Sexuelle Übergriffe in Köln: Was ist in der Silvesternacht wirklich passiert?

Rund 1000 Männer haben in der Silvesternacht Dutzende Frauen am Kölner Hauptbahnhof sexuell belästigt und attackiert. Die Fakten im Überblick.

Was ist passiert?

Bis zu 1000 Männer haben am Silvesterabend auf dem Bahnhofsvorplatz des Kölner Hauptbahnhofs mehrere Frauen bestohlen und sexuell belästigt. 60 Anzeigen sind bisher bei der Polizei Köln eingegangen, darunter auch Diebstähle von Taschen, Handys und Geldbörsen. Die Ermittler gehen von weiteren Opfern aus, die sich bisher noch nicht gemeldet haben.

Auf der Hamburger Reeperbahn kam es zu ähnlichen Vorfällen: Der Polizei sind bisher sechs Fälle bekannt. Auch dort seien junge Frauen von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich angefasst und dann ausgeraubt worden.

Warum wird erst Tage später darüber berichtet?

Obwohl nach Polizeiangaben alle verfügbaren Einsatzkräfte vor Ort waren, bekamen die Beamten zunächst nichts von den Übergriffen mit. Erst durch die vielen Anzeigen sei das Ausmaß der Gewalt deutlich geworden. Diese Vorfälle hätten eine "neue Qualität", sagte der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert: "Das ist im Prinzip ein organisiertes Vorgehen, was wir da festgestellt haben."

Welche Informationen gibt es über die Täter?

Augenzeugenberichten zufolge sollen die rund 1000 Männer, von denen die Attacken ausgingen, "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen, teilte die Polizei auf einer Pressekonferenz in Köln mit. Die Männer sollen zwischen 15 und 35 Jahre alt sein. Aus der Menge lösten sich offenbar immer wieder Gruppen von Männern, die Frauen umkreisten, bedrängten und ausraubten. Sie sollen stark alkoholisiert und unbeeindruckt von der Anwesenheit der Polizisten gewesen sein.

GdP-Landeschef Plickert warnte davor, nun Flüchtlinge als potenzielle Straftäter zu diffamieren. "Wenn es Flüchtlinge gibt, die ein Problem damit haben, die Freiheitsrechte anderer Menschen zu respektieren, müssen wir mit aller Härte des Gesetzes gegen sie vorgehen." Es dürfe jedoch nicht übersehen werden, "dass der Großteil der Menschen zu uns gekommen ist, weil sie in ihren Herkunftsländern ihres Lebens nicht mehr sicher sind."

Wie werden die Übergriffe bewertet?

Polizeipräsident Wolfgang Albers bezeichnete die vielfachen Übergriffe auf Frauen als "Straftaten einer völlig neuen Dimension." Er sprach von Sexualdelikten in sehr massiver Form und einer Vergewaltigung. Es sei ein "unerträglicher Zustand, dass mitten in der Stadt solche Straftaten begangen werden", sagte er am Montag.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker nannte die Vorfälle "ungeheuerlich". Es könne nicht sein, dass Besucher, die nach Köln kämen, Angst haben müssten, überfallen zu werden. "Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht", sagte die parteilose Politikerin dem Kölner Stadtanzeiger. Polizei und Bundespolizei seien "dringend gefordert." Es müssten Schritte unternommen werden, um "insbesondere Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen."

Die nordrhein-westfälische Emanzipationsministerin Barbara Steffens nannte die Übergriffe in der Silvesternacht "die Spitze eines sehr miesen Eisberges." Gewalt gegen Frauen werde in der Gesellschaft zu oft verharmlost. "Wir brauchen eine größere gesellschaftliche Verurteilung dieses männlichen Machtmissbrauchs", so die Ministerin.

Ähnlich wie Bundesjustizminister Heiko Maas äußerte sich Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig: "Frauen sind kein Freiwild. Übergriffe auf Frauen - welcher Art auch immer - nehmen wir nicht hin." Die Vorfälle in Köln seien widerwärtig und abscheulich. "Die Täter, egal welcher Herkunft und Religion sie sind, müssen schnell ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden. Mit aller Konsequenz."

Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger fand deutliche Worte: "Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen", zitiert der "Kölner Express" den Minister. Deshalb sei es notwendig, dass die Polizei konsequent ermittele und zur Abschreckung Präsenz zeige.

Normalerweise nennt die Polizei die mutmaßliche Herkunft von Verdächtigen nicht. Dass sie in diesem Fall eine Ausnahme macht, findet der GdP-Landesvorsitzende Plickert richtig. Dem MDR gegenüber sagte er: "Wir müssen sehen, wer war das. Und das darf auch nicht verschwiegen werden, weil es dann genau in die falsche Richtung geht."

Wie geht es weiter?

Oberbürgermeisterin Reker hat für den heutigen Dienstag ein Krisentreffen angesetzt. Im Fokus sollen dabei mögliche Sicherheitsmaßnahmen für den Karneval stehen. Dabei soll über eine personelle Verstärkung der Polizei sowie eine temporäre Videoüberwachung diskutiert werden.

Zudem hat die Kölner Polizei eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Die Gruppe "Neujahr" wertet unter anderem Handyvideos und Material von Überwachungskameras aus. Gesucht werden noch immer Aussagen von Opfern und Zeugen. Bereits am Sonntag nahmen Polizisten in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs fünf Männer fest, die Frauen bedrängt und Reisende bestohlen haben sollen. Ob sie auch bei den Übergriffen in der Silvesternacht dabei waren, ist noch unklar.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, betonte gegenüber Spiegel Online, wie wichtig eine schnelle Aufklärung der Taten ist: "Zum einen brauchen die Frauen Aufklärung über die Täter und gleichzeitig werden Flüchtlinge und Ausländer schnell unter Generalverdacht gestellt." Die sozialen Netzwerke sind schon jetzt voll von Hetzkommentaren. "Jeder Kriminelle muss wissen, dass er bei uns verfolgt und bei solchen schweren Straftaten auch außer Landes verwiesen werden kann. Es wäre fatal, wenn wir unser Klima gegenüber Flüchtlingen oder anderen Ausländern durch solche Straftäter vergiften ließen", so Özoguz.

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nw
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