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"Auch Tschetschenen lachen und verlieben sich"


Die Tschetschenin Libkan Basajeva wurde am 10. Dezember mit dem Menschenrechtspreis der Stadt Weimar ausgezeichnet. Brigitte.de hat mit der Friedensaktivistin, die zurzeit im Exil in Hamburg lebt, gesprochen.

Brigitte.de: Frau Basajeva, seit über zehn Jahren widmen Sie Ihr Leben dem Kampf für Frieden und Menschlichkeit in Ihrer Heimat Tschetschenien. Jetzt erhalten Sie dafür den Weimarer Menschenrechtspreis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Libkan Basajeva: Dieser Preis hat für mich eine ganz große Bedeutung, da dadurch das Thema Tschetschenien den Menschen wieder in Erinnerung gerufen wird. Zwar ist die Problematik in der Welt bekannt, aber es ist nicht allen klar, was da passiert. Der Druck auf die Menschenrechtler in Tschetschenien wird von Tag zu Tag schlimmer, zumal die russische Regierung zurzeit überlegt, die Tätigkeiten der Hilfsorganisationen in Tschetschenien ganz massiv einzuschränken. Dieser Preis ist für die Aktivisten in Russland und Tschetschenien ein wichtiges Zeichen und eine Anerkennung ihrer Arbeit.

Brigitte.de: Haben Sie das Gefühl, dass sich die Welt zu wenig um den Konflikt und die Menschen in Tschetschenien kümmert?

Libkan Basajeva: Wir bekommen Hilfe von Menschenrechtsorganisationen, und die Europäische Union hat die Zustände in Tschetschenien und unsere Arbeit in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt und unterstützt. Aber so wichtig dieses Engagement ist - es ist immer noch nicht genug. Das ist auch ein Grund, warum der Krieg sich nun schon im elften Jahr befindet - die Welt nimmt zu wenig Anteil. Die Menschen in aller Welt müssen begreifen, dass nach wie vor Tschetschenen, vor allem Frauen und Kinder, unter Gewalt und Verbrechen leiden, auch wenn die russischen Politiker die Situation als friedlich darstellen. Es gibt in Tschetschenien schon mehr als 40 000 Kinder, die Invaliden sind, weil sie auf Minen getreten sind oder durch Schießereien verletzt wurden. Das ist eine ungeheuere Menge, vor allem wenn man bedenkt, dass Tschetschenien nur rund 700 000 Einwohner hat.

Brigitte.de: Wie sieht der Alltag in Tschetschenien aus? Leben die Menschen in ständiger Angst?

Libkan Basajeva: Natürlich leben die Menschen immer noch in Angst und Unterdrückung, auf der anderen Seite beobachtet man aber auch ein ganz normales Leben. Man kann sich das vielleicht mit folgendem Bild vorstellen: Wenn ein Panzer über eine Wiese fährt, ist diese zunächst zerstört. Doch schon nach ein paar Tagen richtet sich das Gras wieder auf und fängt wieder an zu wachsen. Genauso ist es mit den Menschen in Tschetschenien. Es gibt einen ungeheuren Willen zu überleben und das Land wieder aufzubauen. Auch in Tschetschenien verlieben sich die Menschen, heiraten, lachen und feiern auf der Straße - eine Tatsache, die die wenigen ausländischen Journalisten, die unser Land besuchen dürfen, immer wieder überrascht. Wenn eine schön zurechtgemachte Frau auf Stöckelschuhen durch die Ruinen in Grosny geht, empfinden sie das als paradox. Aber genau das ist der Kampf ums Leben.

Brigitte.de: Sie haben in Grosny das Frauenzentrum "Frauenwürde" gegründet. Leiden Frauen besonders unter diesem langen Krieg? Wie versuchen Sie, ihnen zu helfen?

