Tijen Onaran: Mut zur Sichtbarkeit

Tijen Onaran ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Digitalszene. Ihr Ziel: Frauen zusammenzubringen, die ähnlich ticken, und sie in der männerdominierten Branche sichtbar zu machen.

Tijen Onaran - an was sie alles arbeitet

Ein Schwert. Ein goldenes Ölkännchen. Und den rostigen Schlüssel steckt sie vorsichtshalber auch noch ein, man weiß ja nie. Wenn Tijen Onarans Leben ein Spiel wäre, es wäre eine dieser Abenteuer-Kniffeleien für den Computer: Die Heldin läuft durch ihre Welt, löst Aufgaben und Rätsel und sammelt dabei Dinge und Fähigkeiten, von denen sie noch nicht weiß, wofür sie sie einmal brauchen wird - aber nützlich werden sie am Ende sein. 

Genauso weiß man nie, wann der Tag etwas für einen bereithält. Deshalb ist Tijen Onaran früh auf den Beinen. 8.30 Uhr ist ihre liebste Verabredungszeit, da war die 32-Jährige schon die erste Runde mit ihren Hunden Leo und Paul laufen. Jetzt sitzt sie mit einem Kaffee auf ihrer Dachterrasse im Berliner Westen, nach dem Gespräch wird sie nur ein Zimmer weitergehen, in ihr Büro: Zusammen mit ihrem Mann Marco, zwei Festangestellten und ein paar Praktikanten arbeitet sie hier an ihrem internationalen Frauennetzwerk "Global Digital Women", ihrem Verein "Women in Digital" und ihrer Unternehmensberatung "startup affairs" - und an ihren vielen anderen Engagements, deren enge Taktung man auf ihrem Twitter-Account verfolgen kann, bis einem schwindelig wird. 

Mit ihren "Global Digital Women" hat sie sich mit Amazon und dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) zusammengetan, um mit dem Programm "Unternehmerinnen der Zukunft" Inhaberinnen und Geschäftsführerinnen zu fördern, die zu ihrem stationären Laden noch in den Onlinehandel einsteigen wollen. Daneben sitzt Tijen Onaran im Beirat der Online-Plattform "Startup Teens", wird als Rednerin für Konferenzen gebucht, sitzt in Jurys, moderiert Gründertalks und schreibt Kolumnen für das "Handelsblatt", die "Wirtschaftswoche" und Futurezone. 

Der Umgang mit Menschen liegt ihr

Vor allem aber kann sie mit Menschen. Das schaute sie sich bei ihrer Mutter ab, das Kind einer klassischen Gastarbeiterfamilie. Als Tochter Tijen kam, arbeitete sie als Schmuckverkäuferin in Karlsruhe. Wenn Tijens Freundinnen nach der Schule Eis essen gingen oder Barbie-Kassetten hörten, stand das kleine Mädchen neben ihrer Mutter am Verkaufstresen und beobachtete - Menschen lesen können, sie begeistern, Grumpelmänner und Mäkelfrauen zum Lächeln bringen, dafür hatte ihre Mutter großes Talent. 

"Mich hat das als Kind wahnsinnig beeindruckt: Wenn ein Pärchen in den Laden kam, wusste sie genau, wen von beiden sie überzeugen musste", sagt Tijen Onaran. Sie schaute zu und lernte. Ohne zu wissen, dass sie genau diese Gabe später gut gebrauchen können würde, um zum Beispiel ein Unternehmen zu einer Kooperation mit ihrem Frauennetzwerk zu bewegen. "Manchmal geht es gar nicht darum, meine Kontaktperson zu überzeugen, sondern ihren Vorgesetzten, manchmal auch ihre Mitarbeiter. Ich mag es, das herauszufinden und die Menschen für meine Idee zu gewinnen."

Politik früh geübt

Dabei waren ihre ersten Verkaufsjobs während des Studiums ein Debakel: Verhuscht und introvertiert räumte sie in einem Kosmetikladen lieber in den Regalen, statt auf die Kunden zuzugehen. Später, als sie Verkaufs- gegen Wahlkampfstand tauschte, lernte sie die Scheu zu überwinden. Geübt hatte sie das mit der Politik schon mit ihren Eltern. Seit sie 17 Jahre alt war, spielten sie zu Hause Talkshows nach: Sie war Anne Will, Papa die SPD, Mama die Grünen.

