VG-Wort Pixel

Neues Schulmodell im Test 4 Tage Schule, 1 Tag "Praktikum": Lehrermangel oder innovative Idee?

4 Tage Schule, 1 Tag "Praktikum": Lehrermangel oder innovative Idee?
© dglimages / Adobe Stock
Sachsen-Anhalt testet ein neues Schulmodell: "4 plus 1". Kinder und Jugendliche haben nur noch an vier Tagen regulären Unterricht. Der fünfte soll ein praktischer Tag sein – doch was genau steckt dahinter?

In einem Papier des Bildungsministeriums und Landesschulamtes wird das "4 plus 1"-Modell als Reformkonzept gehandelt, so der "Spiegel". Es sollten "Freiräume in der konzeptionellen Unterrichtsplanung und Unterrichtsführung“ geschaffen werden, heißt es in dem Dokument.

"4 plus 1"-Modell: Instrument gegen den Lehrkräftemangel oder innovative Idee?

Doch warum nur noch vier Tage regulärer Unterricht? Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) betont: "Das Modellprojekt versteht sich explizit nicht als Instrument gegen den Lehrkräftemangen." Recherchen des "Spiegel" ergeben allerdings, dass es zumindest zum Teil eine Notfallmaßnahme aufgrund des Lehrer:innenmangels sein könnte.

Aus mehreren Bundesländern häufen sich aktuell die Nachrichten, dass die Klassen überfüllt sind und es einfach zu wenig Lehrer:innen gäbe. Teilweise werde mittlerweile über deutlich größere Klassen nachgedacht, um den Mangel zumindest zeitweise aufzufangen. Das Problem sei nicht nur der eklatante Mangel an Lehrer:innen sondern auch, das viele Lehrpersonen ihre Arbeitszeit verkürzen wollen, das ergab das "Deutsche Schulbarometer", eine Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung.

Viele Lehrkräfte wollen ihre Arbeitszeit reduzieren

Eine von acht Lehrkräften wolle ab dem kommenden Schuljahr weniger arbeiten – die Pandemie habe sie ausgelaugt. Fast 80 Prozent der insgesamt 1.017 befragten Lehrkräfte berichten von regelmäßigen Arbeitsstunden am Wochenende. Mehr als 60 Prozent geben an, unter körperlicher und 50 Prozent unter mentaler Erschöpfung zu leiden.

Der Lehrer:innenmangel ergibt sich also aus einer Mischung aus fehlenden ausgebildeten Kräften und der Tatsache, dass viele in Teilzeit arbeiten wollen. Diese Kombination führe dazu, dass an den Sekundarschulen die Lehrer:innenversorgung nur noch bei 74 Prozent liege, so der "Spiegel".

2030 werden 80.000 Pädagog:innen in Deutschland fehlen

Der Mangel ist nicht nur ein Problem in Sachsen-Anhalt. Laut dem neuen Bildungsbericht werden im Jahr 2030 80.000 Pädagog:innen fehlen – gerade die ländlichen Gegenden sind stark betroffen. Andere Notmaßnahmen wurden bereits getroffen. Berlin verbeamtet Lehrer:innen wieder. Sachsen zahlt Referendar:innen eine Zulage von 1.000 Euro, wenn sie eine ländliche Schule wählen. Baden-Württembergs Ministerpräsident droht den Lehrkräften hingegen mit Mehrarbeit und Einschränkung der Teilzeitmöglichkeiten.

Das "4 plus 1"-Modell scheint in diesem Kontext eine verlockende Möglichkeit, um den Unterricht auf die wenigen Kräfte aufzuteilen – ohne das (Neben-) Fächer einfach wegfallen. Das Modell soll dafür sorgen, das Lernen zu verändern. Was genau an dem einen Tag ohne regulären Unterricht gemacht werden soll, ist noch unklar. Im Raum stand ein Praktikum. Das ist allerdings nicht einfach, erklärt die Schulleiterin Birgit Smirnow einer Schule in Bismark im Norden Sachsen-Anhalts. Es würden sich keine Unternehmen finden, die verlässlich einen Praxistag für die Schüler:innen anbieten könnten.

Wie der Tag genutzt werden soll ist noch nicht abschließend geklärt

Daher wurde hier der Digitaltag eingeführt. Alle zwei Wochen bleiben die Siebtklässler:innen an einem Mittwoch zu Hause, um online zu lernen. Ihnen würden die Aufgaben bereitgestellt werden und die Schüler:innen könnten individuell entscheiden, wann sie diese lösen. Die Lehrer:innen könnten jedoch immer wieder schauen, wer die Aufgaben schon bearbeitet hat.

Abschließend lässt sich nicht klären, ob das "4 plus 1"-Model jetzt gerade sehr passend für den Lehrer:innenmangel ist oder tatsächlich ein Innovationsgedanke dahinter stehe. Häufig wird gefordert, den Kindern mehr Alltagspraxis in der Schule beizubringen – von Mülltrennung über Antragswesen bis hin zur Steuererklärung. Dieser eine Tag wäre eine Möglichkeit genau das zu tun. Ob ein digitaler Tag, bei dem die Kinder auf sich gestellt sind, beziehungsweise die Eltern für die Betreuung sorgen müssen, der richtige Weg ist, bleibt diskutabel.

Verwendete Quellen: spiegel.de, sueddeutsche.de,  bosch-stiftung.de

Dieser Artikel ist zuerst auf ELTERN erschienen.

slr

Mehr zum Thema