Brief aus Auschwitz nach über 70 Jahren entziffert

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1944 vergrub ein KZ-Insasse einen Brief an die Nachwelt in Ausschwitz. Nun konnte sein Bericht entziffert werden  - ein zeitgeschichtliches Dokument, das erschüttert.

Der Brief war eng beschriftet und heimlich eingerollt in eine Thermoskanne: Im November 1944 vergrub der griechische Jude Marcel Nadjari einen Brief, in dem er der Nachwelt von seinem Alltag im Konzentrationslager berichten sollte. Sein persönlicher Blick auf die menschlichen Abgründe, mit denen er Tag für Tag konfrontiert war, ist heute ebenso verstörend, wie an dem Tag, als Marcel die Aufzeichnungen versteckte.

Ein Dokument wird entschlüsselt

Das Schriftstück ist ein wichtiges zeithistorisches Dokument und hat einen erstaunlichen Weg hinter sich. Zunächst bliebt die Thermoskanne auch nach dem Krieg vergraben und wurde erst 36 Jahre später entdeckt.An diesem Punkt war das Papier vollkommen verwittert und die Schrift völlig unlesbar geworden. Erst dieses Jahr konnte der Brief wieder weitgehend entziffert werden - dank aufwändiger digitaler Restaurationstechniken.

Ein Opfer muss sich mitschuldig machen

Was der KZ-Insasse beschreibt, lässt einen erschaudern: Nadjari war Teil des eines Sonderkommandos des Vernichtungslagers, und war gezwungen, die SS beim organisierten Mord zu unterstützen. Jeden Tag musste er nichts ahnende Menschen in die Gaskammer schicken, und später ihre Leichen abtransportieren. "Unterhalb eines Gartens gibt es zwei große, endlose Kellerräume“, schreibt Nadjari. "Der eine dient uns zum Auskleiden und der andere als Todeskammer, wo die Leute nackt hineingehen, und nachdem er mit etwa 3.000 Personen gefüllt ist, wird er verschlossen, und sie vergasen sie, wo sie nach sechs bis sieben Minuten Martyrium den Geist aushauchen."

"Viele Male habe ich daran gedacht, zusammen mit ihnen reinzugehen"

Wie geht man damit um, sich an so einem beispiellosen Verbrechen zu beteiligen? Nadjari hat oft und lange über diese Frage nachgedacht: "Meine Lieben, wenn ihr lest, welche Arbeit ich erledigt habe, werdet ihr sagen: Wie konnte ich, der Manolis, oder irgendjemand anders diese Arbeit machen und ihre Glaubensgenossen verbrennen? (...) Auch ich habe mir das anfangs gesagt, viele Male habe ich daran gedacht, zusammen mit ihnen reinzugehen, um Schluss zu machen. Aber davon abgehalten hat mich immer die Rache; ich wollte und will leben, um den Tod von Papa und Mama zu rächen und den meiner geliebten kleinen Schwester Nelli. Ich fürchte den Tod nicht, wie könnte ich ihn auch fürchten nach all dem, was meine Augen gesehen haben?"

Nadjari gehörte zu den wenigen, die die Hölle von Ausschwitz tatsächlich überlebten - doch wirklich "entkommen" ist er ihr bis zu seinem Tod im Jahr 1971 garantiert trotzdem nicht.

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