Equal Pay Day 2019: Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren!

"Wir verdienen mehr!" – am 18.03.2019 eröffnete die BRIGITTE ihre ganzjährige Kampagne für Lohngerechtigkeit mit einer Paneldiskussion in Hamburg.

Bis zum Tag der Paneldiskussion arbeiteten alle Frauen rechnerisch unentgeltlich – denn das entspricht der Lohnlücke von 21 Prozent zwischen allen berufstätigen Männern und Frauen in Deutschland. Im europäischen Vergleich liegen wir damit auf den hintersten Plätzen der Lohngleichheit. Wie konnte es soweit kommen? Und wie bekommen wir dieses Problem wieder in den Griff? Darüber diskutierten im Gruner + Jahr Verlag in Zusammenarbeit mit den Business Professional Women (Initiatoren des Equal Pay Day in Deutschland): BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber mit PD Dr. Elke Holst (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Christine Gräbe (Fair Pay Innovation Lab) und Cawa Younosi (Personalschef SAP SE & SAP Deutschland).

Stand der Dinge: Die Situation in Deutschland könnte viel besser sein  

Der Abend beginnt mit einer düsteren Bestandsaufnahme von PD Dr. Elke Holst: "Wenn wir Frauen nicht für unsere Rechte kämpfen, dann macht es niemand. Es ist nicht zu finster zu sagen: Beim Gender Pay Gap hat sich in den letzten Jahren nichts bewegt." In die Zukunft blickend macht Christine Gräbe vom Fair Pay Innovation Lab Mut: "Wir haben in den letzten Jahren die Ursachen der Lohnlücke erforscht und begriffen. In unseren Beratungen haben wir gesehen, dass die Unternehmen, die wirklich etwas ändern wollen, dies auch schaffen. Ich glaube deshalb, dass die Lücke sich in den nächsten Jahren verkleinern wird."

Mutter und berufstätig – können wir es überhaupt "richtig" machen?

Teilzeitstellen sind in den meisten Unternehmen immer noch der größte Lohn- und Karrierekiller, das bestätigt Elke Holst. Kommen Frauen aber früh nach der Geburt zurück in eine Vollzeitstelle, werden sie als "Rabenmutter" schief angeguckt – von dieser Erfahrung berichten auch Frauen aus dem Publikum. Wie schaffen wir es aus solchen geschlechterstereotypen Konflikten heraus? Das Panel machte sich auf zur Problem-Diagnose: Christine Gräbe schlussfolgert, dass wir nicht nur mehr Frauen in Vollzeit-Positionen brauchen, sondern auch Männer in Teilzeit-Stellen. Es gilt einen Kreislauf aufzubrechen: wer weniger verdient, bleibt automatisch Zuhause. Und wer Zuhause bleibt, verdient automatisch weniger. 

Elke Holst berichtet von den Studienergebnissen ihres Forschungsinstituts: "Wer total viel und lange arbeitet, symbolisiert anscheinend immer noch, dass man eine Führungsposition möchte. Dieses Klischee ist natürlich total schädlich für Familienplanung." Zum einen, weil Familienplanung oft nicht mit Vollzeit-Stellen zu vereinbaren ist. Aber auch, weil Führungspositionen nicht nur in Vollzeit ausgefüllt werden können. Brigitte Huber lenkt hier auf die Konsequenzen der Gender Pay Gap: "Summieren Sie mal auf, welch ein finanzieller Verzicht sich aus einer lebenslangen Gender Pay Gap ergibt. Dieser Life Time Earning Gap ist oft Ursache, dass Frauen trotz langer Berufstätigkeit in Arbeitsarmut landen."

Wie können Lösungsansätze aussehen?

"Wir haben viel beobachtet, aber auch die Ideen unserer Mitarbeiter sorgfältig geprüft, denn sie wissen schließlich, was sie brauchen," sagt Cawa Younosi. Schon vor Gesetzesmaßnahmen wie dem Entgelttransparenzgesetz wurden bei SAP neue Wege eingeleitet und inzwischen ist die Liste der umgesetzten Maßnahmen lang. Besonders beeindruckt: "Bei uns ist Teilzeitarbeit der Normalzustand und Vollzeit die Ausnahme – auch in Führungspositionen", berichte Younosi. Alle Führungspositionen sind 75%-Stellen und alle Jobs wurden so weiterentwickelt, dass sie im Job-Sharing ausgefüllt werden können.