Libkan Basajeva: Es ist wohl in allen Kriegen so, dass Frauen extrem zu leiden haben, und ich denke, in Tschetschenien ist die Situation für die Frauen besonders schlimm. So ist jede dritte Tschetschenin eine Witwe. Viel kann ich durch meine Arbeit im Frauenzentrum nicht tun – ich wünschte, ich könnte mehr erreichen. Wir haben in den letzten fünf Jahren vor allem versucht, die Frauen, deren Männer und Söhne im Krieg umgekommen, gefoltert oder verschleppt worden sind, dabei zu unterstützen, ihre Rechte einzufordern und ihre Angehörigen wieder zu finden. Die Frauen wissen ja gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Wo auch immer sie versuchen, Hilfe zu bekommen, stoßen sie auf geschlossene Türen und kalte, eiserne Gleichgültigkeit. Wir haben diese Frauen juristisch beraten, für sie Briefe geschrieben und diese an die entsprechenden Stellen geschickt, sei das an die örtliche Verwaltung oder direkt an das Sekretariat von Präsident Putin. Aber Sie müssen sich mal vorstellen, was für eine absurde Situation das ist: Die Frauen müssen sich, um ihr Recht zu bekommen, an die gleiche Macht wenden, die das ganze Leid zu verantworten hat.

Brigitte.de: Kann man an einer solchen Situation überhaupt etwas ändern?

Libkan Basajeva: Natürlich konnten wir oft nicht so viel erreichen, wie wir uns gewünscht hätten, aber ohne unser beharrliches Engagement wäre die Situation um einiges schlechter. Mit Hilfe der internationalen Organisationen ist es uns beispielsweise geglückt, mit den russischen Militärs vor Ort in Kontakt zu treten. Seitdem gibt es sehr viel weniger von jenen brutalen ‚Säuberungen’, bei denen Soldaten auf der Suche nach Rebellen oft ganze Dörfer auslöschen. Außerdem ist es uns gelungen, viele der zu Unrecht verschleppten Menschen auszumachen und zu befreien. Und jedes gerettete Menschenleben ist für uns ein unbezahlbarer Erfolg.

Brigitte.de: Im Februar 2005 hat der Europäische Gerichtshof Russland wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem Sie und fünf andere das Land verklagt hatten. Haben Sie das Gefühl, dass sich durch das Urteil etwas verändert hat?

Libkan Basajeva: Wir hoffen und glauben, dass der Europäische Gerichtshof auf Russland auch nach diesem Urteil weiterhin Druck ausüben wird, damit die brutalen Verbrechen weniger werden. Dieses Urteil ist natürlich auch eine ungeheure moralische Unterstützung für die Menschen, die sich in Tschetschenien engagieren oder engagieren wollen. Nachdem wir den Prozess gewonnen haben, haben sich über 20 weitere Tschetschenen an den Europäischen Gerichtshof gewandt. Das zeigt, dass dieses Urteil den Menschen Mut macht und ihnen Kraft gibt.

Brigitte.de: Gibt es Hoffnung für Tschetschenien? Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit Frieden einkehrt?

Libkan Basajeva: Das Problem ist, dass es sich bei diesem Krieg nicht um einen reinen Kampf gegen Terrorismus handelt, wie es von der Duma in Moskau dargestellt wird. Ursprünglich ging es darum, die Unabhängigkeit zu erreichen, doch inzwischen sind kriminelle Strukturen und Motive dazu gekommen. Auf beiden Seiten, also sowohl bei den Russen als auch bei den Tschetschenen, gibt es Leute, die auf illegale Weise Geld mit diesem Krieg verdienen, also auch gar nicht an einem Ende interessiert sind. Etwa mit Waffenhandel, Geiselnahmen, oder das Einstecken der Gelder, die für den Aufbau bestimmt sind. Um diesen kriminellen Machenschaften die Grundlage zu entziehen, muss Frieden einkehren, und der kann nur über die Politik hergestellt werden. Es muss auf beiden Seiten die Bereitschaft geben, Kompromisse einzugehen und Verträge abzuschließen. Die Richtung der Kreml-Politik muss sich ändern, die Politiker müssen aufhören, die Menschen zu belügen, und sich wirklich für den Frieden einsetzen. Erst dann gibt es eine Perspektive für unser Land. Da die Fronten aber inzwischen so verhärtet sind, ist der Dialog nur mit internationaler Unterstützung zu realisieren.

