Stress im Job: Auch ein Arbeitgeber ist ersetzbar

Immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit führt zu Stress im Job. Wie wir uns davor schützen, erklärt uns Arbeitssoziologin Prof. Sabine Pfeiffer.

Nervende Chefs, Mobbing von Kollegen, Überforderung, immer mehr Druck: Was tun, wenn der Job nur noch eine Zumutung ist? Kündigen ist längst nicht die einzige Lösung – es gibt viel kreativere Auswege


BRIGITTE: Frau Pfeiffer, ist es nur ein Gefühl, oder steigt der Stresspegel im Job momentan tatsächlich an? 

SABINE PFEIFFER: Stress und Belastung nehmen derzeit in der Tat zu. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Fehltage wegen psychischer Leiden kontinuierlich steigen. Nach dem DAK- Gesundheitsreport 2017 machen sie inzwischen rund 17 Prozent aller Krankmeldungen aus. Vor zehn Jahren waren es nur zehn Prozent. 

In diesem Zeitraum schritt auch die Digitalisierung der Arbeitswelt voran. Sehen Sie da einen Zusammenhang? 

Wer allein der Digitalisierung den Schwarzen Peter zuschiebt, denkt zu kurz. Bei vielen Menschen, die sagen, „Mein Job macht mich fertig“, greifen Faktoren, die es schon immer gab und die nichts mit dem aktuellen Wandel unserer Arbeitswelt zu tun haben. 

Zum Beispiel? 

Manche fühlen sich zu wenig wertgeschätzt oder vermissen Aufstiegschancen. Auch eine cholerische Chefin oder ein intriganter Kollege können einem das Arbeiten verleiden. Das Betriebsklima spielt eine Riesenrolle für die Zufriedenheit im Job. 

Wenn der Beruf wegen Umstrukturierungen oder Personalabbau zunehmend stressig wird, leidet aber auch oft die Stimmung im Büro. 

Stimmt. Indirekt tragen Digitalisierung und Globalisierung deshalb durchaus zum Druck im Job bei. Ein gutes Beispiel dafür ist die Intensivierung der Arbeit, die wir derzeit erleben. Vor allem in der Projektarbeit ist das Pensum inzwischen so hoch, dass es von vielen faktisch nicht mehr in ihrer Arbeitszeit geschafft werden kann. 

Woran liegt das? 

Zum einen wurden in den letzten Jahren viele Assistenzjobs abgebaut. Aus Kostengründen, aber auch, weil es für viele einstige Sekretariatstätigkeiten heute Software gibt. Die meisten Angestellten machen jetzt beispielsweise ihre Reisebuchung selbst. In den Interviews, die ich im Rahmen meiner Forschung geführt habe, sagten mir Kreativarbeiter, dass sie mitunter 50 Prozent ihrer Zeit mit solchen Tätigkeiten verbringen. Das frustriert natürlich. Und es ist überdies für die Unternehmen nicht lukrativ. Denn die Mitarbeiter sind für diese Arbeiten natürlich überbezahlt. 

Warum steigt der Stress noch? 

Gerade kreative und projektförmige Büroarbeit, beispielsweise im Personalwesen, im Marketing, im Vertrieb, im Einkauf, in der Eventplanung, ist heute stärker getaktet. Das Tempo wird vorgegeben, Fortschritte werden mit Kennzahlen abgebildet. Man hat sich das aus der Industrie abgeguckt, so soll Leistung messbar sein. Doch ganz abgesehen davon, dass das Protokollieren viel Zeit frisst: Im Gegensatz zu Tätigkeiten am Fließband ist Kreativarbeit schwer planbar. Selbst wenn das Projekt schon vom Schreibtisch ist, macht es oft noch Arbeit: Der Kunde ruft erneut an, die Marketingabteilung hat Nachfragen, eine andere Abteilung braucht mal eben eine Tabelle. Das alles stresst, wenn die zeitlichen Ressourcen fehlen. 

Was kann man tun, wenn man spürt, dass der Druck zu groß wird? 

Kurzfristig und um sofort entlastet zu werden, können individuelle Lösungen sinnvoll sein. Also ein deutliches Nein, wenn das neueste Projekt automatisch auf dem eigenen Schreibtisch landet. Oder keine Erreichbarkeit mehr nach 18 Uhr, wenn die Gedanken auch nach Feierabend nur um den Job kreisen und kein Abschalten mehr geht. Handelt es sich aber um ein Strukturproblem, wird dies auf Dauer nicht genügen. Das betrifft übrigens das Arbeitspensum ebenso wie die cholerische oder völlig unorganisierte Chefin. 

Was hilft dann? 

Man muss sich Gleichgesinnte suchen. Das müssen nicht Kollegen sein, die man besonders mag, sondern solche, die genauso betroffen sind. Mit denen überlegt man dann ganz konkret: Wie viel kann unsere Abteilung leisten? Und zu welchen Bedingungen? Auch aus ökonomischen Gründen kann es ja durchaus sinnvoll sein, ein Projekt abzulehnen, wenn darunter die Qualität aller Projekte leidet. Und dann: gemeinsam zum Chef, gemeinsam zum Betriebsrat. Partizipation wird derzeit ja in vielen Firmen großgeschrieben. Nur leider picken sich die Unternehmen dabei gern die Rosinen raus. Will sagen: Eine Wer- macht-was-und-wie-schnell-Transparenz finden sie gut, die tatsächliche Einbeziehung von Mitarbeitern aber meistens nicht. Das sollten sich die Belegschaften nicht gefallen lassen. 

Was ist, wenn die Angst vor einem Jobverlust so groß ist, dass sich keiner traut aufzumucken? 

Diese Angst wird von Unternehmen teilweise bewusst geschürt. Fakt ist aber, dass der Arbeitsmarkt momentan sehr gut ist, und das wird aller Voraussicht nach auch in den nächsten Jahren so bleiben. Ich rate daher dazu, die Überlegung schlicht umzukehren: Auch ein Arbeitgeber ist ersetzbar.


Brigitte 12/2018

Wer hier schreibt:

INTERVIEW: MADLEN OTTENSCHLÄGER
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