Mädchen sind ängstlich und Jungs tragen keine Zöpfe? Formblatt für Grundschüler polarisiert

Ein Arbeitsblatt aus der Grundschule mit "typischen" Begriffen für Jungs und Mädchen entzürnt das Netz. Mehrere Eltern beteuern: Das Blatt ist echt.

Ethik Unterricht in einer 4. Klasse in Sachsen-Anhalt. Ich finde das ist skandalös. Geschlechterstereotype nicht zu...

Gepostet von Sandra Goldschmidt am Mittwoch, 24. Januar 2018

Ein Arbeitsblatt für Grundschüler erhitzt die Gemüter: In der Aufgabe, die derzeit bei Facebook die Runde macht, sollen Kinder "typische" Begriffe für Jungen und Mädchen zuordnen. Vorgegeben sind Eigenschaften wie "ängstlich", "mutig", "Zöpfe" oder "Autos spielen".

Auch eine Benotung ist zu sehen: Dafür, dass ein Kind den Begriff "mutig" mit Rot umkreiste, erhielt es einen halben Fehlerpunkt. "Ängstlich" als "typisch Mädchen" zu kennzeichnen, wurde hingegen als korrekt gewertet. "Lego" wiederum ist Jungen vorbehalten, ebenso wie "Fußball spielen".

Angeblich stammt das Formblatt aus dem Ethik-Unterricht einer vierten Klasse in Sachsen-Anhalt. Es soll erstmals in einer geschlossenen Facebook-Gruppe aufgetaucht sein, wo es eine verärgerte Mutter postete. Sie schrieb:

Hallo, diese Arbeit ist von meinem Sohn. Zu den Hintergründen, die mir derzeit bekannt sind: Es gab eine Hausaufgabe dazu (vor ca. Wochen). Hier sollte ein junge und ein Mädchen gemalt werden und die Begriffe zugeordnet werden ... Dachte mir da schon ... Super! Richtig gute Aufgabenstellung 😕 Habe mit meinem Sohn gesprochen und nach einigem hin und her haben wir uns darauf geeinigt, dass wir die Begriffe, die auf beide zutreffen, in die Mitte kleben und die, die eindeutig zuzuordnen sind, auch eindeutig zu ordnen. Habe es ihm natürlich kindgerecht erklärt. Das wurde von der Lehrerin als "richtig" anerkannt und gestern kam er mit der Arbeit heim und ich war völlig entsetzt und sehr in Wut, und habe natürlich im ruhigen mit ihm gesprochen, dass ich es mega schade und falsch finde, wie sie das bewertet hat, und dass ich auch das Gespräch suchen werde. Termin ist jetzt am Freitag, habe ihm auch erklärt, dass er nichts falsch gemacht hat, denn Mädchen können sehr wohl mutig sein.

Nachdem in den Kommentaren einer weiteren Mutter, die das Foto geteilt hatte, Zweifel an der Echtheit des Bildes entstanden, erklärten auch andere Eltern, ihre Kinder hätten das Blatt zur Bearbeitung erhalten. "Ist kein Fake, mein Großer hatte das auch", kommentiert etwa eine Mutter aus Theißen, ebenfalls in Sachsen-Anhalt.

Gepostet von Nadine Richter am Donnerstag, 25. Januar 2018


Das Bild zeigt deutlich das gleiche Arbeitsblatt, jedoch mit anderen Stiften bearbeitet. Hier hat der Schüler den Begriff "Zöpfe" blau umkreist und dafür einen Fehlerpunkt erhalten. Jungen tragen demnach keine Zöpfe – was wohl spätestens seit den 1960er-Jahren allgemein als Blödsinn gelten dürfte.

Auf den Lehrer kommt's an

Tatsächlich finden sich in den "Niveaubestimmenden Aufgaben" vom Landesinstitut für Lehrerfortbildung, Lehrerweiterbildung und Unterrichtsforschung Sachsen-Anhalt entsprechende Leitlinien für die Grundschule. So soll in den Jahrgängen 2 und 4 besprochen werden, was eigentlich "Typisch Mädchen – typisch Junge?" ist. Demnach sollen die Kinder beispielsweise in der Klasse darüber diskutieren, ob unterschiedliche Sport-Benotungen für Jungen und Mädchen gerecht sind und ob sich bestimmte Eigenschaften wirklich einzelnen Geschlechtern zuordnen lassen.

Der Lehrplan sieht dabei auch Steckbriefe vor, die Angaben wie "möchte Model werden" oder "arbeite in einer Kfz-Werkstatt als Mechanikerin" enthalten. Die Schüler sollen entscheiden, ob es sich dabei um männliche oder weibliche Personen handelt. Und sicherlich auch zu dem Schluss kommen: Die meisten vermeintlich "typischen" Eigenschaften können sowohl auf Jungs als auch auf Mädchen zutreffen.

Dass Lehrer mit der Klasse über Stereotype und Geschlechterklischees sprechen, hat also durchaus Sinn und Berechtigung. Doch wenn Pädagogen das Formblatt, über das sich Eltern jetzt empören, ohne Kontext benutzen, es ihre Schüler einfach nur ausfüllen lassen und anschließend Noten für "richtig" und "falsch" zugeordnete Begriffe verteilen – ist das wirklich zeitgemäß? 

Und: Wenn die Aufgabe wirklich zum Nachdenken über veraltete Rollenbilder einladen soll, dann sollte der Verfasser doch mal überdenken, ob die Farbwahl Rot für Mädchen und Blau für Jungen so vorgegeben sein muss – oder ob Gelb, Grün, Orange oder Regenbogenfarben nicht vielleicht angemessener wären. 🌈

Teaserbild: Facebook/Nadine Richter

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Ethik-Unterricht in der Grundschule: Ein Formblatt mit "typischen" Begriffen
Mädchen ängstlich, Jungs mutig? Hier sollen Schüler Geschlechter-Klischees lernen 😖

Ein Arbeitsblatt aus der Grundschule mit "typischen" Begriffen für Jungs und Mädchen entzürnt das Netz. Mehrere Eltern beteuern: Das Blatt ist echt.

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