Brigitte.de: Sie leben gemeinsam mit Ihrem Mann in Hamburg. Sind Ihre Kinder und Ihre Enkel immer noch in Tschetschenien? Haben Sie Kontakt zu Ihnen?

Libkan Basajeva: Meine Situation ist sehr typisch für alle Leute, die sich für Menschenrechte einsetzen: Meine schwächste Stelle sind meine Kinder. Um mich einzuschüchtern, brauchen meine Gegner nur meine Kinder ins Gefängnis stecken oder zu verschleppen. Auch wenn mein Leben sehr risikoreich ist, hatte ich nicht das Recht, meine Kinder in Gefahr zu bringen. Daher haben wir uns entschlossen, dass unsere Kinder Tschetschenien verlassen müssen. Sie leben zum Teil auch in Deutschland und fühlen sich sehr wohl hier.

Brigitte.de: Wie lange werden Sie noch in Deutschland bleiben?

Libkan Basajeva: Durch Spenden konnte die Stiftung für politisch Verfolgte meinen Aufenthalt hier um ein weiteres Jahr verlängern. Was danach geschieht, weiß ich noch nicht genau. Aber ich würde gerne wieder in meine Heimat zurückkehren und dort meine Arbeit weiterführen.

Brigitte.de: Ist es dort denn nicht immer noch zu gefährlich für Sie?

Libkan Basajeva: Die Tatsache, dass mich die Hamburger Stiftung als Gast aufgenommen hat, ist ein großer Schutz für mich. Ich habe international schon zu viel Aufsehen erregt, als dass man wagen würde, mir etwas anzutun. Darum werde ich auch die Weihnachtstage in Grosny verbringen. Heute kaufe ich mir das Ticket. Ich freue mich sehr darauf.

Libkan Basajeva - ein Leben für den Frieden

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Libkan Basajeva, 60, kämpft seit über zehn Jahren gegen den Krieg in Tschetschenien und die Leiden der zivilen Bevölkerung. Als Vorsitzende der Menschrechtsorganisation "Memorial" und Gründerin des Zentrums "Frauenwürde" in Grosny initiierte die Literaturdozentin Friedensmärsche, dokumentierte Kriegsverbrechen russischer Truppen, gründete Kooperativen zur Versorgung von Kriegswitwen und engagierte sich für Frauen, die Opfer von Gewalttaten durch russische Soldaten wurden.

Gemeinsam mit fünf weiteren Aktivisten und Opfern verklagte Basajeva Russland wegen schwerwiegender Verletzung der Menschenrechte vorm Europäischen Gerichtshof. So hatten russische Truppen im zweiten Tschetschenienkrieg vor sechs Jahren eine Flüchtlingskolonne beschossen. Zahlreiche Zivilisten kamen ums Leben, darunter auch Familienangehörige von Basajeva, sie selbst überlebte verletzt. Im Februar 2005 gaben die Richter in Straßburg den Klägern Recht und verurteilten Russland zu einer Geldstrafe von 136.000 Euro. Eine Mitstreiterin Basajevas wurde während der Prozessdauer ermordet.

Auch Basajeva, Mutter von vier Kindern, muss in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten. Schon zwei Mal brachen maskierte Bewaffnete in ihr Haus in Grosny ein; nur der Zufall wollte es, dass Basajeva nicht anwesend war. Seit 2004 sind die Friedensaktivistin und ihr Mann Gäste der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte", die sie aufgrund der akuten Gefahr einlud und ihnen eine Wohnung in Hamburg stellte. Auch von Deutschland aus bemüht sie sich weiter um Frieden, indem sie versucht, die Welt durch zahlreiche Vorträge, Gespräche und Konferenzen über die Situation in Tschetschenien aufzuklären.

