"Anwältin des Bösen"

Ihr Mandant soll an einem der größten Verbrechen beteiligt gewesen sein - am 11. 9. 2001. Für viele ist Gül Pinar die Anwältin des Bösen.

BRIGITTE: Sie verteidigen Abdelghani Mzoudi. Warum?

GÜL PINAR: Ich übernehme keine Mandate von Sexualstraftätern und keine von Faschisten. Jetzt kann man fragen, wieso ich in diesen Fällen Grenzen ziehe. Es sind einfach meine persönlichen. Aber gerade bei Organisationsdelikten, in denen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung oder deren Unterstützung vorgeworfen wird, weiß ich aus geschichtlicher Erfahrung, mit welchen Konstrukten die Bundesanwaltschaft oft arbeitet. Genau darum geht es bei Herrn Mzoudi.

BRIGITTE: Nun ist der 11. September zumindest das größte dieses Jahrtausends.

GÜL PINAR: Ich weiß nicht, wie es mir gegangen wäre, hätte ich einen Angeklagten zu verteidigen, der eines der Attentate überlebt hat. Oder wenn ich Akten hätte, aus denen ein direkter Zusammenhang zu den Anschlägen hervorginge. Meinem Mandanten hingegen werden solche Lappalien vorgeworfen, dass diese Anklage niemals eröffnet worden wäre, ginge es um die Beihilfe zu einem, in Anführungsstrichen, "normalen" Mord.

BRIGITTE: Ihm wird aber vorgeworfen, als angeblich islamischer Fundamentalist die Anschläge mitgeplant und unterstützt zu haben. Die Aufgabe der Verteidigung ist es, parteiisch zu sein. Wie geht das in diesem Fall?

GÜL PINAR: Verteidiger müssen parteiisch sein, aber parteiisch für die Verteidigungsrechte. Ich verteidige ja nicht irgendeine Tat, sondern die Rechte des Angeklagten.

BRIGITTE: Haben Sie keine Sorge, dass Sie zur "Anwältin des Bösen" werden? Sie dürfen bereits nicht mehr in die einreisen.

GÜL PINAR: Die USA haben mir im November 2001, als ich den New-York-Marathon mitlaufen wollte, die Einreise verweigert. Das war noch bevor ich Herrn Mzoudi als Mandanten hatte. Das Landeskriminalamt Hamburg, das ich gebeten hatte, die Gründe für meine "Abschiebung" herauszubekommen, erhielt die Information, ich hätte jemanden verteidigt, der auf der amerikanischen Fahndungsliste steht, und mich dazu nicht geäußert. Aber zum ersten Punkt Ihrer Frage: Ich glaube, es herrscht grundsätzlich ein Unverständnis über die Arbeit einer Verteidigerin. Viele Leute haben Bilder aus amerikanischen Filmen im Kopf: Anwälte halten flammende Reden, überzeugen mit Beweisen, die sie selbst erforscht haben, denn in den USA bekommt die Verteidigung nicht mal Akten. Meine Arbeit beginnt im Grunde erst mit den Akten. Der Mensch, den ich verteidige, hat bestimmte Rechte, und es geht darum, dass die eingehalten werden, und zwar ganz formell. Ich mag den Satz: Die Form ist die Schwester der Freiheit. Ein Strafprozess muss so funktionieren, dass man mit den sauberen und guten Mitteln, die die Strafprozessordnung vorsieht, zu einem Ergebnis kommt. Wenn diese Mittel nicht ausreichen, dann waren die Beweise schlecht - und nicht der Angeklagte und seine Verteidigung zu gewieft.

BRIGITTE: Auch in diesem Verfahren gilt für Sie, im Zweifel für den Angeklagten?

GÜL PINAR: Mir ist es lieber, dass ein Schuldiger zu Unrecht freigesprochen wird, als umgekehrt. Denn das ist eine grausame Vorstellung. Gerade bei solch spektakulären Verfahren: Wenn hier bestimmte Verteidigungsrechte vernachlässigt werden, das wäre fatal.

BRIGITTE: Wie waren die Reaktionen auf die Mandatsübernahme?

GÜL PINAR: Eine Freundin fragte, wie ich nur jemanden verteidigen könne, der so frauenfeindlich ist und für etwas Reaktionäres einstehen würde. Es bestehen unglaubliche Vorurteile gegen islamische Gesellschaftsformen, die nicht per se alle fanatisch oder schlecht sind. Wenn das Gericht zum Beispiel fragt: "Hat er fünfmal am Tag gebetet?", muss ich mich beherrschen. Es ist nun mal die islamische Pflicht, fünfmal am Tag zu beten.

BRIGITTE: Sind Sie Muslimin?

GÜL PINAR: Nein, ich persönlich habe sehr wenig Religionsverständnis und habe mich in Vorbereitung des Verfahrens damit erst beschäftigen müssen. Ich denke aber, ich habe eine Offenheit für unterschiedliche Kulturen und ein Verständnis dafür, dass man bestimmte Verhaltensweisen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten muss und nicht gleich sein eigenes Selbstverständnis überstülpen kann.

BRIGITTE: Haben Sie das Gefühl, dass es eine Vorverurteilung gibt? Sie hätten jetzt die Gelegenheit der Medienschelte.

GÜL PINAR: Ich nutze lieber die Gelegenheit der Urteilsschelte. Denn es hat bereits ein Verfahren hier in Hamburg gegeben, gegen Herrn Motassadeq. Der ist in diesem weltweit ersten Prozess um den 11. September wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum tausendfachen Mord verurteilt worden - und das aufgrund der Aussagen zweier Zeugen. Eine davon ist die ehemalige Bibliothekarin der Uni in Harburg, die auch in unserem Verfahren geladen ist, Herrn Mzoudi aber gar nicht kennt. Der andere Zeuge, auf den das Urteil aufbaut, ist ein Zeuge vom Hörensagen. Ihm wurde nur erzählt, dass Motassadeq gesagt haben soll, "er werde auf den Gräbern tanzen". Er hat Motassadeq nicht mal gesehen, während er das gesagt haben soll. Diese beiden Zeugenaussagen haben zu 15 Jahren Höchststrafe geführt.

Interview: Tina Petersen Foto: Hauke Dressler
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