"Stadt? Land? Land? Stadt?"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel überlegt Daniela Singhal, wo sie am besten wohnen sollte. In der Stadt - oder auf dem Land? "Manche Dinge im Leben sind klar. Manche nicht. Zum Beispiel meine Suche nach dem passenden Wohnort."

Daniela Singhal, 31, ist freie Journalistin und Fotografin. Sie lebt und arbeitet in Bad Belzig. Und Berlin. Nach ihrer Ausbildung an der Kölner Journalistenschule und ihrem Politikstudium, arbeitete sie für das Hilfswerk Misereor und die Tibet Initiative Deutschland.

"Ach, ich mag Berlin einfach", sagt meine Freundin Katrin, die sich selbst oft und gern als Stadtmensch bezeichnet. "All die tollen Cafes und Bars. Man lernt so viele interessante Menschen kennen. Und Männer natürlich." An einem sonnigen Sommertag treffe ich mich mit Katrin im Monbijoupark in Mitte, wir trinken Club Mate und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen – eigentlich könnte alles gut sein. Doch während sie von ihrer urbanen Verliebtheit berichtet, kriege ich die Krise: Fast kein grüner Rasen ist mehr zu sehen; alles belegt, alles voller Menschen. Gibt es eigentlich irgendeinen Ort in dieser Stadt, der nicht überfüllt ist? Selbst mein geliebtes Tempelhofer Feld, das ich einst so für das Freiheitsgefühl schätzte, das es in mir heraufbeschwor, gleicht bei gutem Wetter heute eher einem Jahrmarkt. Und bei schlechtem mittlerweile leider auch. "Warum regst Du Dich denn so auf?" sagt Katrin und schaut mich ein bisschen missmutig an. "Dann zieh doch einfach weg! Wenn Dir die Stadt zu voll ist, dann geh auf’s Land." Dann geh auf’s Land... Die hat gut Reden! Kam ich da nicht gerade erst her? Gehörte ich nicht zu all den Menschen, die aus der westdeutschen Provinz nach Berlin flüchteten, um was zu erleben? So richtig wilde Dinge. Das wilde Berlin war mir aber dann irgendwie doch viel zu wild. Erst wohnte ich in Neukölln. Wie kann es sein, dass Tag und Nacht auf der Straße geredet wird, zu jeder Zeit Autos über das Kopfsteinpflaster brettern und sich jeden zweiten Tag einer vor die U-Bahn an der Boddinstraße wirft? Mir war das U-Bahn-Fahren zu stressig und die Zehn-Kilometer Radstrecke zu meinem Arbeitsplatz in Berlin Mitte auch. Aufs nächtelange Feiern stand ich noch nie und Flohmärkte sind auch nicht so meins. Leider brachte ein Umzug an die Schönhauser Allee auch nicht die ersehnte Entspannung. Menschen, Menschen, überall Menschen. Ich übte täglich, in schicken Yogastudios meinen Körper und meinen Geist zu entspannen, aber die Großstadt forderte meinen Gleichmut immer wieder aufs Neue heraus. Wie konnten all die Millionen Menschen in dieser Stadt leben? Vielleicht war ich ja einfach ein Weichei, im Grunde nur neidisch, dass sie es schaffen und ich nicht. Oder es war wirklich Zeit für einen Umzug auf’s Land. Nur auf welches?

