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Kanzlerkandidatin im Livetalk Annalena Baerbock stellt sich unseren Fragen

Brigitte Huber, Annalena Baerbock und Meike Dinklage vor einer BRIGITTE-Live-Wand
Brigitte Huber, Annalena Baerbock und Meike Dinklage kurz vor dem Live-Event.
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Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellte sich in der Berliner "Astor Film Lounge" unseren Fragen. Es wurde ein spannendes Gespräch über Fake News im Wahlkampf, Frauen in Spitzenämtern und Mitgefühl in der Politik. 

Noch vor ein paar Jahren hatten Annalena Baerbock nur wenige auf dem Zettel. Seither hat sie eine rasante Karriere hingelegt: Sie ist gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende der Grünen – und spätestens seit ihrer Kanzlerkandidatur im April ruhen alle Augen auf ihr.

BRIGITTE: Frau Baerbock, Sie stehen mitten im Wahlkampf. Keine leichte Zeit – haben Sie geahnt, wie hart es werden würde?

Annalena Baerbock: Es war natürlich klar, dass das nicht einfach wird, und man geht manchmal besser und manchmal schlechter gelaunt ins Bett. Aber für mich war der Antrieb klar: Ich kämpfe für eine Sache, die wichtig ist. 

Hat Ihr Mann Ihnen zugeraten?

Wir haben das natürlich besprochen. Hätte er ein Veto eingelegt, hätte ich es sicher nicht gemacht. Er ist es ja derzeit, der sich von frühmorgens bis abends vor allem um die Kinder kümmert. Aber natürlich wissen die Kinder, wo ich zu Hause bin, wo mein Herz ist.

Sie wurden gefeiert, haben inzwischen auch viel Gegenwind erlebt – aus Ihrer Sicht auch, weil Sie eine Frau sind? 

Ich spüre das und kriege es auch mitgeteilt, dass ich für manche eine Zumutung bin, als 40-jährige Frau, die sagt: Ich trete hier an. Auch weil bei einer Frau, die mitten im Leben steht, mit kleinen Kindern, noch nicht alle Ecken und Kanten abgeschliffen worden sind.

Hat das vor allem mit der Bedeutung des Amtes zu tun, das Sie anstreben?

Nein, das betrifft Frauen generell. Frauen sollten alles tun können in diesem Land. Im Krankenhaus in der Nachtschicht zu arbeiten muss genauso möglich sein wie in einem Spitzenamt. Da gibt es immer noch politische und gesellschaftliche Grabenkämpfe. Nicht ohne Grund gibt es keine Paritätsquote für Aufsichtsräte oder das Parlament.

Sie fordern eine feste Frauenquote für Vorstände börsennotierter Unternehmen von mindestens 33 Prozent, in Aufsichtsräten von 40 Prozent. Genügt das?

Es ist ein Anschub, ein erster Schritt. Frauen ziehen Frauen nach, sobald sie eine bestimmte Ebene erreicht haben, deshalb macht es einen so großen Unterschied, dass sie in bestimmten Positionen nicht allein sind. Wie vieles in der Frauenpolitik erreicht man das nur, indem man Gesetze verändert. Wir brauchen da klare gesetzliche Regelungen.

Reichen Ihnen denn 33 Prozent? Als Partei, die klar auf Parität setzt, auch bei der Besetzung der eigenen Listen?

Es ist ein Anfang. Es ist wie beim Klimaschutz: Wenn wir nur hohe Ziele haben, aber nicht definieren, wie wir dahin kommen wollen, verändert sich gar nichts.

Ihrer Erfahrung nach: Kommen Sie besser mit Frauen zurecht als mit Männern?

Ich kenne Frauen besser, weil ich selbst eine bin, klar. Und es gibt besondere Erfahrungen, die nur Frauen machen. Zum Beispiel, wenn man keinen Kita-Platz findet, was dann zur Frauenfalle wird, weil sie zu Hause bleiben. Oder während der Corona-Zeit: Es lässt mich nicht kalt, wenn ich sehe, auch in meinem eigenen Umkreis, dass es vor allem die Frauen sind, die wegen des Homeschoolings zu Hause bleiben. Mit 18 dachte ich, die Gleichberechtigung ist so weit fortgeschritten, ich kann jetzt alles machen. Aber es gibt Formen struktureller Benachteiligung. Das ist ein Ansporn für mich in der Politik: zu sagen, wir müssen um echte Gleichberechtigung kämpfen.

Wo spüren Sie selbst eine Benachteiligung als Frau?

Es gibt auf mich als grüne Kanzlerkandidatin heftige Angriffe, und da kommt bei mir – aber das gilt auch für viele andere Frauen – immer noch diese zusätzliche Ebene dazu. Dann ist plötzlich die Stimme zu schrill oder das Kleid zu lang oder zu kurz oder die Absätze zu hoch. Mir ist es wichtig, mir treu zu bleiben, selbstkritisch zu sein, mich zu hinterfragen. Aber mich auch nicht beirren zu lassen und im Zweifel auch mein Recht einzufordern.

Beim Thema Selbstkritik: Aus welchem Fehler haben Sie am meisten gelernt?

Ich habe in den letzten Wochen einiges gelernt, auch selbstkritisch gedacht, das musst du besser machen. Aber wenn Sie mich ganz konkret nach einer Situation fragen – das war, würde ich sagen, Anfang der 90er, bei den Deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen. Eine Woche vorher war ich krank, ich hatte Fieber, wollte aber unbedingt zum Training und habe mir dabei einen Trümmerbruch zugezogen. Das war’s dann mit der Meisterschaft, leider.

