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Sabbatical Die Auszeit hilft nicht immer

Sabbatical: Junge Frau im Zug
© Natee Meepian / Shutterstock
Eine Auszeit vom Job, das wünschen sich viele. Doch ein Sabbatical ist nicht die Lösung für alle Probleme. 
Isabel Stettin

Wenn der Sturm draußen peitschte und dicker Nebel über dem kleinen irischen Küstenort Ballycastle hing, begann Ingrid Frank manchmal zu grübeln und fühlte sich einsam. Kaum mehr als zweihundert Einwohner leben in dem Dorf, das sie 2017 gegen ihr vertrautes Zuhause in Hannover getauscht hatte. Sie wollte "Abstand gewinnen, schreiben, in der Natur sein". Was sie in der Einöde suchte: Zeit für sich ohne den Rhythmus der Arbeit, Zeit zum Schreiben, Ablenkung nach einer Beziehungskrise, einen Neubeginn, sich selbst.

Ausbrechen vom Alltag

Ihre Motivation für die Auszeit lag zudem"in einer gewissen Müdigkeit im Job", sagt Frank. Die 55-Jährige arbeitet in der Familien- und Jugendberatung, hilft Eltern in Erziehungs- und Lebensfragen und Teenager in Krisen. Wie viele Beschäftigte in sozialen Berufen muss auch sie aufpassen, nicht auszubrennen. Sie fühlte sich ausgelaugt, hatte Lust auf etwas anderes.

Darum packte sie ihre Koffer und legte "alles auf Eis", wie sie sagt. "Mein Arbeitgeber gab mir vollen Rückhalt." Sie ließ sich unbezahlt freistellen, übernahm in der Zeit die Kosten für die Krankenkasse selbst, mietete sich ein Auto. Ein halbes Jahr lebte sie von Ersparnissen und hütete ein Häuschen von Bekannten, die sie bei einem Sprachkurs kennengelernt hatte. Während ihre Gastgeber*innen selbst auf Reisen waren, fütterte sie deren Hühner, verkaufte die Eier, trieb Gänse in den Stall, versorgte Hund und Katze.

Laut einer Studie des Karrierenetzwerks Xing mit knapp 1500 Arbeitnehmer*innen in Deutschland haben bereits zehn Prozent eine Art Sabbatical hinter sich. Abgeleitet vom hebräischen Ruhetag Sabbat, steht das Wort für "Innehalten", für ein Unterbrechen und Ausbrechen vom Alltag. Oft geht eine lange Auseinandersetzung voran, eine Sinnkrise, Unzufriedenheit, Schicksalsschläge oder das Gefühl, eine Pause zu benötigen, wie im Fall von Ingrid Frank. Von einer Auszeit träumt einer Forsa-Umfrage zufolge jede*r zweite Beschäftigte in Deutschland.

Auszeit oder grundlegende Umstellungen?

"Was ist wirklich das Ziel?" Diese Frage steht für Sabbatical-Coach Andrea Oder an erster Stelle, wenn es um die Planung einer solchen Pause geht. Sie selbst hat bereits ihre dritte Auszeit hinter sich. Heute berät sie andere auf dem Weg ins Sabbatical. "Gerade in Zeiten wie diesen, mit Blick auf Corona, machen sich viele bewusst, wie schnell sich alles ändern kann."

Wichtig sei, sich genau klarzumachen: "Was erwarte ich mir von einem Sabbatical? Um welche Baustellen geht es mir?" Suche ich Entspannung, Abenteuer und Freiheit, Zeit für mich oder andere, die Erfüllung eines lang gehegten Traums? Will ich mich weiterbilden, neue Sprachen lernen, mehr Zeit für Malkurse und Gitarrenunterricht, mein Haus renovieren? Oder mit dem Van durch Südeuropa, auf dem Segelschiff über den Atlantik, durch Finnland wandern? Immer wieder erlebt Oder, dass viele mit falschen Vorstellungen in ihr Sabbatical starten. "Auch darum ist nicht jede Auszeit ungetrübt."

Und oft ist sie nicht die Lösung der eigentlichen Probleme. Die Vorstellung "Ich reise einmal um die Welt und alles ergibt sich dabei von selbst" ist eine Illusion. Andrea Oder rät darum, sich vor einem solchen Projekt genau zu überlegen, ob eine Auszeit vom Job die Lösung ist – oder ob grundlegende Umstellungen im Alltag sinnvoller und notwendig wären.

Neustart nach dem Tief

Darüber dachte auch Elisabeth Hühner nach. Anfang 2019 entschied sich die ausgebildete Köchin und Ökotrophologin, damals 45, dafür, die Reset-Taste zu drücken. Zwei schwierige Jahre lagen damals hinter ihr. Im Job war sie unzufrieden, privat durchlebte sie eine Krise. Wohin es sie für ihre Auszeit verschlug, war ihr zunächst egal. "Hauptsache, raus aus Europa."

Über eine Facebook-Gruppe stieß sie auf die Anzeige einer Frau, die andere Frauen auf ihre Farm in Namibia einlud. "Es war eine Art Flucht", sagt sie heute. "Ich wollte den Kopf frei bekommen, eine andere Umgebung, völlig neue Eindrücke und Menschen um mich herum." Vor der Reise machte sie einen radikalen Schnitt: Sie kündigte ihren Job. Doch schon bevor sie ins Flugzeug stieg, hatte sie den Vertrag für eine neue Stelle in der Tasche. "Das beruhigte mich und gab mir Sicherheit."

