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Periodenurlaub Ist Urlaub während der Menstruation eigentlich eine gute Idee?

Periodenurlaub: Symboldarstellung Periode
© WindNight / Shutterstock
Während der Regel oder der Wechseljahre kann der Job ganz schön stressen. Immer mehr Firmen unterstützen ihre Mitarbeiterinnen deshalb – mit Periodenurlaub oder Menopausen-Beratung. Ist das eine gute Idee?

Als im Oktober die Einladung zum Kick-off für das neue betriebliche Gesundheitsprogramm an die SAP-Belegschaft rausging, war Nina Strassner gespannt. "Spotlight Menopause" lautete der Titel der Veranstaltung, die sie als Diversitätsbeauftragte des Software-Konzerns initiiert hatte. Mitarbeitende sollten künftig Info-Events zum Thema besuchen und sich bei Wechseljahresbeschwerden beraten lassen können. "Was hältst du davon?", hatte Strassner zuvor andere Personaler*innen gefragt. "Das nimmt doch keiner ernst", sei der Tenor gewesen. "Alle waren sich einig, dass die Zeit dafür zwar überreif sei. Für die männlich dominierten Entscheidungsgremien sei das Thema aber nicht relevant genug."

Der Stein kommt ins Rollen

Doch dann meldeten sich zu ihrer Überraschung schnell mehr als 1000 Menschen an. "Die Initiative hat tonnenweise Energie freigesetzt. Auch bei den Männern. Manager riefen danach an und bedankten sich. Die Initiative helfe ihnen, die Frauen in ihren Teams in dieser Zeit zu unterstützen, und auch die eigene Frau sei schließlich eines Tages in dem Alter."

Der weibliche Zyklus als Thema für die Personalabteilung? In Deutschland klingt das noch immer ziemlich exotisch. Über Periodenkrämpfe mit dem ohnehin anzüglichen Chef sprechen? Vor den jungen Kolleginnen zugeben, dass man nicht wegen der Treppe, sondern wegen der Hormone ins Schwitzen geraten ist? Das ist allen Bestsellern zum Thema Wechseljahre und allen Free-Bleeding-Debatten in den sozialen Netzwerken zum Trotz für viele eine eher unangenehme Vorstellung.

Gar nicht immer einfach, eine Frau zu sein

Dabei steht außer Frage, dass einem Periode oder Wechseljahre den Job ganz schön verleiden können. Laut einer australischen Studie hatten 80 Prozent aller Frauen während ihrer Regel schon so starke Schmerzen, dass sie nicht arbeiten konnten. Jede Zehnte leidet laut Techniker Krankenkasse so unter ihren Periodenbeschwerden, dass sie an bis zu drei Tagen pro Monat den normalen Alltag nicht bewältigen kann. Und in Großbritannien ergab eine parlamentarische Untersuchung, dass fast eine Million Frauen ihren Job wegen Wechseljahresbeschwerden aufgegeben haben – just in einem Alter also, in dem sich viele auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befinden.

Anderswo gehört es daher schon längst zum guten Ton, dass sich Firmen Gedanken machen, wie sie ihren Mitarbeitenden in solchen Phasen auf diskrete, aber eben auch effiziente Weise das Leben leichter machen. So taten sich in Großbritannien schon vor rund fünf Jahren Aktivistinnen und Experten zusammen, um das Thema "Wechseljahre" auf die politische Agenda zu setzen. Sogar die damalige Premierministerin Theresa May rief dazu auf, am Arbeitsplatz Maßnahmen für Menschen in der Menopause einzuführen. Mit Erfolg: Die britische Niederlassung der Santander Bank etwa entwickelte ein Beratungsprogramm für Betroffene. Beim TV-Sender Channel 4 dürfen Frauen in den Wechseljahren bei voller Bezahlung früher nach Hause gehen und bekommen einen kühlen Arbeitsplatz zugesichert; "Menopause Champions" sorgen als Ansprechpartner*innen für die reibungslose Umsetzung.

Und auch für Menstruierende gibt es inzwischen viele Angebote, meist zusätzliche Urlaubstage. Eine Praxis, die in Ländern wie Japan, Indonesien oder Taiwan übrigens oft schon seit Jahrzehnten üblich und manchmal sogar staatlich geregelt ist.

Und bei uns?

Wieso hinkt Deutschland bei dem Thema so hinterher? Sollten bei uns nicht auch längst Periodenurlaub oder Menopausen-Beratung Standard sein?

In den sozialen Netzwerken wird darüber schon länger diskutiert. "Während der ersten Tage meiner Periode geht es mir echt beschissen. Ich bin gereizt, kann mich nicht motivieren und habe Kopfschmerzen", schrieb etwa die Influencerin Louisa Dellert im Januar auf Instagram und beschwerte sich, dass das Thema oft belächelt würde. Firmen sollten während der Regel Homeoffice und Periodenurlaub, also freie bezahlte Tage, ermöglichen. Das könne doch auch eine Chance sein, Produktivität und Wohlbefinden der Mitarbeiterinnen zu steigern, fand sie – und viele ihrer Follower*innen.

Doch so einfach ist die Lage bei uns nicht. Das hat zum einen mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz zu tun: Arbeitnehmende, die keinen Anspruch auf Periodenurlaub haben, etwa weil sie Männer sind, könnten sich benachteiligt fühlen und klagen. Dazu kommt der Datenschutz: Arbeitgebende dürfen und sollen nicht über den Gesundheitszustand ihrer Beschäftigten Bescheid wissen. Eine gesetzliche Regelung für alle dürfte also schwierig werden.