Hahn statt Großstadt

Regionalbahn von Berlin nach Dessau. Im Vierer neben mir sitzt eine Wandergruppe: Zwei Männer und zwei Frauen, schätzungsweise um die 60, bereit für einen Ausflug in die Natur. Sie tragen beige Outdoor-Hosen und Multifunktionshemden und fachsimpeln über ihre Wanderroute. Sie wollen durch den Fläming laufen. Ein Naturschutzgebiet in Brandenburg, 80 Kilometer von Berlin entfernt. Ich fahre jetzt nicht zum Wandern dorthin, ich will jetzt mal dort leben. Einfach mal testen, wie das so ist, wieder in einer Kleinstadt zu wohnen, so fern ab des Stadttrubels. Einfach mal JWD, einfach mal in Bad Belzig wohnen. "Du bist verrückt", hat Katrin gesagt, als ich ihr von meinem Plan berichtete. "Da kennst Du doch niemanden." Sie hat Recht, viele Leute kenne ich nicht. Genau genommen nur zwei: Die Leiter eines Tantra-Seminars, das ich mal besucht habe. Während andere mit Anfang 40 mit ihren Familien aufs Land ziehen oder später, um sich zur Ruhe zu setzen, mache ich das in der Blüte meines Lebens ganz allein. Das macht sich gut in der Liste meiner Rentnerhobbys: Stricken und Pilgern. Meine erste Bleibe: Das Waldhaus. Der Name ist Programm: Das hübsche Holzhaus ist umgeben von Pinien und Birken, man hört nichts außer dem Rauschen der Bäume und dem Gesang der Vögel. Und das Brüllen meiner Mitbewohner, wenn sie im Wald maorische Kriegstänze praktizieren. "Das ist gut, um die eigenen Aggressionen zu spüren und rauszulassen", sagt Sebastian. Er hat eine tolle Tarot-Kollektion, die er netterweise auch gerne verleiht: Das Tarot der Meerjungfrauen, das Feen-Tarot, das Einhorn- und das Delfin-Tarot. Im Waldhaus wohnen wir zu acht. Na ja, durchschnittlich zu zehnt, denn es ist immer viel Besuch da. Zum Beispiel Bernd. Der wohnt in einer Kommune in Portugal. Den Sommer über verkauft er in deutschen Stadien Brezeln. Das Waldhaus ist seine Sommer-Base. Nebst den Menschen gibt es noch zwei Katzen und den Hahn – König Ludwig – und seine Entourage. Die laufen alle frei rum und legen ab und an auch mal Eier. Ein Hund fehlt mir noch zu meinem Glück. Aber man muss ja nicht alles auf einmal haben. Hier lebt auch noch der dreijährige Tim. Sein Papa hat eine mongolische Jurte auf den Platz gebaut. Auf dem Grundstück gibt es viele Apfelbäume und somit auch viel Arbeit und viel frischen Apfelsaft. Zum Waldhaus gehören eine Sauna und eine kleine Hütte, die von allen "Dichter- und Denkerschuppen" genannt wird. Hierhin kann man sich zurückziehen, wenn es im Haus zu wuselig ist. Oder man mehr draußen als drinnen übernachten möchte.

Am Waldhaus

Da im Waldhaus war es dann wirklich weniger laut und weniger stressig als in Berlin. Ich bin viel durch den Wald gelaufen, habe Kräuter gesammelt und Brennnesselsuppen gekocht. Aber dann ging eines Tages unser Dach in Flammen auf und wir mussten ausziehen. Es gab keine passende Alternative in der Kleinstadt, also zog ich zurück in die große Stadt. Irgendwie schweren Herzens, aber irgendwie dachte ich auch: Vielleicht klappt es ja jetzt. Vielleicht werde ich jetzt zur feschen Großstädterin. Und für einen Moment war es auch so: Ich genoss den Latte Macchiato to go und auch die Hipster und das multikulturelle Gewusel. Ich hing in den urbanen Gärten ab, lernte nette Menschen beim U-Bahn fahren kennen, lauschte Jazzkonzerten in Neuköllner Kneipen, besuchte trendige Galerien und dachte mir: Passt ja doch ganz gut zu mir, das Stadtleben. Aber nach ein paar Monaten kam die Sonne und der Frühling und mit ihm meine Sehnsucht nach Natur, nach Wald und Weite. Also packte ich meine Sachen erneut.

Jetzt drehe ich eine weitere Versuchsrunde in Belzig, diesmal auf einem anderen Hof. Auch hier gibt es viele Obstbäume, viel freie Fläche und der Wald beginnt direkt hinterm Haus. Ich mag es, aus der Tür zu gehen, ohne in Menschen zu laufen. Ich mag es, wenn der Weg vor mir frei ist, wenn ich weit gucken kann und mich die Geräusche der Natur umgeben, mir beim Spazierengehen ein Reh begegnet und ich mich ins Moos legen und durch die Baumwipfel in den Himmel schauen kann. Ich mag es, wenn ich weiß, dass da im Dickicht Wildschweine und Hirsche und Wildhasen herumlaufen und am Wegesrand alle möglichen Heilkräuter wachsen, die mein Wissen über die heimischen Kräuter herausfordern. Es gibt hier viel Wald und wenige Jobs, viel Sand und wenig Wasser. Es gibt etliche Leute, die ein neues Leben auf dem Land in Gemeinschaft wagen und andere, die wieder gehen. Es gibt brandenburgische Spießer, darunter mischen sich die Alternativen. Es gibt weniger Ablenkung und die ländliche Ruhe kann beides sein: Segen und Fluch. Ab und an wird mir auch mal ganz schön langweilig. Die endgültige Klarheit gibt es noch nicht. Diese Unentschlossenheit erscheint mir manchmal bizarr. Erst als Katrin mir sagt: "Also ich überlege ja auch immer wieder mal, aufs Land zu ziehen", wird mir klar, dass ich vielleicht nicht die Einzige bin, die sich für keins von beiden so richtig entscheiden mag.

Zum Anhören: "Ich halte Schritt" - Gedanken über das Laufen und Anhelten von Daniela bei Soundcloud

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