Irgendwann ging sie zu ihrer ersten Sitzung bei den Jungen Liberalen. Das Programm der CDU war ihr zu konservativ, bei der SPD, hatte der Vater gesagt, "gibt es schon viele von uns". Beim FDP-Nachwuchs saßen dann da die Jungs mit gestärkten Hemden und Siegelring, die das türkischstämmige Mädchen verwundert begafften: "Ich weiß noch, dass ich dachte: Das riecht hier alles so frisch gebügelt. Und dann habe ich einfach losgeplappert. Die Jungs dachten sicher: Mal gucken, wie lange die durchhält. Aber ich bin einfach immer wieder gekommen."

Ein Glücksfall für die Partei

Kontakte stabilisieren, Allianzen schließen, auch wenn die persönliche Sympathie dabei ein paar Meter hinterherstolpert: Ihre Arbeit im Kreisverband der FDP war Tijen Onarans erster Networking-Crashkurs. Sie war gerade 20, als sie der Kreisvorsitzende 2006 fragte: Bald sind Landtagswahlen, hast du nicht Lust? "Der Wahlkreis, für den ich kandidieren sollte, war allerdings schon von anderen besetzt, es war sehr unwahrscheinlich, dass ich hier gewinnen kann - das wussten alle, nur ich nicht", sagt sie. Sie stolperte in ihre Kandidatur wie die Computerspielheldin ins nächste Level; eigentlich müsse sie ja eh nur auf ein paar Podien sitzen und Leute am Stand begeistern, hatte der Kreisvorsitzende ihr gesagt: "Und es wird überall in der Stadt große Plakate von dir geben, sagte er noch. Naiv, wie ich damals war, fand ich das super."

Dass sie als junge Frau mit Migrationshintergrund ein Glücksfall für die Partei war, merkte sie erst später. Da ließ sie sich schon am Wahlstand mit der angestauten Gemütsgülle verbitterter Wähler übergießen und rang auf Podien mit Leuten, die länger Politik machten, als sie lebte. Und holte am Ende 8,75 Prozent - kein Mandat, aber ein Erfolg. 

Der Wechsel von der Politik zur Wirtschaft

Silvana Koch-Mehrin, damals FDP-Europa-Abgeordnete, wurde auf Tijen Onaran aufmerksam und holte sie nach Brüssel. Sie ging mit Koch-Mehrin auf Wahlkampftour, fuhr den Wagen, hielt die Ersatzstrumpfhose parat. "Ich habe viel gelernt, aber auch gesehen, was die Politik mit einem Menschen machen kann." Die ewig ausgefahrenen Ellenbogen, das interne Dauer-Belauern - sie war sich nicht mehr wirklich sicher, ob das auch ihr Weg sein sollte. 

Zwischendurch betreute sie die Social-Media-Kanäle des damaligen FDP-Chefs Guido Westerwelle, las die eintreffenden Hassnachrichten, zweifelte weiter. Sie wechselte in die Wirtschaft. Baute an einer privaten Management-Hochschule die Kommunikation auf, entwickelte Eventformate mit Studierenden, die sie mit ihren Kontakten aus der Politik zusammenbrachte - und knüpfte immer weiter Verbindungen zu Menschen, ohne zu wissen, wann sie diesen Kontakt als nächstes brauchen würde. 

Frauen vor! Tijen Onaran will die Digitalszene weiblicher machen

Als sie schließlich für einen Verband arbeitete, der die Interessen von Onlinehändlern vertrat, fiel ihr das Thema Digitalisierung vor die Füße. Und als es sie nervte, dass sie auf den entsprechenden Veranstaltungen immer nur Männer sah, obwohl sie so viele schlaue, spannende Frauen in diesem Bereich kennengelernt hatte, schrieb sie eine Mail an genau diese Frauen und lud sie an einen großen Tisch in einem Berliner Café ein - mit der simplen Botschaft: Ich finde, ihr solltet euch alle mal kennenlernen. 