Führt Periodenurlaub zu schlechteren Jobchancen für Frauen?

Franka Frei, Autorin des Buchs "Periode ist politisch", hat noch andere Bedenken: "Wären Firmen zum Beispiel per Gesetz verpflichtet, ihren Mitarbeitenden Periodenurlaub zu gewähren, hätten Frauen womöglich noch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als ohnehin schon. Weil sie per se in Verdacht stünden, weniger Profit zu erbringen, da sie ja öfter ausfallen als Nicht-Menstruierende. In einer anderen Welt wäre so eine Auszeit sicher eine schöne Regelung. In unseren aktuellen Strukturen, die ja immer noch sexistisch sind, ergibt sie für mich aber keinen Sinn."

Dazu komme: Bei der Entscheidung, Frauen während der Periode bezahlte freie Tage zu gewähren, sei es bislang oft gar nicht darum gegangen, ihnen das Leben zu erleichtern. Russland etwa habe mit einer solchen Regelung im 20. Jahrhundert vor allem die Geburtenrate sichern wollen – denn bei vielen Frauen sei wegen der harten Arbeitsbedingungen die Regel ausgeblieben. In Japan, Indonesien und Korea sei ihnen aus ähnlichem Grund nicht nur während der Periode, sondern auch nachts verboten worden zu arbeiten. "Der eigentliche Gedanke dahinter war also oft sexistisch und kapitalistisch", sagt Frei. "Man wollte Menschen mit Uterus von der Lohnarbeit abhalten, damit sie sich in erster Linie um das Gebären und Betreuen von Kindern kümmern."

Trotzdem fände sie es gut, wenn dem Thema in der Arbeitswelt mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde: "Mit mehr Möglichkeiten für Homeoffice, flexiblen Arbeitszeiten oder kostenlosen Periodenprodukten auf den Toiletten können Firmen ihre Angestellten schon sehr unterstützen."

Ist das wirklich "Urlaub"?

Cordelia Röders-Arnold vom Berliner Start-up "Einhorn", das selbst Periodenprodukte herstellt und sich für einen offeneren Umgang mit dem Thema einsetzt, sieht einen pauschalen Periodenurlaub ähnlich kritisch: "Wenn man so starke Schmerzen hat, dass man nicht mehr arbeiten kann, sollte es nicht die Lösung sein, Urlaub zu bekommen. Allein das Wort ‚Urlaub‘ ist total unpassend. Hinter starken Schmerzen könnte eine ernsthafte Krankheit stecken wie Endometriose. Und damit sollte man klar zur Ärztin, krankgeschrieben und behandelt werden." Tatsächlich wird Endometriose, also die Ansiedelung von Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter, meist erst nach sieben bis zehn Jahren diagnostiziert. Auch weil es nach wie vor ein Tabu ist, über Regelschmerzen offen zu sprechen.

Bei "Einhorn" und in einigen anderen Start-ups setzt man auch deshalb auf eine andere Lösung: unbegrenzte Urlaubstage. "Bei uns gibt es die klare Ansage, dass jeder und jede, die sich nicht gut fühlt, auch nicht arbeiten muss", sagt Röders-Arnold. "Und zwar egal, ob wegen der Periode, wegen Rückenschmerzen oder weil man sich mental schlecht fühlt." Sie hofft: Wenn in Zukunft immer mehr eine flexible, am Menschen ausgerichtete Arbeitskultur einfordern würden, würde sich das Thema "Periodenurlaub" irgendwann selbst erledigen.

Das mag für Start-ups zutreffen. Für Krankenschwestern oder Supermarktkassiererinnen werden solche Arbeitszeiten aber wohl erst mal Utopie bleiben. Doch vielleicht geht es bei dem Thema sowieso nicht darum, Extra-Urlaub für Betroffene oder besonders flexible Arbeitszeiten für alle herauszuschlagen, sondern um etwas ganz anderes: Dass endlich auch im Jobkontext über Regelschmerzen oder Stimmungsschwankungen gesprochen werden darf, ohne dass blöde Sprüche kommen. Und dass man gemeinsam nach Lösungen sucht, wenn das Arbeiten an bestimmten Tagen zur Last wird. Das finden zumindest die Followerinnen der BRIGITTE-Accounts auf Instagram, die wir dazu befragten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatung Kearney: Zwei Drittel der Befragten wünschen sich vor allem ein Jobumfeld, das ein offenes Gespräch über Menstruation ermöglicht. Reden hilft – bei diesem Thema offenbar besonders.

Bei SAP initiierte Nina Strassner Info-Events zum Thema Menopause. Das Interesse ist groß. Auch bei den Männern.

Periodenurlaub findet die Autorin Franka Frei problematisch. Weil es dabei nur selten um das Wohl der Betroffenen gehe.

Beim Start-up "Einhorn", wo Cordelia Röders-Arnold arbeitet, setzt man auf unbegrenzte Urlaubstage – für alle.

Das sagen unsere Followerinnen auf Instagram

Was nervt während der "Tage" im Job am meisten?

"Dass ich meinem Chef nicht offen sagen kann, was los ist"

"Dass es in den Toiletten keine Hygieneartikel gibt"

"Lange Termine ohne Pause"

"Kein Rückzugsort"

"Trotz Schmerzen 100 % geben zu müssen, weil es ein Tabuthema ist"

Was wünscht ihr euch, damit die Arbeit während der Regel oder der Wechseljahre einfacher wird?

"Homeoffice!"

"Flexible Arbeitszeiten"

"Mehr Verständnis und mehr Gespräche – auch zwischen den Generationen"

Brigitte

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