Wie sehr auch kleine Ideen helfen können, erzählt die Erfolgsgeschichte der Dinner to go-Bags bei SAP. Ein junger Vater schlug diese Idee vor: Mitarbeiter können in den Kantinen des Unternehmens Lunch- oder Dinnerpakete für sich und ihre Familie packen lassen – und sparen sich so stressige und zeitintensive Shoppingtouren durch Supermärkte. Doch nicht nur Mütter und Väter nehmen diesen Service dankbar in Anspruch: "Fast die Hälfte aller Bestellungen kommen von Single-Männern, die einfach froh sind, abends nicht mehr kochen zu müssen", sagt Cawa Younosi.

Politische Theorie und unternehmerische Praxis 

Das Lohntransparenzgesetz sei bei allen Mängeln erstmal begrüßenswert, bewertet Elke Holst. "Es ist gut, dass endlich etwas auf dem Papier steht. Das lässt sich nicht mehr so leicht vom Tisch nehmen", stellt sie fest. Darauf aufbauend fordert Christine Gräbe, dass Unternehmen sich selbst untereinander mehr austauschen müssen. Über umgesetzte, erfolgreiche Maßnahmen, Innovationen aber auch über Fehler, von denen andere Firmen lernen können. "Die Unternehmensleitung muss intern von sich aus Ziele wie Gleichstellung vorgeben", ergänzt Holst und fordert dabei "mehr weibliche Vorbilder in Führungspositionen".

Aus Unternehmersicht berichtet Younosi: "Wir kommunizieren klar, dass wir Lohnungleichheit nicht akzeptieren. Aber wir sind nicht missionarisch unterwegs, sondern schaffen Angebote. Zum Beispiel mit einer Plattform zum Finden von Job-Tandems. Ob diese Angebote dann genutzt werden, hängt von den Mitarbeitern ab. Wir als Unternehmen probieren erstmal aus. Wenn dabei etwas kaputt geht, reparieren wir. Aber bei allen eingeführten Innovationen hat sich in allen Prognosen noch nie die pessimistische Rechnung bewahrheitet."

Konkrete Tipps, Sekt und Häppchen

"Noch nie gab es so viel mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf den Equal Pay Day", hier stimmen alle Panelisten Brigitte Huber zu. Die Chefredakteurin will diesen positiven Trend nutzen und von den Experten konkrete Tipps hören. Den anwesenden Frauen empfiehlt Younosi: "Unterschätzen Sie nicht die Macht der sozialen Medien und nutzen sie die dortigen Funktionen, um sich auch anonym über Gehaltsstrukturen in einem Unternehmen vor einem Bewerbungsgespräch zu informieren. Bei Gehaltsverhandlungen im Rahmen eines bestehenden Angestelltenverhältnisses können Sie auch im Team auftreten: Wenn Gehaltstransparenz im Raum ist, entsteht eine Gruppendynamik und eine Führungskraft muss reagieren." Christine Gräbe und Brigitte Huber sind sich einig, dass Frauen mehr über Geld sprechen müssen. "Sprechen Sie mit Kolleginnen, aber auch mit Ihren Männern über Gehalt. Und hinterfragen Sie die Klischees in Ihrem eigenen Kopf. Weshalb genau bleiben Sie oder Ihre Freundinnen eigentlich in Teilzeit Zuhause?" Abschließend fasst Elke Holst zusammen: "Wir dürfen bei allen Diskussionen unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren und müssen so lange Lohngleichheit fordern, bis der Gender Pay Gap geschlossen ist."

Nach knappe zwei Stunden wurde nach diesen Schlussworten in kleinen Runden bei Prosecco und Fingerfood weiterdiskutiert. "Ich wurde heute noch einmal daran erinnert, dass wir Frauen zusammenhalten müssen, nur so werden wir nicht überhört", sagt eine Teilnehmerin. 

 

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