltig heißt einfach übersetzt: Ökologische, soziale und ethische Kriterien werden berücksichtigt. Seit dem Start des FNG ist das Volumen des so investierten Geldes in Deutschland von fünf auf heute 171 Milliarden Euro gewachsen.

Unternehmen müssen anfangen umzudenken 

Vor allem Stiftungen, Vereine, Kirchen, Pensionsfonds und Vorsorgeeinrichtungen verlangen zunehmend, dass ihr Geld nachhaltig angelegt wird. Und zwingen Unternehmen zum Umdenken: "Der Druck der Finanzströme ist mächtig", weiß Tober. Produzenten klimaschädlicher fossiler Energien etwa bekommen das zu spüren: Bei rund 850 Großanlegern stehen sie schon auf der roten Liste. Investoren, die zusammen mehr als 30 Billionen US-Dollar verwalten, haben sich weltweit zur Initiative Climate Action 100+ zusammengeschlossen, um Druck auf Klimasünder auszuüben. Auch die EU-Kommission setzt im Kampf gegen Klimaerwärmung auf die Macht des Geldes: Mit einem Aktionsplan will sie Investoren zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten.

Privatanleger jedoch bleiben zögerlich. "Dabei lassen sich Nachhaltigkeitsaspekte bei jeder Form der Geldanlage berücksichtigen", so FNG-Geschäftsführerin Tober. Die einfachste Form: ein Konto bei einer Öko-Bank eröffnen. In Deutschland sind das zum Beispiel GLS Bank, Umweltbank, Triodos Bank, Ethikbank und kirchliche Banken. Nicht jede bietet jede Bankdienstleistung an. Bei der GLS Bank aber sind vom Girokonto über Sparkonten, Sparbriefe, Versicherungen und Finanzierungen bis hin zu Aktienfonds alle Produkte (ausschließlich) im grünen Mantel erhältlich. "Wir sehen unsere Aufgabe darin, Geldströme dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden", sagt GLS-Sprecher Christof Lützel. Spareinlagen der Kunden werden regional investiert - in Projekte aus den Bereichen regenerative Energien, ökologische Landwirtschaft, in Schulen, Kindergärten, medizinische und heilpädagogische Einrichtungen. Bei den Sparbriefen können Kunden sogar selbst bestimmen, in welches Projekt ihr Geld fließen soll.

Vor allem bei Frauen kommt das gut an

Sicherheit bei den Sparanlagen, dazu noch mit Sinn: Bei Frauen kommt das Angebot gut an, zwei Drittel der GLS-Kunden sind Frauen. Rendite erzielen sie damit im aktuellen Zinstief jedoch nicht. Mit dem Sparbrief der GLS-Bank gibt es auf sieben Jahre aktuell 0,7 Prozent pro Jahr; beim "Wachstumssparen" der Umweltbank steigt der Zinssatz über sieben Jahre von 0,1 auf 1,0 Prozent, bei der Ethikbank liegt der Zinssatz für Laufzeitkonten gar bei 0 Prozent. Wie bei jedem Sparkonto gilt also auch bei grünen Einlagen: Das Geld verliert an Wert, weil die Preissteigerung (Inflation) oberhalb der Verzinsung liegt. Wer mehr will, muss Risiken in Kauf nehmen.

Für Annika Peters, Geschäftsführerin bei der Frauen Finanz Beratung Barbara Rojahn in Stuttgart, steht deshalb eine ganzheitliche und unabhängige Beratung an erster Stelle. Welche Ziele wollen Sie mit Ihrem Geld erreichen, für welchen Zeitraum planen Sie? Und wie hoch ist Ihre Risikotoleranz? "Viele Frauen sparen sehr viel Geld, aber machen nichts damit", sagt die Finanzplanerin.

Dabei rechnet es sich über lange Zeiträume, Vermögen für das Alter über Investmentfonds aufzubauen. Je länger der Zeitraum, desto besser die Renditeaussichten und desto geringer die Risiken. "Frauen stehen Aktien oft erst einmal kritisch gegenüber", weiß Peters. "Wenn sie aber ihre Werte vertreten sehen, kann das den Einstieg erleichtern, weil es der Börse das Böse nimmt."

Nachhaltigkeit muss genauer definiert werden

Aktionäre können entscheiden, ob ihr Geld zerstört und ausbeutet, oder ob es heilt und bildet und dazu beiträgt, die Welt besser zu machen. Beteiligungen an nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen bieten die Chance, Einfluss zu nehmen und gleichzeitig Rendite zu erzielen. Dabei müssen wertorientierte Anlegerinnen keine Abstriche machen, das haben zahlreiche Studien belegt. Laut Zukunftsforscher Wenzel ist Nachhaltigkeit sogar ein veritabler Wachstumsmarkt. 15 Megatrends hat sein Institut identifiziert, die die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten massiv beeinflussen werden, von Klimawandel, Energie- und Mobilitätswende über den demografischen Wandel bis zur Urbanisierung. "Zehn der 15 Trends sind Nachhaltigkeitstrends", so Wenzel. Das Dilemma: "Nachhaltigkeit" ist nicht eindeutig definiert. Unter dem Begriff haben die Anbieter von Finanzprodukten eine Reihe unterschiedlicher Produkte subsumiert, die nach sehr unterschiedlichen Kriterien gefiltert werden:

• Die einen schließen Unternehmen oder Branchen aus, die Waffen, fossile Energie, Tabak oder Kernkraft produzieren. Oder Menschenrechte missachten, also Kinder arbeiten lassen oder Frauen diskriminieren. Oder Staaten, in denen die Todesstrafe gilt (Ausschlusskriterium).

• Andere wählen aus jeder Branche die Unternehmen heraus, die die Kriterien am besten erfüllen (Best-in-Class).


