Bald sehen wir alt aus

Die Bundesanstalt für Arbeit startete jetzt den Werbefeldzug "Ohne Nachwuchs sehen wir alt aus". Zwei Monate lang will sie mit Plakaten und TV-Spots Betriebe dazu bewegen, Ausbildungsplätze zu schaffen. Die Kampagne hat prominente Unterstützer gefunden - mit dabei sind "Die Ärzte" und Olympiasiegerin Heike Drechsler.

Tatsächlich steht es schlecht um die Ausbildung in Deutschland. Am 29. April haben sich Politik, Gewerkschaften und Wirtschaft in Berlin zu einem Ausbildungsgipfel zusammengesetzt, um schnellstmöglich Lösungen zu finden. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit suchten im März nämlich 541.759 Jugendliche einen Ausbildungsplatz, aber nur 393.061 Ausbildungsstellen wurden angeboten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Ausbildungsplätze um 13 Prozent zurückgegangen. Zurzeit, so Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, fehlten rund 140.000 Stellen.

Die Wirtschaft wird bereits in wenigen Jahren an einem akuten Fachkräftemangel leiden, und immer mehr Jugendliche werden jeglicher Perspektive beraubt. Deshalb wird fieberhaft überlegt, wie Unternehmen dazu bewegt werden könnten, mehr Leute auszubilden. Grüne und Gewerkschaften setzen dabei auf Zwangsmaßnahmen: Es müsse eine Ausbildungsabgabe her für Unternehmen, die keinen Nachwuchs ausbildeten. In der Regierung wurde auch die Forderung nach einem Fond laut, in den alle Betriebe einzahlen müssten, um Ausbildung zu finanzieren. Von Seiten der Gewerkschaften wurde sogar eine Ausbildungsplatzgarantie für alle Jugendlichen gefordert.

Doch wie schon bei den großen Sozialreformen finden Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften keinen gemeinsamen Nenner: Anstatt eine Zwangsabgabe für Unternehmen einzuführen, fordern Arbeitgeberverbände, die Löhne für Auszubildende auf mehrere Jahre einzufrieren. Wilfried Malcher, Experte des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), wünscht sich noch weitergehende Entlastungen bei den Ausbildungskosten, "da diese die Ausbildungsbereitschaft förderten".

Deshalb droht die Bundesregierung auch nicht nur mit der Peitsche, sondern hat auch ein Zuckerbrot für Unternehmer parat: Jedem Betrieb, der einen zusätzlichen Ausbildungsplatz schafft, will sie ein günstiges Darlehen bis zu 100.000 Euro anbieten.

Schuld an der Ausbildungsmisere ist die wirtschaftliche Situation - nie gab es so viele Insolvenzen in Deutschland und der Aufschwung lässt weiter auf sich warten. Günter Schmitt-Bosslet, Präsident des Bundesverbands der mittelständischen Dienstleistungswirtschaft (AWM): "Wenn einem Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht, dann überlegt man drei Mal, ob man noch ausbilden kann." Diesem Denken will die Kampagne der Bundesanstalt für Arbeit entgegenwirken - denn ohne Ausbildungsplätze sehen wir bald alt aus.

Text: Susanne Arndt, Foto: www.jazubi.de

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