BRIGITTE LIVE mit Manuela Schwesig: "Gleichberechtigung schaffen wir nur mit den Männern"

Im BRIGITTE-LIVE-Talk sprach Manuela Schwesig über die Frauenquote, Fremdenfeindlichkeit in Deutschland - und den Vorwurf, "weinerlich" zu sein.

"Die Frau Familienministerin soll nicht so weinerlich sein." Mit diesen Worten kritisierte CDU-Politiker Volker Kauder kürzlich den Einsatz von Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, für die Frauenquote. Klar, dass BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber und Zeitgeschehen-Redakteurin Claudia Kirsch im Gespräch in den Hamburger Kammerspielen gleich wissen wollten, wie man sich bei so einem persönlichen Angriff fühlt. Die Antwort: Das Ganze war gar nicht wichtig genug, um überhaupt groß was zu fühlen. "Das ist direkt an mir abgeperlt", sagte Schwesig. "Ich habe das erst gar nicht mitbekommen, und dann hat meine Pressereferentin mich darauf aufmerksam gemacht. Ich habe kurz genickt und weiter meinen Job gemacht. Mir war das in der Situation auch irgendwie egal."

Video: BRIGITTE Live mit Manuela Schwesig

Kritik und Angriffe bleiben einfach im dicken Fell stecken? "Ja und nein. Sich ein dickes Fell zuzulegen ist eine zweischneidige Sache - natürlich achte ich erstmal darauf, ob mir der jeweilige Mensch überhaupt wichtig ist, der mir die Meinung sagt. Aber zu sehr sollte man sich nicht in seinem dicken Fell verschanzen, dann verpasst man wichtige Impulse und andere Meinungen."

Macht sie denn gar nichts so richtig wütend? "Doch. Ungerechtigkeit." Schwesig sieht auch die Pegida-Demos gegen eine angebliche "Islamisierung des Abendlandes" mit Sorge, sieht darin aber auch nichts wirklich Neues: "Ich kenne das gut, dass Menschen die Ängste der Leute politisch ausnutzen und sie mobilisieren. Gefährlicher als offensichtliche Nazis mit Springerstiefeln sind Menschen, die sich 'engagieren' für die Deutschen, die sich bedroht fühlen. Wir müssen mehr gut integrierte Muslime sichtbar machen, um ein Gegenbild zu erzeugen - dann schwindet auch die Assoziation aus den Köpfen, dass ein Muslim automatisch Terrorist ist oder Sympathien für Islamisten hat." Warum äußert sich die Politik nicht entschiedener gegen den öffentlichen Fremdenhass? Schwesig möchte lieber vermitteln: "Menschenverachtung hat auf unseren Straßen nichts zu suchen - aber man muss sich auch die Ängste der Menschen anhören."

Schwesig ist in Brandenburg aufgewachsen - gibt es etwas, das sie im Westen vermisst? "Ja - dass es teilweise immer noch so exotisch ist, wenn man Job und Familie unter einen Hut bringen möchte. Ich weiß noch, wie eine Freundin von mir in München plötzlich im Job pausieren musste, weil sie keine Kinderbetreuung bekommen hat. Da ist mir erst aufgegangen, dass eine vermeintliche Selbstverständlichkeit anderswo ein Riesenproblem ist." Und was kann man da noch so verbessern? Wenn es nach Schwesig geht: Ein Gleichgewicht schaffen. "Männer und Frauen wollen beide Job und Karriere. Und in der Praxis sind es dann meist die Männer, die voll arbeiten, und die Frauen, die neben 19 Stunden Arbeit die Familiendinge regeln. Das ist schlecht für Einkommen und Rentenansprüche, viele Frauen möchten einen Tick mehr arbeiten. Umgekehrt wollen auch die Männer zurückschrauben und mehr als nur Gutenachtküsse an die Kinder verteilen. Dieses Verhältnis muss ausgepegelt werden."

Sagt sich natürlich einfach - aber mit der Karriere ist es ja in der Regel vorbei, wenn man seine Stunden reduziert. Ein Relikt aus der Vergangenheit, findet Schwesig: "Unser Arbeitszeitmodell, wo nur, wer rund um die Uhr zur Verfügung steht, einen Führungsjob haben kann, ist völlig überholt. Die Erwartungshaltung an Führungskräfte gibt es nur, weil bisher zum Ausgleich die Frauen völlig zurückgeschraubt und daheim alles gemanagt haben."

Ändert daran die Frauenquote etwas, die ja nicht nur auf Zustimmung stößt? "Ach, die ganze Debatte um die Frauenquote war ja nur ein Symptom davon, womit viele Frauen täglich zu kämpfen haben. Bei der Frauenquote geht es darum, Macht, Einfluss und Geld abzugeben. Das macht keiner freiwillig. Wenn man in der Geschichte zurückguckt: Jedes einzelne Frauenrecht ist gegen große Widerstände erkämpft worden." Also, gar nicht so schlimm, die ganze Diskussion? Im Gegenteil! "Gegenwind ist gut - dann sehen alle, dass Gleichberechtigung nicht selbstverständlich ist. Ich weiß ja, dass es Widerstände gibt, dann sollen die ruhig sichtbar sein", so Schwesig.

Und wie steht sie zu "Social Freezing", dem Angebot von Arbeitgebern wie Facebook, für ihre Angestellten Eizellen einzufrieren, um so einen späteren Kinderwunsch zu erfüllen (mit der Implikation, erst einmal Zeit für die Karriere zu haben)? Schwesig ist kein Fan des Programms. "Schwierig am Social-Freezing-Angebot eines Arbeitgebers ist, dass plötzlich Druck ausgeübt wird. Du musst doch jetzt kein Kind haben, arbeite doch erst einmal. Und es ist nicht so, dass eingefrorene Eizellen garantiert zu einem Kind führen."

Und überhaupt:"Warte auf den richtigen Zeitpunkt fürs Kind" ist das falsche Signal, auch ohne Social Freezing, findet Schwesig. Zu viele Frauen müssen so lange auf diesen "richtigen Zeitpunkt" nach abgeschlossener Ausbildung und beruflicher Absicherung warten, dass die Schwangerschaft biologisch schwierig wird. "Wenn eine Frau schwanger wird, müssten alle sagen : 'Prima, das ist das Beste, was uns passieren kann, das unterstützen wir!' Daran müssen wir als Gesellschaft noch arbeiten."

heh

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