Der Tschetschenien-Konflikt

"Auch Tschetschenen lachen und verlieben sich"
© Musa Sadulaev

Seit 1991 kämpfen tschetschenische Separatisten und Truppen aus Russland nahezu ununterbrochen um die Vorherrschaft in der Kaukasusrepublik. Beide Seiten müssen sich von internationalen Beobachtern immer wieder den Vorwurf schwerer Menschenrechtsverletzungen gefallen lassen.

Das Drama beginnt, als tschetschenische Nationalisten nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Chance wittern und ihren lang gehegten Wunsch nach Unabhängigkeit wieder aktiv verfolgen. Im Oktober 1991 entmachten die Rebellen den Obersten Sowjet und wählen General Dudajew zum Präsidenten. Russland erkennt die Unabhängigkeit nicht an. Wegen des unklaren Grenzverlaufs zwischen Inguschetien und Nordossetien kommt es zwischen 1992 und 1994 immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen. Als russische Truppen intervenieren, ruft Dudajew den Ausnahmezustand aus und es kommt zum ersten Tschetschenienkrieg, der zwei Jahre dauert. 1996 vereinbaren die Rebellen mit Moskau, dass Tschetscheniens schrittweise aus der Russischen Föderation. Wie genau diese Unabhängigkeit erzielt werden soll, bleibt jedoch unklar. 1997 wählen die Tschetschenen den Unabhängigkeitskämpfer Aslan Maschadow zum Präsidenten.

Nach einer relativ ruhigen Phase kommt es im Juli 1999 wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen: Tschetschenische Islamisten überfallen die Nachbarrepublik Dagestan und verkünden die Errichtung eines unabhängigen Gottesstaats. Im Herbst 1999 sterben bei Bombenanschlagen in Moskau und anderen russischen Städten fast 300 Menschen. Der russische Präsident Boris Jelzin schickt daraufhin erneut Truppen in das Land und erkennt Maschadow nicht länger als tschetschenischen Präsidenten an. Während dieses zweiten Tschetschenienkrieges übernimmt Wladimir Putin die Macht in Moskau. Anfang 2000 verkündet er den Sieg der russischen Truppen und erklärt Tschetschenien zu einer "Teilrepublik", die von der russischen Regierung verwaltet wird.

Doch die Rebellen kämpfen im Untergrund weiter und terrorisieren mit Anschlägen und Geiselnahmen die Zivilbevölkerung. Entsetzen löste vor allem die Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater (2002) und die Besetzung einer Schule in Beslan (2004) aus. Bei den brutalen Befreiungsaktionen durch russische Truppen starben Hunderte von Menschen, darunter viele Kinder. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt. Im Mai 2004 kommt der tschetschenische Präsident Achmed Kadyrow bei einem Attentat ums Leben. Rebellenführer Schamil Bassajew bekennt sich später zu dem Anschlag.

Am 27. November 2005 haben die Tschetschenen erstmals seit acht Jahren wieder ein Parlament gewählt. Wahlsieger ist mit 62% der Stimmen die Partei "Geeintes Russland" des amtierenden Präsidenten Alu Alchanow. Die Wahlbeteiligung lag angeblich bei 60 Prozent. Menschrechtler und Wahlbeobachter halten die Wahl und das Ergebnis jedoch für eine Farce. Die Wahlbeteiligung sei sehr viel niedriger gewesen, womöglich habe sie nicht einmal die erforderlichen 25% erreicht. Vize-Premier Ramsan Kadyrow, Sohn des ermordeten Ex-Präsidenten und ein vertrauter Putins, wird zudem vorgeworfen, Druck auf anti-russische Parteien und Kandidaten ausgeübt und sie so aus dem Rennen geworfen zu haben.

Durch Tod und Vertreibung hat sich Einwohnerzahl Tschetscheniens im vergangenen Jahrzehnt von einer Million auf 600.000 reduziert.

Michèle Rothenberg

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