1917: 119 meisterliche Minuten aus der Hölle

Mit dem Kriegsdrama "1917" von Sam Mendes läuft am 16. Januar einer der größten Oscar-Favoriten und ein Pflichttermin für Cineasten an.

"Hoffnung ist ein gefährlich' Ding", lässt Regisseur Sam Mendes (54) Superstar Benedict Cumberbatch (43) bedeutungsschwanger in die Kamera raunen. Mendes selbst darf sich mit seinem imposanten Kriegsfilm "1917" (ab 16. Januar) aber sehr wohl Hoffnungen machen - nach dem Golden-Globe-Gewinn als "Bester Film" sind die Chancen in derselben Kategorie bei den diesjährigen Oscars sicher nicht gesunken. In neun weiteren Kategorien winken ebenfalls Preise. Eines wäre die Auszeichnung in jeder von ihnen: verdient.

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Die Mission in den sicheren Tod - darum geht es

Dreck, Blut und kriegsmüde Gesichter wohin der Blick auch fällt. Rund drei Jahre sind seit jenem 28. Juni 1914 vergangen, als der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand nebst seiner Gattin in Sarajevo ermordet und so der Erste Weltkrieg losgetreten wurde. Drei Jahre erbitterter Stellungs- und Gaskrieg, der selbst dem törichtesten Jungspund, der sich einst mit Begeisterung freiwillig für die Front meldete, den unbändigen Wunsch nach Frieden eingeprügelt hat. Und dieser Wunsch scheint 1917 zum Greifen nahe, haben sich die deutschen Soldaten doch weit zurückgezogen und stehen kurz vor der Kapitulation. Ein Irrglaube, wie sich herausstellen soll.

Der Rückzug an der Westfront ist lediglich eine lange im Vorfeld geplante Falle, die rund 1.600 Männer des 2. Bataillons des britischen Devonshire Regiments in den sicheren Tod locken soll, wie Luftaufnahmen offenbaren. Das Problem: Diese lebensrettende Information liegt den Befehlshabern an der Front nicht vor. Die beiden jungen Soldaten Schofield (George MacKay, 27) und Blake (Dean-Charles Chapman, 22), dessen großer Bruder selbst Opfer des Hinterhalts werden könnte, sollen entgegen jeder Chance das Feindesland durchqueren und die Kameraden rechtzeitig warnen. Eine Mission in den sicheren Tod, wie beiden umgehend bewusst wird.

Idylle in der Hölle

Erschöpft in einer Wiese liegend beziehungsweise an einen Baum gelehnt, so lernt der Zuschauer die beiden Hauptprotagonisten Blake und Schofield kennen. Idyllisch wirkt dieser Moment kurzer Ruhe, der jäh von einem ranghöheren Soldaten, von dem nur die Beine zu sehen sind, zerstört wird. "Blake", sagt dieser und tritt den Angesprochenen unsanft. "Nimm dir einen Mann, pack dein Zeug." Dass er besagten Mann zu einem gemeinsamen Himmelfahrtskommando verdonnert, weiß Blake selbstredend nicht, als er seinen Freund Schofield wählt.

Was folgt sind 119 Minuten im Leben zweier Soldaten, gefangen in der unwirklichen Welt zwischen Schützengraben, "Niemandsland" und den wenigen Flecken Erde, die der Zerstörung bislang getrotzt haben. Quasi in Echtzeit begleitet Mendes die beiden auf ihrer Heldenreise, die Kamera setzt dabei augenscheinlich, vergleichbar mit Alejandro González Iñárritus "Birdman", nie ab. Ein Geniestreich, wie sich herausstellt. Ohne Schnitt, ohne sichtbares Editing, ist die Immersion für den Zuschauer enorm. Er landet neben Blake und Schofield im Dreck, ist der dritte Mann auf ihrem beschwerlichen Weg. Zum Zusehen verdammt, während seine Kameraden in ihr Verderben rennen. Eine oscarverdächtige Perspektive, der die Auszeichnung für die "Beste Kamera" sicher scheint.

Anonymes Heldentum

Diese Immersion bliebe lückenlos, würden den beiden nicht immer wieder hochkarätige Hollywood-Stars über den Weg laufen. Ihren Auftrag erhalten sie von General Erinmore alias Colin Firth (59), neben dem eingangs erwähnten Benedict Cumberbatch warten unter anderem noch Andrew Scott (43), Mark Strong (56) oder Richard Madden (33) im Schützengraben und Umgebung.