• Wieder andere versuchen, gezielt Einfluss auf das Management zu nehmen (Engagement).

• Auch gibt es Anbieter, die nur in Unternehmen investieren, die nicht nur nichts Schlechtes bewirken, sondern Gutes produzieren (Positiv-Kriterien).

• Oft werden auch unterschiedliche Ansätze kombiniert. Dazu kommen Themenfonds, die sich auf nachhaltige Branchen wie Energie, Wasser oder Umwelttechnik fokussieren.

Transparenz ist das A und O

Kein leichter Job also für Privatanleger, ein passendes Produkt zu finden. Um den Einstieg zu erleichtern, vergibt das FNG seit 2015 ein Nachhaltigkeitssiegel (www.fng-siegel.org). Die Fonds müssen dafür gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Transparenz gehört dazu, 90 Prozent des investierten Kapitals müssen den sogenannten ESG-Kriterien genügen. ESG steht für Environmental, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Akteure mit schwerwiegenden Verstößen gegen Menschenrechte und Umweltschutz, mit schlechten Arbeitsbedingungen und Korruption sind grundsätzlich tabu - selbst US-Staatsanleihen fallen aktuell durch das Raster. Die Anforderungen sollen sukzessive steigen, 2019 werden zum Beispiel auch Kohle-Produzenten aus den Siegel-Fonds verbannt. Dazu vergibt das FNG noch zwischen einem und drei Sternen - je nach Qualität des Nachhaltigkeitsansatzes.

Der Haken an dem Siegel: Die Teilnahme ist freiwillig. Fondsanbieter müssen sich bewerben und für die Bewertung bezahlen. Öko-Banken wie die Ethikbank oder die GLS Bank sind nicht dabei. "Die Auswahl ist uns nicht streng genug", sagt Christof Lützel von der GLS Bank.

Auch andere Akteure verzichten auf ein Siegel, wie der Fondsanbieter Ökoworld. Gründer Alfred Platow zählt nicht nur zu den Pionieren, sondern auch zu den Fundamentalisten der Branche. Wie auch die GLS Bank schaltet der Fondsanbieter für seinen Flagschifffonds "Ökoworld Ökovision" ein unabhängiges Expertengremium vor, das nach strengen Kriterien prüft, ob sich ein Unternehmen für das Anlageuniversum qualifiziert. Erst im zweiten Schritt pickt das Fondsmanagement auf Basis der Finanzkennzahlen die aussichtsreichsten Unternehmen raus. "Wir möchten mit unseren Investments Entwicklungen fördern, die aus ökologischer und ethischer Sicht wünschenswert sind", sagt Platow, der vielen Wettbewerbern schlicht Marketing mit dem Modewort Nachhaltigkeit unterstellt. "Wenn man es ernst meint, reicht ein einfacher Ausschluss bei Weitem nicht aus."

Nicht alles auf eine Karte setzen

Einen pragmatischeren Ansatz verfolgt Globalance Invest mit dem D&R Globalance Zukunftsbeweger Aktienfonds. "Zukunftsbeweger sind Unternehmen, die dazu beitragen, die globalen Herausforderungen zu meistern - ob im Bereich Energie, Mobilität, Gesundheit, Recycling oder Ernährung", erklärt Julian Rautenberg, der das Deutschlandgeschäft von Globalance Invest mitverantwortet. Entscheidend für die Auswahl ist die Wirkung des investierten Geldes auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft, abzulesen am sogenannten Globalance Footprint. "Anleger wollen sich nicht mit 100 Kriterien auseinandersetzen", sagt Rautenberg. Den Footprint versteht er als eine Art "Google Earth" der Geldanlage. "Jeder Investor kann auf einen Blick erkennen, welche Wirkung er mit seinem Geld erzielt."

"100 Prozent geht nicht", ist Finanzberaterin Peters überzeugt. "Aber selbst ein wenig nachhaltig ist besser als nichts." Klassische Fehler sollten Anleger aber auch bei grünen Investments vermeiden: "Nie alles auf eine Karte setzen, sondern das Geld breit streuen", rät sie. Und sich nicht von hohen Zinsversprechen locken lassen, nur weil "gut für die Umwelt" draufsteht. Dass das schiefgehen kann, zeigen Beispiele wie Solarworld oder German Pellets - drei Öko-Unternehmen, die in die Insolvenz geschlittert sind.

Fundamental oder pragmatisch: "Jeder Investor muss eigene Ziele definieren", sagt FNG-Geschäftsführerin Tober. Produzenten der Pille danach oder Pornoproduzenten sind für manche strenggläubigen Investoren ein No-Go. Anderen ist es wichtig, mit ihrem Geld erneuerbare Energien zu fördern. Wer also in Sachen Nachhaltigkeit mehr als die Mindestanforderungen an sein Geld stellt, kommt nicht umhin, sich gründlich zu informieren. Detaillierte Fondsprofile veröffentlicht das FNG unter www.forum-ng.org.

BOMBEN-GESCHÄFT

Vielen ist nicht klar, dass sie mit ihrer Geldanlage indirekt Rüstungsgeschäfte finanzieren könnten: Nach Berechnungen der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atom­waffen (Ican) flossen beispiels­weise im vergangenen Jahr 525 Milliarden Dollar in Unter­nehmen, die Atombomben, ­-sprengköpfe und ­-raketen produzieren oder warten. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Plus von 81 Milliarden Dollar. Mehr als zehn Milliarden kamen von Banken aus Deutschland. Insgesamt zählten Ican und die Friedensgruppe Pax 329 Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und Vermögens­verwaltungen aus 24 Ländern, die solche Investitionen tätigen.

Brigitte 23/2018

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Birgit Wetjen
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