Tijen Onaran, 32, äußert sich fast täglich auf Bühnen, in Kolumnen und auf Twitter zu ihrem Lieblingsthema: der Digitalisierung.

Zwölf Frauen kamen zum ersten Treffen. Sie blieben danach in Kontakt, luden sich gegenseitig zu After-Work-Events in ihren Unternehmen und Organisationen ein, brachten andere Frauen mit; Wildfremde schrieben plötzlich Mails, ob sie auch mitmachen könnten -und nach kurzer Zeit standen 500 Frauen auf Onarans Verteiler. Was als spontane Idee begonnen hatte, hatte sich verselbstständigt. Sie kündigte ihren Job und gründete das Netzwerk "Women in Digital". "Hier arbeiten wir alle daran, Innovationen in Unternehmen voranzutreiben." Und das betreffe nicht nur Frauen aus dem IT- oder Tech-Sektor, sagt sie. "Ziemlich viele Typen in der Gründerszene sind der personifizierte schlechte Pitch", schimpfte Onaran neulich auf Twitter, "Protz statt Persönlichkeit, Ego statt Team und Show vor Kompetenz. Zeit, dass es mehr Investorinnen gibt!"

Als sei sie die Hüterin eines geheimen weiblichen Kompetenzschatzes, häuften sich nach der Gründung ihres Netzwerks schnell die Anfragen: Weißt du nicht eine gute Frau für dieses spezielle Panel? Kannst du jemand für jene Stelle empfehlen? Du hast dich doch neulich mit dieser Expertin getroffen, kannst du mir da ein Intro machen? So viel Zeit verbrachte Onaran bald mit der Beantwortung dieser Fragen, dass sie mit ihrem Mann eine eigene PR-Beratung gründete. "Startup affairs" unterstützt Unternehmen dabei, für zukünftige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen attraktiver zu werden, gibt Storytelling-Workshops, in denen Firmen lernen können, ihre Leistungen in Geschichten einzukleiden. Onaran findet heraus, was ihre Kundinnen können und macht sie dann zu Expertinnen darin. 

Sie plant, aus ihren Kontaktkreisen nicht weniger als eine "weltweite Bewegung" zu machen: 2017 reiste sie mit 46 Frauen aus 46 Ländern in die USA und gründete im Anschluss die "Global Digital Women", die internationalisierte Variante ihres Netzwerks. Ein Ableger in der Schweiz gedeiht schon, der nächste folgt dann in Ägypten.

Wie Vorbilder helfen: 

Tijen Onaran hat mit dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) und Amazon die Initiative "Unternehmerinnen der Zukunft" gegründet, die Inhaberinnen beim Ausbau ihres Onlinegeschäfts unterstützt. "Mir persönlich haben Vorbilder für meine Karriere sehr geholfen: Sie schaffen Orientierung, machen Mut und sind Inspiration. Deshalb ist das ,Unternehmerinnen der Zukunft‘-Programm so wichtig: Es bestärkt Unternehmerinnen, macht sie sichtbar und bringt sie mit Expertinnen und Experten des digitalen Handels zusammen", sagt Tijen Onaran. Auf dem großen BRIGITTE- Symposium stellt sie die Initiative vor.

Ein Tag für dein Netzwerk!

Triff Tijen Onaran und weitere spannende Frauen – etwa Fränzi Kühne (TLGG), Bloggerin Laura Noltemeyer (designdschungel.com), Gründerinnen aus den verschiedensten Branchen wie Miriam Schwartz, Sonja Jost, Chanyu Xu oder Sabine Landes. Rund 50 Workshops und Talks erwarten dich beim BRIGITTE-Symposium, außerdem eine Mode-Lounge von Madeleine und eine Beauty-Lounge von L.O.V. 

Wann: Donnerstag, 27. September 2018, 9 Uhr 

Wo: im Colosseum Theater in Essen 

Eintritt: 199 Euro für Abonnentinnen, 299 Euro regulär 

Mehr Infos und Anmeldung: www.brigitte.de/academy

Brigitte 18/2018

Wer hier schreibt:

Anja Rützel
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