Jeder von ihnen macht seine Sache ausgesprochen gut, keine Frage. Dennoch reißt ihre Starpower ein, was durch die herausragende Kameraarbeit erzeugt wird. "Stimmt, ist ja doch nur ein Film", wird dem Publikum unnötig in Erinnerung gerufen, wenn plötzlich Doctor Strange oder Robb Stark in Uniform auftauchen. Für Werbezwecke sind Namen wie Cumberbatch, Madden und Firth natürlich grandios, wer sich von ihnen aber ins Kino locken lässt, tappt in eine größere Falle als das Devonshire Regiment. Nur für Sekunden sind die ganz großen Namen in "1917" auf der Leinwand zu sehen. Nicht mehr als winzige Übergangsstationen sind sie, die im Meer anonymer Kriegsversehrter viel zu sehr herausstechen.

Nicht genug kann daher der Mut hervorgehoben werden, für die beiden Hauptrollen zwei weitestgehende Kinofilm-Neulinge zu casten. Dean-Charles Chapman ist den meisten wohl nur als junger König Tommen Baratheon aus "Game of Thrones" bekannt und hat sich seither optisch doch arg verändert. Mit George MacKay, der bislang in einigen Filmen kleinere Rollen innehatte, könnte derweil ein zukünftiger A-Lister gefunden worden sein. Seine Darbietung ist derartig überzeugend, man könnte meinen, er musste nach den Dreharbeiten in Therapie wegen posttraumatischer Belastungsstörung. Nicht für einen Oscar nominiert zu sein, darf durchaus als "Snub" bezeichnet werden.

Realität, Fiktion und Gewaltgrad

Historisch nimmt sich "1917" einige Freiheiten. Die im Film gezeigte Falle der Deutschen hat es so nicht gegeben, lose basiert die Handlung auf dem "Unternehmen Alberich", bei dem sich die deutschen Truppen im Frühjahr 1917 zu der leichter zu verteidigenden Siegfriedstellung zurückgezogen haben. Und auch die beiden Hauptfiguren hat es nie gegeben. Deren vereinte Lebensgeschichte ist ein dramatisiertes Destillat aus Geschichten, die Regisseur Sam Mendes von seinem eigenen Großvater erzählt bekommen hat, der im Ersten Weltkrieg als Melder diente.

Auch verzichtet der Film darauf, den Einsatz von Giftgas zu thematisieren, der erstmals 1915 erfolgte und dem Ersten Weltkrieg besonders alptraumhaften Charakter verlieh. Im ersten Moment verwunderlich, aus filmischer Sicht aber verständlich - mit Protagonisten, deren Gesichter die Hälfte des Films über von Gasmasken verhüllt sind, fällt die emotionale Bindung schwer.

Generell macht es Mendes aber geschickt, die Schrecken des Krieges darzustellen, ohne zu explizit zu werden. Den Blick auf klaffende Wunden oder abgetrennte Gliedmaßen, wie es bei der schonungslosen Eröffnungsszene (Landung in der Normandie) von "Der Soldat James Ryan" der Fall ist, erspart "1917" größtenteils. Zumeist bekommt der Zuschauer über die Reaktionen der Hauptfiguren ein Bild davon, welchem Horror sie sich ausgesetzt sehen. Dass die Altersfreigabe hierzulande aber "ab 12 Jahren" ausgefallen ist, verwundert dennoch stark. Dafür gibt es dann doch zu viel grafische Gewalt und Blut, vom psychologischen Terror ganz zu schweigen.

Fazit:

"1917" bricht das Grauen eines unfassbaren globalen Konflikts auf die kleinstmögliche Ebene herunter. Anhand der Leidensgeschichte zweier in Hollywood noch erfrischend unverbrauchter Gesichter, die in Zukunft sicherlich weit häufiger auf der Leinwand zu sehen sein werden, gelingt Mendes Meisterliches. Er legt nahe, dass Einzelschicksale wie die der fiktiven Soldaten Blake und Schofield, deren Kriegstrauma der Zuschauer nur lächerliche 119 Minuten beiwohnt, sich millionenfach und über Jahre hinweg wirklich zugetragen haben - und dies in aktuellen Kriegen nach wie vor tun. Wenn dieser Gedanke nicht zum Pazifisten macht, dann macht es gar nichts mehr.

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