Drei Monate verbrachte sie in Afrika. Die Essenz, die blieb: "Ich habe gelernt loszulassen, mehr auf das Leben zu vertrauen." Was sie vor Enttäuschungen schützte: keine zu großen Erwartungen zu haben. Für Hühner war ihr Sabbatical ein "Neustart für die Zeit nach meiner Krise, nach dem Tief".

Die eigentliche Herausforderung begann erst nach der Rückkehr, als es darum ging, im Alltag etwas zu ändern. Sie gönnte sich eine kurze Pause, "um bei sich anzukommen". Dann begann sie in einer großen Bäckerei in München im Qualitätsmanagement. Die neue Arbeit erfüllte sie. Doch sie merkte auch, wie schwer es ihr fiel, sich etwas von der Leichtigkeit zu bewahren, die sie in Afrika genossen hat. Schnell holte sie die Hektik ein, die Anspannung, weil sie im neuen Job bestehen wollte.

Klarheit durch räumliche und zeitliche Distanz

Tatsächlich ist die Arbeit der Stressverursacher Nummer eins in Deutschland. Ist ein Sabbatjahr wirklich das Richtige, um dem Stress zu entkommen, das Leben langfristig zu verbessern? Daran zweifeln Expert*innen. Grundsätzlich kann ein Sabbatjahr längerfristig nicht viel ändern, zeigt eine 2013 veröffentlichte Studie der Universität Siegen, bei der Lehrer*innen zu den Auswirkungen einer längeren Auszeit befragt wurden.

Ein Sabbatical wirkt sich demnach zwar positiv auf Regeneration und Gesundheit aus, die gefühlte Belastung schrumpft, die Lebenszufriedenheit steigt. Doch die Effekte verpufften bei den Studienteilnehmer*innen meist schnell, die Berufszufriedenheit verbesserte sich nicht. Was bedeutet: Wenn sich nichts an der Situation zu Hause ändert, kommt man nach einem Jahr in die gleiche Lage zurück und hat die gleichen Probleme.

Und doch: Sich für eine gewisse Zeit aus dem Job auszuklinken, macht es möglich, sich auf wichtige Fragen zu besinnen, eigenen Interessen und Stärken Raum zu geben. Davon ist auch Ingrid Frank überzeugt – obwohl ihre Auszeit am Ende anders war als erhofft. Zwar schrieb sie ein Buch, gewann Freunde, ging wandern. Ihren ursprünglichen Plan, ausgiebig durchs Land zu reisen und Workshops für "kreatives Schreiben" anzubieten, musste sie jedoch aufgeben.

Denn die Verantwortung für das Cottage ihrer Bekannten beanspruchte sie mehr als gedacht. Die Tage waren bestimmt vom Versorgen der Tiere. Zwischenzeitlich fühlte sie sich von ihren Gastgeber*innen im Stich gelassen. Am letzten Tag schlug ein Stein gegen die Kühlerhaube ihres Mietwagens und riss ein Loch in ihre knappe Reisekasse. "Ich habe mich total geärgert und war froh zurückzukehren." Rückblickend würde sie vieles anders angehen, sagt sie heute: "Ich würde mir bewusst machen, wie viel Ungewissheit ich ertrage, und mir einen Plan B zurechtlegen, wenn manches anders kommt als gewünscht.”

Auch das Ankommen empfand sie als "ambivalent". Einerseits freute sie sich auf ihr Zuhause. Andererseits wusste sie, dass dort ungeklärte Themen auf sie warteten. Sie hatte Entscheidungen mit sich herumgetragen, die räumliche und zeitliche Distanz hatte ihr aber auch Klarheit gegeben: Sie entschied sich, die Beziehung mit ihrem Partner fortzuführen.

Auch beruflich traf Frank Entscheidungen: Ihre Arbeitszeit hat sie mittlerweile von 38 auf 30 Stunden zurückgeschraubt. "Ohne die Auszeit hätte ich mich das nicht getraut." Montags hat sie jetzt frei und nimmt sich fest vor, diesen Tag dem Schreiben zu widmen. "Viel zu oft klappt das noch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Oft verplane ich den Tag mit anderen Terminen." Doch sie ist nun auf ihrem Weg.

Tipps und Austausch:

  • Sabbatical-Coach Andrea Oder begleitet bei der Vor- und Nachbereitung einer Sabbatzeit (www.sabbatical-coaching.de). Ihr Buch "Sabbatical" ist im Campus-Verlag erschienen.
  • Auf der Seite www.sabbatjahr.org gibt es Tipps und Checklisten zur Planung und Organisation einer Auszeit.
  • In der Facebook-Gruppe "Sabbatical – Meine Auszeit vom Job" treffen sich ehemalige und künftige Aussteiger*innen auf Zeit.
  • Wer schon mit Mitte 40 den alten Job ganz an den Nagel hängen und stattdessen lieber so viel wie möglich reisen will, findet auf der Website des Aussteigerpaares Gabi und Christian Hajek Rat und Inspiration: www.ratgeber-aussteigen.de

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