Können Sie sich Fehler gut verzeihen?

Ich finde Fehler wichtig, auch gesellschaftlich. Eine Gesellschaft, in der Fehler nicht erlaubt sind, ist eine, die nichts ausprobieren kann. Wir hätten, ohne etwas auszuprobieren, nie einen Corona-Impfstoff gefunden. Deshalb ist es entscheidend, ein Land mit einer Fehlerkultur zu sein. Und man muss auch zu eigenen Fehlern stehen. Nach dem Motto: abhaken und hart weitertrainieren.

Ihr Buch "Jetzt", das Ende Juni erschienen ist, hat Ihnen den Vorwurf eingebracht, Zitate nicht gekennzeichnet zu haben. Wie sehen Sie das selbst, sind Sie zu lässig vorgegangen?

Ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich deutlich machen wollte, wer ich bin, was mich antreibt, und was ich verändern möchte. Ich habe viele Gespräche geführt, und auch Ideen von anderen sind mit eingeflossen. Es ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein persönliches Buch und eine Zusammenstellung meiner bisherigen Jahre als Politikerin.

Wie empfinden Sie den öffentlichen Umgang mit Ihnen seit Beginn des Wahlkampfs?

Ich habe erlebt, dass bewusst Unwahrheiten in die Welt gesetzt wurden. Zum Beispiel wird angezweifelt, ob ich wirklich an der London School of Economics einen Abschluss gemacht habe. Robert Habeck und ich haben immer gesagt, unser Anspruch an Politik ist nicht, zu sagen, was nicht gut läuft, sondern wir machen ein Angebot, wie wir das Land verändern wollen. So habe ich meine Kanzlerkandidatur gestartet, ich habe gesagt: Ich trete an als die, die ich bin, eine Person, die vorher noch nicht Ministerin war. Ich stehe für Erneuerung, andere für ein Weiter-So. Deshalb habe ich am Anfang nicht auf Angriffe reagiert. Aber wir haben gesehen, was Fake News in den USA angerichtet haben, wo Wahlkampf nicht mehr zu den großen Fragen unserer Zeit stattfindet, sondern indem sich Wahrheit und Unwahrheit vermischen. Deshalb ist es wichtig, eine Grenze zu ziehen. Wenn man feststellt, dass Kampagnen gefahren werden, muss man eine klare Kante zeigen. Wenn man sich immer nur von anderen treiben lässt, ist man ein Fähnchen im Wind. Aber das ändert nichts an meiner Motivation, für eine Sache zu kämpfen, die mir sehr wichtig ist.

Sie meinen den Klimawandel.

Ja, uns rennt doch die Zeit davon. Wenn ich auf meine Kinder schaue, wie schnell sie erwachsen werden, und mir vorstelle, in welcher Welt sie leben werden, wenn wir jetzt nicht umsteuern, dann spornt mich das an, weiterzumachen. Das Bundesverfassungsgericht hat nicht aus Zufall gesagt, dass wir zukünftige Generationen nicht umfassenden Freiheitseinbußen aussetzen dürfen. Wir packen das jetzt an, oder wir machen weiter so – diese Wahl ist also eine Richtungsentscheidung. Denn wenn ich das Wahlprogramm der CDU anschaue, klingt das nach einem Weiter-So. Wir wollen grundlegende Veränderungen, um Freiheit und Wohlstand zu sichern.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Ihnen in einem nordirakischen Geflohenencamp eine jesidische Mutter Fotos ihrer Töchter zeigt, die damals, 2019, in IS-Gefangenschaft waren. Ihnen kamen die Tränen, und eine mitreisende Journalistin fragte Sie, ob man Außenpolitik machen kann, wenn man in so einem Moment weinen muss. Was denken Sie darüber?

Was wäre denn die Alternative, wenn Ihnen eine Mutter das Schlimmste schildert, was ihr passieren kann? Die Frau zeigte mir auf ihrem Handy diese Fotos. Entweder höre ich ihr zu und öffne mich ihr, oder ich denke: Oh Gott, was steht am nächsten Tag über mich in der Zeitung. Natürlich gibt es bei so etwas Strategien, man kann an etwas anderes denken – aber das bin ich nicht, das ist nicht meine Art von Politik. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Härte bei manchen politischen Entscheidungen und Empathie. Man muss sich als Politikerin auch öffnen können und sich verletzbar zeigen.

Sie gelten als jemand, die gern den Überblick hat, die sich auch noch in die letzten Feinheiten einarbeitet. Empfinden Sie sich selbst als Perfektionistin?

Teils, teils. Beim Essen zum Beispiel eher weniger – wenn da eine kalte Tafel Schokolade im Kühlschrank liegt, sind alle guten Vorsätze weg. (lacht)

Und wie perfektionistisch sind Sie in der Erziehung?

Bei uns gibt es ein paar klare Regeln. Meine Mutter ist ja Sozialarbeiterin und hat viele Jahre in der Kita gearbeitet und Fortbildungen gegeben. Bei mir als Tochter ist vor allem hängen geblieben: Kinder brauchen Regeln. Bei uns gibt es zum Beispiel die Regel, dass am Abendbrottisch Handy-Verbot herrscht. Das ist schwerer für die Erwachsenen als für die Kinder.

Weil es generell schwierig ist, den Politikbetrieb mal außen vor zu lassen?

Ja, weil man sich da in einer Blase bewegt. Aber durch meine Kinder bleibe ich mit einem Fuß im Leben; sie helfen mir, aus dem politischen Rhythmus auszubrechen und zu entspannen.

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Brigitte

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